Samstag, den \5. November
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Montan von Gerhart t>. Amhntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung^)
„Nun, warum denn so sttll?" fragte ihn Carvalho, der das Steuer erfaßt hatte, während der bei seinem Poste.kjreycn nusgeruhte Fritz ans Leibeskräften ruderte. „Zehr sind wrr geborgen, und kein Teufel wird fe heraus- l'riegen, wer den Besuch im Schlosse gemacht — ha, ha!" Er fachte behaglich. „Schade, daß man sich keine Zigarre anzünden kann, aber der verdammte Wind erlaubt es nicht."
Statt einer direkten Antwort auf die Frage, warum er so still wäre, sagte Peter nur: „Geben Sie mir das Steuer, das Wasser ist unruhig und wir kentern noch, wenn wir das Boor nicht besser gegen die Wellen halten."
Er hatte schon als Schüler sich fleißig auf den Spree- und Havelfeen umhergetrieben und eine leidliche Sicherheit in der Führung eines Bootes gewonnen; so brachte er denn auch trotz Wind und Wellen das schwanke Fahrzeug glücklich ans andere User.
Earvalho uno Fritz sprangen sofort ans Land, Peter aber nahm erst das Steuerruder von der Pinne und legte es ins Boot, und jit dem Ruder legte er die beiden Riemen, genau so, wie er sie darin gesunden hatte; nun erst stieg er aus und stieß mit kräftigem Fußstoß das Boot in den See zurück. , .. „
„So, der Sturm mag es wieder nach drüben treiben, und tvenn man's morgen findet, mag man glauben, daß es nur vom Unwetter losgcrissen wurde."
„Sind Sie hier bekannt?" fragte Carvalho.
„Gewiß. Das ist Doben, von jetzt ab die Sommer- residenz des alten Lampert, ha, ha, ha! Eine nette Welt!" Er spuckte iiigrimmig aus. „Irgendein Franzose wimschte ja wohl den letzten Edelmann an den Gedärmen des letzten Geistlichen hängen zu sehen? Ich habe einen besseren Wunsch: Erst müssen den Geldprotzen und Profctkanaülen alle ihre Pfandbriefe und Staatsschuldscheine in den Rachen gestopft werden, bis daß sie daran ersticken; eher ist an eine sittliche Gesundung dieser pestkranken Welt nicht zu denken."
„Wir wollen uns jetzt nicht aufregen, bester Freund, sagte Carvalho, und er hatte Mühe, die Geringschätzung zu unterdrücken, von der er diesem noch immer an Sittlichkeit glaubenden Schwätzer gegenüber erfüllt war. „Wir wolleii froh sein, daß alles so glücklich abgelaufen iifti. Bon heute an sind Sie unser mit Haut und Haar! Durch diese gemeinsam verübte Tat haben wir gewissermaßen Blutsbrüderschaft getrunken. Morgen komme ich zu Ihnen, um Ihnen die bewilligte Prämie zu zahlen; jetzt trennen wir uns, es ist besser, tueiui wir nicht zu dreien nach Berlin zurückkehren."
Peter begriff nicht recht, warum ihm der andere nicht auf der Stelle die ihm zukommenden tausend Taler einhändigte; er hätte ihre sofortige Auszahlung verlangen können, sie waren sein ausbedungener Lohn. Aber sonderbarerweise war ihm diese Verzögerung eigentlich ganz erwünscht; solange er noch nichts von diesem Sündengelde berührt hatte, solange durfte er sich noch gewissermaßen für einen rechtschaffenen Menschen halten. So sagte er denn den beiden Genossen Lebe-i wohl: „Ich halte mich links und suche die Landstraße zu gewinnen. Wo wollen Sie denn dort nach rechts hin?"
• „Nach der nächsten Bahnstation hinter Giesdorf, wo man uns noch nicht gesehen hat; mit dem ersten Frühzuge dampfen lvir von da nach Hause."
„Dann auf Wiedersehen!"
„Auf frohes Wiedersehen!" grüßte Carvalho, mit Betonung des Beiworts. „Es fängt wieder an zu regnen. Sturm und Nässe werden unsere Fußspuren bis zur Unkenntlichkeit austilgen. Adieu!" Und als er den Peter den Rücken gewandt hatte und mit Fritz in westlicher Richtung davonging, raunte er diesem spöttisch zu: „Auch er gehört zu jenen Leuten, die — nie alle werden."
Peter hatte die Landstraße erreicht und schritt nun eilig derselben Station zu, die er am Abend verlassen hatte. Es war nicht unmöglich, daß er noch zum letzten Nachtzuge zurecht kam. Er griff in seine Brusttasche, um sich zu versichern, ob er das Stemmeisen noch hatte. Gewiß, es ivar noch vorhanden; aber, Himmel, wo war denn der Brief? Er hatte doch den Brief seines Schnsters, der ihn energisch gemahnt hatte, noch am Nachmittage in diese Tasche gesteckt. Oder irrte er sich? Hatte er den Mahnbrief zu Hause liegen lassen? Nun, das mußte sich ja bald aufst klären, wenn er den Brief auf dem Wege zum Schlosse oder vielleicht gar am Tatorte verloren hatte, es war vrel- leicht noch lange nicht so schlimm, als toemt er von jener Erscheinung am Fenster erkannt worden war; wußte Fräulein Ellen, wen sie gesehen hatte, dann war er verloren!
Bielleicht ließ sich doch noch nachträglich die Mögliche keit eines Alibi-Beweises herstellen; jedenfalls mußte er sich morgen seine dreitausend Mark auszahlen lassen, um für alle Fälle die Mittel zu einer schleunigen Flucht insi Ausland zu besitzen.
„Ich freue mich, Kläre, daß du die Sache so ruhig auffaßt," sagte der Freiherr von Brank am Morgen nach dem Einbruch zu seiner besseren Hälfte.
„Na, weißt du, Kurt, so ruhig Bin cch gerade nicht, versetzte Frau Klara mit zusammengezogenen Brauen, unter denen hervor ihre weitgeöffneten, hübschen, blaue,r Augen nach dem leeren Wandschränkchen einen bestürzten Blick warfen: „aber hin ist hin, und durch Klagen und La- mentieren kommt das Verschwundene nicht wieder."
, So denke ich auch, und ivenn die Geschichte nur auch ein tüchtiges Loch in meine Kasse macht, bankerott werde ich davon nicht werden."


