Ausgabe 
16.4.1913
 
Einzelbild herunterladen

-B

EUMWW

-MAO

i .^£ fc- ^fifltiCjSE-SreRcZw'

Zwei Welten.

Roman von Emma Mer (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Michaela, die Fran des ältesten Bernhoblers, deS schweigsamen, aber seelenguten Emil, der mit seinem Bruder Gustav das väterliche Geschäft leitete, sah in der Tat tviie von Leioenschaft zerwühlt aus. Wer man hätte ihr bitterlich Unrecht getan, wenn man nach ihrem Gesicht auf eine be­wegte Vergangenheit geschlossen hätte, etwa hätte glauben wollen, daß heftige Liebesstürme über ihr Herz, hinweg­gebraust wären. Sie war eilte höchst tugendhafte, von kei­nerlei sündhafter Regung bewegte Frau. Nur der bestän­dige erbitterte Kampf, den sie mit ihren Dienstboten führte, Hatte die düsteren Schatten unter ihren Augen eingegraben, ihren Lippen den herben Zug ausgeprägt?

Ihr Mann war leidenschaftlicher Jäger, guter Fuß­gänger, und wenn es ihm daheim zu ungemütlich wurde, dann schlupfte er in seine Joppe, nahm Gewehr -oder Berg­stock und fuhr davon.

Ihr Sohn Anton, ein hochgewachsener, junger Mensch von dreiund-zwanzig Jahren, trat vollständig in die Fuß- tapfen des Vaters, nur daß er noch mehr Wildling und Naturmensch geworden war, sich auch nicht gern im Geschäft Halten ließ und übelster Laune war, wenn er, wie heute, einen schwarzen Rock anziehen und sich dem Zwang der Familie unterwerfen mußte, statt in der Kneipe zu sitzen vder sich mit Jägern umherzutreiben.

Gustav und seine behäbige Frau Fanny waren die lebenslustigen Bernhoblers. Sie lÄten ja auch nicht gesel­lig, aber sie hatten ein halbes Dutzend 'frischer Kinder Vier rotwangige Mädchen waren heute auch mitgekommen, und da sie keine der vielen Gelegenheiten vorübergehen ließen, bei denen sich nach altem Münchener Brauch ein Fest feiern läßt, so !var immer ein Vergnügen bei ihnen tos', undstets drehte sich der Braten am Spieß".

Das Ehepaar, das zuletzt ankam, fiel vollständig heraus gus dem Rahmen der übrigen Gesellschaft.

Walburgas einzige Tochter hatte sich vor einigen Jahren Mit dem Baron von Flassan verheiratet.

Sie war eine schöne, blasse, elegante Frau, die mit ihrer schlanken Gestalt, ihren ruhigen Bewegungen, mit ihren ernsten vornehmen Zügen wie eine Fürstin erschien neben den untersetzten, linkischen Brüdern und deren schlich­ten plumpen Gattinnen.

Ihr Manu hatte ein scharf geschnittenes, nicht un­interessantes Gesicht, aber seine fahle Hautfarbe, der ver­schleierte Blick, der blasierte Zug um seinen Mund, der Übertrieben elegante Anzug bei seinem krankhaften Aussehen Machten seine Erscheinung höchst unsympathisch.

Er war der einzige, von dem Frau Walburga sich ei» wenig einschüchtern ließ, dem sie nicht so herrisch gegenüber» zükreten wagte, als den übrigen.

Man merkte ihm deutlich genug an, wie zerstreut er war, während er sich mit seinen Schwägerinnen unterhielt welchen Zwang er sich antun mußte, um in die träge, hin- flüsternde Unterhaltung mit einzustimmen, die sich haupt­sächlich um das Geschäft, um Geldsorgen, um die Kinder, um die jeweiligen Dienstboten drehte.

Als sich auch der Ehrengast, der Herr Stiftspropst, ei» wohlbeleibter Herr, mit rotem, rundem Gesicht, noch ein­gefunden hatte, setzte man sich endlich zu Tisch.

Ein paar bescheidene Jünglinge, Patenttuder Fra» Walburgas waren neben die jungen Mädchen gesetzt worden, die schüchtern und wortkarg auf ihren Teller schauten und auf die an sie gestellten Fragen nur mit Ja oder Nein antworteten.

Hildegard hatte Leutnant Schmidt als Tischnachbarn! bekommen, der sich sichtlich bemühte, artig und liebenswür­dig gegen sie sein.

*

Da sie so wenig in Gesellschaft kam, war sie gar nicht verwöhnt mit Unterhaltung und sand die harmlosen Anek­doten und abgedroschenen Witze, die der Offizier erzählte^ noch ganz neu und erheiternd. Es war ja auch meistens so unbeschreiblich langweilig bei diesen Verwandteneinla- düngen, daß jede Abwechselung ihr willkommen war.

Allmählich fiel ihr aber auf, daß die Großmutter be­ständig zu ihr hinüberschaute, jede ihrer Bewegungen, ihr« Mienen beobachtete, diesmal eher in freundlicher, als i» kritischer Weise.

Die alte Frau hatte durchaus kein Talent zur Diplo­matie.

Bei einem der Kaffeenachmittage, bei denen ihre gute« Bekannten bei ihr saßen und über die schlechten Zeiten und über die bösen Menschen von heute loszogen, war auch einmal ein warmes Lob laut geworden -und zwar für den hübschen Leutnant Schmidt.

Frau Kleinmeier, eine entfernte ärmere Verwandte der Bernhoblers kannte ihn, er war ihr Zimmerherr, und sie hatte für ihn ein mütterliches Wohlwollen.

Er ist ein braver Mensch, wenn er auch nicht viel Geld Hat. Ich könnt ihn wirklich empfehlen, wenn Sie für ihn eine Partie wüßten. Er möchte so gern heiraten, natür­lich als Offizier muß er ja ein bißchen aus Vermögen schauen, aber das tun ja heutzutage die jungen Herren bereits alle. Ich glaube, er tät ein guter Ehemann werden, und er wär' sehr dankbar, wenn er in eine solche Familie hereinkäm'."

Die Großmutter war nun der Ansicht, daß es süv Hildegard Zeit sei, sich zu verheiraten. Für alle die Schrul­len, die das junge Mädchen im Kopf hatte, gab es nach ihrer Meinung kein besseres Heilmittel, als einen Mann, einen Haushalt und Kinder.