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Breslau brachte die Nachricht vom Kriege die Zwietracht zwilchen Korps und Burschenschaften und die konfessionellen Kegen,atze sogleich zum Schweigen. Am 17. Juli fand ein Umzug von mehr als 500 Studenten zu den Statuen Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelms III. statt, und der Abend des 21. Juli vereinigte, was in Breslau lange nicht dagewcsen da, die ganze Studentenschaft zu einem Abschicdskommerse im großen Saale des Schießwerders. Auch der kleine Zug mag erwiähnt sein, daß die Studenten den „Pariser Garten" zum „Deutschen Garten" um- tauften. Ein Breslauer Professor machte folgenden Anschlag: „Da die Herren Studierenden jetzt etwas besseres zu tun,haben, als in Kolleg zu laufen, erkläre ich meine Vorlesungen sttr geschlossen." Von der gänzlichen Schließung der Umversrtat war auf manchen Hochschulen die Siebe; in Göttingen faßte sofort nach Eintreffen der Kriegsnachricht eine große Stichentenversammlung unter stürmischem Jubel den Beichuiß, sofort die Universität zu schließen ititb ohne Ausnahme in das Heer einzutreten, und die Kieler Zeitung konnte eint 16. yult melden: „Sämtliche Studierende der hiesigen Universität haben sich sofort nach Bekanntwerden der Kriegserklärung zur Einstellung in daö Heer gemeldet." In Bonn war die Kriegserklärung am Wen Abend des 15. Juli eingetroffen, und em Student brachte sie in daS größte von vielen Kommilitonen besuchte Lokal der Stadt. Eine Zeitlang trat lautlose Stille eilt. Dann bestieg ein anderer Student die Tribüne, nm das Lied „Es brau,t em Stuf Wie Donnerhall" anzustimmen. „Deutschland, Deutschland über alles" schloß sich an. Hierauf eilte alles auf den Markt. Alle Gegensätze und Parteiungen waren vergessen, und am 18. Juli berichtete die akademische Zeitschrift aus Bonn: „400 Studenten! wollen sofort in die Armee eintreten. Die Universität ist so gut wie geschlossen." ‘ .
Am lebhaftesten ging es tn Leipzig her, denn dort trafen die deutsche und die Meußenfeindliche Gesinnung heftig aufeinander. Am 20. Juli wurde in der Turnhalle zu Ehren der ms Feld rückenden Studenten ein gemeinsamer Kommers .abgehalten, bet dem viele bedeutsame Reden gehalten wurden. Eine durch ihren packenden Humor besonders wirksame Rede hielt Professor Wenck: er begrüßte die zur Fahne ziehenden Studenten nicht als Kommilitonen im eigentlichen Sinne des Wortes, soitderii als Kollegen. Demi als Professoren zögen sie hinaus, um den Franzosen eilte Vorlesung über Völkerrecht zu halten. Ordentlich set ihre Professur gewiß, wenn man auch Außerordentliches von ihnen erwarte. Und wenn es Pflicht der Professoren sei, sich beit Zuhörern entgegenkommend zu verhalten, so sollten sie noch weiter gehen und ihrem Auditorium sogar nachlaufen, und sollten sie dabei von Klein-Paris (Leipzig) nach Groß-Paris gelangen.
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kf D i e R c 11 u n g d e r R e.g i m e n t s f a h n e: e i n e f r a n- zösische Erinnerung an den Krieg vlo «(1870/71. In Oran ist kürzlich der Kapitän Valss, ein französischer Kriegsveteran des Krieges 1870/71 gestorben. Er hat sich als junger Leutnant, namentlich in der Schlacht bei Fröschweiler hervorgetan, geriet dann aber, nach der Einnahme von Straßburg, in deutsche Kriegsgefangenschaft. An seine Persönlichkeit knüpft sich die Erinnerung an die sonderbare Rettung seiner Regimentsfahne. In der Nacht, bevor sich Straßburg übergeben mußte, trat sein Vorgesetzter mit der Regimentsfahne auf ihn zu und fragte ihn, was er wohl damit meine. „Die Fahne zu retten", antwortete mit militärischer Kürze Valös. Und er hielt sein Wort. Er riß das Tuch von der Stange, schlang es um seinen Leib und wanderte damit am folgenden Tag in die Kriegsgefangenschaft nach Deutschland. Sechs Monate lang trug er die Fahne so verborgen und brachte sie auch wieder nach Frankreich zurück. Mehrmals war er in großer Gefahr, sie zu verlieren. Eines Tages erfuhr er, daß eine Leibesuntersuchung vvrgenommen werden sollte. Er rollte das Tuch zusammen und versteckte es in dem Kopfkissen seines Bettes'. Dieses wurde ihm aber von einem deutschen Soldaten weggenommen. Am folgenden Tage verschaffte er sich ein schöneres und weicheres Kissen, und vermochte damit den Soldaten zu locken daß er ihm das andere mit dem wertvollen Inhalt wieder zurückgab. Valös hat das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Was ihn aber noch mehr freude, war, daß ihm eine Troddel der Fahne zum Andenken übergeben wurde. v
— Aus der Welt der künstlichen Zähne. Künstliche Zähne find eine uralte Erfindung, aber künstliche Zähne aus Porzellan sind ziemlich neu. Nach Francis Mare, der im „Corre- spondent" einen Aufsatz über künstliche Zähne veröffentlicht, ist ein Franzose Erfinder der künstlichen Porzellanzähne. Im Jahre 1776 unterbreitete er seine Erfindung der Kgl. Akademie für Chirurgie. In Frankreich sollen dann die künstlichen Porzellanzähne bedeutend verbessert worden fein, um in dieser verbesserten Form von Deutschland, England und vor allem den Vereinigten Staaten übernommen zu werden, wo ihre Herstellung bald zu einer großen Industrie wurde. In Frankreich selbst soll es erst seit allerjüngster Zeit eine einzige Fabrik geben, die künstliche Zähne in großem Maßstabe herstellt. Diese Fabrik, in der Nähe
von Versailles gelegen, beschäftigt 75 Arbeiter und Arbeiterinnen und erzeugt im Monat 225 000 künstliche Zähne, also im Jahre über 2y2 Millionen. Wie die künstlichen Zähne hergestellt werden/ ist 'zum Teil .Fabrikgeheimnis. Alle künstlichen Porzellanzähne aber, werden sie nun von Fabriken im großen oder vom Zahnarzte einzeln angefertigt, bestehen aus zwei Teilen, einem inneren/ porzellanartigen Kern, und dem künstlichen Schmelz, der dem natürlichen Schmelz an Härte mindestens gleichkommt. Dieser Schmelz wird in allen möglichen Farben hergestellt, vom reinsten Weiß über das trübe Gelb hinweg zuin dunkelsten Schwarzbraun, wie es die Zähne des Dauerrauchers zuweilen aufweisen. Die Herstellung der Zähne ist außerordentlich verwickelt, und besonders! die Herstellung der Schmelzschicht wird von den Fabriken als Geheimnis sorgsam gehütet. Die Jahresproduktion von über 21/2 Millionen künstlicher Zähne in einem einzigen Lande ist erstaunlich groß; es werden in zwei Jahren genüMud künstliche Zähne erzeugt, um jedem Einwohner Frankreichs — die Seelenzahl mit 40 Millionen angenommen — 32 neue Zähne zu liefern!
— E i n M 0 r g e n b e f u dj bei Liszt. Liszt pflegte bereits um 4 Uhr des Morgens aufzustehen und einmal hat er in aller Herrgottsfrühe einen ganz merkwürdigen Besuch gehabt. Er selbst hat das drollige Abenteuer seinem Schüler Siloti, dessen Liszt- Erinnerungen in der „Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft" kürzlich veröffentlicht wurden, mit folgenden Worten erzählt: „Einmal um Vs6 Uhr morgens meldete mir mein Diener, daß zwei Damen mich zu sehen wünschten; ich war in guter Laune und empfing sie trotz der frühen Morgenstunde. Zwei große schlanke Engländerinnen traten ein. Jede hatte einen Bädeker in der Hand. Sie sagten, daß sie auf der Durchreise in Weimar waren und daß ihr Zug in einer halben Stunde abginge, daß sie aber Weimar nicht verlassen könnten, ohne „Liszt selbst" gesehen zu haben. Ich bedankte mich für ihre Liebenswürdigkeit. Sie sahen einander an und wollten mir offenbar etwas sagen. „Was wünschen Sie?" fragte ich — „Ah, Mister Liszt, wir möchten so gern, daß sie uns etwas Vorspielen. Sie zu hören, würde ein großes Glück für uns fein." — „Mit Vergnügen. Was wünschen Sie zu hören?" Sie warfen einander Blicke zu, und die ältere von beiden sagte: „Das, was Sie am besten spielen." Ich lachte, setzte mich aber ans Klavier und spielte die chromatische Etüde von Moscheles. Als ich fertig war, nickten die beiden beifällig mit dem Kopf und sagten einstimmig: „Gut, sehr gut, Sie spielen wirklich gut!" Dieser Besuch fing schon an, mich zu belästigen. Plötzlich zogen sie ein dickes Album heraus und sagten: „Würden Sie vielleicht die Güte haben, hier Ihren Namen einzuschreiben?" Das gefiel mir schon nicht mehr; ich schlug es ziemlich trocken ab. Ich weiß nicht, was sie gedacht hatten, aber sie sagten zu mir: „Sie haben uns, wie es scheint, falsch verstanden." (Das waren Worte, die. Liszt nicht vertragen konnte.) Da schrie ich: „Ich verstehe nie etwas falsch. Hier ist ent Fenster und eine Tür — wählen Sie den besten Weg, um hinauszukommen." Sie standen still auf und gingen fort; ich lachte lange, nachdem sie fort waren."
* Im Warenhaus. In der Abteilung für Kunstwerke preist der Verkäufer einen Gegenstand mit den Worten an: „Dieser Leuchter ist reiner Ludwig XIV." „Sagen wir lieber," meint der andere zweifelnd, „es ist höchstens Ludwig 13,95."
* Der kluge Bulle. Das Mädel aus New Uork ist auf dem Band in Ferien und beklagt sich bei dem Bauern, daß der Bulle sie immer $0 böse ansehe. „Das' kommt gewiß von der roten Bluse, die Sie tragen," meint er, worauf das Großstadt- kind in höchstem Staunen versetzt: „Sie ist ja wirklich schrecklich altmodisch. Aber ich hätte nie und nimmer gedacht, daß ein Land- bulle so genau weiß, was man trägt."
* Hoher Tarif. „Sie haben mir das Leben gerettet, mein Lieber. Ich danke Ihnen. Wieviel bin ich Ihnen schuldig?"' „Sie find mir das Leben schuldig, und das Leben, verehrter Herr, ist augenblicklich sehr teuer,"
SiamantrMel.
In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aabcceee 1 hhhhiikknorrrsst derart einzntragen, daß die ivagerechten Reihen folgendes bedeuten:
1. Einen Buchstaben.
2. Nordische Göttin.
3. Einen Titel.
4. Wohlschmeckende Frucht.
5. Edelfisch.
6. Nebenfluß des Rheins.
7. Einen Buchstaben.
Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Zitatenrätfels in voriger Nummert Da macht wieder jemand einmal einen dummen Streich.
Redaktion: K. Ne»rath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»


