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dann mußte Tommys Pferd direkt aus einer Kreuzung von Schildkröte mtb Schnecke herstammen.
Und der Kutscher Hatte tatsächlich recht! Nach einer Viertelstunde, die der Frau Professor wie eine Ewigkeit vorkam, drehte er sich um und deutete mit dem Peitschenstiel nach vorn. „Sehen Sic, Madam, >3 ist Tommy. Ich erkenne den Wagen unter Tausenden, weil dre .Laterne an der rechten Wägenseite ein grünes Licht hat. Das rote Glas ist ihm im vorigen Jahr zerbrochen, und der Glaser, der ein neues einsetzen sollte, war farbenblind und erwischte ein grünes. Komisch das, nicht? So eilte Krankheit, rot von grün nicht zu unterscheiden. Aber Tommy ist ein Hartkopf Md läßt das grüne Glas wo es ist, trotzdem ihm die-Polizei schon zweimal mit Strafen gedroht hat, weil die rote Farbe vorgeschrieben ist. Aber Tommy sagt immer, daß er auch farbenblind ist. Ern Schlaukopf der Tommy! Und deshalb erkennt man seine Droschke unter allen andern, besonders bei Nacht, wenn die Laternen brennen. Hüh, Lncie, mein Pferdchen." .
„Aber, wo fahreit wir denn hin?" jammerte Frau Aurelie. „Wir sind ja langst aus der Stadt heraus."
„Geht hier vielleicht der Weg nach dem Mars?" erkundigte sich Babette.
„Nach dem Mars?" Ter Kutscher lachte. „Nee, Fräuleinchen, der Weg geht auf der gn!dc,rn Seite, rechts uni die Ecke, Und Mars heißt die Kneipe auch nicht, sondern Mauch „Zur fidelen Maus". Schau, schau, das Lokal kennen Sie auch? Und Sie sehen doch so solide aus."' Er drohte schalkhaft mit der Peitsche, woraus sich Babette beleidigt und gekränkt in tiefes Schweigen hüllte.
„Da draußen irgendwo muß die Sternwarte sein," plauderte der schwatzhafte Kutscher weiter. „Ich war einmal mit einem Engländer draußen, der sich nur einen Tag bei uns aufhielt, und partout die Sternwarte sehen wollte. Komisch, was? Ich bin hier geboren, fahre seit dreißig Jahren auf dem Kutschbock Und habe nie gewußt, das; eine Sternwarte existiert. Ich habe ihnr gesagt, gnädiger Herr, wenn Sie ins Palais de^danse fahren wollen, oder in Moulin rouge oder „Zu den fidelen Schweinchen", da gehen alle die distinguierten Fremden hin, aber nein, ausgerechnet zur Sternwarte wollte er, tat! Ta sind wir schon."
Frau Aurelie sprang aus bent Wagen, eilte durch beit Vorgarten und erkletterte eine steile Wendeltreppe. Sie atmete auf, als sie oben die Stimme ihres Mannes hörte.
Bei ihrem Eintritt wandte sich der Professor um, und rief, ohne über ihr Kommen Erstaunen zn verraten: „Denke dir nur, Aurelie, Professor Sternenglanz hat gar nicht telephoniert. Jetzt möchte ich nur wissen, wer mich zum besten gehalten hat."
Schluchzend hing sie an seinem Halse. „Ach, Anton, weil ich dich nur gesund wieder habe!"
Nach vielen Entschuldigungen verabschiedeten sich die beiden von dem Astronomen. Inzwischen hatte Babette dein Kutscher das Geheimnis anvertraut, daß der Herr Professor vor lauter Stu- bieren übergeschnappt unb mitten in der Nacht fortgelaufen sei, um zu einem Stern hmaufzuklcttern. Ter Rossclenkcr nickte nachdenklich.
„Tas habe ich mir schon gedacht. Der Engländer damals war auch verrückt. Ich bitte Sie, welcher vernünftige Mensch fährt in der Nacht hier heraus, anstatt in Moulin rouge zu gehen ober ins „Fibele Schweinchen"?"
Als Frau Aurelie erschien, um mit dein Gatten in den Wagen zu steigen, beugte er sich vertraulich voin Kutschbock herab. „Madam, soll ich vielleicht gleich zum Narrenhaus fahren?"
„Wenn ich nur wüßte, wer sich diesen schlechten Scherz mit mir erlaubt hat?" tobte drinnen int Wagen der Professor. „Mich anzurufen und zu behaupten, es sei eine Botschaft vom Mars auf dem Wege der drahtlosen Telegraphie eingelaufen unb ich -solle sofort in die Sternwarte kommen. Tas Rätsel muß ich lösen, und wenn ich ein Jahr danach forschen sollte."
Aber das Rätsel war viel früher gelöst. Als die Drei daheim ankamen und die Tür öffneten, starrte ihnen in den Zimmern ein Chaos entgegen: die Schränke waren erbrochen, die. Kleider lagen auf dem Boden verstreut, das Geld und der.Schmuck fehlte. Frau Aurelie unb Babette rangen jammernd die Hände, der Herr Professor aber strahlte übers ganze Gesicht. „Ein Gaunerstreich also, um mich vom Hause fortzulocken! Fein ausgcdacht. Gott sei dank!"
„Gott sei dank, sagst du noch?" jammerte Frau Autelte. _
„Laß mich ausredcn, Liebste, Gott sei dank, daß ich das Rätsel gelöst habe, sonst hätte ich wahrhaftig die ganze Nacht nicht schlafen können. „
lind zufrieden und stillvergnügt kroch er wieder tns Bett.
vom jungen Beethoven.
Bei dem heutigen allgemeinen Interesse für psychologische Erkenntnisse dürften Mitteilungen über den jungen Beethoven willkommen fein, die ein Licht auf die Psyche des späteren Meisters werfen Dieser galt den Wienern im allgemeinen als ein Narr, besonders dem gewöhnlichen Volk; und auch von den Gebildeten und Musikverständigen waren manche von seiner Verrücktyett Überzeugt, als sie feine letzten genialen Werke hörten.
Wir sind heute in der Sage, das ganze Leben des Meisters an ber Hand eines neuen Werkes*) zu verfolgen, das endlich die schon seit Jahrzehnten gewünschte Sammlung der Erinnerungen an den Meister bringt. Dort finden wir auch Berichte aus Bect- hovens Jugendzeit, von denen wir unfern Lesern im Nachfolgenden einige mitteilen.
Ein Spielkamerad des kleinen Beethoven war der spätere Bäckermeister Gottfried Fischer in Bonn, j>er hochbetagt 1864 starb, vorher aber seine und seiner älteren Schwester Cäcilie Erinnerungen niederschrieb, die nun int Beethoveuhaus zu Bonn aufbewahrt werden. Kerst hat die schrullige Form der Fischerschen Erzählungen getreu beibehaiten, in denen wir z., B. folgendes lesen.
Es war ein Mensch mittlerer Jähre in Bonn, namens Stommb, der früher auch Musiker war und komponieren gelernt hatte. Er war dadurch, wie man sagte, irrsinnig geworden, hatte die Gewohnheit, durch die Stadt zu gehen, in der rechten Hand einen Taktschläger und in ber linken eine Rolle Noten; er redete kein Wort. Wenn er in die Rheinstraße Nr. 934 ins Hinterhaus! kam, wo keiner an ihn dachte, schlug er mit seinem Stock im Unterhaus auf den Tisch und wies nach oben auf Beethovens Wohnung, als wollte er zu verstehen geben, daß da auch Musiker wären, und schlug bann mit dem Taktschläger auf die Noten den Takt, redete fein Wort. ,
Ludwig van Beethoven lachte oft darüber, sagte mal: ^,Da können wir sehen, wie es den Musikern ergeht; dieser ist schort durch die Musik irre geworden. Wie mag cs uns noch,ergehen?"
Es scheint, als wenn es diesen unsinnigen Müsiker schon; geahnt hätte; wenn er dann herausging, auf der Straße war, bann wies er auf Beethövens Quartier und schlug mit bent. Taktschläger auf die Noten, ging fort. . .
Wenn das Sprichwort oft angenommen wird,, bte Stuber und die Gäckcn (rheinisch für Narren) beuten oft die Wahrheitj an, so könnte man denken (da er immer auf Beethoven hinwies), er hätte sagen wollen, daß Ludwig van Beethoven als ein großer Mann ausgehen werde, von dem iwch viel gesprochen werde.
Cäcilie Fischer war oft darüber aufgebracht, daß der Narr immer nur in dieses Haus kam und die Leute erschreckte.--
An einem frühen Sommermorgen hatte sich ans einem benachbarten Hof ein Hahn verflogen, hatte sich auf Fischers Hintergebäude auf das Dach niedergelassen, wo Ludwigs Vater und Mama schliefen, straßeuwärts.
Die drei Knaben schliefen nach dem Hofe zu, Subtotg hat den Hahn gleich gesehen. Die Fischerknaben schliefen auch nach dem Hofe zu, die hatten den Hahn auch gesehen, die sahen im stillen zu, wie sich der Spaß endigte. 1
Ludwig sagt: „Ter Hahn, das scheint mir ein junger fetter Reuter zu fein, der hat noch kleine Sporen. Sieh mal, sieh mal, wie sich uns der Hahn so geneigt empfiehlt! Wenn ich den erwischen könnte, wollte ich ihm bald den Takt schlagen."
Ludwig unb Kaspar kamen schleichend auf den Hof, lockten unb flattierten (schmeichelten) mit Brot den Hahn, bis sie ihn erwischt hatten. Da hielten sie ihm den Hals zu, daß er nicht schreien konnte, liefen herauf auf ihren Speicher und lachten. Nun hatten fie sich mit der Magd vermutlich vereinbart, daß sie den Hahn, wenn der Papa und die Mama herauswarcn, bann anrichteten.
Den andern Tag sagte der Haussohn Johann Fischer zn Ludwig: „Der Hahn muß auch Musiker getoorbeit fein; denn ich habe gehört, der Hahn hat Altstimme gesungen." — Sic lachten, Ludwig sagte: „Der Altstimme, wie er genug gebraten war, war ich auch bald müde. Aber du wirst gewiß nicht bent Papa ober der Manta was davon sagen, sonst müßten wir drei Jungen aus bent
Hause laufen gehen." „ . . .
Ter andere sagte: „O, was geht mich ber Hahn an, ber konnte in seinem Hof bleiben." Ludwig sagte, daß ehemals das Reckst gewesen, was einem am! Morgen stütz auf bett Hof geflogen sich einfinbet, könnte man mit Recht behalten. Das ist auch recht, bann sollen bie Leute ihr Vieh besser verwahren; denn durch Bteh können auch große Unglücker kommen. —- .
Ludwig van Beethoven war eines Morgens in seinem eajlaf» zimmer nach dem Hof zu und lag im Fenster, hatte den Ko« in beide Hände gelegt und sah ganz starr auf einen Fleck hin. Cäcilie Fischer kam über den Hof und sagte ihm: „Wie siehts aus, Ludwig?" erhielt keine Antwort. Nachher fragte sie ihn mal, was das bedeute? Keine Antwort ist auch Antwort. Er sagte: „O nein, das nicht, entschuldige mich, ich war da in einem so schönen tiefen Gedanken beschäftigt, da konnte ich mich gar nicht stören lassen/
Von dieser Zerstreutheit des werdenden Genies, dein in späteren Jahren aus diesem Grunde so ost der Vorwurf der Rücksichtslosigkeit unb des ungebildeten Benehmens, ja ber Verrücktheit gemacht wurde, hören wir noch in einem Bericht-, der von bemjefaunten Joh. Peter Lyser in der „Wiener Zeitschrift" vom 16. @ebt. 1845 veröffentlicht wurde. Kerst fand ihn im Jahnschen Nachlay in ber Kgl. Bibliothek zu Berlin. Dort lesen wir: Beethoven war als 17jähriger Jüngling eines Abends bei der Familie Sim rock, wo eine junge Anverwandte den Kindern Märchen erzählte. Beethoven saß mit vvrgerccktem Kopf, die Hände auf die Knie gestützt unb hörte zu, unterbrach aber oft bie Erzählerin, indem er fragte rote? was?
*) Die Erinnerungen au Beethoven. Gesammelt und herausgegeben von Friedrich Kerst. Zwei Bände mit sechs Bildbeigaben. Stuttgart 1913, Verlag von Julius Hofsmaim.


