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ßautrnblut
Slomaii von Gerhart ö. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Es war ein wolkenfreier Apriltag.
Durch den Kurfürstendamm rollte ein geschlossener Wagen, durch'"dessen heruntergelassenes Fenster der Staatsanwalt William Teil ernst hinausblickte ins goldene Morgenlicht. An den Sträuchern und Bäumen in den Vorgärten schwollen schon die Knospen in klebrigem Glanze.
„Ei, da kommen schon die stolzen Hyazinthen und koketten Krokusblüten hervor!" rief Völker erfreut. Er saß neben dem Staatsanwalt und schaute zum anderen Fenster hinaus. Doch sofort empfand er diese frühlingsfrohe Bemerkung als etwas hier nicht recht Passendes: welches Interesse konnte denn einer an den Lenzblumen haben, der zu einem Stelldichein fuhr, bei dem um sein Leben gewürfelt werden sollte? Er räusperte sich verlegen und wandte sich schnell an sein Gegenüber, einen jungen Arzt, der als Dritter im Wagen saß. „Inkommodiere ich Sie auch nicht mit meinen langen Beinen, Herr Doktor?" Er meinte es ironisch, denn seine Gestalt war ziemlich kurz geraten. „Bitte, wir wollen uns bequem einrichteu: ein Viertelstündchen wird die Fahrt wohl noch dauern."
Der Wagen rollte in gleichmäßig schneller, leicht schüttelnder Bewegung dahin.
William Teil bemerkte eine Haubenlerche, die zierlich über den Weg trippelte, und als ihr das Gefährt doch gar zu nahe kam, die Schwingen breitete und munter davonhuschte. Eben fuhr man bei einem Wirtshause vorbei, das an der Grenze des Grunewaldes seinen leuchtenden Giebel in den klaren Morgen erhob. Ein Spatz flatterte von der Straße nach dem Dache des Hauses und schleppte in seinem Schnäbelchen mehrere Strohhalme mit sich, eine Last, bereit Beför- gerung ihm offenbar Mühe genug machte. Der Staatsanwalt lächelte wehmütig; der kleine Gesell ist mit dem Nestbau beschäftigt, dachte er, und schwelgt schon im Vorgeschmack der Liebesfreudeu, und du fährst hier hinaus in den Wald, um die löcherige Ehre deiner verstorbenen Mutter mit einem Pistolenschuß zu flicken, der dir so oder so verhängnisvoll werden muß.
Der Ingrimm über die mißliche Lage, in die er unverdient hineingeraten war, fraß ihm an der Leber. War er nicht ein Gegenstand des Erbarmens? Er, ein Staatsanwalt, der bestallte Hüter der Gerechtigkeit, der berufene Ankläger eines jeden, der sich gegen die Paragraphen des Strafgesetzes versündigt, er befand sich auf dem Wege zu einem Zweikampfe! Konnte es einen grelleren Widerspruch geben? Verdiente er nicht, daß jeder Urteilsfähige mit Fingern auf ihn zeigte? Und doch! was blieb ihm denn anderes übrig? Lebte er nicht in einer Gesellschaft, deren Gebräuche und Ueberlieferungen
weit zwingender waren, als das geschriebene Gesetz? Und wollte er sich denn nicht rächen, rächen an dem, der ihm den Glauben an die eigene Mutter so brutal zerstört hatte? Konnte er eine andere Befriedigung seines Rachebedürfnisses finden, als mit der Waffe in der Hand, als im Wege der rücksichtslos entschlossenen Selbsthilfe?
Und wenn du nun den Freiherrn niederschießen solltest, raunte ihm eine Stimme in seinem Innern zu, wird dir dann Selbsthilfe geworden sein? Wie? Wird dich die Welt dann etwa höher achten? Ha, ha, ha! lachte der Widersacher in seiner Brust, du wirst dann nur zweifach gebrandmarkt sein! Du wirst dann als der famose Staatsanwalt gelten, als der Sohn einer anrüchigen Frau, der einen Menschen im Zweikampf ermordete und eine Festungshaft nicht unter zwei Jahren zu verbüßen hat. Tod und Teufel! Wenn dieses Duell ein Wahnsinn war, was sollte er denn sonst tun? Sollte er die Beleidigung durch den Freiherrn wie ein Feigling einstecken, hübsch vorsichtig den Mund halten und seine Mutter verleugnen? War ein Sohn, der sich seiner Eltern schämt, nicht ein Lump, nicht ein Verworfener, der auch die Selbstachtung für ewige Zeiten eingebüßt hat?
Sein Denken verwirrte sich, er nahm den Hut ab, fuhr sich mit der Hand über die heiße Stirn und strich dann durch sein blondes, leicht gekräuseltes Haupthaar. Daß er trotz der Fieberhitze in seiner Stirn ziemlich blaß aussah und nur der Schmiß auf seiner linken Wange etwas dunkler leuchtete, das wußte er nicht.
Völker aber, der den Freund von Zeit zu Zeit in stiller Teilnahme heimlich von der Seite musterte, griff in die Wagentasche, holte eine Flasche Portwein hervor und sagte ermunternd; „Wie wär's? Trinken wir einen Schluck? Der Morgen ist frisch. Sie scheinen zu frieren."
„Voll Dank," erwiderte Teil, der sich bemühte, dem Professor ein möglichst unbefangenes Gesicht zu zeigen, „nach der Affäre wollen wir einen Trunk haben —, wenn ich dann noch Durst haben sollte", fügte er trübe lächelnd hinzu.
Man war dem Ziele näher gekommen. Zwischen dem Forsthaus Hundekchle und dem Grunewaldsee hielt der Wagen. Die Herren stiegen aus, trugen dem Kutscher auf, hier auf dem Wege zu warten, und begaben sich tiefer in das Gehölz hinein. Der helle, jauchzende Schrei eines Spechtes tönte durch den Wald; dann wurde es wieder still und man vernahm nur die Schritte der über den Teppich von dürren Kiefernadeln Dahinwandelnden. Sonnenglanz und gesprenkelte Schatten lagen auf den Halmspitzen der Gräser und auf den hier und da emporschwellenden Moospolstern. Eine Eichkatze schoß über den Weg, schnellte an dem rötlichen Stamme einer Föhre empor, hielt still, äugte nach den Ruhestörern von der ihnen abgewandten Seite des Stamnres her und huschte, da ihr die Sache nicht ganz geheuer vorkommen mochte, pfeilgeschwind bis zum höchsten Wipfel in die Höhe. Bald hörte man gedämpfte Männerstimmen; noch ein paar Schritte, und man begrüßte eine Gruppe von vier Herren, die vom Bahnhof


