Ausgabe 
15.10.1913
 
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.Ich gebe nichts zu, ich versprach mich nur. Aber ich dulde es nicht, daß Sie für eine Tote in den Tod gehen--"

Herr Inst," unterbrach Teil ärgerlich den Aufgeregten, Sie smd von Sinnen! Ich muß dringend bitten, daß Sie sm) nicht um meine Angelegenheiten kümmern. Ich habe Ihr Wort, daß Sie reinen Mund halten. Nun, bitte, verlassen Sie mich, meine Zeit ist vollauf in Anspruch genommen."

Er drängte ihn zur Tür.

Just war plötzlich wie verwandelt; seine angstvolle, lei- ^buichaftliche Erregung hatte einer scheuen, demütigen Unter­würfigkeit Platz gemacht. Er sagte kein Wort mehr, nickte nur immer mit dem dichtbehaarten, kurzgeschorenen Grau- kopf, sah noch einmal wie bittend oder segnend, zu Teils Angesicht empor und ging dann schnell und geräuschlos da­von.

Sonderbarer Alter," murmelte Teil,er würde für mich durchs Feuer gehen."

Dann begab er sich an seinen Schreibtisch und begann Mt fliegender Feder Briefe zu schreiben.

(Fortsetzung folgt.)

Georg Büchner und die Gegenwart.

Zum 100. Geburtstag des Dichters, den 17. Oktober.

Von Dr. Paul Landau.

Moden sind nie sinnlos. Sic sind vielmehr bunte und inauch- wal grelle Leuchtkugeln, die den dunkeln, schwer zu findenden Weg des Zeitgeistes mit ihrem irrlichterierenden Feuer erhellen. So yot bs denn auch seine tiefere Bedeutung, daß gerade heute, 100 Jahre nach seiner Geburt, fast 77 nach seinem Tode, der Dichter Georg Büchner modern ist. Was zieht die Gegenwart zu diefenr jungen Männe, der sich eben erst anschickte, zu ernten, » der noch in nichts ferjig war, als der Thphus ihn

mit 23 fuhren jäh aus des Lebens Bahn schleuderte, fern, fern Vom Ziel? Wohl mag dabei die Aufmerksamkeit mitsprechen, die wir so gern dem Unvollendeten, Fragmentarischen einer Existenz zürnenden, in deren Anläufen und Versuchen wir eine reife Schön­heit voll unwirklichen Reizes ahnen und träumen dürfen. Auch das dramatisch erregende Schicksal dieses Jünglings erweckt Anteil: totr Tetern den Revolutionär, der in einer Zeit schwüler, drückender Dumpfheit mit dem brausenden Wirbelwind der Jugend einher- kfÄ^gen will, was alt und verrottet, als ein Kämpfer fallt für ein »zdeal der Zukunft, die Stirn verklärt von dem Morgen­rot einer besseren Zeit. Georg Büchner ist letzten Endes doch auch^ em Opfer der Demagogenverfolgung gewesen, denn die Ver- schworniig, in der er neben dem Pfarrer Weidig die Hauptrolle spielte, hat ihn zu einem Heimatlosen, Entwurzelten gemacht. Die Aufregungeii und dualen, einer gesellschaftlichen Aechtung, denen Jtc0, ourcri die Flucht nicht entziehen konnte, untergruben seine Gesundheit und ließen ihn rascher dem Ansprunge des Todes erueaeit.

Aber so wichtig nun sein höchst persönliches und gewaltsames Erleben auch ist, um das Phänomen feiner Dichtung zu erklären, so gern wir von dem zerstörten Höhensluge seines Genies sprechen weder die Abenteuer des verfolgten Studenten, die in dieser chbaktionsepoche durchaus nicht vereinzelt dastehen, noch der un- einaelöste Wechsel auf die Zukunft würden hinreichen, um das Andenken dieservielversprechenden" Begabung mit einem so heißen Leben zu erfüllen, daß neue Ausgaben seiner Werke er­scheinen, die Künstler uiid Gelehrten ihm ihr Schaffen widmen Und letzt nach 100 Jahren feine früher nie aufgeführten Werke tut Licht der Rampen ihre Wirkuugsprvbe bestehen. Wie bet jedem Genie ist nichts anderes bei ihm unsterblich als fein Werk. Daß es ihm gelang, aus seinem zermarterten, wild klopfenden Herzen einige Bekenntnisse und Gestalten hervorzustoßen, in denen der Schrei dieses Herzens erschütternd lebt, das macht ihn unver­geßlich, ewig, läßt die Nachwelt sich in sein Wesen vertiefen, so wie sie sich mit Goethe beschäftigen würde, wenn sie von ihm nur die Friederiken-Lieder und den Urfaust, und mit Schiller, wenn sie von ihm nur die Anthologie und die Räuber besäße. Zu diesem allgemein menschlichen Urgehalt seiner Kunst kommt aber noch ein spezifisch Modernes, das seine Dichtungen uns besonders wertvoll, und interessant macht. Wir spüren gewisse Züge und Kunstmittel in seiner Dichtung, die ein enger Zusammenhang mit der Dichtung Unserer Tage verbindet. Dieser Frühvcrstorbene, der nur rasch und abgerissen stammeln konnte, wo andere nach langer Vorbe­reitung rein und kunstvoll fangen, hat Anregungen der reichsten Art ausgestreut, und nun, da so manches von dem heraugereift Und verwirklicht ist, haben mir ein feineres Ohr, ein tieferes Verständnis auch für ihn empfangen, fühlen eine stärkere Melodik anklingen in seinen Worten, setzen die schwankende Vorläufergestalt nicht mehr unglücklich eingeklemmt zwischen Romantik und jungem Deutschland, sondern in unserem, im modernen und damit hellsten Licht.

Vier, höchstens fünf wenig umfangreiche Werke hat Büchner hinterlassen: eilt historisches DramaDantons Tod", ein romau-

LiMPielLeonce und Lena", das Fragment einer rea» »inschen TragödieWozzek", ein Novellen-BruchstückLenz" und dann noch eine politische Flugschrift, denHessischen Landboten".

- er Dtcfcr Arbeiten flammt etwas Neues auf, erkennen wir etwas Zukunstsvolles, an das die moderne Literatur augeknüpft hat. Keine feiner Schöpfungen wiederholt die andere, sondern eine lebe spmut Faden in weite Fernen, streckt ihre Fühler aus nach £ 1 rt, dieuland, das damals noch der Entdeckung harrte. Und zugleich pud sie alle, diese Werke, keine hybriden, außerhalb der Entwicklung liegenden Schöpfungen; vielmehr stehen sie aus dem Boden der Tradition, wachsen organisch hervor aus den literarischen Boraiisietzunimn ihrer Zeit. Nur die Allergrößten vor ihm haben eine gleiche Folgerichtigkeit des künstlerischen Weiterwirkens be- wiesen haben zugleich die dichterische Entwicklung so vorwärts geführt. Mißt man die Künstler nach der Originalität ihres Sehens und Formens, nach den Werten, um die sie die Gesamt­heit ihrer Kultur bereichert haben, dann braucht Büchner wahrlich feinem zu weichen. '

Dantons Tod": Dies Drama wächst aus dem Stil der Goethe- ichen viugenddramen, desGötz" undEgmont", heraus; es hat von Grabbes geschichtlichem Realismus, von seiner sprunghaften. Pointierten Technik gelernt; aber es macht zum erstenmal Ernst mit der dramatischen Gestaltung des Milieus, mit der lebendigen. Psychologischen Behandlung der Massen, mit der Ausschaltung beg tragischen Helden und führt in grober Linie hin zu der naturalistischen Tragödie, die in Gerhart HauptmannsWebern" undFlorian Geyer" ihren .Ausdruck gefunden.Leonce und Lena": Dies Lustspiel ist in seiner geistreichen Ironie, mit feinen

, ev Witzraketen ein echtes Kind der Romantik, ohne Tiecks Marchensatire und Brentanos Wortakrobatik nicht zu denken, und doch ist darin jenes skurrile Spielen mit den Stilen, jenes graziöse Btedermeierparfüm, in dem Romantik und Spießbürgerlichkeit sich einen. Die eigensten Gestalten Herbert Eulenbergs, sein natürlicher Vater", sein Hyazinth in derBelinde", sprechen so wie Leonce: schwärmerisch-mokant, pathetisch-bissig, vieldeutig- banal. Dandytum und Weltschmerz, Allsehnsucht und innerliche Zerrissenheit, diese typischen Konflikte der moberneu Romantik, die seit Hofmannsthal das ewige Thema unserer Jungen bilden, haben in dieser nachdenklich-übermütigen Komödie bereits ihre wundervolle Gestaltung erfahren.Wozzek": Die Tragödie des um seine Persönlichkeit und sein Weib Betrogenen hat das ab­gerissene, rasend hingewühlte Tempo mit den Werken desSturm und Drang" gemein, mit demUrfaust", mit den Dramen von Lenz. Doch übertönt den meisterhaften Realismus der Menschen­gestaltung, die blutvolle Sinnlichkeit der szenischen Anschauung ein unwirklicher greller Balladenklang, etwas Marionettenhaftes, eine kühne und wilde Stilisierung. Wer denWozzek" liest, muß an Wedekinb denken, an den.Wedekind vonFrühlings Erwachen" und vonMusik", an diesen Meister einer absichtlich hölzernen steifen Technik, die das dämonische lieberschäumen einer maßlosen Persönlichkeit bändigt. Die hohnvoll wüste, in einem schmerz­vollen Gelächter aufschreiende Weltverachtuug, die starre Gegen­überstellung tragischer Größe und burlesker Karikaturistik, die unser modernster Dramatiker hat, ist imWozzek" mit einer fabel­haften Sicherheit ausgebildet.Lenz": Die erste psychologische Landschaftsstubie unserer Literatur hat man bieS merkwürdigste aller Werke Büchners genannt. Diese wenigen Seiten sind so etwas wie das ABC aller Prosadichtuug des 19. Jahrhunderts. Schwer dürste cs werden, hier die dichterischen Vorbilder zu finden. Dafür bot ihm der Stoff bereits in den Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin über das Ansbrecheu des Wahusinus bei Lenz einen Seelenton, wie ihn nur das Leben gibt. Der ungeheuere Gegensatz von Menscheuseele und Natur, jene tiefste Beziehung des modernen, innerlich entzweiten Menschen zur Landschaft, die die feinsten Schwebungen des Natiirschöneu aus dem Gefühl der heißesten Sehnsucht erlebt, sie sind in dieser Novelle ausgedrückt, und so hat sie denn Verwandtschaft mit allem, was nachher die Dichtung auf diesem Gebiet geschaffen, mit Jacobsens durchgeisterter Laudschastsschilderung und Bourgets psychologischer Analyse, mit Stifter und Otto Ludwig und Keller. Und zuletzt noch derHessi­sche Landbote": um dieses politischen Meistcrpamphlets willen hat man in Büchner einen Vorläufer Lassalles gesehen, einen bewußten Sozialisten und Propheten des Zukuuftsstaates. Wirk­lich klingt aus seinen ehernen, an E. M. Arndt und Courier ge­schulten Sätzen der aufrüttclnbe, leidenschaftlich klagende Ton her­vor, der in den stärksten und besten Propaganda-Schriften des modernen Sozialismus vernehmbar ist.

Und was ist nun das Grundelement in der Wesensart dieses Dichters, durch das all die eben aufgezeigten Zusammenhänge mit dem Stil und der Kunst unserer Tage bedingt sind? Einen Klassiker des Impressionismus" hat man in Büchner entdecken wollen, wie er auch selbst ja schon in dem ästhetischen Glaubens­bekenntnis seinesLenz" die Tendenzen und Ziele der impressio­nistischen Malerei formuliert hat. Farbe und Licht spielen in feinem Werk eine größere und eigentümlichere Rolle, als in dem jedes Dichter vorher. Das ist vor kurzem in einer besonderen Arbeit (Dr. Rudols MajutFarbe und Licht im Knnstgefühl Georg Büchners") ausführlich betont worden. Wie bett großen Meistern der neuen Kunst, wie Manet iinb Monet, wie Liebermann und Trübner, ist ihm das Licht alles, offenbart ihm die Seele der