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Der Leutnant schritt langsam und grämlich die Front entlang und musterte alles, was sein Auge nur irgendwie erreichen konnte. Plötzlich blieb er stehen, wies auf den Rockknopf eines Unteroffiziers, der am Rande blind und ungeputzt war, und sagte leise und scharf:
„Ein M o n d. ■— Als Unteroffizier sollten Sie auch ein besseres Beispiel geben. Heute abend zum Rapport im Ordonnanzanzuge."
Der Leutnant ging weiter, und der Unteroffizier wurde um einen Schein blasser, während sein Gesicht sich merklich zusammenzog. —
Als die Kompagnie endlich abrückte, ging er neben den Kadetten seiner Stube her und sah sehr bekümmert aus. Innerlich aber kalkulierte er ein ganz Teil anders.
Also heute abend zum Rapport. Das wurde eingeschrieben. Der Hauptmann las es, und der Sonntagsurlaub ging flöten. Ja, und außerdem hatte er sich vvr seiner Stube ganz elend blamiert. Ob die Bengels ihn am Ende gar auslachten? — Er sah verstohlen zu ihnen hin. — Richtig, da tuschelten zwei Obersekundaner miteinander. Die sprachen sicher von ihm.
„Maul halten," rief er dazwischen. „Messow zum Rapport wegen Schwatzens im Gliede." So, dem war der Schnabel gestopft. Und den anderen, den Uslar, würde er sich nachher noch kaufen. Der hatte ja Stubendienst. Und da gab es immer eine Gelegenheit.
Die große Pause hatte begonnen, und die Kadetten rasten wie hungrige Wölfe auf ihre Stuben, um die Frühstücksschrippen in Empfang zu nehmen. Aber schneller als ein gewöhnlicher Frühstückshunger sind die Flügel des Zorns, besonders, wenn sie einige Stunden Zeit hatten sich auszuwachsen. Kurz, vor allen andern war bereits der Unteroffizier angelangt und hatte „entdeckt", daß in einem Waschtischschubfach der Seifennapf etwas mit Seife verschmiert war.
„Stubendienst!" brüllte er nach dem Wohnzimmer hinüber.
„Hier!" Uslar war gerade eingetreten. Er warf einen sehnsüchtigen Blick auf den Schrippenkorb und den Teller mit Paradewurst, den die andern gierig umstanden — denn der Unteroffizier hatte noch nicht genommen, und so lange wußten sie warten — und folgte dem Rufe.
„Haben Sie heute morgen hier Ordnung gemacht?"
„Zu Befehl, Herr Unteroffizier!"
„Davon merkt man aber verdammt wenig. Ganz zufällig komme ich hier durch, schon springt mir die Schweinerei in die Augen. Sehen Sie sich das mal an."
Uslar suchte vergeblich umher, dann blickte er seinen Vorgesetzten fragend an.
„Sie finden es noch immer nicht. — Also eine Woche Strafstubendienst und jeden Abend int Dienstanzng die Stube vorzeigen. Hoffentlich finden Sie in der Zeit den Dreck," setzte der Unteroffizier höhnisch hinzn und ging hinüber zu dem belagerten Schrippenkorb.
Uslar bekam einen roten Kopf vor Wut, aber er suchte nicht weiter nach dem Grunde des Unglücks. Er hatte ja überhaupt nicht aufgeräumt. Eiu Obersekundaner nnd Stu- beudienst, das wäre doch gelacht. Wenn man schon dazu kommandiert wurde, dann waren es selbstredend die „Säcke", die sich eine Ehre daraus zu machen hatten, den praktischen Teil der Angelegenheit zu übernehmen. Aber das war eine Sorte von Burschen heutzutage, kaum, daß sie allein krauchen konnten, diese eben aus dem Ei des Vorkorps gekrochenen Untersekundaner.
Er ging an die Wohnstubentür und winkte sich einen der Kadetten heran.
„Thielen, Kerl verfluchter, das nennen Sie Stubendienst machen! Sehen Sie mal die Schweinerei an. Sie haben wohl die ganzen zehn Minuten vor dem Appell verträumt? Was haben Sie denn gemacht?"
„Drei Röcke geputzt: Für den Herrn Gefreiten, für Sie nnd für mich. Zwei Knöpfe angenäht: Einen für Herrn Unteroffizier und einen für Sie. Meine Bücher gepackt. Herrn Unteroffizier, den Herrn Gefreiten, Sie und mich abgebürstet. Einen Tintenfleck vom Selektanertisch abgescheuert und die Stube und Kammer aufgeräumt."
„Das ist alles? — „Na, ich sag's ja, Sie habeu geschlafen. Sie hätten mal sehen sollen, was ich als Sack alles in zehn Minuten fertig gebracht habe. — Jedenfalls bin ich Ihretwegen rein gefallen. Also haben Sie die nächste Woche auch noch Stubendienst. Inzwischen werde ich Sie zwiebeln,
daß Ihnen die Augen übergehen. Sie wissen ja, ich verstehe das. Schlimmstenfalls verschaffe ich Ihnen eine Rutsche der Obersekunda, falls Sie sich nicht endlich bessern."
Hoheitsvoll und drohend schritt er von dannen. Thielen aber fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und schüttelte den Kopf. Darin griff er nach dem kleinen Namensschild an der Unglückslade, stieß einen Fluch aus und holte seinen Klassenkameraden Addenhausen herbei.
„Ja, was gibt's denn?"
„Was, Du Faulpelz. Die ganze Bande vom Kompagnieführer an piesackt auf uns Säcken 'rum. Und statt daß Du Dich zusammenniminst, machst Du mir auch noch Scherereien! Guck' in Dem dämliches Schubfach und frag' nicht so dumm. Ich weiß nicht, was drin ist." Und damit hieb er ihm eins auf die Backe, daß es klatschte wie am Kugelfang.
„Autsch," brüllte Addenhausen, und sein Interesse für die Schublade war im Augenblick verflogen. Sein Gesicht wurde blaurot vor Wut, und nur die Stellen, wo die Finger des anderen hingefahren waren, blieben schlohweiß. „Was, Du verfluchter Lump. Auf offener Landstraße fällst Du mich au und haust mir eine in die Fresse?! Na warte, Du." Mit gekrallten Fingern griff er nach Thielen. Plötzlich hielt er inne, zupfte seinen Rock glatt, machte eine tadellose Verbeugung und sagte sehr reserviert:
„Bist jefordert."
Thielen antwortete durch dieselbe artige Verbeugung. Im Nu standen sich beide in Ausfallstellung gegenüber. Und dann hagelten die vier Fäuste mit einer Fixigkeit und blindlings nieder, daß es klang, wie wenn im Juli die Schloßen gegen die Fensterscheiben prasseln. Das dauerte eine geraume Weile. Bis Thieleu einen warmen Strahl aus seiner Nase über den Mund und Kinn rieseln fühlte, und es vor Addenhausens linkem Auge plötzlich schwarze Nacht mit widerwärtigem Sternengeflimmer wurde. Da gingen sie wie auf Kommando in die Grundstellung zurück, reichten sich treuherzig die Hände und sagten: „Pax".
Daun wusch sich der eine das Gesicht, der andere kühlte sich das Auge, das bedenklich brannte, und beide gingen harmlos und friedlich plaudernd hinüber zum Schrippenkorbe.
Die Stubenkameraden kauten bereits mehr oder minder behaglich an ihrem Frühstück. In dem Korbe lagen die beiden übrig gebliebenen Schrippen, zwei verhutzelte, kleine Exemplare. Thielen und Addenhausen sahen sich mit langen Gesichtern an, und Addenhausen murmelte entrüstet:
„Der Lümmel, der Kiekebusch."
Dann ging er nach einer Ecke, wo einsam und gedrückt ein Kadett stand. Das war Kiekebusch, der einzige Obertertianer auf der Stube, einer, der selbst noch unter diesen ge^ knechteten Untersekundanern rangierte.
„Kiekebusch, zeig' deine Schrippe," raunte er ihn an.
Der zeigte schüchtern ein blasses, angebissenes Dinglein, das bei gutem Willen vielleicht um einen Grad ansehnlicher war als die beiden übriggebliebenen.
„Aha. — Und warum hast Du nicht auf uns gewartet, Du frecher Bengel?"
„Ich — ich dachte —- —"
„Quatsch, Du hast gar nichts zu denken. Heute mittag verschaffe ich Dir eine Rutsche wegen Achtungsverletzung gegen die Untersekunda." Und Thielen, der ebenfalls herangetreten war, nickte zur Bekräftigung sehr bestimmt mit dem Kopfe. —
*
Es war nach dem Mittagessen. Die Kadetten tummelten sich auf dem Hofe, und auf dem Korridor des Kompagniereviers war es lautlos und leer. Nur vor Stube 6 stand, in den Türrahmen geduckt, ein Kadett und spähte vorsichtig nach allen Seiten. Hinter ihm aus dem Zimmer klang gedämpft ein monotones aber eindringliches und blitzschnelles Klatschen und Schlagen ohne Takt unb System. Dann ein kurzes Kommando — Stille. Einige Augenblicke später öffnete sich leise die Tür, und Kiekebusch schob sich wimmernd und stöhnend heraus, dicht an der Mauer entlang und durch die große Glastür, die nach der Treppe führte. Sein versprochenes Teil war ihm richtig zugemessen worden und die Achtung vor der Untersekunda wiederhergestellt.
Unten auf dem Hofe suchte sich Kiekebusch seinen Klassenältesten. Der sah gleich, wie es um ihn stand, uni) trommelte in wenigen Minuten die Obertertia zusammen.
„Meine Herren," Hub "er an. „Ich wollte Euch mittei- leu, daß Kiekebusch nun doch und wirklich gerutscht worden


