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In breiten Reihen gingen sie vor. Werner, der von Wintzer getrennt worden war, sprang wieder in dessen Nähe rind dann dicht an seine Seite. Ein Hagel von feind- ichen Geschossen fiel über sie her, aber die Franzosen chossen schlecht. In der Nähe der beiden Freunde fiel vorerst 'einer, nur Erbstücke und kleines Gestein, von den Kugeln aufgewühlt, sprangen ihnen in das Gesicht. Da kam ein Sausen durch die Luft, schrill und pfeifend, und daun fuhr, zehn Schritt von ihnen, ein Rieseuklumpen in die Erde, und ein Loch starrte ihnen entgegen, und ein Hagel Von Erdfetzen und Steinen überflutete sie, dann ein Krach, :--ein wildes Feuersprühen, eilt gräßliches Schreien aus
einem Dutzend Männerkehlen und dann blutige Flecke auf der grünen Heide.
„Vorwärts! — Vorwärts!!" ertönte es aus den Hintern Reihen. Und maschinenmäßig, ohne Willen des Geistess, schritten sie weiter, noch erfüllt von dem, was sie vor wenigen Augenblicken geschaut hatten. Werner blickte sich scheu unr und rannte dann vorwärts. Er wagte nicht, nach links zu schauen, wo vorhin der Freund noch marschierte, er wagte es nicht. Wenn er nicht mehr da war, der Freund, — wenn er mit dort "lag, im Blute sich wälzend und zerrissen wie die andern! — Wenn er . . .
„Werner!" ertönte da eine Stimme an seiner Seite, schwach und heiser. Werner nickte nur und vermied, den Freund anzusehen, als fürchte er, daß der andre sehen könne, was seine Seele erfaßt. Aber er atmete auf, ihm war es jetzt freier und Wohler, da die ersten Geschosse ihm den liebsten Freund noch gelassen hatten.
Und nun lagen sie im Lehm. Eine Lerche flatterte scheu und iah gen Himmel, aber das war kein Morgengesang, lieblich und schön, der.ihrer Kehle entströmte. Und wieder fuhr eine feurige Kugel in die Erde und wühlte und mordete, und jetzt tauchten drüben am Feldrain Kohlköpfe auf, eine lange, lange Reihe, und dahinter wieder welche und noch mehr.
„Feuern! Feuern !" kamen die Befehle von allen Seiten.
„Wer wohin denn?"
„Auf chen denn?"
„Zum Teufel, wohin Ihr wollt! Aber trefft, trefft, Kameraden!"
Und die Kohlköpfe drüben wuchsen und wuchsen und und trugen jetzt eine glänzende Kappe und bekamen Beine und liefen ihnen entgegen.
„Auf, haut sie, — Kinder, haut sie!" lief ein Befehl eines humorvollen Offiziers durch die Reihen, und nun ging ein Rennen los, ein Rennen!
„Was stolpert Ihr denn? — Zum Kuckuck, seht Ihr denn die Gräben nicht?" rief Werner von Altenlohe. — Wer da traf ihn ein Mick eines Gestolperten, ein Blick aus brechendem.Auge, und er wußte, den hat der Tod zu Fall Mracht. —
Und jetzt hieb ihm eine unsichtbare Hand den Helm vom Kohf, aber er achtete dessen nicht. Dann wurde ihm warm Und heiß auf der Stirn und Wange; er griff hin und hatte eine blutige Hand. Da lachte er auf und nickte dem Freunde hu, der Noch immer, den Blick starr vorwärts gerichtet, an seiner Seite rannte.
Jetzt sagte Wintzer etwas, aber der Geschützdonner fraß seins Worte auf und das Pfeifen der Flintenkugeln klang wie schrilles Höhngelächter. Nun waren sie dem Feinde ganz nahe, nicht hundert Schritt mehr, so daß sie die Gesichter erkennen konnten.
Sie blieben stehen, erschöpft und breitbeinig, und holten Atem und luden ihre Flinten wieder und schossen abermals in die Reihen der Feinde. Hann sprangen sie vor und schrien in Kampfgier, und die drüben kamen ihnen entgegen und schossen und schossen.
’ ,M)as verfluchte Laden!" schrie Werner und drehte ferne Flinte um, und seine Nachbarn taten dasselbe, und nun standen sie Brust an Brust und schlugen mit Keulen um sich und die zerschlagenen Knochen knirschten und krachertd barsten Menschenschädel, unb' wo noch eben frisches, pulsendes Leben stand, lag jetzt blutiger, grausiger Tod.
Der erste Sieg nach langer, langer Zeit! . — Und noch dazu gegen eine erdrückende Uebermacht. — Also geschehen am 5. April 1813 bei Möckern im Kreise Magdeburg..
6. Teil.
Am Abend desselben Tages sprengten drei Reiter in Heidehorst ein. Einer ritt nach dem Schloß, einer fragte nach dem Schultheiß und der dritte nach dem Pfarrer. Der erste, der in den Schloßhof einritt, fand im großen Hof einen Menschenhaufen. Sie schrien und zeigten nach dem Altan hin, auf dem ein junger Mann stand und anscheinend reden wollte, aber vor Lärm nicht zu Worte kam. Es war Linthardt von Altenlohe, der Erbjunker. Wie ein Einsiedler hatte er die letzten Wochen gelebt, kärglich und in steter Sorge. Sein Diener Anatole, der versucht hatte, im Dorfe für seinen Herrn und sich Nahrungsmittel ein- zutäufen, war mit Hohnlachen und Bedrohung abgewiesen worden und mußte nun alle Mei Tage in ein weit entferntes Dorf pilgern, wo niemand ihn und seinen Herrn kannte, um das Nötigste zu besorgen.
Linthardt lebte, einem Gefangenen gleich, auf seinen beiden Zimmern. Mit Frau von Bourgee und Toinette war er seit dem Abend seiner Ankunft nicht wieder zusammen-- gekommen. Durch Anatole hatte er den Damen mitteilen lassen, daß er ihre Besitzergreifung vom Schloß zu Unrecht geschehen betrachte und sie ersucht, Heidehorst zu verlassen. Aber Frau von Bourgee ließ erwidern, daß sie nicht daran denke, zu weichen, da sie oder vielmehr ihr im im Felde stehender Sohn Emil laut Testament und Eheklausel die rechtmäßigen Besitzer von Heidehorst seien. Es war also offene Feindschaft ausgebrochen. Linthardt hatte kein Mittel, die Damen aus dem Schloß zu bringen, wenn er nicht Gewalt brauchen wollte.
So lebten die beiden „Schloßbesitzer" nebeneinander in dem weiten, öden Hause; sie vermieden, sich zu begegnen, und erwarteten von der Zukunft, vor allem vom Ausfall des Krieges, Klärung der Dinge. In den Dorfbewohnern war aber die Empörung Und Erbitterung über des Erb- junkers Verrat an der vaterländischen Sache immer und immer gewachsen, angeschürt durch die Freunde der Nachbardörfer und umliegenden Herrensitze, nicht zuletzt auch durch die Freundschaftsaufsagen der adligen Herrschaften der Umgebung an die Familie Altenlohe, von denen freilich der alte Freiherr noch immer nichts wußte. Einige Hitzköpfe hatten sich durch ihre Begeisterung für die große vaterländische Sache soweit hinreißen lassen, zu versuchen, den Erbjnnker mit Gewalt zu zwingen, Schloß und Heimat zu verlassen. Der erbittertste Feind Linthardts war' der alte Hof- und Schloßschmied Johann Schwind, der wie Etzinger Invalide war und im Dorfe als hochgeachtete Persönlichkeit eine mächtige Stimme führte. Er sammelte seine Freunde um sich und rückte mit ihnen zwei Tage nach dem Gefecht bei Möckern in den Schloßhvf.
(Fortsetzung folgt.)
Der Mchüing.
Skizze von K. T e v i e.
Nach dem Englischen von Käte F r e l l e r (Kassel). ' . Nach der Hochzeit mietete Mr. Kepsy eine prachtvolle Billa m Skarbor am Hudson. Das Haus war mit großem Luxus ausgestattet, und Mr. Kepsy mietet es mit allen Möbeln und einem Teil der Dienerschaft. Die Villa stand auf einer Anhöhe, von drer Seiten durch einen großen Park umgeben, dessen Hauptretz em See war. Hinter der Villa führte die große Landstraße nach Albany.
Das junge Paar war vollständig fremd in Skarbor — sie rannten niemanden, und niemand kannte sie, d. h. es wäre richtiger zu sagen, sie kannten die Familie Banworden nicht, und wenn man in Skarbor wohnte und die Vanwordens nicht kannte, so existierte man für Skarbor überhaupt nicht. Schon seit der Zeit Henry Hudsons lag das Besitztum der Vauworden am Fluße, und seit dieser Zeit sahen auch alle Vauwordeu auf widere Sterbliche vyn oben herab, ausgenommen vielleicht Harry Banworden, der etgentlich nur im Turfklub von New York lMe. Die Zeitungen berichteten fast täglich von ihm. Entweder hatte er es nut dem Gericht zu tun, wegen zu schnellem Fahrest fttu (erneut Automobil, oder sie berichteten von seinen gefähr- lichen Jagden oder seinen Siegen im Polospiel.
. , „Wie gut wäre es, wenn du auch Jäger wärst, oder anstatt Golf, Polo frieren könntest," sagte Mrs. Kepsy, die sich zu langweilen anstng, „du könntest dich seinen Schwestern vor- tzellen, und wir wären gleich mit allen hier bekannt.."


