Ausgabe 
16.1.1913
 
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Donnerstag, den 16. Januar

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Von Frühling zu Frühling.

Roman von Erich Ebenstein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Münster erzählte ihr von Konradchen, wie er gelacht und luf) gefreut hatte an den blühenden Kastanienkerzen.

Sofort verschwand der 'harte Zug aus ihrem Gesicht itnd das Blut schoß ihr in die bleichen Wangen.

Ist es wahr v, Herr von Münster... ist es wirk­lich wahr? Er hat gelacht? Und gejauchzt?"

Ja. Und cs war sehr liebliche wie er nach den Blüten griff mit seinen kleinen Patschhändchen."

Ein weiches Lächeln, das ihn unendlich rührte, spielte nm ihre Lippen. Dann richteten sich ihre dunklen 'Augen fast flehend auf Münster.

Sagen Sie mir ganz ehrlich die Wahrheit Sie, der Sie niemals lügen: Halten Sie das Kind für geistig tot?"

Nein! Ich glaube mit, daß es sich langsamer ent­wickelt als andere Kinder. Wenn es mein Kind wäre, würde ich auf jede Art versuchen, seine 'Psyche zu wecken durch äußere Eindrücke."

Wenn es Ihr Kind wäre," Meta nickte gedankenvoll, ja... das glaube ich wohl. Sie würden nicht..."

Sie ritt eine Weile stumm neben ihm her. Dann hob sie den Kopf.

Und was würden Sie tun? Welche Eindrücke würden Sie ihm vermitteln?"

Vor allern würde ich es ut andere Umgebung bringen. Warum gehen Sie nicht einmal nrit brat Kinde an die See? Es würde Ihnen allen gut tun. Ein stilles Plätz­chen an der blauen Adria die milde Luft, die Seebäder, die Sonne, die Unendlichkeit... das alles müßte beruhi­gend und doch zugleich anregend wirken. Auch für... Niki."

Ein bitteres Lächeln kräuselte ihre Lippen.

Ich wollte es. Aber er ist dagegen. Er findet alles nutzlos für das Kind."

Und... könnten Sie nicht allein mit Konradchen gehen? Wenn es Ihr Wunfch ist, würde Niki doch nichts dagegen haben?"

Meta antwortete lange nicht. Endlich sagte sie hart: Eben weil es mein Wunsch ist. Seit einiger Zeit macht es ihur Freude, das Gegenteil dessen zu tun, was ich wünsche. Bin ich hier, will er mich fort haben, und . will ich fort, dann verbietet er es mir ich habe viel verloren mit dem Tode meines Schwiegervaters. Alles!"

Das Hegerhaus kant in Sicht. Tannen wölbten sich über seinem altersgrauen Dach, die ersten Monatsrosen blühten eben auf in dem kleinen Gärtchen davor. In den

blanken, kleinen Fensterscheiben spiegelte sich- die Abend­sonne.

Meta hielt unwillkürlich ihr Pferd an.

Wie schön! Welcher Frieden!" sagte sie leise.

Nicht wahr? Ich wußte, daß es Ihnen gefallen würde. Dort, kommt auch schon die gute Frau Lombard paßt sie nicht in ihrer rundlichen, behäbigen Frische zu dem Ganzen?"

Ja. Der Frieden lacht aus ihren Augen. Glückliche Fran"

Etwas schnürte Münster plötzlich das Herz zusammen. Schweigend half er Meta vom Pferde.

Dann faßen sie rückwärts in der kleinen Bohnenlaube hinter dem Hause und tranken den Kaffee, den Frau Lom­bard bereitet hatte.

Sie sprachen wenig, jedes war mit seinen Gedanken vollauf beschäftigt. Bis plötzlich Münster, ohne Meta anzu­sehen, sagte:Haben Sie schon eine Einladung zu dem Feste bekommen, das Prinz Reinsperq in seiner neuen Villa geben will?"

Ja. Ich glaube, -es soll nächste Woche st-attfinden."

Und werden Sie hingehen?"

-Offen gestanden, habe ich keine besondere Lust." Meta blickte Münster voll ins Gesicht.Sie sind mein wahrer Freund vor Ihnen kann ich offen sprechen: Die Huldi­gungen des Prinzen haben einen Charakter angenommen in der letzten Saison, der inich verletzt. Vielleicht liegt es daran, daß ich in einfachen Kreisen aufwuchs, wo tn sittlicher Hinsicht alles klar war für manche leichtere Auffassung gewisser Dinge, wie sie in der großen Welt gang und gäbe ist, fehlt tpir das Verständnis" sie blickte verträumt in die Weite.Niki hat mir das -oft übel ge­nommen. Er nennt es kleinlich ... lächerlich."

Wie darf er das?" brauste Münster auf, während ihm das Blut zu Gesicht stieg.

Ohne auf ihn zu achten, fuhr Meta grübelnd fort:

Ich glaube nicht, daß ich kleinlich bin. Ich könnte ganz gut verstehen, wie irgend eine große Liebe einen hinansreißen könnte über alle Grenzen irdischer Moral. Aber dann müßte man sich stolz und offen zu ihr bekennen ... müßte den Mut haben, zu dulden um ihretwillen... aber dieses Fcige-stch-verkriecheu hinter falschem Schein, dieses heimlichechaugez les bames" diese anscheinend so yarm tosen Gespräche, hinter denen "sich so viel ilnlaüter- feit versteckt, jeden Moment bereit, hervorzubrechen oder sich zurückzuziehen, je nachdem der andere Teil sich zn den Andeutungen stellt... o, wie ich das hasse! Wie ich es hasse!"

Meta, preßte die Finger so fest zusammen, daß die seinen Knöchel ganz weiß wurden. Dann blickte sie Münster fragend an.

Warum fragten Sie mich wegen des Festes? Nein, ich habe gar keine Lust, aber mein Mann wünscht, daß wir gehen. Er nennt meine Bedenkew. Kindereien."