Ausgabe 
16.6.1913
 
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Sie saßen auf der Terrasse Mer dem See, in dein Forellen gezüchtet wurden, die aber von italienischen Arbeitern fast alle aufgegessen wurden, was Mrs. Kepsy beständig erregte.

Das Bewußtsein, daß unser Haus von verdächtigen Leuten umgeben ist, und daß nur wenige Meilen von hier, in Sing- Sing, Tausende von Verbrechern leben, von denen jeden Augen­blick einer davonlaufen und dann vielleicht sich in unser Haus einschleichen könnte macht mich- . . .

Noch nie hat sich jemand in das Haus geschlichen, das weiß ich," unterbrach sie ihr Gatte,und ich wäre eigentlich gar nicht abgeneigt, mir einmal einen Verbrecher in der Nähe anzusehen. Und ist es denn wirklich, ein Unglück, Vanny, daß wir hier niemanden kennen? Können wir wohl irgendwo glück­licher sein?" fuhr Fredy Kepsy fort. .Hier, ist es so still, so friedlich!"

Aber, wie zum Spott, wurde die Stille von den durch­dringenden Tönen einer Sirene unterbrochen. Es lag etwas Furchtbares, Anklagendes in diesen Tönen dann aber trat wieder tiefe Stille ein. Nach einigen Sekunden aber durch­schnitten wieder zwei scharfe Pfiffe die Luft, gleichsam als Ant­wort auf das Signal. Und dann ertönte wieder die Sirene, befehlend, eindringlich, schrecklich, wie ein Schrer lang unter­drückter Wut.

Mein Gott! Was kann das bedeuten?" rief Fredy.

Aus dem Hanse kam der Hofmeister und sagte in demselben Tone, in dein er sonst meldete, daß das Diner serviert sei:

Aus Sing-Sing ist ein Verbrecher entflohen, Sir. Ich dachte, Sie würden vielleicht das Signal nicht verstehen, und für Mrs. Kepsy wäre es besser, ins Hans zu gehen."

Warum?" fragte Vanny.

Das Haus steht so nahe an der Straße," erklärte höflich der Haushofmeister,und hier sind so viele Bäume und Sträucher .... voriges Jahr versteckten sich hier zwei und wurden auch hier von den Aufsehern ergriffen."

Fredy nahm den Arm seiner Frau.

Es ist Zeit, sich zum Tiner anzulleiden, Vanny," sagte er.

Und was wirst du machen?"

Ich werde hier meine Zigarre zu Ende rauchen, was nicht lange dauern wird. Geh nur, ich komme sofort auch ins Haus."

Wer Vanny zögerte noch, denn jetzt ertönte wieder der schreckliche Schrei, als wolle er alles durchdringen. Vanny er­bebte und hielt sich die Ohren zu.

Oh, möchten sie doch aufhören! Wenn der Verbrecher doch entkäme!" murmelte sie, und ging ins Haus.

Fredy rückte den Korbsessel näher an das Gitter. Der Mond beleuchtete die Gipfel der Bäume, und alles warf eigentüm­liche Schatten. Fredy sah unverwandt auf den See. Hier irgend­wo in der Nähe verbarg sich der Verbrecher vielleicht ein Mörder ünd das Gefängnis, das er verlassen, verkündete mit schrecklichen Schreien sein Recht auf ihü, auf sein Leben. Alle hörten diese Erklärung: die Farmer, die ihr Vieh auf den Weiden hatten, die Menschen, die beim Scheine verschiedenfarbiger Lämpchen im Garten des Klubs saßen, die Städter, die in ihren prachtvollen Automobilen auf der Straße nach Albany spazieren fuhren. Wohin sich der Verbrecher auch wenden würde, immer würde ihn dieser Ton verfolgen, der seine Rückkehr for­derte, der in jedem den Wunsch erweckte, an dieser schrecklichen Menschenjagd teilzunehmen.Findet ihn!" schrie 'die Sirene, er ist "hier. Er hat sich hier verborgen. Dieser Schatten ist sein Schatten. Hört ihr nicht das Laub unter seinen Füßen rascheln? Haltet ihn! Denn er ist mein!"

Aber dort, hinter den grauen Mauern, woher die Sirene tönte, verwünschten Tausende ihre Töne. Dort zitterte jeder vor Freude und drückte sich an das Eisengitter und sürchtete den wiederzusehen, der so teuer den Augenblick der Freiheit be­zahlen würde, wenn man ihn festbekam.

-Alle Gedanken Fredy Kepsys waren bei dem Sträfling. Wenn nun dieser Mensch jetzt vor ihm erschiene und ihn um Hilfe bitten lvürde, was würde er wohl tun? Wer er wußte ja ganz genau, was er machen würde, und überlegte nur, wie er ihm helfen könnte.

Die ethische Seite dieser Frage berührte Fredy nicht, und an seine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, dachte er nicht. Er erinnerte sich nur, daß man ihm gesagt hatte, es fei von sechstausend nur einem Menschen gelungen, aus Sing- Sing ju_ flüchten, ohne wieder ergriffen worden zu sein, und deshalb sah Fredy auf diese Flucht auch als Sportsmann. Ein Mensch, der so viele Hindernisse überwand, erregte seine Be­wunderung.

Nachdem Fredy fest entschlossen war, dem Verbrecher zu helfen, dachte er darüber nach, was er wohl an dessen Stelle machen würde. Natürlich würde er zuerst versuchen, sich seiner ver­räterischen Kleidung zu entledigen. Aber ein Mensch ganz ohne Kleidung würde vielleicht noch mehr Mißtrauen erwecken, als der grau» und rotgestreifte Sträflingsanzug. Aber woher einen Anzug bekommen? Er könnte ihn von einem Vorübergehenden nehmen, wenn dieser nicht davonlief oder sich stärker als er §cwies. Er konnte auch durch Drohungen von einem Farmer Kleidung erhalten....

Mer nicht etue dieser Ideen befriedigte Fredy. Wahren« br.Nch. diese Frage immer wieder vorlegte, trat aus dem Ge- bu,ch ein nackter Mensch er war nicht vollständig nackt, da flch mit einem Stück Zeug zu drapieren, in dem Fredy chas Segeltuch semes Bootes erkannte. Aber außerdem hatte, der Mensch Nichts an. Er schien ungefähr in gleichem Alter mit Fredy zu fein, sein Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht glatt rasiert Das Wasser tropfte von ihm, und er Zitterte vor Kalte und vor Angst.

Fredy war erstaunt, daß er sich über das Kommen dieses Menicheii gar nicht verwunderte, ihm schien cs, als hätte er die ganze Zeit auf ihn gewartet. Er fürchtete nur zweierlei: daß seine Frau kommen könnte oder daß dieser Mensch, der doch von seinen freundlichen Absichten wußte, ihn ermorden wurde. Aber der Mensch rührte sich nicht von der Stelle, und sie sahen sich lchweigend an. Endlich, sich bemühend seine Stimme fester klingen zu machen, sagte der Fremde, dessen Zähne auf» cinanderschlugen:

ar la^ete in Ihrem See und sie sie stahlen mir meine Kleider. Daher erscheine ich so."

Fredy ärgerte sich. Wie einfach und prosaisch erschienen ihm alle semc Ideen, sich der Kleidung zu entledigen. Wer wenn er innerlich ihm Beifall zollte, äußerlich niußte er zeigen, daß er nicht so leicht zu täuschen war.Der Abend ist eigentlich etwas kühl, um zu baden," sagte er. Ein Anfall von Schüttelfrost zeigte deutlicher als Worte, daß der Verbrecher über diesen Punkt mit ihm einer Meinung war.

Es galt eine Wette."

, sagte Fredy, immer entzückter von der Phantasie

des Flüchtlings. .Also Sie sind nicht allein?"

Jetzt bin ich allein der Teufel hole die anderen," sagte der Mann im Segeltuch.Wir sahen von der Straße, wie Sie hier mit einer Dame saßen, das Licht aus den Fenstern fiel auf Sie, und da wetteten sie, daß ich nicht wagen würde, in Ihrer Gegenwart über den See zu schwimmen. Wer alles war von ihnen verabredet, denn vom Wasser aus sah ich, wie sie meine Kleider ergriffen, und als ich das Ufer erreichte, waren sie mit dem Automobil verschwunden."

Fredy lächelte aufmunternd.Also Sie fuhren bei Mond­schein spazieren?"

, Der Fremde nickte bestätigend. Er wollte etwas sagen, da ertönte aber wieder das furchtbare Geheul der Sirene. Der Flüchtling stieß einen .Fluch aus und versuchte, sich fester in das Segeltuch zu Hullen, seine ünruhigen, flehenden Augen sahen auf 'Fredy.

Könnten Sie mir keine Kleidung geben?" fragte er.Nur für heute bann sende ich sie Ihnen zurück. Ich wohne hier in der Nähe."

, Fredy erbebte und sah ihn durchdringend an. Unter diesem Blick wurde der junge Mann befangen und fuhr schon weniger sicher fort:

Ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie mir nicht glauben, aber ich wohne wirklich nicht weit von hier und mich kennen hier alle; vielleicht haben Sie in den Zeitungen von mir gelesen... Mein Name ist Vanworden. . . Sie haben wohl von mir ge­hört . . . Harry Vanworden." >

. Auf dem Gesicht Fredys erschien ein gütiges Lächeln voll Mitgefühl, und er fühlte, daß er nicht imstande war, weitere Erfindungen seines Gastes zu erzwingen.

Mem Lieber Sie sind mehr als Banworden Sie sind ein Genie." Er erhob sich mit einer einladenden Bewe­gung ihm zu folgen.Hier z!u bleiben, ist nicht ganz ungefährlich für uns beide," sagte er,kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen Kleidung geben und werde Sie dorthin schicken, wohin Sie zu fahren wünschen."

Er wandte sich um und fügte leise hinzu:Lassen Sie aber einmal von sich hören... ein Mensch mit Ihren Ner­ven interessiert mich."

Tie Tür aus der Bibliothek führte in ein kleines Zimmer, in dem sich Mäntel, Jacken und alles befand, was man für Croguct, Golf, Automobilfahrten und Segelsport gebrauchte. Nachf- dem er sich überall vorsichtig umgesehen hatte, ob nicht Diener­schaft in der Nähe sei, trat Fredy auf den Fußspitzen in das Zim­mer und zündete das elektrische Licht art. Ihm folgte der Manw int Segeltuch, hinter sich einen langen nassen Streifen lassend. Fredy zeigte auf die Kleider.

Ziehen Sie den Automobilmantel an, ich werde gehen und alles holen, !vas Sie brauchen. Sollte jedoch jemand von der Dienerschaft kommen, verlieren Sie nicht den Kopf, sagen Sie, Sie warten auf mich, Mr. Kepsy, ich bin gleich wieder ba,"

Oben in seinem Zimmer nahm Fredy aus seinem Schrank eintit blauen Anzug, ein Tennishemd, Stiefel und eine Krawatte. Tann nahm et ans seinem Schreibtisch hundert Dollar und steckte das Geld in die Tasche der Hose, die für den Flüchtling bestimmt war. Er lief rasch mit den Sachen die Treppe hinab, öffnete die Tür des Zimmers und reichte dem Fremden die Sachen.

Kommen Sie nicht heraus, bevor ich nicht anklvpfe, und auf keinen Fall, bevor Sie vollständig angekleidet sind."

Fredy klittgelte Greedlh und befahl das Automobil, er wolle in einigen Minuten ausfahren. Ms der Hausmeister gegangen war.