auf den Tellern seinen lustigen Fortgang, und neue Schüsseln mit dampfenden Braten wurden aus der Küche hereingetragen Scherz und Gelächter flogen hin und her; die allgemeine Lebenslust erreichte ehren Gipfel.
Verstohlen drückte sich das Brautpaar unter dem Tische die H?nd: er, der Förster Albert Hoffmann, ein stattlicher Mann mit breiter Brust, mit trausem, blondem Vollbart und ehrlichen Augen, in kleidsamer Uniform; sie, Trude Weigenbrecht, eine schlante, hochgewachsene Brünette mit tiefem, verschleiertem Blick nnd trotzig geschürzten, roten Lippen in einem fast überzarten Gesicht, in bräutlichem Schleier und der ehrenvollen Myrten-? kröne.
Der Altersunterschied des Paares fiel jedem in die Augen. Die junge Frau war kaum zwanzig Jahre alt, während ihr nunmehriger Gatte fast doppelt so viel zählte. In der Tat hatte auch dieser Altersunterschied, hatte insbesondere die übergroße Jugend der Braut, die Eltern derselbeii — den weit und breit, und nicht zuletzt von der gräflichen 'Gutsherrschaft, geschätzten Obergärtner Weigenbrecht und seine würdige Ehehälfte — veranlaßt, ihre Einwilligung zu der geplanten Verbindung zunächst zu versagen. Aber Trude,war als einziges Töchterchen ein wenig verwöhnt und wußte ihren Willen durchzusetzen. So hatten die Eltern doch schließlich nachgegeben, und nun gab es eine jener lustigen Landhochzeiten, die ihre Teilnehmer drei Tage lang in Atem halten. Helles Glück strahlte aus den Augen der Braut, männliche Freude aus denen des jungen Ehemannes, der vor kurzem seine Anstellung als Königl. Förster erhalten hatte und auf die,en Titel fast nicht weniger stolz war als auf sein liebes Weib. —---
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Fürwahr, jener Auftakt seiner Seligkeit lebte noch lange in der Erinnerung unseres jungen Paares fort, auch nachdem fich das Eheglück eines Sommertages vielmals an das des andern gereiht hatte. Nun freilich war andere Zeit. Die Sonne beschrieb nur noch einen kleinen Bogen am Himmel. Der Wald prangte in den Unwahrscheinlichsten Farben, und mancher Baumriese streckte seinen schon dürren Wipfel in die nebelschwangeren Lüfte. Der rauhe Novemberwind brauste um das altertümliche Försterhaus mit dem Hirschgeweih am Giebel und rüttelte an Dor und Fensterladen.
Mer Förster Hoffmann und seine Fran schliefen den gesunden Schlaf des in und mit der Natur lebenden Menschen. Sie ließen sich von all den unheimlichen Lauten nicht stören. Sie hörten es auch nicht, als der Sturm den Schornstein hinabfuhr, das Restchen Glut unter dicker Aschenschicht auf dem Herde zu lichter Flamme anfachte und diese in einen Haufen Reiserholz blies, welches den Morgenkaffee kochen sollte. Bald leckten gierige Zungen in die Höhe, erfaßten das niedrige Gebälk und hüllten alles in ein Feuermeer.
Ein unheimliches Knacken in nächster Nähe ließ endlich Frau Trude in die Höhe fahren. Aber sie mußte sich erst besinnen, der dichte Qualm, der das Zimmer füllte, verwirrte ihre Gedanken. Mit Mühe ermunterte sie fich endlich völlig und weckte den noch immer fest schlafenden, in bösem Traum wie unter einem Alb stöhnenden Gatten. Es war die höchste Zeit. Schon drang feuriger Schein in das Zimmer. Sie drückten die Tür aus, aber da war kein Ausgang mehr. Der heiße Atem des fürchterlichsten Todes wehte ihnen entgegen. So stießen sie die Fensterladen auf und sprangen im Nachtgewande in die Nacht hinaus. Hinter ihnen schlugen die Flammen zusammen und verzehrten das Nest, in dem eilt kurzes, reiches Sommerglück gehorstet hatte.
Zum Tode erschöpft fand die junge Försterfrau.endlich Unterkunft bei befreundeten Leuten in der benachbarten Wassermühle am Rand des Waldes. .Aber der Schrecken und die Flucht durch die eisige, regendurchpcitschte Sturmnacht bet einziger Bedeckung durch einen Förstermantel, hatten ihre Gesundheit angegriffen: Sie wurde schleunigst ins Bett gebracht und man schickte zu einem Arzte. Aber ehe derselbe erschien, hatte das Schicksal bereits ein Opfer gefordert. Die frohe Hoffnung des liebenden Paares hatte eilt jähes Ende gefunden, und die junge Mutter, die doch kein Kind herzen durfte, lag im Fieberwahn. Wohl schien es eine Zeitlang, als solle sie den schweren Schlag überwinden und zu neuem Leben und neuem Glück auferstehen. Man schaffte die Genesende auf einer Tragbahre ins Dorf, wo für den Förster eine Wohnung gemietet worden war, bis der Neubau des Forsthauses, den man unverzüglich in Arbeit genommen hatte, fertig gestellt sein würde. Aber die Hoffnung erwies sich als trügerisch. Ein neuer, unerbittlicher Gast kam mit zuerst lattgsamen, bann immer schnelleren Schritten näher.
Frau Trude, begann zu husten und, namentlich morgens, Schleim auszuspeien. Man sprach zuerst von einem Katarrh, und. die Kranke selbst lächeste über die besorgte Miene ihres Gatten Aber der Arzt, der eine genaue Untersuchung angestellt hatte, erklärte dem entsetzten Förster auf dessen männlichen Wunsch, reinen Wein eingeschenkt zu bekommen, daß seine Fran an der Schwindsucht leide, und daß sie nach menschlichem Ermessen binnen Jahresfrist auf dem Friedhose draußen ruhen werde. Der starke Mann konnte das nicht fassen. Es sollte und sollte picht fvahr sein! Er schickte zu einem zweiten und einem dritten Arzte, Aber der Kescheid, der ihm wurde, lautete überall gleich. Das
allerfurchtbarste jedoch war, daß er sein tiefstes Herzeleid nicht r teilen durfte, die ein halbes Jahr lang mit ihm Seite an Seite durchs Leben gewandert war, und der er alles vertraut Halle
^wegte Stan mußte er ein heiteres Gesicht machen, um seiner Frau mcht die Hoffnuitg zu zerstören, die ihm grau» worden war. Er mußte scherzen, da ihm doch das Herz zum Brechen schwer war.----
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JDer SBiufer war vergangen, der lange, bange Winter, während dessen man der Leidenden tausendmal gesagt hatte: „Wenn dann wirds mit dir schon wieder Serben!, Wieder nahten die goldenen Tage. Aber mit Fran £rube ging rasch und immer rascher bergab. Als die Knospen m3 Bett gelegt, 'um nie mehr aufzustehen.
Y «'$att£ keiner sagen dürfen. Wenn sie auch manch- ^nd lEte: immer brach bei ihr der trotzige Wille durch, das heimtückische Selben, das ja eigentlich gar keine Krank- hett war, zu überwinden und in alter Gesundheit zu blühe«. Die bis zum letzten Augenblicke wache Hoffnung auf 'Heilung, sie den an Lungen-Tuberkulose Leidenden charakteristisch ist, zeigte sich auch hier, unterstützt — wie gewöhnlich — durch ein zeitweiliges Wohlbefinden. Aber den kundigen Beobachter konnte das nicht täuschen. Das Ende nahte mit Riesenschritten. — Der Mai schwang seinen Stab über die Erde. Förster Hosf- maun streifte durch den Wald ünb vergaß fast seines bitteren! Eroenleides inmitten der berauschenden Pracht, die ihn umgab. Eine Flut goldigen Lichtes ergoß sich durch das in herrlichster Frische prangende Blätterdach und erfüllte die weiten Hallen des Buchenwaldes mit dem wohltuendsten Schimmer. So gewaltig, fo ergretfenb sprach doch niemand zu ihm wie der frühliugs- grüne Wald. Ja, es ist wahr, ein Heller Tropfen trat ihm in das Auge unb perlte langsam die Wange hinab. Aber es war keine Träne der Zerknirschung, der billigen Rührung, der unmännlichen Schmerzensseligkeit. Neu ward er sich des Stolzes bewußt, ein Mensch, ein Mann zu sein, durch dessen Brust dieselben Ströme des Lebens rauschen, welche diese Berge und Hügel gewölbt, diese schlanken Stämme hinauf ins reine Aethermeer gehoben haben und Sonnengold und Sturmeswehen, und Lenzeslachen und Winterernst, und Liebe _ unb Leid, und Leben und Tod der Erdenkinder nur als Offenbarung ihres unersorschlichen Seins auf unserem Weltenstäubchen walten lassen.
Der Förster war von seinem Waldgange zurückgekehrt, hatte Büchse unb Hut an einen Nagel gehängt ünb begrüßte feine Trude durch einen zärtlichen Kuß auf die weiße Stirn. Er fetzte sich zu ihr auf den Bettrand unb sprach von den Herrlichkeiten des Waldes und von seinem Besuche in dem nunmehr fertig gestellten neuen Forsthause. Ihr zum Tröste und zur Ermutigung plauderte er von ihrer dort gewiß zu erwartenden Genesung.
Mit fieberglänzenden Augen schaute sie ihn an ünb lauschte seiner Rebe mit seligem Lächeln. Dann haschte ihre abgezehrte Hand nach seinen Fingern, und mit Anstrengung flüsterte sie: „Albert!"
„Ja, mein Schatz?" fragte er, sich über sie neigend. „Albert", wiederholte sie, „ich — ich habe eine Bitte!" Der Mann versprach ihr alles, was in seinen Kräften stünde. „So — so bringt — mich ins neue — Forsthaus!" Erschrocken fuhr Albert Hoffmann in die Höhe. Diese Wirkung seiner Worte hatte er nicht erwartet. Wer seine Frau hielt an dem einmal gefaßten Gedanken fest.
„Albert" — ihr Atem ging keuchend — „Ich sterbe hier. Ich muß — muß dorthin!"
Vergebens predigte er ihr Vernunft, redet von ihrer Schwache- der sicher immer noch vorhandenen Feuchtigkeit der neuen Wohnung, kurz, er fand tausend Gründe. Aber sie ließ sich nicht abweisen, Ihre Aufregung stieg immer höher.
„Albert," Hub sie wieder an, „du weißt — was ich will — das habe ich — auch immer — erreicht. Im Forsthause — werde ich wieder gesund —. Ich weiß es — ich fühl's! — Martere mich nicht länger! — Albert!"
Herzzerreißend klang ihr Schrei; ein heftiger Hustenanfall schnürte ihr den Hals zusammen und bedeckte die Stirn mit kaltem Schweiße. Besorgt schaute Albert ihrem Ringen zu, -wischte ihr den Schweiß ab unb versprach ihr alles, was sie wollte. Da lächelte sie aus aller ihrer Qual heraus, ober es war ein fürchterliches Lächeln, bas dem liebenden Gatten wie scharfe Messer durch die Seele schnitt.
„Du haslls gesagt"' brachte Frau Trude endlich hervor. „Nun ist alles — gut!" Erschöpft schloß sie die Augen.
Was sollte er tun? Die Ueberführung bedeutete offenbar den sofortigen Tod seiner Frau, die Unterlassung das Gleiche. Er vertröstete sie auf das morgen zu erwartende Kommen des Arztes, um wenigstens Zeit zu gewinnen. Damit erklärte sie sich ein» verstanden. Aber dann keinen Augenblick länger!
Der alte Arzt kam unb überzeugte sich, daß das Ende unmittelbar vor der Tür stände. „Tun Sie, was Sie wollen! Der Kranken kann nichts mehr schaden und nichts mehr nützen." So lautete der traurige Bescheid des weißhaarigen Herrn auf die angstvolle Frage des Försters. Dann verabschiedete er sich mit teilnehmendem Händedruck von dem Gatten, dessen äußere Ruhe nicht, über den Sturm hinwegtäuschen konnte, der sein Innerstes


