Mitiwoch, den |5. Oktober
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ßaurrnblut.
ßlonian von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Erst nach Mitternacht legte sich der Staatsanwalt zur Ruhe, aber kein erquickender Schlummer wollte seine wild erregten Pulse besänftigen. Eine wirbelnde Gedankenjagd tobte durch sein Hirn; Bild auf Bild erstand vor seinem inneren Äuge, und tvenn er ein solches Bild näher betrachten wollte, dann zerfiel es, ivie das Spiegelbild in einem Kaleidoskop, um sofort durch ein anderes Bild ersetzt zu werden. Und alle diese Bilder setzten sich immer aus denselben Personen zusammen: dem Freiherrn, dessen Tochter, den Gästen im „Kaiserhof", und seiner, des Staatsanwalts, Mutter. Im Jahre 1861 (er war wenig älter als zwei Jahre gewesen) hatte er seine Mutter zum letztenmal gesehen, aber sein Erinnerungsvermögen hatte wie die lichtempfindliche Platte in der Kamera obskura des Photographen ein Bild derselben ausgenommen, das auch heute noch nicht verblaßt war. Er sah ein junges, rosiges Weib mit nachtdunklen, üppigen .Haaren und einem Augenpaar, das ivie zwei schwarze Diamanten leuchtete, und diese Augen richteten sich gespannt und erwartungsvoll auf ihn, als fragten sie ihn: Wirst dn auch deine Mutter vertreten? Wirft du ihren Rus verteidigen? Ihre Ehre retten? Barmherziger Gott, konnte er denn das? Gab es noch eine mütterliche Ehre, zu deren Verteidiger er sich auswerfen durfte? Oder war diese Ehre nicht vielmehr unwiederbringlich dahin? War nicht seine Mutter eine leichtfertige Frau gewesen, von der er alle Ursache zu schweigen hatte?
Erhallte die Fäuste auf-der Steppdecke seines Bettes; er stieß die Steppdecke weit zurück, um die keuchende Brust zu entblößen und so ein wenig Kühlung zu gewinnen in der Fieberhitze, die ihn verzehrte, lind wenn feine Mutter eine Verlorene gewesen war — gleichviel, dann wollte er sie wenigstens rächen au dem, der sie freventlich von ihrer Pflicht als Gattin abgewandt hatte! Auch die Rache tvar eine Schuldigkeit, die er als Viktorinens Sohn zu erfüllen hatte.
Da tauchte das Bild eines zierlichen, anmutigen, -elfen- haften Wesens vor ihm auf. Ellen! Du süße Knospe, die du an dem uralten, aber wahrscheinlich sittlich faulen Stamme der Branks ausgeblüht bist! Wenn ich deinen Kater im Zweikampfe fälle, dann bist bit mir für immer verloren, und wenn er mich nied-erschietzt, nun, dann kannst du mir wenigstens, wenn ich dir wirklich nicht ganz gleichgültig bin, ein heimliches Tränlein nachweinen im Schmerze um den zu früh Dahingegangenen. Unsinn! unterbricht er diesen Ge- pankengang; es wird ihr herzlich gleichgültig sein, ob William Tell noch länger im Lichte der Sonne wandelt pder hinabsteigt zu den Schatten der Unterwelt ; sie ist das Kind ihres Katers; was wird ihr, der bkcrublütigen Prin
zessin, ein Bürgerlicher, ein Äktenreiter mit dem anrüchigen Namen Tell bedeuten?
So jagen sich die Bilder und die Gedanken, und erst, gegen Morgen fällt der Erschöpfte in einen kurzen, bler- schweren Schlaf, aus dem -er schon in der siebenten Stunde wieder auffährt, denn er weiß, daß um 8 Uhr der M- gesandte des Freiherrn bei ihm sein wird.
Obgleich heute nicht Rasiertag für ihn ist, beginnt er doch die Vorbereitungen zu dem Geschäft des Bartkratzens; er will heute aufs gründlichste Toilette machen, um dem Herrn von Tollen als eleganter unb korrekter Kavalier zu erscheinen. Während er aber Idas Messer über die eingeseiften Wangen führt, grinst er fein Spiegelbild verächtlich an; .Hidalgostolz! denkt er int stillen; du wirst nicht vornehmer werden für die adligen Herren, auch wenn Sn dich glatt rasiert hast.
Mit milikä ris^rer Pünktlichkeit tritt Herr von Tollen zur angemeldeten Stunde über die.Schwelle.
„Es tut mir leid, Herr Staatsanwalt", hebt -er Der* Kindlich an, „daß es kein erfreulicher Anlaß ist, der mich schon so sehr zeitig zu Ihnen führt. Wollen und können Sie den schweren Borivurf, den Sie gestern b-etn Herrn von Brant gemacht haben, zurücknehmen? Hat vielleicht nur der Wein Sie zn einer Aeußerung hingerissen, von dex Ihr Kopf und Ihr Herz nichts wußten? Es wäre MM außerordentlich lieb, wenn wir auf Grund solchen Zugeständnisses den Frieden Herstellen könnten."
„Ich bedaure, Herr von Tollen, diesen Erwartungen nicht entsprechen zu können. Ich bin der uierft Beleidigte. In diesem Augenblick ist mein Zeuge, -der Maler Völker, bei Herrn von Brank, um ihm meine Herausforderung zu überbringen. Erst wenn mir Genugtuung geworden ist, daun wäre ich in der Lage, auf Ihre Frage Antwort zu geben."
„Sie sittd der Beleidigte, das verstehe ich in der Tat tiicht! als Augen- und Ohrenzeuge habe ich nicht bemerkt, daß Ihnen Herr von Brank in irgend welcher Weise zu nahe getreten wäre."
„Und doch ist es so. Ich mochte darüber keine näheren Erklärungen abgeben--"
„Sie werden nicht umhin können, dies dennoch zu tun, wenn Sie nicht den Schein auf sich lenken wollen, -als suchten Sie absichtlich. Händel mit einem Manne, der Ihnen nichts zuleide getan hat."
„Diesen Schein wird mein Zeuge zerstören, der hoffentlich itt diesem Augenblick bei Herrn von Brank ist."
Tollen überlegte; nach einer Weile versetzte er: „Gut. Es wird- wenig darauf ankommen, wer im vorliegenden Falle der Herausforderer oder der Herausgeforderte ist; es genügt vollkommen, daß jede der Parteien der anderen Ge- nugtuung geben will. Herr von Brank besteht auf Pistolen; ist Jhnett diese Waffe recht?"
„Mein Zeuge wird dieselbe Waffe Vorschlägen."


