Ausgabe 
15.12.1913
 
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M3- Nr. 196

Monrag, den 15. Dezember

W

Das achte Gebot.

Novelle von Gerhard Walter.

. (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Da stand ich mit dem Talent! Ein häßliches Lachen weckte mich aus meiner Betäubung. Ich selbst hatte gelacht. Also alles Lüge! Stimmte genau. Jawohl, im vergange­nen November war sie in Düsseldorf gewesen,eine Mal­stunde zu nehmen." Sv hatte sie mir geschrieben. Und hatte ihre Zeit so wohl angewandt! Und das Bild im ersten besten Laden für mich gekauft, und es dreist für ihr eigenes aus- gegeben, dies kleine Meisterwerk. Und noch eine Stunde später saß ich da und hielt den Karton mit dein Bilde in der herabhängenden Hand: und im Lauf dieser Stunde hatte ich alles begraben. Einer Frau, der die Sünde gegen das achte Gebot so sehr leicht von der Hand ging, der hätte ich auch kein anderes Gebot anvertraut. Emma! Mit uns. war's aus! Jetzt erst merkte ich es, wie lieb mir das Mädchen geworden Ivar, und wie schwer es mir wurde, mich von ihr zu trennen. Seufzend stand ich auf, legte, das Bild, so wie es war, in meine Mappe, zerschlug das Glas und warf den Rahmen ins Feuer.Es war einmal!" Ich habe nicht wieder hingeschrieben. Einmal noch kühl und förmlich an den Vater. Und dann habe ich ihnen nach Jahr und Tag meine Verlobungsanzeige geschickt: aber hab' keine Ant­wort bekommen.

Ich hatte einen entfernten Freund in Düsseldorf, einen früheren Schulkameraden, der Maler geworden !var. Au den schrieb ich, ob ihm eine Frau oder ein Fräulein Hacht- rnann bekannt sei, und bekam ziemlich umgehend die" Ant­wort:allerdings," und nicht ihm allein: sie male aller­liebstes Genre. Im übrigen lade er mich ein, zur Auf­frischung alter Freundschaft am bevorstehenden Fest des berühmten MalerveveinsMalkasten" als sein Gast teilzu­nehmen. Mir war's gerade recht, aus den trübseligen Ge­danken heransgekommen, in die ich mich eingesponneu hatte; freute mich auch, ihn wiederzuseheir und reiste hin. Als Studienreise sah ich es außerdem an. Man mutz sich vom Strom des Lebens fassen und von außen an regen lassen.

Na, nun sag' mir 'mal," fragte ich meinen Freund, als wir den ersten Abend zusannneusaßen,wer ist denn nun eigentlich diese Thora Hachtmann?"

Ja, was hast du denn eigentlich mit der?"

Ich sah kürzlich ein Aquarell von ihr, das mir aus­nehmend gefiel."

O ja, ganz tüchtige Künstlerin; iveit über das durch­schnittliche Dilettentenmaß hinaus. Wirst sie übermorgen treffen. Aber wappne dich! Sie ist geradezu erschreckend' häßlich, Witwe und möchte gern wieder heiraten; so einige vierzig"

So? Na, meinetwegen!" Ich hatte überhaupt genüg vom Heiraten. Und doch konnte ich Emma noch nicht recht vergessen. Immer wenn ich dachte, es wäre vorbei, kam's ivieder, und ich sagte mir umsonst:liebl-ich und schön sein ist nichts". Häßlich und wüst sein machte mir aber auch keinen Eindruck.

DaS Fest tvar im vollen Gauge. Da klopfte mich jemand auf die Schulter. Es war mein Freund. Ich stand Per- sunken und verdrossen an einer Säule und ärgerte mjich über die Welt im allgemeinen und besonderen.Darf ich vorstellen?" hörte ich seine Stimme, und dann hörte und sah ich gar nichts mehr, als nur den Namen: Thora Hacht­mann, und ein bildschönes, blondes, junges Weib, die im schlichten griechischen Gewand vor mir stand, einen goldenen Halbmond in dein gelösten, üppigen Haar. Ich bot der herr­lichen Frau den Arm.Du bist ja ein ganzer Halunke!" konnte ich noch zu meinem Freunde sagen, der teuflisch lächelnd in seinem Mephistvkostüm in der Menge unter-, tauchte. Er arbeitete immer etwas mit Knalleffekt.

Ich kenne Sie!" sagte sie mit dein eigenartigen Wohl- klang ihrer Stimme,es kommt fein Buch von Ihnen heraus, das ich nicht besitze," und sie sah mich an aus strahlenden Augen,und oft habe ich gewünscht, Sie kennen zu lernen. Aber wie sind Sie nur auf mich gekommen? Ihr Freund sagte mir, Sie kennten mich"

Ich besitze Ihr Aquarell aus dem Ziegenstall."

Sie lachte mit einem köstlichen Lachen auf.

Die tolle Laune eines Augenblicks; ein Momentbild vom Pfarrhof meines Schwagers, aber dem Öeben ent* itommen; hatte es hier ausgestellt und es war zu meinem Erstaunen am zweiten Tage an -eine fremde, junge Dame verkauft"

Wir saßen allein in einer Laube von Palmen.

Geben Sie mir Ihre Hand!" bat ich.

Etwas verwundert tat sie es, zaghaft und scheu.

Ich sah ihr tief in die leuchtenden Augen.

Wie heißt das achte Gebot? fragte ich plötzlich.

Sie schaute mich betroffen und etwas bedenklich an.

Bitte, wie heißt es?" fragte ich dringlich und ernst.

Sie sah sehr gemessen aus:Mit welchem Recht tun Sie diese eigenartige Frage?"

Weil auf ein Haar mein Lebensglück daran gescheitert wäre, daß ein junges Mädchen es vergessen hatte."

Wie denn?" fragte sie tief verwundert;ich verstehe Sie nicht."

Da faßte mich ein großes und starkes ..Vertrauen zu der edelu. Gestalt vor mir.

Es ist die Geschichte Ihres Bildes!" Und ich er­zählte ihr. Vornübergebeugt, an meinen Lippen hängend, hörte sie mir zu; und wie ich geendet hatte, da gab sie mir beide Hände und sagte mit tiefem Ton:Also daW war