Ausgabe 
17.3.1913
 
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Bequemeres, als mit einer überlegenen Handbewegung jede neue Fragestellung abzulehnen. Wer wohl auch nichts Törichteres.

Daher ist in diesen Tagen wohl feinem1, der Anteil an dem Geistesleben der Gegenwart haben möchte, die Frage erspart ge- blieben, was geht in unserer Kunstwelt, vor, was wollen jene vielen, die als Maler oder Literaten Tag um' Tag von einerNeuen Kunst" reden?

Der Impressionismus, von dem diese Entwicklung sich ablöst, klanimerte sich mit allen Sinnen an die äußere Erscheinung der! Dinge. Aus ihm spricht die Ueberzcugung, daß, jedes -Ting, wie es dasteht, eine Dokumentation des Weltengeistes sei, der alles gut iunt> vernünftig an feinen Platz, gestellt habe. Was unser Auge sieht, ist Teil eines Allunendlichen, ist Ausschnitt aus der einen einzigen Natur. Der Landschafter riintint ein beliebiges Stück von dem, iwas er vor sich sieht, Malt es wirklichkeitsgetreu nach und glaubt in dem Ausschnitt das Ganze, die Schönheit des Ganzen zu haben. Es gibt, um einen berühmt gewordenen Vergleich zu gebrauchen, keinen Unterschied zwischen einem gemalten Spargelbündel und einer Madonna. Alles durchschwingt die gleiche Gesetzlichkeit: den Schweinekober ebenso wie das von blitzenden Truppen besetzte Paradefeld. Alles wird in der gleichen Weise nMflutet von Luft iunb Licht. Nach demselben Gesetz werfen alle Körper das Licht zurück, srnd sie alle Träger der Farbe. Monet Malt ein Stück Hafen. Es ist das Licht, das Schiffe, und Wellen, Kais und Menschen zu einer koloristischen Einheit verknüpft. Trübner .malt einen Soldaten. Der bunte Waffenrock, blitzende Knöpfe, Epauletten, Orden, Waffen, das Fell des Reittieres, das Laub, der den Hintergrund ausMachenden Bäume fließt zusammen zu einer koloristischen Harmonie. Das Sinnliche der Erscheinung strahlt in schillernder Farbigkeit. Ein Eindruck ist in kostbarer Frische festgehalten.Das ist es gerade, was Man noch immer Nicht versteht, nämlich, daß man keine Landschaft, kein Seestück, keine Figur malt, sondern daß man den Eindruck einer bestimmten Stunde des Tages in einer Landschaft, auf einer Marine oder auf einer Menschlichen Figur wiedergibt." ((Manet.) Aber es entsteht die Frage, ob dieser einmalige Eindruck das Letzte und Höchste ist, ob der Soldat denn nur solch bunten Farbfleck in der Natur ab­gibt. Ist seine Wesenheit wirklich erschöpft mit der schillernden Außenseite? Und bleibt es sich so ganz gleich, ob da vor dem Grün der/Zweige ein Postillion oder ein Dragoneroffizier steht? Das scheint doch nicht ganz der Fall zu sein. In dem Soldaten sehen ivir, wenn wir nicht gerade Backfische sind, außer der Uniform noch etwas anderes: nämlich den Vaterlandsverteidiger. Tapfer­keit, Heldenmut, patriotische Opferbereitschaft erscheinen uns in ihm verkörpert. Vielleicht nicht in dem Musketier Müller, der weidlich froh ist, Kenn er seine Griffe geklopft hat. Aber jene Tugenden sind für uns mit dem Begriff des Soldaten verknüpft, dieser Begriff schwebt uns vor, wenn wir von dem! Soldaten schlechthin reden, und wer wollte es wohl dem Maler verdenken, wenn er dieser höheren Vorstellung Gestalt verleihen möchte. Das aber ist eines der Ziele, die sich die neue Malerei gesteckt hat. Sie will nicht mehr sich auf den zufälligen optischen Eindruck be­schränken, sondern mit starkem Wsdruck das ganze Wesen einer solchen Erscheinung bloßlegen. Wenn Hodler zuM Beispiel in seinem Jenaer llniversitätsbild den Aufbruch der Studenten in die Freiheitskriege schildert, dann komMt es ihm nicht darauf an, wie der Studiosus S oder D bei der Gelegenheit ausgesehen ober si Wenommen haben mag, vielmehr wollte er bie patriotische Begeisterung, bie Hingabe an das unterjochte Vaterland, Kampfes- Mut. und Siegeszuversicht, bie damals die Studentenschaft auf das Schlachtfeld trieben, in Machtvollem Pathos flammen lassen. Er 'schreibt den Rhythmus hin, der jene Menschen durchwallte, und wir spüren den Geist der großen Zeit wieder auferstehen. Wenn ein Matisse die Musik darstellt, dann Malt er nicht eine Sängerin ab, auch nicht einen Konzertsaal Mit einer von den Klängen -ergriffenen Zuhörerschar, auch nicht, wie es Böcklin oder -Klinger getan hätten, eine Jdealgestalt mit einer Harfe oder sonst Pin em Instrument, sondern er ordnet wie Noten auf einem Noten­platt fünf von einem inneren Rhythmus beherrschte Menschen, die wie ein AKord in Farben nebeneinander auf der Fläche stehen. Wenn Barlach die Mutter schnitzt, so ist es nicht irgend eine Frau, die ein Kind bekommen hat, sondern die Mutter, das Weib, das durch die Geburt eines neuen Menschen seine NaturbestimMnng erfüllt hat.

Diese Absicht, deut Wesen der Erscheinung Ausdruck zu geben, ist keineswegs neu. Die Renaissance hat das versucht, indem' sie zur 'Allegorie griff. Die Raffaelsche Sixtina ist solch ein Sinn­bild der Mütterlichkeit. Das Barock stattete die Figur, nM sie be­deutender zu machen, mit Emblemen aus. Tie Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, deren Abkömmlinge die Werner, Röch- lmg usw. mit ihren Schlachtenbilderu sind, halfen sich mit der 'n^wote. Tas sind nur die äußeren Merkmale, zu denen noch tut Gestaltungsgesrh hiuzukoMmt, die Komposition nämlich. Was dte KoUtpofition für die ältere Malerei bedeutete: diö Gesetzlichkeit innerhalb.des MldrähMens, eine Gesetzlichkeit, die sich nicht scheute, der Blldeinheit zuliebe die Wirklichkeit uMzumodelu, will die neue, bte expressionistische Malerei auch aber auf ihre Weise. Aller­dings ohne Allegorie, ohne Anekdote, sondern ganz allein durch den inneren RhythMüs, durch Darstellung des Wesens'gesetzes.

Es ist klar, daß ein Geschlecht, daß die koloristischen Erk'ennt- ntsse des Impressionismus vorgefunden hat, hierbei in der Farbe

ein wesentliches Ausdrucksmittel finden muß. Eozän n e hat lediglich mit Farbflecken eine ganze Welt aumebant. Die Farbe ist da nicht mehr nur Mittel, um den Gegenstand zu verdeutlichen, sie wird, wie es vordem! die Linie und die Komposition waren, zn einer Kraft. Der Künstler benutzt sie nun nicht mehr, um die bringe, die er darstellen will, gegeneinander abzuheben. Er sieht in ihr, um eine Formulierung van de Veldes zu gebrauchen, nicht mehr nur eine Eigenschaft vorhandener Stoffe. Sie umhüllt nicht wie ein Kleid den Gegenstand, sondern wird- selbst! .ju, einem Mate­rtal, aus dem der Künstler seine Gestaltung aufbaut. , Wenn ein

e ch ft e i n den Herbst Malt, dann schildert er nicht Erntewagen, gefüllte Scheunen, Weinlesen und derlei Vorwürfe, sondern sucht lediglich durch die Zusammenstellung der Farben die herbstliche Stimmung hervorzubringen. Ta gibt es von ihm zum Beispiel ein Damenbildnis: ein gelblich-grüner Mantel mit roten Aufschlägen, dazu ein Blau, dazu das Fell einer Katze.. Der Zusamtnentlang dieser Farben ist so, daß Man unwillkürlich etwas! verspürt vom herbstlichen Vergehen, vorn' Welken und Müdewerden der Natur. Theoretisch ist es ohne weiteres verständlich, daß der Maler, der da glaubt, sich und fein Empfinden lediglich durch Farbwerte ganz, zum Ausdruck bringen zu können, auf das Gegenständliche der Darstellung Mehr und mehr verzichtet. Es ist die -Lehre von der reinen", derabsoluten" Malerei, deren letzte Konsequenz die Buntpapiere des Kandinsky sind. Dieser Kandinsky und die Leute Um ihn herum hüben auf alle Darstellung verzichtet, setzen nur Narbenflecke nebeneinander UM damit schließlich dem erkenntnis- theoretischen JrrtuM zu erliegen, sich ohne Ausdruck ausdrücken zu tvolleu. K

Genau das Gegenteil wollen die Theoretiker des Kubismus. Auch sie wollen hinaus Ü6'er die zufällige Außenseite der Er­scheinung. Auch sie erklären, auf der Suche (nach bem1 Wesen aller Dinge zu sein. Hinter allem-, was wir sehen, fühlen und denken', steht eine höhere Ordnung. Ein Wesensgesetz, das wie eine Mathematische Formel alle in der Wirklichkeit vorhandenen Größen umfaßt. Wie Man ja wohl sagen kann, -daß-wir zwar das Gesicht eines Menschen, aber doch niemals seine so viel »wesentlichere- Seele sehen können, so begründen ein Picasso oder Derai n ihre Kuben, Drei- unb Vierecke mit bem Anspruch, in derlei niathe- Matischen Gleichnissen die Wesenheit der Dinge enthüllt zu haben. Vorab schmeckt diese Theorie, so hübsch sie auch klingen mag, doch noch recht stark nach spitzfindiger Sophistik. Wenn Man sich auch frei fühlt von der törichten Einbildung, daß ganz neuartige Aus- drucksMöglichkeiten undenkbar wären, so will doch bie hübscheste Theorie nichts besagen. Nicht die Erläuterungen, die zu einem! Bildwerk gegeben werden können, geben ihm Wert, sondern ganz allein die Macht des Ausdrucks, die selbst den Widerstrebend« zwingt, die den Menschen tief im Innersten bei seinem Menschen­tum zu packen weiß. Ob es! unter den jungen" solch begnadete Könner geben wird? Es wäre anmaßend, den Propheten zu spielen. Wer toarnm sollte die Frage denn zu verneinen fein?

Die deutsche Tracht von RS.

Eine große Zeit findet ihren Spiegel auch in der Mode. So haben beim die Freiheitskriege der Tracht allmählich! einen ganz eigenartigen Charakter verliehen, der bem! äußeren Bilde dieser! uns heute wieder so nahegerückten Periode ihren stimmungsvollen Stempel aufprägte. Zunächst machte sich der Geist der Er­hebung in Kleinigkeiten bemerkbar, bis er langsam zu einer völligen Reformierung der nationalen Tracht vordrang. 'Die Frauen, bie am Kriege so lebhaften Anteil nahmen, liehen ben patriotischen Bildern, die vor ihrer Seele schwebten, einen be­scheidenen ersten Ausdruck in ihren Handarbeiten. Da sah man dasEiserne Kreuz" in Häkelarbeit an allen passenden Stellen des Kostüms; auf Arbeitsbcuteln und Börsen- erschienen Kosaken, Jäger und Landwehrmänner, bald reitend, bald fntenb, bald mit der Pike zur Schlacht stürmend-.

IM Schmuck gaben die deutschen 'FrauenGold für-,Eisen";, es entstand eine schlichte und doch eigenartige Zierkunst aus Eise n, bie besonbers durch ben Berliner Medailleur L oos in glücklicher Weise ausgebildet wurde. Hals- und- Uhrketten waren aus schlanken eisernen Ringen zusammengesetzt und daran hingen eiserne Medaillons unb kleine Sieg'es uzen. Diese Münzen, bie sehr beliebt waren unb auch zu Busennadeln und Ohrgehängen verwendet wurden, ließen auf der Vorderseite zumeist die geflügelte Siegesgöttin mit Schwert und Lorbeer sehen mit der Umschrift:Gott segne die verbündeten Heere"; ans der Rückseite finben sich dann häufig Darstellungen einer Schlacht, eines bestimmten Sieges, der in der Schrift angegeben ist, wie z. B.:Bei Großbeeren durch ben Kronprinzen von Schweden den 22. Und 23. April 1813" oberAucher Katzbach durch Blücher den 26. August 1813",Bei Leipzig in der Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813". Viel getragen wurden Ohrgehänge in Gestalt von eisernen Ringen, die- aus zwei gekreuzten, von einem Lorbeerkranz umgebenen Schwertern und einer passenden Inschrift bestanden.

Bald bemächtigte sich der kriegerische Zeitgeist nicht nur des. Schmuckes', sondern auch der ganzen Tracht. Der erste Vorllang dieser neuen Mode war die russische Kleidung, bervör- gerufen durch den enthusiastischen Empfang, den man Kosaken