Ausgabe 
16.4.1913
 
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Stoau Walburga war keine geizige Natur; im Gegenteil, fit gab und schenkte gern. Aber sie wollte auch, daß, man sich ihr zur Dankbarkeit verpflichtet fühlte, daß sie in ihrer ganzen Umgebung als Gönnerin angesehen wurde.

Gerade weil Hildegard sich ihr zu wenig unterordnete, gefiel ihr der Gedanke, die Widerborstige durch eine Herrat mit einem armer: Offizier in eine abhängige Stellung zu bringen, in der sie sich inmrerfort bervußt bleiben müßte, wieviel Dank sie der Großmutter, der Familie schuldig Ware.

So war Walburga nicht abgeneigt, ein wenig zu kuppeln. ,

Ter Leutnant machte seinen Besuch mw wurde emgemden. Aber Hildegard durchschaute noch während des Abend­essens den Plan der Großmutter. Daß überhaupt ein Frem­der in der: Verwandtenkreis- hiueingezogeu iwr,be, war ja schon auffällig genug, dazu dieses prüfende, neugierige Interesse, das die alte Frau an ihrer Unterhaltung mit dem Tischnachbar verriet.

Sie hatte eine Weile ganz lebhaft und freundlich mit dem Offizier geplaudert. Sobald sie sich klar gemacht, wel­cher: Zweck sein Hiersein hatte, änderte sie ihren Ton und ward schnippisch und kürz angebunden gegen ihn.

Leutnant Schmidt, der bisher sehr zufrieden mit sich und seiner Nachbarin gewesen war, mußte sich zum ersten Mal den Kopf zerbrechen, was er nun reden sollte. Er wollte natürlich dem Fräulein etwas Angenehmes sagen, sich bei Hildegard einschmeicheln, als er höflich bemerkte:

Ach, Sie glauben gar nicht, wie wohl es einen: jungen Wann tut, daß er in diesem Kreise so häusliche junge Mädchen antrifft. Sie sind leider recht selten geworden."

(Was verstehen Sie unter häuslich, Herr Leutnant? Daß wir immer zu Hanse sitzen und nichts tun?" fragte Hildegard lachend. '

Aber ich bitte Sie, gnädiges* 1 Fräulein. Sie beschäf­tigen sich doch alle so nützlich-, so echt weiblich in der Haus­wirtschaft, verstehen so viel von Dem; was einem Mäd­chen das wichtigste sein soll."

Glauben Sie doch nicht, daß wir uns beschäftigen. Nein! Weder ich noch die andern. In allen den Familien unserer Verwandten sind eine Köchin und ein Stuben­mädchen, bei manchen auch noch ein Diener. Die Mamas nehmen sich mit ausschließlichem Interesse des Haushaltes an. Wir sind dabei gänzlich überflüssig."

Aber der ganze Geist des Hauses, die Erziehung! Es würde doch keiner von Ihnen einfallen, einen Berns wu ergreifen, zu studieren! Ich muß gestehew , mein gnä­diges Fräulein, vor einer Malerin oder gar einer Stu­dentin, da gerät meine Galanterie ins Wanken. So eine Emanzipierte ist mir gräßlich. Den Kurzhaarigen gehe ich in einem weiten Bogen aus dem Wege.

Die Bedauernswerte::!" lachte Hildegard spöttisch. Dieses Mißgeschick müssen Sie wohl tragen lernen. Ja, ich gestehe, daß. ich. aus die Gefahr hin, auch von Ihnen in Acht und Bann -getan zu werden, jede Malerin, jede Studentin, überhaupt jedes Mädchen, das eine ernste Ar­beit hat, ganz unsagbar beneide. Ich wollte ich dürfte stu­dieren !"

Der Offizier schüttelte mit drolligem Entsetzen den Kopf Und schlug die Hände ineinander:

Nein! Wer gnädiges Fräulein! Nein, so etwas! Diese Bemerkung hätte ich wahrlich nicht von ihnen erwartet. Ich würde sie gar nicht glauben, wenn ich sie nicht selbst von Ihnen gehört hätte."

Die Großmutter, die ihre Augen unablässig auf das Paar gerichtet hielt, denn der neben ihr sitzende Stifts­propst war so mit Essen beschäftigt, daß, er nicht viel Zeit Mm Reden hatte, bemerkte die erschreckte Bewegung des Of^iers und rief' bei einer allgemeinen Pause über den Herr Leutnant Schmidt, was sagte dem: die Hildegard, was Sie gar so auseinander bringt?"

O, ich habe nur meiner Abneigung gegen Malerinnen, Studentinnen usw. Ausdruck gegeben, und da behauptete das junge Fräulein, sie sei durchaus nicht meiner Mei­nung, sie möchte sogar selbst studieren!"

Das war nicht :hr Ernst," erwiderte die Großmutter mit lauter Stimme.In unserer Familie gibt es feine emanzipierten Frauenzimmer, da dürfe:: Sie ganz ruhig fein! Wir ärgern uns alle über die neumodischen Faxen, und die Hildegard macht bloß Spaß mit so einem dummen Gered."

Das junge Mädchen war dunkelrot geworden. Einen Moment zögerte sie; dann hob sie mutig den Kopf unbi entgegnete mit trotzigen Augen: (

Nein, Großmutter! Ich habe nur Festigt, was ich denke! Es war kein Spaß, sondern mein voller Ernst. Ich habe unbegrenzten Respekt vor den Mädchen, die etwas lernen und anstreben, vor allen, die sich selbst ihr Leben ver­dienen, vor allen, die nicht so nutzlos in den Tag hinein­leben wie ich!"

Einen Moment saß alles mit verblüfften Mienen da, als wäre in dem Zimmer eine Bombe geplatzt.

Adolf Bernhobler sah aus, als müßte ihn in: nächsten Moment der Schlag treffen.

Ein offener, kecker Widerspruch gegen die Großmutter' an ihrem eigenen Tisch, an ihren: Namenstag! Das war einfach unerhört!

Dann wurde die bisher so schleppende Unterhaltung mit einem Male belebt. Alles redete, alle waren entrüstet und ereiferten sich über Hildegards Ungezogenheit und über! ihre verdrehten Ideen.

Auf Frauen und Mädchen, die sich selbst Geld ver­dienen mußten, schauten sämtliche Bernhoblers, jung und alt, mit geringschätzendem Mitleid herab,Notige Lent' halt", eine Menfchenklasse tief unter ihnen.

Baron von Flassan, der am reb-^getoanbteften war, sprach mit erhobener Stimme über die edle Weiblichkeit, die durch solche emanzipierten Gelüste ihres schönsten Zaubers be­raubt werde, über die Zerrüttung der heiligsten Familien-, bände durch derartig zerfetzende moderne Einflüsse.

Man stimmte ihm lebhaft zu.

Nur feine Frau blickte ihn mit einem bitteren Lächeln an, mit einen: düsteren Blick, der zu sagen schien:Du, wagst es, alle diese schönen Phrasen in den Mund zu! nehmen?" Aber sie schwieg. Sie war so gewöhnt, zu schwei­gen. Nur der schmerzliche Zug um ihre Lippen sprach von traurigen Erfahrungen und in ihren schönen dunklen Augen lag ein Ausdruck stolz getragenen Leids.

Teilnahmsvoll schaute sie auf die junge Nichte, die eine eigene Meinung zu haben fragte, die nun mit zornigen! Blicken, mit allgemeiner Entrüstung gestraft wurde.

Zum Glück für Hildegard-, der diese letzten Minuten, während sie die Zielscheibe aller Augen war, zur Marter wurden, zur großen Erleichterung für bei: Leutnant, der natürlich bereute, diese Szene herbeigeführt zu haben, stand! man nun bald von: Tische auf.

Gustavs rotwangige Töchter spielten vierhändig und fangen Duette, ein junger Herr kratzte auf der Violine,i wohlgemeinte Hausmusik, die um so mehr auf Beifall rech­nen durfte, als sie keine altzu. seinen Ohren beleidigte und die mühsamen Stunden nach den: Essen, wahrend alle noch! träger und redefauler waren als sonst, hinbringen half.

Baron von Flassan hatte einige Male mit heimlicher Ungeduld nach der Uhr geblickt.

Er schien auszuatmen, als endlich der Wagen gemeldet wurde.

Nun gab es einen allgemeinen Aufbruch.

Als Hildegard der GroßmutterGute Nacht" jagte,- zog die alte Frau sie in eine Ecke und fuhr sie heftig an.

«Weißt, wenn's mir nicht um meine andern Gast' gtoefen wär', dann hätt' ich heut mit dir ein anderes Wörtl gerebt! Mach, daß du fortkornmft von meinem Tisch! hält' ich g'sagt, du frech's Ding! Du gehörst nicht zu uns herein. Du hättest schon so eine Malerin werden sol­len, mit kurze Haar, die Zigaretten raucht. Das liegt dir im Blut!"

(Fortsetzung folgt.)

hessische Truppen unter Napoleons Zahnen im Jahre 18J3.)

Von Dr. H. Bergör - Gießen.

I. Ausmarsch der Truppen und ihre Formierung im Feld.

(Von Januar bis Ende April 1813.)

Zu Beginn des Jahres 1812, da Napoleon seinen Kriegs^ zug nach Rußland plante, konnte Hessen-Darmstadt dem Protek­tor des Rheinbundes 7322 Mann Mr Verfügung stellen. Iw

*) Benutzt: AktendesHans-undStaatsarchivZ zu Darmstadt: Kriegsakten VIII., B. I. Nr. 13, Konv,

1 und 2.