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das sagte der? das tat die? wobei er bann oft die seltsamsten Reden zitierte, so daß die Kinder über sein Mißverstehen laut lachten. Der verstorbene Sänger Haberkorn rief endlich: „Kerl, bist du verrückt oder taub?", worauf Beethoven kein Wort mehr sprach. —
So stehen wir bereits in der frühen Jugend des Meisters vor der Frage, ob diese Beobachtungeir schon mit seinem tragischen Verhängnis, dem schweren Gehörleiden und der schließlichen Taubheit, in Zusammenhang zu bringen sind.
Vie Weihnachtswunsche der Kinder.
Eine Charakterstudie von Maria v. M urzig.
Es wird Viel 'dagegen geeifert, daß Kinder ihre Weihnachts- Wünsche aufschreiben dürfen. — Man sagt, es mache die Kinder begehrlich, unbescheiden, anspruchsvoll, wenn mau sie zum Mittelpunkt macht und ihre Ideen wichtig nimmt.
Das halte ich für falsch.
Kinder müssen sich früh als Individualitäten fühlen lernen, und deshalb sind ihre Weihnachtswunschzettel ebenso viele Dokumente für die Entwicklung des höheren Jchs im Menschen.
Wer mit Kindern viel zu tun hat, wer sich in Kindersgelen hineinzudenken vermag, wer nicht nur der strenge Erzieher, die stocksteife Lehrerin mit dem Rohrstock, nicht nur die zum Ausgehen sein angezogene Mama spielt . . . wer nicht nur als Vater mal jede Woche wie die rächende Nemesis selber im' Kinderzimmer auf» tritt und Vergehen von vor acht Tagen mit fulminanten Reden und kräftigen Ohrfeigen straft, wer nicht bloß Bonbons in der Tasche und Küsse auf den Lippen für die „süßen Babies" hat, der oder die werden mir recht geben, daß es kaum etwas Reizvolleres gibt, als die Wünsche unverdorbener, guter Kinder zum Weihnachtsfest.
Drei oder vier Wochen vorm heiligen Abend, am Rhein meist mit St. Mklas, dem' 6. Dezember, wird den aufhorchcnden Kindern eröffnet, daß das liebe Christkindlein in höchsteigener Person, oder aber mindestens vertreten durch den Niklas und den Knecht Ruprecht, durch die Straßen gehe, nnb in b'.e dichtverhängten Fenster zu schauen vermöge, um zu scheu, ob die Kinder auch brav, folgsam und fleißig wären. — Wo das der Fall, dürften nun die Kinder ihre Wünsche aufschreiben und an einen bestimmten Platz in der Kinderstube legen.
Und nun sitzen sie, der neunjährige Bub, der schon an der Feder kaut, uikd der so gern noch ein Schaukelpferd oder eine Eisenbahn haben möchte, dessen „großes" Gewissen sich aber dagegen aufbäumt und ihm vorsagt . . . das ist wohl für das fünfjährige Fritzcheu, so lein großer Bub wünscht sich doch besser Bücher oder ein Flugzeug, ein richtiges, oder ein Zweirad, ober . . . einen Pony!
Zögernd setzt er diese Wünsche aufs Papier, aber daun koutmt doch der echte Junge durch und er schreibt den Nachsatz: aber, liebes Christkind, Zvenn das nicht augeht, daun bringe mir bitte doch lieber eine Schachtel Franzosen nnb eine Schachtel deutsche Marine. . . und wenn es geht, ein schönes Schiff, richtig zum Abtakeln und Bemannen, Mit drei Kanonen. Und das kleine dicke, drollige Schwesterchen bittet: Du, Karlchen, laß Lisa auch sreibm . . . und er muß ihr die kleinen Patschen halten und den Bleistift dazwischenklcmmteu, den sie ausgiebig beleckt, daß er auch „söhn fraz" schreibt, und diktiert dann wichtig: Lisa will eine große Zuckerdüte und eine Wachspuppe, ober ein „Taraterbaby" oder einen Puppenwagen. . . und .Gretchen, die schon ein großes Mädel ist, schreibt aus alter lieber Gewohnheit mit, Liebe Eltern, bitte schenkt mir doch eine Notenmappe zum heiligen. Christ und ein Paar Rollschuhe und ein Abonnement auf den Schwimmklub! Oder ein anderes: Ich möchte gern ein Sportkostüm, ganz, weiß, mit Mütze. Rodel- und Golfjacken, Hockey-Geräte, Fußbälle usw. spielen jetzt eine jgroße Rolle auf den Wunschzetteln, und die kleinen Mädel denken alle viel früher an einen Tennisschläger als an die vor 20 Jahren beliebte Balldame ober Brautpuppe!
Gewiß, es gibt Kinder, die nie zufrieden sind, die immer mit Neid nach dem Gabentisch der Geschtvister und Freunde sehe» . . . aber ba§ sind schlecht erzogene, krankte ober sonst irgendwie unnormale Kinder! Ein gutes Kind freut sich zuerst mal über die eigenen Geschenke nnb bann ebenso über hie ber Geschwister.
Wir hatten einen kleinen Jungen, der leider sehr früh wieder ins Jenseits gegangen ist, ber zog die kleineren Brüderchen erst an ihre Spielsachen und zeigte sie ihnen und sagte: „Guck, das ist alles deine!" Und wenn man ihm seine Sachen zeigte, lief er zuerst zu dem kleineren Bruder und sagte: „Aber deins auch!" — Das sind ja nun Ausnahmen von Selbstlosigkeit . . . aber ich glaube, wir können wohl unsere Kinder zu solcher Selbstlosigkeit erziehen.
Mache einem Kinde klar, daß dies oder jenes seiner Bekannten es nicht so gut hat wie er selbst, daß es schwach und krank ist, die Freude nicht kennt und vielleicht gar die liebenden Eltern entbehrt ..... nun, Ihr werdet sehen, wie das kleine Herz sich mit Mitleid und Hingabe füllt, und wie von selbst, ganz ohne unser Zutun, Idas Kind irgendeins seiner schönen Geschenke nimmt und leise fragt:
„Muttchen, darf ich das morgen ber kranken Minna . . . dem armen Peterle bringen?"
Wird da eine Mütter nein sagen? —
Gewiß nicht! Gott danken tvird sie, für ihr liebes Kind! —
Wie oft habe ich gesehen, daß Kinder zuerst nicht tmtßten, was sie wohl dem Christkindchen zu bringen anftragen möchten, nnb oft genügt ein hingeworfenes Wort, ein kleiner Wink, und reizende Studien können gemacht Werben.
Die kleinen Neidhammel und Geizkragen unter den Kindern werden gerade durch die Wunschzettel erziehlich beeinflußt, sie müssen sehen, daß sie ihren Willen nicht voll durchsetzen, daß sie nicht mehr bekommen, iöie die Geschwister, wenn auch ber Wunschzettel viel umfänglicher war. — Rührende Dokumente. . . und trübe Dokumente, — aber immer Charakterbilder sind diese Wunschzettel, und wer sie für überflüssig in ber mobernen Kinderstube hält, der sollte sich doch erst fragen: Sind sie es wirklich? Geben sie mir nicht eine besonders gute Handhabe, besonders kräftige Aufschlüsse über die Art und das Wesen meines Kindes, aus denen ich lernen kann, wie ich tes leiten, bilden, wohin ich es führeln muß, damit es glücklich und selbstlos — froh und gesund an Selb und Seele bleibe!
Ich glaube, in dieser.Hinsicht werden Sie mir recht geben, daß ber Wunschzettel einen ungeheuren ethischen Wert repräsentiert, auf den wir bei der Erziehung nicht genug Rücksicht nehmen können.
vüchsrtisch.
— Joseph Conrad, M i t den Augen des Westen S> Roman. Einzige berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von Ernst W. Günter. Mit einem Vorwort von Frank Savery. Umschlagzeichmmg von Wilhelm Schulz. Verlag von Albert Langen in München. Es ist ein russischer Roman, der mit einem düsteren Aufakt anhebt, der Ermordung des Ministers von P — worunter Herr von Plehve zu verstehen.ist. Der Held ist ein junger und strebsamer Student, Rasumoff mit Namen, der durch ein unglückliches Mißverständnis mit dem Mörder in Fühlung kommt. Dieser, ein überzeugter Anarchist, hat bei früheren, zufälligen Zusammenkünften Rasumoffs uninteressierte Ruhe für überlegte Verschlossenheit, sein indifferentes Schweigen für stumme Bejahung gehalten. Ans diesem tragischen Verkennen eines fremden Wesens baut sich wuchtig die Handlung auf. Rasumoff hat nicht den Mut, dem Mörder, der bei ihm Zuflucht sucht, die Türe zu weisen, willigt zunächst ein, ihm zur Flucht zu verhelfen, wird dann von einer Angst gepackt, die er .für Gewissensnot hält, und verrät seinen Gast. Damit ist fein Schicksal besiegelt. Rasumoff, ehrlich und anständig im Grunde, ist den ethischen Anforderungen dieser Situation doch nicht gewachsen und wird Spitzel im Dienste der Polizei.. Wie aber der Durchschnittsmensch Rasumoff an der unverschuldeten Tragik seines Erlebens über sich selbst hinauswächst, bis zu dem hohen Entschluß, freiwillig die Lüge feiner Existenz zu rühmen, das erst macht den Wert des Buches aus.
— Gustaf Janson: D i e Spekulation Costa Negra. Ein Abenteurerbuch. Verlag von Georg Merseburger in Leipzig. Wenn auch, die Abenteuer des jungen Kaufmannes, der uni geschäftlicher Interessen willen eine Revolution anzettelt, stellenweise ein wenig übertrieben und phantastisch sind, so ist das Buch doch spannend bis zur letzten Seite. Janson hat nicht nur eine ganze südamerikanische Republik, mit ihrer Bevölkerung und ^Regierung, ihrer Residenz, ihren Städten und Dörfern, ihrer Armee und Gesellschaft geschildert, sondern auch eine Revolution „gemacht", die alles.in diesem Staat auf den Kopf stellt. Der Leser könnte glauben, daß ber Autor diese ganze Serie von politischen, militärischen und großfinanziellen Unternehmungen in einer einzigen Explosion übermütigen Humors geschaffen habe, so nymter geht es in dieser scharfsinnig ausgedachten Märchenwelt zu. __
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In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aaaaacccg hhhlmmpprrrsstuu derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen folgendes bedeuten:
1. Einen Buchstaben.
2. Geographische Bezeichnung.
3. Ein Hausgerät.
4. Dramatische: Dichter.
5. Ein Gewicht.
(>. Ungarischen Ort.
7. Einen Buchstaben.
Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bersteckrätsels in voriger Nummer: Ein Sippe!! an die Furcht findet im deutschen Herzen niemals ein Echo.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lang^ Gießern


