Ausgabe 
17.2.1913
 
Einzelbild herunterladen

106

Von niemand Abschied genommen als von Maris ka, sie wollte auch nichts mehr sehen von dem Ort, der ihr so grausame Enttäuschungen gebracht hatte und den sie nun für immer verließ.

*

Diesmal hatte Meta ibre Ankünft durch- eine Depesche Lena angezeigt und Lorinser erwartete sic mit einem Wagen am Bahnhof'

Sie brauchte nur einen Blick aus sein verweintes, förm­lich verfallenes Gesicht zu werfen, um alles zu wissen.

Sie war zu spät gekommen.

Heute nacht eine Stunde, ehe das Telegramm von der gnädigen Frau kam ist sie eingeschlafen!" schluchzte der treue'Alte.

Meta konnte nicht weinen. Eine dumpfe Verzweiflung senkte sich auf sie nieder. Mechanisch fuhr sie durch den leuchtenden Sommermovgen hin, der die Welt mit einem Festgewand überzog. Es war Sonntag. Die Stadtbewoh­ner schliefen zum größten Teil noch, aber zum Kirchgang geputzte Bauersleute wanderten auf allen Wegen der Stadt zu.

Leben und Freude schien alles ringsum zu durch­glühen. Fast auf jedem Gesicht lag ein stilles Lächeln.

Meta dachte Bitter daran, daß sie zu einer Toten fuhr Und daß sie von nun an ganz allein auf der Welt sei.

Welch schreckliche Tiefe doch in dem WorteTod" lag! Wie ein tiefer, tiefer Schacht, schwarz, endlos, grauenhaft Und gespenstig in seiner Unbegreiflichkeit, tat es sich plötz- lick auf vor einem Menschen, verschlang sein Liebstes oder Letztes und schloß sich dann ein ewiges Rätsel.

Sicher war nur, daß er da war. Woher? Wohin? Niemand wußte es.

Und doch war er auch Frieden. Tiefster Schrecken und höchster Frieden welch seltsamer Kontrast!

Der Wagen hielt vor der VillaPax".

Lena kain, Frau Lott, die Köchin und das Hausmädchen. Alls sahen übernächtig und verweint aus. Alle sprachen leise und gingen nur auf den Fußspitzen, als fürchteten sie, die Tote aufzuwecken.

Konradchen schlief noch. Er allein wußte nicht, welch schrecklicher Gast heute Nacht einaekehrt war und vielleicht würde er überhaupt nie fähig sein, diese tiefste aller Tra-- giken des Lebens zu begreifen.

In dieser Stunde war Meta geneigt, es für ein Glück anzusehen, daß ihr Kind nicht w-ar wie andere Kinder. Je weniger entwicklungsfähig sein Geist war, desto weniger fähig war er auch, Schmerz zu empfinden.

Selig sind die Armen im Geiste.

Dann trat sie in das Sterbezimmcr.

Man hatte natürlich noch gar nichts für die- -Auf­bahrung vorbereitet. Um: 8 Uhr sollten die dazu bestellten Leute erst kommen.

, Meta war es lieb, daß sie so von Frau Bettina Ab­schied nehmen konnte. Sie haßte Katafalke, schwarz aus- geschlagene Zimmer und den flackernden Schein von Kan­delabern um eine Leiche. Es steigerte das Düstere zum Grauenhaften und nahm ihm die Weihe.

Frau Bettina lag friedlich da, als schlafe sie. Wie immer hatten auch im Tode ihre-ge etwas Feierliches, Großes erhalten, das ihnen im Leben fehlte. Eine un­sichtbare Hand hatte Linien fortaxwisch-t und andere ein» gezeichnet.

Die Lott hatte weiße Rosen auf die Bettdecke gestreut. Durch die geöffneten Fenster schien die Morgensonne und in den Kastanien draußen zwitscherten junge Vögel.

Meta war niedergekniet und preßte ihre Stirn an irte Hand der Toten. So blieb sie regungslos und die Zeit verstrich, ohne daß sie es wußte.

, Auf einmal stand Konradchen hinter ihr und schmiegte ieiu blondes Köpfchen an Metas Hals.

^Schläft sie, dw Großmama?" fragte er sie leise ins Ohr.

A'et« ..fuhr herum und schloß das Kind in die Arme. Ja/ flüsterte sw ebenso leise,sie schläft".

Warum hat sie Blumen aus der Decke? Wirst du Mir auch Blumen geben, wenn ich schlafe?"

Meta erbebte. Sie drückte das Kind fester an sich, als M)kle sie es für ewig davor bewahren, zu schlafen wie die alte Frau da. Dann erhob sie sich-.

Komm," sagte sie, ohne Konradch-ens Frage zu be- qimvorten,du sollst nicht schlafen, sondern wachen, immer

immer mir zum Trost; denn du bist ja mein und alles."

Ganz leise auf den Fußspitzen verließen sie beide Hand in Hand Frau Bettinas sonstiges Gemach, in welches bald darauf schwarze Männer mit lauten Fußtritten traten, um den Tag darin in Nacht zu verwandeln.

Jan Laufe des Vormittags kam Burger und übergab Meta ihren Brief, den er einstweilen in Verwahrung ge­habt hatte.

Er war uneröffnet. Meta verbrannte ihn sogleich. Es schien ihr ein Wink des Schicksals, daß er nicht mehr gelesen worden war. So hatte die arme alte Frau den furchtbaren Eindruck nicht mehr mit hinüber nehmen können tn die Ewigkeit.

Und nun sollte auch niemand aus ihrem Münde die Niedertracht ihres zweiten Gatten vernehmen. Sie wollte schweigen aus Achtung vor sich selbst und aus Achtung vor dem Namen, den sie -getragen, ehe sie Mvntelli die Hand gereicht.

Das hatte sie der Toten unten stillschweigend gelobt.

Es war bestimmt, daß Meta beim Begräbnis mit Burger in einem Wagen fahren sollte. Der alte Herr war sehr gebeugt durch den Tod seiner langjährigen Freundin, und da keinerlei Verwandte mehr da waren, schien es das Natürlichste, daß die beiden, welche Frau Bettina am näch­sten gestanden waren, als erste hinter dem Sarge gingen.

Aber im letzten Augenblick geschah etwas Unerwartetes, welches dieses Arrangement änderte.

Zu gleicher Zeit mit dem Pfarrer, der die Einsegnung vornehmen sollte, erschien ein schwarzgekleideter Herr mit breitem Trauerflor um den Hut, schritt selbstbewußt durch die Platz schaffende Menge und trat an Metas Seite.

Es war Montelli.

Ihre ganze, von Trauerfloren dicht umflossene Gestalt schien sich für einen Moment auszubäumen bei seinem An­blick. Sie öffnete den Mund, um ihn ohne Rücksicht aus die Umstehenden wegzuweisen von diesem Sarge, an dem zu stehen er kein Recht hatte, aber da ertönte schon die Stimme des Geistlichen, welcher die Stcrbegebete begann.

Montellis schwarze Augen drangen mit beschwörendem Ausdruck durch Metas Schleier. Er zog ihren Arm in den seinen und hielt ihre Hand dort fest.

In dieser Stunde gehöre ich zu dir!" flüsterte er ihr leise, aber bestimmt ins Ohr.Es ist mein alleiniges Recht, deinen Schmerz, zu teilen und dir eine Stütze zu sein."

Angesichts der Situation fand sie kein Wort des Widerstandes. Aber der Arm, welcher gewaltsam an seiner Brust festgehalten wurde, bebte wie im Krampfe und aller Schmerz um die Verstorbene ging unter in der jammer­vollen Erkenntnis ihrer Ohnmacht.

(Fortsetzung folgt.)

Ludwig von Grolman.

Ein Gedenkblatt von Tr. Karl Esselborn.

Zu den beklagenswertesten Opfern, die der Feldzug Napoleons gegen Rußland auf Seiten seiner deutschen Verbündeten gefordert hat, gehört Ludwig von Grolman, der nach fürchterlichen Leiden als Kriegsgefangener seinen Tod fand. Tas Leben dieses Mannes, der zu den besten seiner Zeit gehört, ist ebenso inter­essant, wie seine Persönlichkeit einnehmend und anziehend ist. Am 18. Februar 1913 sind es hundert Jahre her, daß er seine Seele aushauchte. Dieser Tag gehört zu den Gedenktagen ans jener Zeit, die die Gegenwart nicht unbeachtet vorübergehen lassen soll und darf. Tas ist die Veranlassung der folgenden biographischen Skizze.*!

Ludwig Theodor Dietrich Christian Grolman erblickte am! 8. Mai 1777 als Sohn des Geheimen Regierungsrats Adolf Ludwig Grolman und dessen Ehefrau Anna Sophie, geborenen von Rauen das Licht der Welt. Er war der dritte Söhn seiner! Eltern. Seine beiden altern Brüder waren Adolf, geboren 1773 (gestorben 1855 zu Gießen als Hofgerichtsrat) und Karl, ge­boren am 23. Juni 1775 (bekannter Strasrechtslehrer, gestorbne als Großh. Hessischer Staatsminister 1829); seine jüngeren Ge­schwister waren Luise (geboren 1780, vermählt mit dem Professor der Rechte Franz Joseph Arens) und Friedrich (geboren 1784, gestorben mls Geheimer Rat zu Darmstadt 1859). Seine Schul­bildung erhielt er im Elternhause und im Gießener Pädagogium'. AlsKnabe von noch nicht sechzehn Jahren" verließ er sein *) Eine ausführliche Darstellung des Lebens Grolmans f. Karl Esselborn, Ludwig von Grolman. Ein Lebensbild. Tawustadt 1910 Sonderabdruck aus demArchiv für hessische Geschichte und Altertinuskunde" N. F. Bd. 7.