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Abenteuer des Brigadier Gerard.
Von C. Doyle.
Wie bet Brigadier vorn. Teufel versucht wurde. (Fortsetzung.)
Der alte $ternenn und Berthier wälzten sich unter bem1 umgefallenen Tische auf dem Boden. Die'gelbe, inöcherne Hand des Hauptmanns hatte den Marschall am Hälfe gepackt, und des letzteren Gesicht war bereits ganz verfärbt, seine Augen weit aus ihren Höhlen getreten. Tremeau aber war fast von Sinnen vor Wut; der Schaum stand ihm vor dein Munde, und seine Züge irrigen einen Ausdruck, der mich erschreckte. Ja, ich bin der festen Ueberzengung, hätten wir seine Finger nicht einzeln von ihrem Opfer gelöst, sie hätten nicht abgelassen, bis der Marschall den letzten Atemzug getan. Nun stand er auf und schrie: „Der Teufel hat mich in Versuchung geflihrt, ja, ja, der Teufel hat mich in Versuchung geführt!"
Berthier lehnte fidji an die Wand, hielt sich den Hals und wendete den Kopf vor Schmerzen hin und her.
Nachdem so einige Minuten verstrichen waren, wurde der schwere, blaue Vorhang hinter Berthiers Stuhl zur Seite geschoben — und der Kaiser trat hervor. Wie der Blitz stellten wir drei alten Soldaten uns auf, um zu salutieren, und doch wußten wir nicht, ob wir wachten oder träumten, und wagten nicht, unseren Äugen zu trauen. Napoleon trug die grüne Uniform der Jäger und hatte die kleine Reitgerte mit dem silbernen Knopf in der Hand. Er blickte uns der Reihe nach mit jenem furchtbaren Lächeln an, an welchem weder die Augen noch die Stirn Teil hatten — und jeden von uns überrieselte wohl bei diesem Anblick ein kleiner Schauer. Dann schritt er zu Berthier hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Zürnen Sie diesen Schlägen nicht, lieber Fürst, fie_ ehren Sie." Jetzt hatte sein ganzes Wesen etwas unendlich Sanftes und Einschmeichelndes an sich. Habe ich doch niemonb gekannt, der unserer Sprache einen so bestrickenden Wohllaut verleihen konnte, aber auch niemand wiederum, in dessen Munde sie härter und schrecklicher geklungen hätte.
„Ich glaube, er würde mich getötet haben!" klagte Berthier, immer noch, den Kopf hin- und herwiegend.
„Nein, ich wäre Ihnen schon zu Hilfe gekommen, wenn diese Offiziere Sie nicht gehört hätten. Hoffentlich sind Sie nicht ernstlich verletzt!"
In diesen Morten lag 'ein Ton der Besorgnis; denn er Hatte Berthier wirklich gern, lieber vielleicht, als irgend einen anderen, ausgenommen wohl meinen armen Freund Duroc.
Berthier lachte gezwungen auf.
„'s war mir etwas Neues, Beleidigungen von. der Hand eines Franzosen zu empfangen."
„Und doch geschah cs im Dienste Frankreichs," begütigte der Kaiser. Nun wendete er sich! zu uns und faßte den alten Tremeau am Ohr. „Eh, alter Brummbär," sagte er zu ihm, „sind doch mit mir in Aegypten gewesen und haben fid), bei Marengo Ihr Ehrenschwert geholt! ~ Im ja, lieber Freund, kenne Sie recht wohl! So, so, der alte Krater ist also noch nicht ausgebrannt, da loderts noch auf, wenn man meint, dem Kaiser geschieht unrecht! Sie aber, Oberst Despienne, ließen den Versucher nicht einmal.ausreden, nnb meines Gerards treues Schwert will auf einig zwischen mich und meine Feinde treten? Nun, wir haben letzthin der Verräter genug lennengelernt, ober heute habe ich gesehen, daß auch noch treue Herzen für mich schlagen."
Ein unbeschreibliches Gefühl von Wonne durchrieselte uns, als wir den größten Mann der Welt so zu uns sprechen hörten. Tremeau zitterte so sehr, daß ich fürchtete, er möchte umfallen, und die Tränen rannen ihm in den großen Bart hernieder. Ja, wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich keinen Begriff toion dem Ein'!ns machen, den der Kaiser auf diese alten, rauhen Veteranen ausübte.
„Nun, meine Getreuen," sprach der Kaiser, „wenn Sie mir jetzt in dieses Zimmer folgen wollen, will ich Sie über den Zweck der kleinen Komödie, die wir mit Ihnen gespielt, aufklären. Sie, Berthier, bleiben wohl indes hier und sorgen, daß uns niemand stört."
Das Ding war uns neu. Ter Kaiser wollte uns in feine Pläne einweihen, während ein französischer Marschall an der Tür Schildwache stand! Aber wir folgten dem Kaiser in eine tiefe Jensterbrüstung, er stellte sich vor uns hin, und seine Stimme sank sunt Flüstern herab.
„Meine Wahl ist ans Sie gefallen, weil L>w nicht nur die tüchtigsten, sondern auch die treuesten Soldaten in meiner ganzen Armee sind. Ich war fest überzeugt, daß keiner von Ihnen je in seiner Ergebenheit gegen mich wanken würde. Wenn ich trotzdem gewagt habe, Sie auf die Probe zu stellen, so geschah es nur, weil ich in diesen Tagen, wo mein eigen Fleisch und Blut den schwärzesten Verrat an mir geübt, doppelt vorsichtig sein muß. Seien Sie versichert, mein Vertrauen in Sie ist, nach bem, was ich in dieser Stunde erfahren, über jeden Zweifel erhaben."
„Bis in den Tod getreu, Sire!" rief Tremeau, und wir andern stimmten bei.
Napoleon Hieß uns noch näher herantreten und sprach nun so leise, daß seine Worte nur eben von uns vernommen werden konnten.
. „Was Sie jetzt erfahren, weiß kein Mensch, ja, nicht einmal meine Gattin und meine Brüder, 's ist aus mit uns, meine Freunde, das Spiel ist zn Ende, und wir haben verloren."
Alls ich ihn so reden hörte, da wurde mir das Herz in der Brust schwer wie ein Neunpfünder. Trotz, unserer verzweifelten Lage hatten wir bis jetzt immer noch zu hoffen gewagt; nun aber verkündeten die Lippen des Mannes, der bei allen Wechselfällen immer noch seine heitere Ruhe bewahrt, der immer neue Hilfsmittel zu schaffen verstanden, daß die schwarzen Wetterwolken sich um uns zugezogen, daß nicht der schwächste Hoffnungsschimmer uns noch leuchtete. Tremeau fuhr grollend an feinen Säbel, und Despienne knirschte wütend mit den Zähnen, während ich mich in Positur stellte und die Hacken zusammenklappte, damit der Kaiser sah, es gab noch Leute, die Mißgeschick zu nehmen wußten.
„Es ist von der größten Wichtigkeit, daß meine Papiere und mein Geld in Sicherheit gebracht werden," fuhr der Kaiser, flüsternd fort. „Der Erfolg eines neuen Unternehmens und meine ganze Zukunft hängen davon ab. Diese Bourbonen werden bald genug einsehen, daß mein Fußschemel zu groß ist, um einen Thron für sie avzugeben. Wo aber diese wichtigen Dinge, die mir mehr wert sind, als mein Leben, ausbewahren? Mein Eigentum und die Häuser meiner Anhänger wird man natürlich durchsuchen. Deshalb brauche ich eben Männer, auf die ich mich verlassen kann, und auf Sie ist 'meine Wahl gefallen. JBor allem sollen Sie hören, worin diese Papiere bestehen, denn Sie dürfen nicht blinde Werkzeuge in dieser heiligen Sache sein. Es sind die amtliche,t Urkunden meiner Trennung von Josephine, meiner recht kräftigen Ehe mit Marie Luise und der Geburt des' Königs von Rom. Höchst wichtige Dokumente, meine Herren, mit deren Verlust die Ansprüche meiner Familie auf den Thron Frankreichs erloschen sein würden. Außerdem handelt es sich noch um Wertpapiere im Betrag von beiläufig 40 Millionen Franks — auch ein ganz hübsches Sümmchen, aber verschwindend klein gegen den Wert jener Urkunden. Begreifen Sie jetzt die ungeheure Wichtigkeit Ihrer Aufgabe? Jetzt lassen Sie sich, sagen, wo Sie diese Papiere finden werden und was Sie damit zu tun haben:
„Sie sind heute morgen meiner treuen Freundin, der Gräfin Walcwski in Paris, eingehändigt worden, und diese fährt damit um 5 Uhr in ihrer blauen Reisekalesche von dort nach Fontainebleau, so daß sie gegen 10 Uhr eintreffen muß, Tie Papiere find in ihrem Wagen verborgen, aber das Versteck kennt niemand, außer ihr selbst. Man hat sie bereits in Kenntnis gefetzt, daß drei berittene Offiziere sie vor der Stadt anhalten werden, und fie wird Ihnen das Paket ohne weitere Umstände übergeben. Sie, Gerard, sind zwar der Jüngste, haben aber den höchsten Rang, und deshalb vertraue ich Ihnen diesen Amethystring an; ihn mögen Sie der Dame zur Beglaubigung Ihrer Mission vor- zeigen und dann, als Empfangsbescheinigung für die Papiere, überlassen."
„Mit diesen Dokummten reiten Sie in den Wald hinein, bis an das verfallen- BnrhmWuschen. Möglich, daß ich selbst S'e do t ertoirte; sollten sich mir indes Schwierigkeiten in den Weg stellen, so senoe cch meinen Leibdiener Mustapha, dessen Weisungen Sie als meinen eigenen nachkommen mögen. Das Häuschen ist ohne Dach, und wir haben heute Vollmond. Rechts an der Wand werden Sie drei Spaten lehnen sehen; graben Sie damit ein drei Fuß tiefes Loch in der nordwestlichen Ecke — also in der Ecke, links von der Tür, nach Fontainebleau zu. Sie bergen diese Papiere drin, bringen alles wieder sorgfältig irt Ordnung und erstatten mir dann hier Bericht."
So lauteten des Kaisers Befehle für uns, die er mit der ihm im hohen Grade eignen Genauigkeit und Ausführlichkeit erteilte. Als er geendet, ließ er uns schwören, das Geheimnis zu wahren, so lange er lebte, und so lange die Papiere dort verborgen sein würden, und entließ uns nicht, bis wir wiederholt jenen Eid geleistet.
Oberst Despienne hatte in der „Krone" Quartier genommen, und dort speisten wir nun zn Abend. Wenn wir drei auch nachgerade gelernt hatten, die merkwürdigsten Ereignisse nnb Aufträge als einen Teil unseres Lebens zu betrachten, so versetzte' uns dock diese seltsame Unterhaltung und das Abenteuer, das vor uns lag, in die größte Aufregung. Mir war es ja nichts Neues, Befehle direkt aus dem Munde des Kaisers zu cmpsaiigen — aber was war mein Renkontre mit den Brüdern von Ajaccio, sowie mein berühmter Ritt nach Paris im Vergleich zur Bedeutung dieser Mission gewesen? ,
„Wenn das Ding glückt," bemerkte Despienne, „so winkt uns allen noch der Marschallsh-ut und -stab."
Das schien uns plausibel, und wir stießen auf unsre zukünftige Größe an.
Um das Aussehen und das Gerede zu vermeiden, welches voraussichtlich entstehen würde, wenn man drei so wohlbekannte Männer zusammen zur Stadt hinansreiten sah, beschlofsen wir, uns einzeln nach, einem Versammlungsort, und zwar öem ersten Meilenstein auf der Straße nach Paris, zn begeben. Nun hatte Bioletia an jenem Morgen ein Hufeisen verloren, und der Hufschmied war noch mit ihr beschäftigt, als ich znrückkam, so daß


