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MgUr, bei Gustav Frenssen, ist die Entwicklung gerade umgekehrt gewesen. Dreißig Jahre lang hat Frenssen, dessen Vorfahren um 1600 herum als große Bauern in der südlichen Marsch saßen, träumend in den dunkel und unbewußt überkommenen Empfindungen uralten Bauerntums gelebt, bis diese eingeborenen Empfindungen und Vorstellungen in dichterischer Form einen ganz merkwürdigen Ausdruck fanden. So verhüllt, so unbewußt, so uu- gewollt vollzieht sich die Dichterwerdung dieses Bauernnachkömmlings, daß es in der deutschen Literatur nicht ihresgleichen gibt. Man braucht nur immer einen Dichter zu nennen: welch bewußte literarische Entwicklung, welch bunte, oft abenteuerliche Jugend, welch ein Aufwachsen Brust au Brust mit dem heißen Leben, welch frühes Sich-Herumschlagen mit allerlei großen Problemen, welch Greifen nach höchsten Kränzen!
Bei Gustav Frenssen nichts davon: eine Entwicklung bis zum reifen Mannesalter in vollständiger innerer und äußerer Abgeschlossenheit von allem, was man Welt und Wcltleben nennt, ein vergrübeltes Träumen, ein beinahe schmerzliches Hindämmern. Man kann ihn noch heute durch die Straßen Hamburgs gehen sehen, mit suchenden Augen, in denen immer die gleiche Verwunderung zu lesen ist über die Dinge, die wir Städter und alle Leute, die mit zwanzig Jähre anfangen, Literatur zu machen, als selbstverständlich hinnehmen. Wir sind eben alle mitten aus dem Weitgetriebe herausgewachsen. Gustav Frenssen aber ist ganz von außen an das alles herangetreten, zaghaft, sich wundernd, wie aus einem fremden Traumland kommend, begabt mit einer ganz reinen, köstlichen Naivität, mit einem ganz und gar unverbildeten Verstand, mit einer weitgeöffneten, unbefangenen, unverstörten, empfangsbereiten Seele.
Seilt Leben lang hat sich Gustav Frenssen gegen alles rein Wissenschaftliche unb alles rein Aesthetische gewehrt. Er saß zu tief in der alten niedersächsischen Kultur der Bauernvorfahreu, zu tief in der Tatsächlichkeit des Daseins, als daß er sich irgend eine geistige Sache vorstellen konnte ohne Bezug auf den Manschen oder auf rein menschliche Dinge. Die Lateinschule mit ihrem kalten Klassizismus, ihrer strengen Orthodoxie und ihrer Last unfruchtbaren. Wissens schreckte , und verwirrte ihn. Es ist, als hätte sich seine junge Seele instinktiv gegen alles gewehrt, was geeignet war, seinen reinen, unverbildeten Geist zu verwirren und die Urtümlichkeit seiner Kraft zu bedrohen. Er wollte von früh an Menschenleben durchforschen und Menschenseelen ergründen. Was kümmerte ihn da die große Wissenschaft, was ging ihn die große Kunst an? „Ich sehe wohl auch gern allerlei Kunst," sagt Kai Jans in Hiliigenlei, „aber viel mehr als Kunst gilt mir Menjcheu- schicksal!" Als er, in Tübingen, Berlin und Kiel, auf der Universität war, erschien ihm die Arbeit der Professoren und ihre Resultate unglaublich gering. „Ich dachte," schreibt er in einer noch unveröffentlichten Selbstbiographie, „wenn ich aus dem Kolleg herauskam, was ist das gegen die Schönheit eines jungen Mädchens oder gegen eine Ptanderstunde mit einem alten Nachbarn im Heimatdorf!"
Es ist ganz seltsam, wie dieser wunderliche, versonnene und vergrübelte Mensch seinen Dichtungen entgegengewachsen ist. Er war mit heißer Freude Pfarrer in Hennstedt und Hemme in Dithmarschen. Denn der Beruf des Pastors schien ihm die wundervolle Möglichkeit zu bieten, sein ganzes inwendiges Leben den Menschen geben zu können und für alles Gute unter ihnen wirksam zu sein. Er hatte den Ehrgeiz, der erste Prediger des Landes zu werden. Er war sich bewußt, weil er selber einfachen Geistes war und tief in den Seelen des Menschen zu grabeu vcrstaud, die Menschen viel tiefer begreifen zu können, als andere Pastoren. Aber sehr bald mußte er erkenneu, daß er innerhalb der engen Kirchlichkeit nicht so frei und weit wirken konnte, wie seine Sehnsucht ging. Er wollte aus der Religion herausschlüpfen — und mußte erkennen, daß er mit dem Glauben, den man ihn gelehrt hatte, und mit seinen Amtshandlungen keine großen Dinge tun konnte. Das schlug ihn tief darnieder. Mühselig quälte er sich schwunglose Predigten ab. Die heiße Freude am Beruf war dahin. Nun versuchte er, sich in einen anderen Beruf hiuüberzuretteu. Er dachte daran, Gärtner zu werden, er wollte Lehrer werden, oder, um ganz ins Große wirken zu können, ein Politiker im Sinne Friedrich Naumanns. Aber zu allem fehlte die Begabung. Besonders zum Politiker. Bis er ganz plötzlich, wie int jähen »Erwachen, erkannte, daß man glauben und predigen dürfe, was man selbst an seinem inneren Menschen erfahren habe, daß man das Bild des Heilandes herauslösen dürfe aus dem Dogmatischen, daß man von ihm reden dürfe wie von einem Menschen. Und nun kommt das frohe und schöne Erkenntnis aus der erwähnten Selbstbiographie: „Ich war entzückt und begeistert von den weiten Bilderreihen, die sich mir auftaten. Ich riß diese große Geschichte an mid) und verarbeitete sie: ich bog sie sicher nach meinem Wesen um; ich malte sie aus. Ich fing nun an, mit Lust an meinen Predigten zu arbeiten. Ich bildete, zeichnete, malte in gold und blau und dunklebraun in der Tiefe, wie am alten ,Holzaltar in der Hemmer Kirche. Es war, als wenn. Feuer und Geist in meine Seele gekommen war. Ich wollte ein großer Prediger, ich wollte Bischof meiner Landeskirche werden. — Indem ich ian den Bildern des Heilandlebens .malte und dabei eine starke Freude faud, als wenn meine Lebenskräfte gestärkt und erhöht wären, kam ich von selbst dazu, diese Freude des Bildeus, die
meine Seele ausblühen ließ, diese Begabung, die mir allein das Gefühl gab, mitzuleben und mitleben zu dürfen, auch auf andere Lebensläufe und auf alles Menschenleben auszudehnen. So fing ich an zu erzählen!"
So wurde, 32 Jahre alt, bet Dichter Gustav Frenssen geboren. Daß die Erzählung, die er schrieb, der Roman von der „Sandgräfin" etwas mit Kunst zu tun haben könne, dieser Gedanke kam ihm nicht in den Sinn. Was kümmerte ihn die große Literatur! Er wollte etwas schreiben für die Menschen seiner Gemeinde, ein Buch für die Mutter, ein Buch für die Bauern, aber auch ein Buch, das der Landrat in Meldorf lesen könnte. So entstand ein wunderlich romantischer, bunt formulierter Familienblattroman, der gleichwohl hie und da starke dichterische Qualitäten ausweist und mit einem, hohen ethischen Willen vor die Menschen tritt. Erst als Frenssen an feinem zweiten Buch, an den „Drei Getreuen" arbeitete, spurte er, welch ein mächtiges Werkzeug da in seine Seele gelegt war. Nun wagte sich seine Seele hinaus. Nun merkte er mit grenzenlosem Erstaunen, daß er hier auf dem Wege war, auf dem er den Menschen all den Reichtunl seiner Seele viel heißer und tiefer anbieten konnte als in seinen aus noch »so freier Kirche lichkeit gewachsenen Predigten. Nun schilderte er eigene Not und Sehnsucht, nun saß er mit hochfliegenden Gedanken hinter denk kleinen Schreibtisch im Pfarrhaus zu Hemme, schaute weithin über die Marsch und schilderte den Menschen in hohen Bildern Wert und Tiefe des Lebens. Er sprach aus dem Volk f ü r das Volk und suchte mit heißen Augen und brennender Liebe ein neues Land und eine neue Zeit der herzlichen Frischje und der gesunden Natürlichkeit. Er war kein sorgloser Geschichtenerzähler Mehr, bitter ernst rang er unt Volk und Weltanschauung. Mit einer Entschlossenheit sondergleichen verfocht er hohe ethische Ziele, suchte er den großen Zug des Lebens, suchte ihn in den starken, frischen Menschen seiner Heimat. So entstanden in seinen Büchern Männer wie Heim Heide- rieter, wie Andrees Strandiger, wie Jörn Uhl, die, stark im Volkstum, stark im Deutschtum, nach Not und Kampf und Jrrelaufen im kleinen Bezirk treu das Gute wirken. Der sehr starke Erfolg der „Drei Getreuen" — der Roman brachte es vor dem Erscheinen des „Jörn Uhl" auf acht Auflagen — löste alle Kräfte des Dichters. Heiß arbeitete er am „Jörn U h l", es war ein Ackern auf eigenstem Boden. Ans das innigste lebte seine Seele mit den Menschen seines Buches, die ja nichts anderes waren, als. phantasievoll umgestaltete Menschen seiner Umgebung. So mächtig war seine Jllusionskraft, daß es ihm passiette, daß er von dev Arbeit ansstand und ganz versonnen sagte: „Ich will mal zu Heim Heiderieter gehen oder zu Jörn Uhl" — und dann war er, erwachend, bitterlich enttäuscht, daß diese Menschen nur in seiner Phantasie existierten.
Der ungeheure Erfolg des „Jörn Uhl" ist noch in aller Erinnerung. Wie ein Sturmwind fuhr in die Seele des deutschen Volkes dies Buch, das nichts Artistisches hatte, ganz und gar Anschauung gewordene Volksseele war und auf die einfachen, reinen und großartigen Verhältnisse des Bauerntums zurückging, aus dem das deutsche Volk gekommen ist. „Mir ist oft," jagte Frenssen einmal, „als wenn ich in einer besonderen Weise in einer tieferen Schicht deutschen Volkes und Wesens wurzle, da unser Volk noch in Höfen und kleinen Dörfern der einfachen Natur nahe lebte',- in einheitlicher, rein deutscher Bildung. Da war nicht allein die Seele, da war auch der Geist zu Hache. Da toaft breites, gegenwärtiges Leben, da war die Stätte starken epischen, deutschen Erlebens." Das starke und reine Deutschtum, der heiße Wille, dem Volke und dem Vaterlande zu dienen, lebt in allen späteren Büchern Gustav Frenssens. S o stark und f o erhitzt von dem mächtigen Trieb, helfen und wirken zu wollen, daß man der Persönlichkeit! des Dichters nur bann gerecht wird, wenn man ihn zunächst als kulturell wirkenden Volksprediger hinnirnrnt. Erst dann dürfen wir bei diesem Menschen, auch der ganzen Art seines Werdeganges nach, die Frage nach dem künstlerisch bildenden Dichter stellen. Frenssen hat in seinen Büchern Bilder und Schilderungen von hinreißender dichterischer Kraft — aber nie schrieb er um der schönen Erzählung willen. Immer trieb ihn eine Not und ein Zorn, eine Sorge: wir lausen in die Irre — und darüber hinaus die blühende Hoffnung: es wird alles gut! Mit welcher Leidenschaft flammt fein Zorn in dem großen Bekenntnisbuch „Hiliigenlei", das vielleicht, ■— man merkt die Rückwirkung des gewaltigen Jörn Uhl-Erfolges — etwas lärmend geworden ist. Aber wir spüren den heißen Atem eines tiefsten ehrlichen, durch und durch ethisch gerichteten Menschen, der sein großes deutsches Volk aus Druck und Dumpfheit befreien, ihm ein heiliges Land der Reinheit und der frischen Natürlichkeit zeigen und geben möchte. Mit welcher ergreifenden Liebe gibt er den Feldzugsbericht Peter Moors, getrieben von der Furcht, der erschütternde Zug der kriegerischen Begebenheiten im fernen Südwest könnte dem deutschen Volke verborgen bleiben und so ein ungeheurer sittlicher Wert verloren gehen. Mit starkem Eifer gibt er in „K lans Hinri ch Baas" in einem Buche das in seiner innerlichen sittlichen Kraft noch längst nicht genug erkannt ist, das Bild eines großen Kaufmannes, der sein Gut und damit das Gut des Vaterlandes in harter, zäher Arbeit mehrt. Und loer die Entwicklung des Dichters aufmerksam verfolgt hat, wird auch im vorläufig letzten Buch, im „Untergang der Anna Hollmann" das tiefste Wesen des Dichters erkennen. Mit einer schönen Ruhe versucht er, die harten Widersprüche des Lebens mit der gütigen Vorsehung eines


