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Frau Klara ist an beit Gatten herangetreten, fte schmiegt zärtlich ihr frisches Gesichtchen an seine Schulter und blickt dabei liebevoll zu ihm auf. .
„Wenn ich bedenke, daß du heute nacht vtellercht nt Lebensgefahr geschwebt hast . .
„Ich? Wieso denn?"
„Nun, wenn du ein Geräusch gehört hättest, so wärest du sicher anfgestanden und hierher geeilt . . ."
„Freilich, ich hätte auch eine Schießwaffe mitgenommen und die Lebensgefahr wäre wahrscheinlich auf Seite des ungebetenen Gastes gewesen."
„Wer weiß, ob es nicht mehrere waren! Ich danke Gott, daß ivir nichts gemerkt haben. Wer Männe, eins mußt du mir versprechen."
„Was denn, Geliebte?"
„Du bestellst-noch heute den Tischler und läßt Laden an unsere Fenster machen."
„Wer ich bitte dich. Kläre, jetzt, wo wir nun einmal! in den Brrmnen gefallen sind, sollen wir ihn zudecken? Und wenn er sich noch zudecken ließe! Fensterläden haben noch nie einen Einbrecher abgehalten. Ich bin ganz allein schuld! Hätte ich das Geld dort in den Kassenschrank getan, es wäre jetzt noch vorhanden."
„Ich war zu faul," fuhr der Freiherr fort, „den ganzen Hokuspokus bei Oeffnung und Verschluß des diebesicheren Geldspindes wieder durchzumachen, deshalb wählte ch das viel bequemere Wandschränkchen, in dem man nur einfach den Schlüssel umzudrehen hat."
„Was den Spitzbuben gewiß sehr angenehm war."
„Freilich, ich bekenne ja reuig: mea culpa, mect maxima culpa! Ein Glück, daß ich mein Wirtschaftsgeld in den Kassenschrank geborgen hatte! Uebrigens war es nicht bloße Bequemlichkeit, ein wenig sollte mich auch meine Gicht entschuldigen . . . Hu! wie das wieder zwickt und reißt!" Er griff, eine Grimasse schneidend, nach seinem Beine.
„So mache dir's doch bequem, du Aermster!" bat die Gattin, und wandte sich, um ihm einen Sessel heranzn- rollen.
Doch er winkte ihr ab: „Nein, Kläre, laß alles stehen und liegen, so wie es sich befindet! Hier in diesem Zimmer darf nichts angerührt werden, bis die Behörde hier ge- svesen ist! Ich ziehe mich in die Bibliothek zurück, willst du mir dort Gesellschaft leisten, will ich dir dankbar deine kleine Patsche küssen."
„Ich schicke dir Ellen, Männe; mich mußt du noch entschuldigen, ich habe noch Häusfrauenpflichten."
Nach wenigen Minuten saß Ellen bei ihrem Papa, der sich in einem Lehnstuhl der Bücherei ausgestreckt hatte und das schmerzhafte Bein aus einem gepolsterten, wtege- ähnlichen Gestell, einem sogenannten Faulenzer, ausruhen ließ.
„Und du glaubst wirklich, ein menschliches Wesen erkannt zu haben?" fragte der Freiherr sein Töchterlein, das bei dem, was sie erzählt hatte, leicht errötet war.
„Ja, Papa, ganz bestimmt! Ich weiß nicht mehr recht, warum ich aufgestanden war; hatte ich geträumt oder ließ mich der Wind nicht schlafen, oder war's mir, als ob ich unten Schritte gehört hätte? Genug, ich stand ant Fenster, und um mich hinauslegen und besser nach der Seeseite, hin sehen zu können, machte ich es auf, gerade in dem! Augenblicke, als ein mächtiges Wetterleuchten die ganze Gegend erhellte. Und im Scheine des Blitzes erkannte ich einön Menschen, der barhaupt unten auf meinem Spielplätze stand >und ^gespenstig zu mir heraufschaute. Ehe ich Mich noch besinnen konnte, was ich tun sollte, war er auch schon wieder verschwunden; es war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte."
„Warum hast du nicht der Jungfer geschellt und zu uns geschickt?"
„Ich wollte dich nicht alarmieren, ich war ja nicht sicher, ob die Erscheinung nicht eine bloße Täuschung gewesen war." Mit einer allerliebsten Schürzung ihrer Lippen fügte sie hinzu: „Ich fürchtete, du würdest mich wieder auslachen."
„Komm her, Ellen, und gib mir einen Kuß!" Sie Waran den Papa herangetreten, er hatte seinen Arm um ihre Taille geschlungen, zog sie sanft an sich heran und sah in Hellem Baterglücke zu ihr empor. „Ich dich auslachen? Mädchen, das bekomme ich ja gar nicht fertig; dazu habe jch dich viel zu lieb! Nun, gibst du mir keinen Kuß?"
Das den Vater abgöttisch verehrende Mädchen beugte
sich stürmisch zu ihm nieder : „Du lieber, guter Papa, du !" Sie drückte ihre kirschroten Lippen aus seine runzeligÄ Stirn. „Hätte ich geahnt, daß man dich bestehlen würde, ich hätte Feuer und Mord gerufen."
„Wie sah denn der Mensch aus? Könntest du ihn nicht erkennen?"
Es trat nun ein Moment ein, wo das unbefangen plaudernde Kind sich plötzlich in die sich felbst beherrschende und schlau verstellende Evastochter verwandelte. Sie hatte Peter recht gut erkannt; wenigstens hielt sie es für äußerst wahrscheinlich, daß er es gewesen war, den sie da unten so plötzlich im Scheine des Blitzes hatte auftauchen sehen; sein Bild stand ihr vom Treibhaus her noch deutlich vor Augen. Aber schon in der Nacht hatte sie sich einzureden gesucht, daß sie sich doch sehr getäuscht haben könnte, uit'bl daß es nichtswürdig wäre, einen vielleicht Schuldlosen in einen so schmählichen Verdacht zu bringen; alle nur erfindbaren Gründe für die Unsicherheit ihrer Beobachtung hatte sie gegen ihre bessere Ueberzeugung geltend gemacht; ihre Zuverlässigkeit en dieser Sache sollte durchaus nur eine zweifelhafte feilt. Was sie dabei leitete, war mehr ein Instinkt, als das Ergebnis klarbewußter Schlußfolgerungen. Sie erinnerte sich, wie blutsauer es damals Herrn William Dell geworden war, von seiner Verwandtschaft mit Peter Dechner zu reden; denn wenn er sie auch ganz unaufgefordert erwähnt, ja gewissermaßen wie eine Herausforderung hingeworfen hatte, so war ihr doch aus dem Ton seiner Stimme klar geworden, daß das Selbstgefühl eines Mannes, der so überempfindlich war und so ängstlich auf seine gesellschaftliche Stellung hielt, unter solchem Bekenntnisse grausam leiden mußte. Würde er nicht noch viel grausamer leiden, ja sich geradezu verpflichtet fühlen, wenn er erführe, daß sie seinen Verwandten für einen gemeinen Verbrecher hielt, der ihren Vater bestohlen hatte? Nein! Sie mußte sich getäuscht haben, schon um dem armen William die Qual zu ersparen, die ihm eilte Kenntnis! ihrer Vermutungen bereiten mußte.
So erwiderte sie denn mit schlauer Zurückhaltung: „Erkennen, Papa? Ja und nein! Ich sah ganz deutlich einen Mann, aber der Blitz war so grell uno von kurzer Dauer, daß nachher, als es wieder finster geworden war, ich vergeblich versuchte, mir die Gesichtszüge jenes Mannes zurückzurufen; ich wußte nicht einmal mehr, ob er groß oder klein, blond oder schwarz, gerade ober buckelig' gewesen war."
„Hm, hm", meinte er, „da werden wir es also dest Behörde überlassen müssen, ob sie etwas herausbekommt. Ich habe heute früh gleich an den Ersten Staatsanwalt in Berlin telegraphiert; ich denke, man wird schnell die erforderlichen Schritte veranlassen."
„Dort kommt gewiß schon die Antwort", sagte Ellen und deutete durchs Fenster nach dem Garten, durch welchen von der Turmseite des Hauses her, um die herum der Weg nach dem Hose führte, ein Postbote näherkam.
Sie lief hinaus und nahm eine Depesche für den Papa in Empfang.
„Ich komme hier durch den Garten, gnädiges Fräulein", entschuldigte sich der Bote, „der Zugang zum Hofe ist noch halb gesperrt; der Sturm heute nacht hat ein: paar Bäume quer über den Weg geworfen."
„Ja, es war ein schreckliches Wetter. Möchten Sie nicht etwas frühstücken?" Und als der Mann verlegen lächelte: „Gehen Sie nur zur Wirtschafterin und sagen Sie ihr, ich schickte Sie. Adieu! Lassen Sie sich's gut schmecken."
(Fortsetzung folgt.)
Die Lawine.
Eine Kadettengeschichte
von H a n s I o a ch i m F r h r. v. R e i tz e n st e i u.
Vorn Hofe des Kadettenkorps klang der dumpfe Trommelwirbel herauf nach dem Kompagnierevier. Die Stimme des Kadetten vom Dienst heulte wie ein Nebelhorn den Korridor entlang — Rrranauß — die lange Linie der Türen flog auf, und mit klappernden Schritten sammelten sich die Trüpplein zum Gefüge der Kompagnie. Der Leutuant kam eilig heran, und der Morgenappell begann, der vor dem täglichen Kirchgang den Auftakt, das letzte Zusammenreißen zur Schafschur des Unterrichts bildete


