Ausgabe 
16.7.1913
 
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so unausgesetzt, und insgeheim kam ihm selbst der Wunsch, Gottliebe nicht allein zu lassen; es zog ihn trotz allem ja zu ihr, er sorgte sich selbst um sie kürzUm: Bessow hatte kich gestern mittag zum Mitgehen bereit erklärt.

Gottliebe war es schließlich recht. So würde er wenig- lens Zeuge sein, wie sie spielend die kleinen Schwierig­keiten dieser Tour überwinden würde. Denn das hatte sie ich vorgenommen: Sie. wollte mit Anspannung aller Energie ne Besteigung ausführen, daß der Führer ganz zufrieden mit ihr war. Und sie hatte bisher noch immer gekonnt, was sie gewollt hatte. Zu dieser geheimen, prickelnden Bor- sreude auf ihren Triumph kam noch eine kleine boshafte Neugier: Wie sich Bessow bei der Geschichte wohl austellen würde? Sie konnte sich diesen Mann der stets tadellosen Plättfalte und des ewig glänzenden Stehkragens einfach nicht vorstellen auf Fels und Firn. Ja, sie hatte ihn im Verdacht, daß er nicht mit übermäßiger Courage ausgestattet wäre. Wie gottvoll, wenn sie ihn in einer schwachen Minute ertappen würde! Tann wollte sie sich mit beißendem Spott revanchieren für seine Ueberwachungsdienfte, die er der Tante leistete.

Nun war es also so weit: die Probe sollte beginnen, für sie beide.

Auch Bessow erhob sich und folgte mit Stadler Gottliebe nach, die schnellen Schrittes in froh fiebernder Erwartung ins Freie eilte.

Draußen stand schon der Spängler-Toni mit Rucksack Und Eispickel, Has Seil um die Schultern, zum Aufstieg gerüstet. Er streckte ihr treuherzig mit einemGrüß Gott" pie Hand hin. Gottliebe erwiderte den Gruß mit kräftigem Handschlag, und ihre Augen strahlten den jungen Führer hell an. Das Bewußtsein, einmal etwas ganz Neues, Un- gewohntes zu unternehmen, ihre Kraft und ihre Energie zu erproben, verlieh ihr einen frohen Aufschwung.

Leicht und eilig schritt sie mit Toni voran, in die Vergmulde hinein, die sich gleich hinter dem Hause öffnete Und wo, nur wenige Minuten ab, im Frühlicht die weiße Schneedecke des Gletschers leuchtete. Sie brannte vor Be­gierde, zum erstenmal ihre Nagelschuhe auf den Firn zu setzen.

Ein herrlicher Morgen heute. Werden wir Aussicht haben? Sicherlich doch? Was meinen Sie, Spängler-Toni?"

Sie war währende des gestrigen Aufstiegs zur Ferdi- Uandshöhe mit den Führern schon gut bekannt geworden, Und der vertraulich-freiere Ton der Berge machte ihr Spaß.

»Ich glaub' schon, daß wir Aussicht haben werden;. Tie Nebel sind heut früh! alle zu Tal gestrichen. Da droben herum wird's schon klar sein, mein' ich."

Herrlich! Denn eine Kraxelei ohne Aussicht ist doch nur eine halbe Sache, gelt, Toni?" Und sie lachte aus fröh­lichem Herzen ihren Begleiter an, dann noch eifriger aus- fchreitend.

Bitt' schön, Fräulah Net gar so schnell! Tas tut nimmer gut beim Steig'n," klang da hinter ihr die Stimme des alten Stadler.

Gottliebe folgte der Mahnung, aber nur mit geheimen Verdruß. Alles Mahnen und Steuern war ihr wider den Sinn. Der langweilige alte Stadler! Mochte er doch mit dem Regierungsrat, wenn der nicht mitkam, ruhig hinten nachtrotten. Ihr Würde es schon nicht zu viel werden, sie kannte sich. Da war doch der Toni hier neben ihr ein ganz janderer Kerl! Dem fiel es nicht ein, sie zu dirigieren sie hatte es gestern schon gemerkt der machte vielmehr still­schweigend alles mit ihr mit, jede kleine Laune; ja, es schien ihm ordentlich selber Spaß zu machen. Und plötzlich flüsterte sie leise ihrem Begleiter zu:

Wenn wir hernach angeseilt Werden, nehmen Sie mich! Hören Sie, Toni?"

Ja, ja gewiß!" Eifrig nickte ihr der Begleiter zu, mit froh aufstrahlendem Blick, und eine leichte Röte der Freude stieg in sein offenes Gesicht. Diese Auszeichnung machte ihn stolz. Eigentlich hätte die Dame ja mit dem Stad­ler gehen sollen, den sie zuerst und speziell für ihre Person als Führer engagiert hatte. Er war ja dann erst noch ge­nommen worden, als auch der Herr mitgehen wollte. Daß sie nun aber ihn dem alten Stadler vorzog, das machte ihm eine geheime Freude.

Er ging ja mit ihr viel lieber als mit dem Herrn dcw hinten. Ter Ivar gar so arg vornehm und sprach kaum mal ein Wort. Tat ex's aher, so war's dem Toni immer, als pb jener ihm ein Almosen gab. Das Fräulein hier aber war

so leutselig, plauderte mit ihm ivie mit ihresgleichen und schaute ihn mit ihren lustigen, glänzenden Augen so freund­lich an. Tas war jedesmal, als ob es ihn mit samtweicher Hand streichelte. So war denn der Toni ordentlich glücklich, daß er nun mit ihr gehen sollte.

Es dauerte gar nicht mehr lange, da kam die Stelle, wo die Führer ihre Schutzbefohlenen ans Seil zu nehmen pfleg­ten, an dem kleinen Wasscrgerinue, das vom Gletscher her­niederkam..

So bitt schön, Fräula. Jetzt, ivenn S' so gut sein wollten" und der Toni blieb vor ihr stehen, löste behend das Seil von der Schulter und band es sich um den Leib, mit hastigen Griffen, als ob der Stadler ihm zuvorkommen möchte. Aber die Sorge war unnötig. Der Alte war da­hinten schon stillschweigend dabei, den Herrn ans Seil zu nehmen.

's geht schon alles gut!" Mit heimlichem Lächeln raunte Toni es seiner Schutzbefohlenen zu.

Toni trat auf Gottliebe zu, um ihr das andere Ende des! Seils um die Hüfte zu legen. Bedächtig zog er dann die Schlinge um ihren schlanken Leib fest.Es muß schon fest sein," entschuldigte er sich,aber uet gar zu arg. So wird's gut sein, gelt?"

Fein, Toni! Ich merke nicht die Spur," lobte Gottq liebe und reckte sich, die Hände aus die Hüften gesetzt, hoch auf.Nun vertraue ich mich Ihnen also au auf Leben und Tod! Sie werden mich doch auch heil wieder abliefern?". Scherzend blickte sie ihn au.

Ta hat's keine Not," versicherte Toni treuherzig ernst,. Sie können sich schon ganz auf mich verlassen."

Na, dann los!" kommandierte sie erwartungsfroh.Ein bißchen schnell, daß uns die anderen nicht so auf den Leih rücken!" drängte sie leiser.

Willfährig begann der Spängler-Toni auszuschreiten, durch das Bett des Schneewassergerinnes hindurch auf die Firndecke hinüber. Knirschend setzten sich Fuß Und Bergs stock aus den hartgefrorenen Neuschnee. Hoch auf atmete Gottliebe. Nun betrat sie zum erstenmal in ihrem Leben den ewigen Schnee droben auf den Firnen, die sie bisher imwer nur bewundernd drunten aus der Tiefe angestaunt hatte. Ein herrliches, frohes Gefühl dnrchströmte sie plötz-- lich, wie wenn sie einen feurigen Wein getrunken hätte; ein Gefühl der elastischen Jugend und tatenbegierigen Kraft,

Äh, wie wonnig, so dahinzuschreiten durch die freie, reine Lust der Höhen; hoch, hoch über beni törichten Men- scheutreiben da drunten! Da lagen sie noch alle im dumpfen Schlaf in stickiger Stubenluft und ahnten nichts von dem Glück, den krafterzeugenden Axther hier oben mit tiefem Zug zu schlürfen, sich den frischen Hauch der Höhe um die Schläfe wehen zu lassen.

(Fortsetzung folgt.)

Aus alten bersröder Ariegsrechnungen, besonders der 3*1795 bis 1815 und andere mündliche Erinnerungen aus dieser Zeit.

Von Lehrer Wolf- Bersrod, (Fortsetzung.)

Schon im Jahre 1794 wurden im Torfe Kricgssteuern gezahlt und zwar monatlich. Jeder Ortsbürger wurde je nach seinem Vermögen dazu herangezogen. Der Name des Besteuerten und sein Steuerbetrag standen in einer Liste, der Kontributionsliste., Eine beträchtliche Anzahl dieser Listen aus den Jahren 1793 bis 1803 sind noch vorhanden und unterliegen wie sämtliche alten Gemeindeakten der Ortsurkundenpflege, so daß sie nicht mehr ver« loren gehen. Die Listen sind alle von dem damaligen Gemeinschreiber und Gerichtsschösf Andreas Linucustruth gefer­tigt, der ein geistig geweckter Mann gewesen sein muß. In allen Gemeindeakten der damaligen Zeit begegnet man seinem schwung- voll geschriebenen Namen, den er später in Lindenstruth abänderte.. Mit der 'Kontributionsliste ging ein Mitglied des Gemeindcrats von Haus zu Haus, erhob die Steuer und quittierte durch einen meist mit rotemRiegelstein" gemachten Strich beim NamsN des Zahlenden. Für die ärmlichen Verhältnisse im Dorfe wär diese Steuer, der doch durchaus kein Aequivalent gegenüberstand, die man größtenteils für den Unterhalt, ja für das Wohlleben französischep Truppen zahlte, eine große und ärgerliche Last, denn man mußte darben, um den Feind zu sättigen, und der Abgaben an Geld und Naturalien an die Busecker Herrschaft waren es wahrlich auch genug. Gin einzigmal fand ich in der Rechnung eine Gegen« leistung der Bnsecker Herren, indem sie der Gemeinde zur Be­streitung der Kriegskostep. 3 ganze Kunden überwiesen» Sie