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„Moreth heiße ich, wie mein Gut! Ein treues Weck wird mir zur Seite stehen — nun fürcht' ich nichts' mehr auf! der Welt!"
Am Nachmittag kam Eva. Man besprach die Zukunft und traf die nötigen Entschlüsse. Hans-Wilhelm sollte morgen in die Garnison fahren, feine Ueberführung zu den Offizieren der Referve des' Regiments beantragen und von nun an Moreth selbst bewirtschaften. —
Als Eva am Abend davon ihrem Vater davon Mitteilung macht, entgegnete er nur:
„Ich werde der Zukunft mit offenen Augen, aber sehr skeptisch entgegensehen."
Graf Beerenburg war der nachgebörene Sohn einer sehr begüterten kurländischen Familie. Der Glanz des jungen Reiches, die Unterdrückung, der gerade damals die Balten ausgesetzt waren, ließen die jungen Leute in Scharen in Deutschland Dienste suchen. Die Oettlingen, Keller, Vor- fcmtof, Stryck und viele andere kehrten ihrer Heimat den Rücken.
Graf Beerenbürg wurde mit offenen Armen tm Regiment aufgenommen; er war fast gleichaltrig mit Moreth, beide schlossen schnell Freundschaft. Oft waren sie freilich aneinandergeraten, aber der Graf war der ruhigere, klügere; da hatte am Ende noch jedesmal Moreth wieder um gut Wetter gebeten. Sie blieben Freunde, obgleich fast fein Monat verging, ohne ein Gewitter zu bringen.
Dann hatte Beerenburg sich aus seiner Hein»at ein Weib geholt, wie viele gemütliche Abende hatte Moreth nicht in diesem Heim verlebt! Da war wohl hin und- wieder der Gedanke in ihm ausgetaucht: tue desgleichen; aber bei der nächsten besten Gelegenheit kam wieder sein bodenloser Leichtsinn über ihn. Zum Heiraten hatte er noch lange Zeit.
Spät am Abend war's, Beerenburg saß mit seinem Weibe gemütlich plaudernd in seinem Arbeitszimmer, die Heiden Kinder waren schon zu Bett, da klingelte es.
„Nanu, Grete, was mag denn da los sein?"
Der Diener ging hinab, um die Haustür zu öffnen.
-„Die Herrschaften sind wohl noch auf? Ich sehe Licht."
„Moreth!" ruft die Gräfin.
Beerenburg fährt auf.
Da hat es wieder einmal ein Unglück gegeben! Ein Kreuz ist's mit dem großen Kinde!"
Gr stürmt hinaus in den Korridor,
■' „Tag, Fritze!"
„Komm' rein!"
Er schiebt ihn in das Arbeitszimmer, nicht einmal Zeit zum Ablegen hat Moreth.
„Guten Abend, gnädigste Gräfin! Wohl und munter?"
Und Hans'-Wilhelm lacht über sein ganzes hübsches Gesicht.
„Run sag' mir bloß, was machst du eigentlich für Dummheiten?"
Ruhig zieht Hans-Wilhelm die Handschuhe aus und hält die linke Hand seinem Freunde vor die Nase. —| „Du Ring an meinem Finger, Du güld'nes Ringelein!"
singt er. 1
„Bist du wahrhaftig vernünftig geivorden?"
„Und ob mein treuer Fritze? Sie ist mein, die schöne Eva Relendorff!"
Herzlich gratuliert man ihm'.
„Aber nun ernst gesprochen, Herrschaften! Die letzten Tage habe ich mich gründlich titriert; ich hänge den Pallasch M den Nagel und werde Krautjunker!"
Beerenburg legt ihm die Hand auf die Schulter und sieht ihn fest an.
„Du kettest eine gläubige Seele an dich, Hans-Wilhelm!"
„Bei diesem Ringe, den mjeiit Vater getragen bei, seinem! Todesritte, schwöre ich: Von nun an gilt mir nur noch meines Weibes Glück!"
Gar feierlich hat er's gesagt.
Da schließt ihn der gute Fritz in seine Arme.
Der Diener kam den Abend sehr spät zu Bett; er mußte Sekt holen, immer wieder hieß es: „Bloh noch eine Flasche!"
Am nächsten Mittag ließ er sich bei seinem Kommau- beitr melden; den hatte Beerenbürg! bereits vorbereitet.
„Na, Hans-Wilhelm, da gratulier' ich schön! Das war
wahrhaftig das Klügste, was sie tun konnten. Aber nun die Ohren steif gehalten mein Junge!"
„Herr Oberst, keine Sorge!"
„Wenn das Ihr guter Vater erlebt hätte!"
Da werden die beiden Männer ernst.
„Mittag wollen Sie gewiß mit Ihren Freunden int Kasino verbringen; aber heute abend essen Sie bitte 6eil uns, und wenn Sie mich zu Ihrer Hochzeit einladen, werde ich kommen, von Herzen gern." —
„Darum wollte ich gehorsamst bitten, Herr Oberst, auch meine Mutter hofft —"
:„Jch habe sie lange nicht gesehen. Die Zeit gleicht manchen Schaden aus, ich freu mich auf ein Wiedersehen.^
In wenigen Tagen hatte Hans-Wilhelm seine Angelegenheiten geordnet.
Das Offizierskorps nahm bei feinem Liebesmahle offiziell Abschied von ihm. Der Oberst hielt eine Rede, er sagte dem Scheidenden sehr eindringlich, was der Name Moreth für das Regiment bedeutet und wünschte ihUt Glück für alle Zukunft.
Zehntes Kapitel.
Der erste große Herbstmarkt wurde in der Kreisstadt abgehalten; er war gründlich verregnet. Jochem von Tüsse- dau und Ackrecht von Püschkow waren die ersten, die sich in dem für die Großgrundbesitzer der Umgegend reservierten! Hinterzimmer des Hotels zum Schwarzen Adler eingefunden.
Jochem ist ein Junggeselle, Ende der Dreißiger, Püschkow, zehn Jahre älter, hat vor längerer Zeit seine Frau verloren; seine beiden Jungen sind im Kadettenkorps. Er wird allgemein „Pichelkow" genannt, denn er „pichelt" einen gehörigen Stiefel zusammen, das sieht man auch seiner dicken, roten Nase an. Er streicht seinen langen, blonden Vollbart zur Seite und zwinkert seinem Freunde vergnügt mit den hellblauen Augen zu.
„Na, Jochem, die Schweinepreise ziehen endlich 'mal an, der Hafer steigt auch. Wie wär's mit ’n er Flaschö anständigem Rotspohn!"
Der Wirt, Herr Braun, steht schon bereit.
„Meine Herren, Pflüg aus Lübeck hat mir wunder-i vollen Morgeaux geschickt."
„Da bringen Sie in Gottes Namen zwei Bütteln," meinte Jochem Düsedau.
„Der gute Hans-Wilhelm hat heute aus dem Markt sein Debüt gegeben. Wenn er kommt, muß, er sich mit ’nem anständigen Troppen einkaufen."
Jochem streicht sich seinen dunklen Schnurrbart zur Seite und fährt dann schnell mit der rechten Hand über den kahlen Schädel, den sich die Fliegen zum Tummelplatz ans- ersehen haben.
«„Ich glaube, mit dem wird in der nächsten Zeit nicht viel anzufangen sein."
„Meinst DU?" Ich denke, lange wird's nicht dauern, kriegt er das Zuhausehvcken gründlich satt."
„Lieber Pichekow, der nimmt vorläufig 'nen grund-- soliden Anlauf."
„Unter uns, der alte Relendorff ist ein Schaf! Tie Eva turnt ihm doch nun einmal auf der Nase 'rum. Statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, geht er Hans- Wilhelm ans dem Wege, soweit er kann. --- Hast Du's nicht vorhin bemerkt?"
!„Jch sehe die beiden noch lange nicht als Manu und Frau."
„Oho, sie werden noch im Laufe dieser Woche aufgeboten."
„Und der Relendorff?"
„Beißt in den sauren Apfel."
„Verwünscht eilig haben's die beiden auf einmal." —z „Na er hat die Eva. gerade lange genug wart«: lassen l" Andere Gäste kamen, das Gespräch über Hans-Wilhelnt wurde abgebrochen, man unterhielt sich über Preise, Leutes not und Politik- (Fortsetzung folgt.)
Stürmer und Dränger in -er modernen Kauft.
Neüe Probleme der Malerei.
Bon Paul W e st h e i ml (Berlin).
Von Hans ThoMa stammt das Wort, daß es für die künstlerische Entwicklung keine schliutmeren Feinde gebe als biejemgen, die nicht verstehen könnten, daß sie etwas nicht verstehen. Sich mit einem neuen Problem auseiuanderzufetzen, geht ja niemals ohne geistige Anstrengung ab. Es gibt wahrlich nichts Leichteres und


