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sagt doch Schiller in seinem Reiterlied: Man sieht nur Herren und Knechte! Das war die gute, alte Zeit, die wir nie mehr hcrbeiwünscheil wollen. Denn untern wie eine Zitrone ausgepreßten Bauern stand gar oft, Ivie die Neberlieferung bestimmt versichert, der Hunger nur zu deutlich im Gesicht geschrieben nut hohlen Backen und tiefliegenden Augen. Armut damals war mit dem Entbehren der nötigsten Lebensbedürfnisse auf kürzere oder längere Zeit verbunden, während unsere Armen von heute sich nur höhere und verfeinerte Lebensgenüsse versagen müssen. Wie schlechte Witterung die Armut der Dorfbewohner noch vermehrte, zeigt eine Liste aus 1794, welche angeben soll, „was btc Bewohnerschaft an Fourage abgeben kann". Das klägliche Ergebnis der Leste sucht der Aussteller zu rechtfertigen, indem er am Schlüsse schreibt: „Daß der Mangel an Lebensmitteln sowohl vor Menschen als vor Vieh nllhier sich befinde und kern Ueberfluß, sondern vielmehr Mangel sei, ist 1. daß die hiesige gelinge Lands- Gemarkung kalt sei und jedoch durch viele Einwohner besetzt ict; 2. da das Frühjahr das Korn in der Blüte gestanden, durch em Kisselschlag so beschädigt worden, daß zum Teil das Fuder nur 6 Westen ergiebig ist, und 3. durch die trockene Witterung diesen verflossenen Sommer die Sommerfrüchte und Fourage sehr gering ausgesallen sei. Daß dieses sich also befinde, wird mit Pflichten attestiert." Eine andere Liste aus 1797 gibt uns nut hürren Worten einen Einblick in die schlechte Vermögenslage der Leute. Sie beginnt mit der Aufforderung des Amts: „Denen auswärts genannten Bürgermeistern wird hierdurch aufgegeben, eilt genaues Verzeichnis der Einwohner in jedem Ort,mit genauer Bestimmung ihrer Vermögens Umstände — d. h. welche wohlhabend, mittelmäßig oder ganz arm sind — längstens bis morgen mittag nm 1$ Uhr dahier einzuliefern ufw." Die Liste zählt auf als vermögend 1, mittel 15, arm aber 29 Haushaltungen. Wie erbärmlich muß man in diesen armen Familien gelebt haben, und mit welch bitteren Gefühlen wird man der schmausenden, trinkenden und dabei rohen und gewalttätigen Soldateska zugesehen haben! Unsre Jugend von heute weiß/von diesen Entbehrungen nichts mehr und will sie nicht glauben: sie hat Bedürfnisse, an welche die Jugend vor 100 Jahren nicht einmal denken, geschweige sie wöchentlich oder gar täglich befriedigen konnte. Zigaretten und Schoppen waren ihr unbekannte Tinge. Tw Lebenshaltung und die Vermögenslage der heutigen Bewohner des Busecker Tales ist doch eine ganz andere und in vielen Beziehungen bessere und eine Liste der „Verinögens-Umstände" hätte ein anderes und freundlicheres Gesicht als um 1800. Das oft gebrauchte Wort von der Verelendung der Massen wäre aus unser Dorf, überhaupt auf das Land — soweit wir es beurteilen können — durchaus nicht anwendbar. Unsere Landarbeiter und die, welche täglichen Verdienst in der Stadt suchen, leben in auskömmlichen Verhältnissen und kleiden sich und ihre Familien gut, ja manche leisten sich darin mitunter recht Ueber- flüssiges, und unsere Bauern bearbeiten ihren Boden recht intensiv, was schon die neuen Scheuern bestätigen, reine Protzen neben den alten der Vorväter, die auch meinteu, groß genug gebaut zu haben.
Nachdem wir ans den Kriegsakten die große Armut geschaut, trotz welcher die Gemeinde die unerhörtesteit Kriegsforderungen befriedigen mußte, kehren wir wieder zu den geschichtlichen Ereig- nissen zurück. Im März 1796 brach, nachdem Preußen 1795 Frieden geschlossen hatte, von neuem Krieg aus zwischen Oesterreich und Frankreich. Während Napoleon in Oberitalien gegen die Oesterreicher siegreich blieb, errang der österreichische Feldherr Erzherzog Karl am Rhein einige Erfolge. Auf der Flucht vor ihm ergossen sich französische Heeresabteilungen in die Dörfer und Städtchen der Wetteran und des südlichen Vogelsberges. Rach hier scheinen sie nicht gekommen zu sein, beim die Rechnung erwähnt nur Fonragelieferungen an die Franzosen, als auch an die Oesterreicher. Von letzteren waren auf kurze Zeit ungarische Husaren, Berchiny-Husaren und Tiroler Scharfschützen in geringer Zahl bei uns einguartiert. Leihgestern, Nidda und vor allen das kleine Städtchen Lißberg hatten aber unter den wutschnaubenden französischen Revolutionssoldaten schwer zu leiden. Was hatte der Rcvolutionsruf von erträumter Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, den sie so ost gebrüllt, ans diesen Gesellen gemacht? Eine Horde lüsterner, beutegieriger, grausamer Teufel. Das waren die Söhne der Revolution, deren Kricgsrus nun lautete: Mord, Brand, Plünderung. In Leihgestern und Lißberg hatten sre dermaßen gehaust, daß sich die öffentliche Wohltätigkeit für btc armen Dörfer regen mußte. Auch in Bersrod wurde eine Kollekte veranstaltet. Da Bargeld sehr rar war, so gaben die Leute Naturalien, Korn und Gerste, was wohl auch der ersten und schlimmsten Not, dem Hunger, am besten abhalf. Der Ortsvorstand brachte 1 Achtel und 7 Westen Korn und ebensoviel Gerste m- fantnten. Wenn wir bedenken, daß unsre Gemeinde schon 179t> und auch 1796 Kriegsfuhren bis nach Frankfurt und Limburg ihm müßte und mit Kriegslieferungen aller Art geplagt war, die gerade viel Frucht Wegnahmen, so sehen wir an dieser Gabe, tote Itnfere Dorsvorfahren ans eigner Anschauung die Not dieser miß- tzandelten Dörfer verstanden und fühlten. Zwar ging den Einwohnern unseres Dorfes persönlich nur wenig verloren, da die Gemeinde alle, selbst die kleinsten bei Kriegsfuhren erlittenen Ver- Aste in Geldeswert ersetzte, wie uns eine „Spezifikation", d. h. Rtne Aufführung der Einzelheiten belehrt. So wurden verloren Begangene Säcke- Joche, Spaunketten, Kenstränge, Wagentücher,
Liesenzapfen usw. bezahlt. Auch die von umhcrschweifenden Pa« trouillen den Einwohiterit abgepreßten Gelder, was öfters auch Bet Fouragelieferungeu vorkam, wurden ersetzt. Vielfach kam es auch vor, daß bei Kriegsfuhren das Fahrvieh, Ochsen und Kühe, kurzerhand im Lager behalten und abgeschlachtet wurde. Dadurch wurde der schon sehr strapazierte Gemeindesäckel allemal um viele blanke Gulden erleichtert. Wie kam nun der seiner besten Fahrkuh oder Fahrochseu beraubte Bauer daheim mit seiner Arbeit zurecht? „Da siehe du zu!" dachte der übermütige Feind. Bald wurde man schlauer und ließ die Fuhren durch „Gäulsbauern" der benachbarten Dörfer gegen Bezahlung ausführen. Bemerkenswert ist auch, daß die Gemeinde für abhanden gekommene Gewehre, die von den Franzosen mitgenommen worden waren, 52 Gulden zahlte.
Nach dem Friedensschluß mit Oesterreich 1797 fluteten nun die franz. Truppen zurück, und die Einguartiertingen nahmen auch in unserem Dorfe kein Ende. Manche Abteilungen blieben wochenlang hier liegen, und wir können an Hand der vielen Einquar- tierungslisten genau die Truppenteile feststellen, was aber zu weit führen dürfte. Sittliche Ausfchreituitgen, wie sie uns ans dem 30 jährigen Kriege int Simplizissimus-Roman geschildert werden, kamen in der Franzosenzeit ganz ähnlich vor, was sich B'ei langer, fauler Kriegsdauer und den räudigen Schafen, die jede Armee der Welt in sich birgt, immer wiederholen wird. Zwei Fälle, in hiesigen Familien weitererzählt, seien angeführt. Die Fran des Gemeindeschäfers, der nachts draußen beim Pferche sein mußte, hatte in einem jungen Franzosen Wünsche unkeuscher Art geweckt. Der junge Mann glaubte durch das ihm von der Frau gezeigte Benehmen seiner Sache sicher zu sein und wagte sich an sie heran, fuhr jedoch ab. In plötzlicher heißer Aufwallung schlug er wütend nach der Fran. Im ersten Schrecken hielt diese: ihr kleines Kind -vor sich, und ein unglücklicher Faustschlag traf, wenn auch ungewollt, das arme Wesen. Es soll später an den Folgen des Schlages gestorben fein. Als am andern Morgen die Soldaten a>x getreten waren, meldete die Frau dem Hauptmanne den Vorgang und bezeichnete den Missetäter. Der leugnete nicht. Sofort liefe der Offizier eine Gasse bilden und den Ilebeltäter Spießruten laufen- wobei er so zerschlagen wurde, daß die Dorfbewohner Mitleid für ihn empfanden und der leichtfertigen Fran alle Schuld beimaßen.- Der so furchtbar Gezüchtigte wurde der Truppe nachgefahren und soll an seinen Verletzungen gestorben sein, Der andere Vorfall ist einfach brutal. Im heutigen Dammschen Hause lebte zur Zeit der Franzosenkriege der Landwirt Will). Lindenstruth. Auch thm hatte man, wie schon so oft, das Haus wieder einmal-voll Fran- zoscn gelegt. Diesmal schienen ihm die Burschen keinen vertrauenerweckenden Eindruck zu machen, denn als er eines Tages au'i längere Zeit über Land mußte, bestellte er für die Abendzeit einen baumstarken Torsbewohner in sein Haus, damit dessen Anwesenheit böse Dinge verhüte, wenn er selbst noch nicht zurück sein sollte. Er hatte die Vögel richtig erkannt. Als der von ihm ^Beauftragte gegen Abend sich dem Hanse näherte, hörte er Gestampfe und Gepolter in der Stube, wie wenn sich Menschen darin.balgten, Ta tat sich auch schon ein Fenster auf, und heraus sprang die in andern Umständen befindliche Frau des Hauses. Er ftng sie gerade in seinen Armen auf, sonst hätte ihr dieser Sprung recht verhängnisvoll werden können. Von rohen Soldaten gepeinigt, hatte die Frau in ihrer Verzweiflung kernen andern Ausweg gewußt. Während sie nun von dem treuen Freunde tu Sicherheit gebracht wurde, war das Dienstmädchen, das aus Linden- strnth stammte — der Name ist nebensächlich — den Wüstlingen schutzlos preisgegeben, lieber eine Bestrafung der traurigen Helden ist nichts bekannt geworden. ,
Neben diesen schweren Ausschreitungen, sei auch em heiteres Stücklein erzählt. Ein im Strohschen Hause einquartierter Franzose hatte sich zu seiner Unterhaltung einen jungen Star gefangen. Liebevoll besorgt um seinen Schützling, setzte er ihn an em warmes Plätzchen, in die — Pelzkappe des .Hausherrn. Der machte gute Miene zu diesem Frevel an seines Hauptes, warmer Bedeckung. Als aber der junge Star nach Wiedehopfart sein molliges Nest bei reichlichem Futter weiß und grünlich beklexte, da wallt' dem Deutschen auch sein Blut, und er schwur dem Star Rache. Als der Soldat auf einige Stunden weg mußte- drehte der Pelzkäppenbesitzer dem Stärlein kunstgerecht das Genick 'um Der Soldat kam, besah nichtsahnend seinen toten Vogel und sagte: „Viel krak, viel krak." (titel krank - tot) Der schlaue Bauer machte ein dummes Gesicht und bedauerte lebhaft mit Wenn auch die Franzosen in ihren Worten höflicher waren als später Preußen und Russen, so waren sie um so anipruchs- voller. Was ihnen alles geliefert werden mußte, davon hier eine Probe: Eisen, Nägel und Hufeisen, Schmiede-, Satiler- unb Wagnerarbeiten, Kleibungsstücke, besonders Hemden, Schuhe und Stiefel; Holz, Licht und Besen für die Wachtstnbe; Wein, Branntwein, Bier, Butter, Eier, Brot, Federvieh, Korn, Weizen, Gerste und Hafer, Heu und Stroh, lebendes Rindvieh, besonders Ochsen, geschlachtetes Fleisch, sowohl Rind-, wie Hammel- und Kalbfleisch, Salat, Gemüse, Salz, Oel, Essig, Senf, Zwiebeln- Käse, Mehl, Kartofseln, Zucker, Tee, Aasfee; Federn und Papier, Haarpuder und Pomade (siehe 70 u. 71), Rauch- und Schnupftabak. Diese bunte Reihe mag genügen, doch will ich noch bemerken- daß sie als gute Köche auch im Quartier meist selbst kochten und die Wilchsiippe sehr liebten. Kam diese ttoeb recht


