Ausgabe 
16.1.1913
 
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Darm weiß er offenbar nicht, was ich- uitb alle Welt weiß: daß dieses Fest Ihnen zu Ehren gegeben wird, Frau Meta, und daß es das Tauffest der Billa sein soll, dte Ihren Namen tragen wird! Eines aber weiß Niti sicher­lich daß die Gesellschaft eine sehr freie sein wird. Die Aristokratie hält sich diesmal ferne. Baronin Hösser, dre ehemalige Chansonette, rvird die Honneurs machen und Edith Torloui ihr dabei helfen. Der Prinz nennt das einenIntimen Zirkel"."

Münster blickte ernst vor sich hin. Dann'schloß er:

Ich weiß ganz gut, daß diese Mitteilungen ein Ver­rat an dem Prinzen sind, dem ich Nene, und ich werde morgen um meine Enthebung aus diesem Dienst bitten. Sagen aber mußte ich es Ihnen."

Metas Gesicht war so weiß geworden wie das Tuch, welches Frarr 'Lombard über den Tisch gebreitet. hatte. Mit unnatürlich weit geöffneten Augen starrte sie auf den Sprecher. Als er geendet hatte, rang es sich! seltsam klanglos voil ihren Lippen:

Ich danke Ihnen. Ich werde nicht hingeheu. Meine Selbstachtung wenigstens habe ich mir über all den Jammer hinaus gerettet, und die will ich behalten."

Sie wandte sich halb -ab, stützte den Kopf in beide Hände und schloß die Augen. So blieb sie regungslos.

Längst war die Sonne hinter den Tannen verschwnn- den und blaue Schatten lagerten unter den Bäumen des Waldes.

Der Steinachbach rauschte, uild irgendwo in der Ferne mischte sich der halbverwehte Gesang eines Hirten in das Glockengeläute des weidenden Wehes.

Münster hatte sich zurückgelehnt und blickte unverwandt nach dem lichter; Abendhimmel, der sich seltsam hell und klar von den dunklen Linien der Bergkonturen abhob. Güte Schar goldner Wölkchen zog wie leuchtende Schmetterlinge darüber hin. Dann wurden sie rosa und nun violett... im Westen glühte es noch einmal auf, purpurrot urid grell. Dann wurde alles grau. Die Schmetterlinge verschwam- men, die Berge wurden schwarz und scharf wie aus Metall geschnitten.

Und plötzlich bemerkte Münster, wie zwei große Tränen aus Metas geschloffenen Lidern quollen und langsam die blassen Wangen 'hinabkollerten.

Bestürzt, zum erstenmal int Leben völlig fassungslos, sprang er auf und ergriff ihre Hände.

Gnädige Frau ... Frau Meta... um Gotteswillen, Sie weinen! O, hätte ich das geahnt, ich hätte ge­schwiegen... ich..."

Sie schüttelte den Kopf, ohne ihrn ihre Hände zu ent­ziehen.

Nein," stammelte sie mit zuckenden Lippen,Sie sind ja mein Freund, der -einzige wahre, der immer klar urid offen zu mir war. Sie mußten es mir sagen. Und ich muß es Ihnen auch sagen, in dieser Stunde, daß Sie... Ihre Freundschaft... der -einzige Lichtstrahl in meinem armen Leben sind."

Unverwandt ruhten ihre Augen aufeinander, vergessen blieben ihre Hände in den feinigen liegen. Und ganz lang­sam stieg etwas Fremdes, unsäglich Süßes, Leuchtendes zwischen ihnen auf. Es griff nach! ihren Seelen und ver­schmolz sie zu einer. Es' löschte alles um sie herum aus, was nicht zu ihnen gehörte: Himmel und Erde, Vergangen­heit und Zukunft...

Ein seliges, selbstvergessenes Lächeln glitt von Metas Gesicht auf Münsters ernste Züge hinüber und verklärte sie, umhüllte sie beide, daß sie aussahen wie von seltsamem Glanze umflossen.

Dann fuhr Münster plötzlich zurück, als habe er einen Schlag erhalten. Ein paar Krähen toarett mit Gekreisch und Flügelschlag in den Tannen aufgeflattert und hatten die beiden da unten in der dämmernden Laube erweckt aus ihrem Traum.

Schrecken malte sich- aus ihren Gesichtern, das Lächeln war erstorben, der Glanz erloschen. Kalt und brutal grinste ihnen die Wirklichkeit entgegen.

Sie wagten nicht, einander anzusehen.

Münster legte ein Geldstück auf den Tisch und trat vor die Laube zu den. Pferden, die an einen Baum ge­bunden waren.

Es ist spät," sagte er schwer atmend,wir müssen Keim."

Dabei durchzuckte beide derselbe Gedanke.

Heim als ob einer von uns einHeim" hätte!"

Meta folgte ihm. Schweigend bestiegen sie die Pferde, riickten Frart Lombard, welche unter der Haustür stand urtd ihnen verwundert nachblickte, zu und- ritten, so rasch es der Weg erlaubte, abwärts.

Keiit Wort Untrbe gesprochen während des Rittes, bis die Lichter der Stadt vor ihnen auftauchten. Da sagte Münster rauh:Ich werde morgen noch um meine Ver­setzung einkommen. Bis dahin, wenn es unvermeidlich wäre, uns zu sehen, seien Sie barmherzig!"

Etwas in ihr bäumte sich wild auf unter seinen Worten.

Sei du barmherzig!" schrie es.Lasse mich uicht allein in dieser Wüste, nimm mich mit dir!"

Aber sie preßte die Lippen fest zusantmert und schwieg'.

Abends kniete sie nm Bett ihres Kindes ttnb stam­melte schluchzend, während unaufhaltsam Tränen ihr Gesicht überfluteten:O du... nun bist du mein alles aus Erden, mein Einziges... mein Letztes... mit Herzblut erkauftes Kind!"

VI.

Es war zwei Tage vor Weihnachten. Meta stand in dem groß eit Salon und putzte eine große Tanne für Kourad- chen. auf. Sie war noch schlanker und mädchenhafter ge­worden in den letzten Monaten. Jihre Schönheit hatte das Strahelnde verloren. Die Farben waren verblichen, ein weher Ausdruck lag über ihren Zügen wie kalter Reif über einer Sommerlandschaft.

Immer neue Kerzen holte sie aus dem Körbchen am Tisch, um sie auf die Zweige des Baumes zu verteilert.

Lichter! Nur recht viel Lichter! Vielleicht würden die ein Lächeln auf -die ausdruckslosen Züge "des Kiitdes locken. Wie damals int Frühling, als ein anderer es -auf. seinen Armen zu den blühenden Kerzen der Kastanien getragen hatte.

Nie wieder seit damals hatte das Kind gelächelt. Nie wieder war ein Laut über seine Lippen gekommen, wie sehr Meta sich auch mühte.

Aber vielleicht lag es daran, daß sie selber nicht rrtehr lächert konnte und froh sein. Kinder brauchen Licht und Wärme.

Lichter auf den Baum! Wachslichter wenigstens!...

Leise öffnete sich die Tür. Eine alte Frau, auf eilten Stock gestützt, trat mühselig -ein Frau Bettina. Sie war in zwei Jahren eine Greisin geworden. S.e betete viel und sprach in weinerlichem Tone. Sie g'itg langsam ein wie ein Licht, in dem der 'Docht zu Ende ist.

Für die Außenwelt besaß sie nur mehr wenig Interesse.

Ich bin heute gekommen, Meta," sagte sie, sich ans den Stuhl fallen lassend, den ihr die Schwiegertochter rasch hingerollt hatte.Am Heiligen Abend möchte ich am liebsten -allein in meinen vier Wänden bleiben."

O, Mama du willst nicht zu uns kommen?"

Meta blickte bestürzt drein. Sie hatte die Gegenwart der Schwiegermutter als erlösendes Moment betrachtet an diesem Abend. Nun sollte sie allein mit Niki und dem geistig toten Kinde...

Ach, bitte, komm doch!"

Nein, -es -geht nicht. Hier erinnert mich alles zu sehr an... nein, ich komme nicht."

Liebe Mama und ich? Du weißt, wie trostlos es ohne dich sein wird."

Die Alte rückte unruhig auf ihrem Stuhl herum. Sie wollte nichts wissen, nichts -hören. Sie konnte es nicht ändern, so wollte sie auch am liebsten nicht sehen, wie es hier stand.

Du mußt selber sehen, Ivie du fertig wirst," murmelte sie.Jeder muß mit seinem Schicksal selber fertig werden."

Meta preßte die Lippen bitter zusammen.

Das war die Liebe und das Verständnis, welches sie bei der -einzigen Verwandten fand!

Warum hast du Elfriede und Otto nicht eingeladen?" sagte Frau Bettina nach einer Pause.

Ich tat -es ja, aber' Tante Emma gibt sie nicht her, und ich kann ihr doch nicht sagen, wie notwendig mir die Kinder wären."

Dabei dachte sie -an jene Stunde, in der ihre Schwieger­mutter ihr nach dem Tode ihrer Eltern gesagt hatte:Nun erst ganz ist -deine Heimat in Herminenruhe."

(Fortsetzung folgt.)