Ausgabe 
15.10.1913
 
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Friedrich Justs Wangen nahmen einen dunkleren Ton an und vorwurfsvoll fragte er zurück:Sic wollen doch die Unbescholtenheit Ihrer Frau Mutter nicht in Zweifel ziehen?"

Das möchte ich allerdings nach dem, was ich gehört habe."

Wer hat diese Frau verdächtigt?" Empört stieß es Just hervor; seine Augen leuchteten in Hellem Zorn.

Ein Junker vom Lande hat mir erzählt, daß er einst die Gunst einer gewissen Viktorine genossen habe, die mit -- einem Herrn Lechner, Fechner oder dergleichen verheiratet gewesen sei."

Wie heißt dieser freche Junker?" Der Frager war aufgestanden und sah den Staatsanwalt erwartungsvoll an.

Es ist der edle Freiherr Kurt von Brank-Giesdorf."

Ha, ha, ha!" lachte Just in verächtlichem Ingrimm, während die Spannung auf seinen Muskeln schwand und seine gerade aufgerichtete Gestalt sich wieder leicht krümmte. Das dachte ich mir, ja, das dachte ich mir! Aber glauben Sic um Gotteswillen keine Silbe davon, es ist nicht wahr!" wiederholte er schneidend mit erhobener Stimme. Dann rannte er ein paarmal auf dem Brüsseler Teppich, der den Fußboden bedeckte, hin und her, stellte sich wieder vor den noch immer Sitzenden und sagte viel ruhiger:Ich entsinne mich jetzt, Ihre Frau Mutter hat mir vor vielen Jahren einmal diesen ersten und einzigen Roinan"ihrer Jugend an­vertraut, sie hat jenen Offizier geliebt, daraus hat sie kein Hehl gemacht; aber sie hat ihm nie etwas gewährt, auf das nur der ihr aufgedrnngene Gatte rechtmäßigen Anspruch hatte."

Sie hat mit ihm Zusammenkünfte gehabt; sie hat sich und meinen Vater bloßgestellt; sie hat unseren Familien- namen beschimpft und mich dadurch für vogelfrei erklärt, so­daß mir jeder vornehme Lump den Namen meiner Mutter als den seiner einstigen Geliebten ins Gesicht schleudern darf. Ich denke, das ist genug! O, Mutter, Mutter, das hättest! du uicht tun sollen!"

Der Staatsanwalt hatte sich Ebenfalls erhoben und durchmaß nun seinerseits heftigen Schrittes das Zimmer, während der andere sich wieder gesetzt hatte und mit leichen­fahler Wange auf den vernickelten Aschenbecher starrte, den er immer noch mit krampfhaft zuckenden Fingern umfaßt hielt.

Könnte Ihre arme, so schmählich verleumdete Mutter hier vor Sie hintreten," wagte er endlich mit gepreßter Stimme hervorzustammeln,sie würde sich wohl zu recht­fertigen wissen. Oft genug hat sie mir erzählt, daß sie als! blutjunges, in der kanadischen Einöde ausgewachsenes Ding nichts dabei fand, wenn sie, eine schmählich verschacherte Ehe­frau, hinter dem Rücken des herzlosen, nur mit ihrer Schön­heit prunken wollenden Gatten manchmal mit dem zusam­menkam, den sie wahrhaft lieben gelernt hatte und der ihr auch seinerseits eine hingebende, leidenschaftliche und dabei stets respektvolle Neigung entgegenbrachte. Wenn dieser Mann noch heute lebt und sich etwa noch anderer Gunstbeweise von feiten Ihrer Frau Mutter rühmt, als ihm wirklich zuteil geworden sind, dann gibt es keine Ehre mehr hienieden, dann ist Treue und Glauben ausgestorben."

Nur mit halbem Ohre hörte der Staatsanwalt, was der Graukopf da zugunsten der Verstorbenen vorzubringen ver­suchte; er stürmte aufgeregt durchs Zimmer, schüttelte ab und zu heftig mit dem Kopfe und stieß schwere, verzweifelte Seufzer aus. Endlich hielt er vor Just an und legte ihm die Hand auf die Schulter, eine Bewegung, unter der der andere zusammenzuzucken schien.

Sic meinen's gut, alter Freund, ich danke Ihnen. Doch jetzt lassen Sic mich allein, ich habe hentc noch viel zu ar­beiten."

Just drückte teilnahmsvoll des Staatsanwalts bebende Hand und fragte eindringlich:Herr Staatsanwalt, was ha­ben Sie vor? Gestehen Sie's mir: Sie wollen sich mit dem Freiherrn schlagen?"

Tell zog seine Hand zurück und sagte ausweichend:Was fällt Ihnen ein? Ich habe anderes zu tun."

Ja, ja! Sie wollen sich duellieren, ich sehe es Ihnen an! Deshalb der so zeitige Besuch des Ulanenoffiziers? Ich beschwöre Sie, lassen Sie sich nicht darauf ein! Warum wol­len Sie Ihr Leben in Gefahr bringen für eine Tote, der Sie doch nichts mehr nützen können, für eine Unwürdige--"

Jetzt geben Sie es selber zu, daß sie eines Waffen­ganges nicht wert sei?"

Tann proponiere ich, daß Sie und Herr von Brauk ent­weder nm den ersten Schuß losen oder nach Kömmanda zu gleicher Zeit feuern.

Mir ist jeder Modus gleich; Herr Völker mag das Nähere mit Ihnen vereinbaren."

Ich werde zehn Schritte Distanz ausbedingen."

Angenommen."

Die Sache mag nun äblanfen, wie sie will ich stelle übrigens fest, daß Sie mir jeden Versuch einer friedlichen Beilegung unmöglich gemacht haben, soviel erkläre ich schon heute: sie muß durch den bevorstehenden Waffengang ein für allemal aus der Welt geschafft werden; von einer Wiederaufnahme derselben durch eine der kontrahierenden Parteien darf unter keinen Umständen die Rede sein."

Tas ist Sache des Herrn von Brank; die Genugtuung für mich finde ich in der Annahme meiner Forderung."

So bliebe nur noch Ort und Stunde festznsetzen."

Ich bin zu jeder Zeit bereit und auch an jedem Orte. Bitte, Herr von Tollen, erledigen Sie das mit meinem Se­kundanten."

Wie Sie wünschen. Ich habe die Ehre, mich zu emp- fchlcn."

Der Rittmeister brummte ein unhörbaresDickiopf!" in den Bart und schritt nach gemessener Verbeugung zur Tür hinaus.

Im Korridor stieß Herr von Tollen auf einen ihm un­bekannten kleinen Mann mit breitkrempigem Schlapphut, der gerade zur Tür hineinwollte. Der kleine Mann trat höflich zur Seite, schaute dem Davongehenden aufmerksam nach, seufzte unzufrieden, nahm dann den Hut in die Hand und klopfte an. Auf das ungeduldigeHerein!" des Staats­anwalts öffnete er und schob sich in dessen Zimmer.

Ich störe doch nicht, Herr Staatsanwalt?"

Sie sind es, Just? Was bringen Sie schon so zeitig?"

Nur mich selbst und einen guten Morgen."

Den könnte ich brauchen."

Sie haben Verdrießlichkeiten gehabt?"

Wieso?"

Nun, schon so zeitigen Besuch und wahrscheinlich in Geschäftssachen--Die Herren schienen nicht aufs aller-

sreundlichste miteinander zu sprechen."

Haben Sie gehorcht?"

Das ist nicht meine Gewohnheit. Jhü» Aufwärterin ließ mich im Flur warten, da Besuch driuneir wäre, und so konnte ich wider Willen einzelne Laute der Unterhaltung vernehmen, ohne daß ich' deren Sinn verstanden hätte."

Ich will Ihnen glauben; sollten Sie aber doch etwas aufgeschnappt haben, so halten Sie reinen Mund; ich verlasse mich darauf."

Aha!" dachte Just,es ist etwas Ernstes im Gange; wenn ich nur wüßte, wie ich es verhindern könnte!" Er ver­riet aber in keiner Weise diesen heimlichen Gedanken, son­dern begnügte sich, sein Gegenüber, wenn auch unauffällig, doch möglichst scharf zu mustern.

Hören Sie, Just", hob der Staatsanwalt nach einer Weile wieder an, indem er sich, wie ermattet, in einen Lehn­sessel fallen ließ und den anderen durch eine Handbewegung ebenfalls zum Sitzen einlud,Sie könnten mir eine Frage beantworten. Aber erst sagen Sic mir, wie geht es Ihnen? Was treiben Sie jetzt? Sie haben sich ja seit Wochen nicht mehr sehen lassen."

Danke, Herr Staatsanwalt, es geht mir nach Wunsch. Ich treibe allerlei Geschäfte; ich bin, wie Figaro, das Fak­totum der ganzen Nachbarschaft, und ich freue mich immer, wenn ich Sie von dort aus", er deutete dnrch's Fenster nach einem schräg gegenüberliegenden Hause,Ihre Wohnung verlassen oder zurückkommen sehe."

Tort wohnen Sie? So nahe bei mir? Und ich wußte es uicht!"

Ich habe es Ihnen noch nicht mitteilen können: seit dem Ersten dieses Monats bin ich dort eingezogen; der Zu­fall hat mich in diese Gegend verschlagen." Er nahm einen vernickelten Aschenbecher, der vor ihni auf dem Tische stand, in die Hand und spielte damit, indem er seine schwarzen, verschleierten Augen niederschlug und auf den zierlich gear^ beiteten Gegenstand gerichtet hielt.

Sie sollen mir eine Frage beantworten", kam der Staatsanwalt wieder auf sein voriges Anliegen zurück.Ist Löhnen je bekannt geworden, daß meine Mutter im Anfänge ihrer Ehe hier in Berlin Beziehungen mit einem jungen Ula- nenoffizwr unterhalten hat?"

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