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„Zwanzig Franken. Da bekommen Sie fünf zurück ---"
„Aber so lassen Sie doch, Herr Schutz, wozu —"
„Bitte, Herr Miccele, ich nehme nichts weiter, als meine mir zustehenden Gebühren. Ich mache es nicht wie meine lieben Kollegen, welche die armen Stellungsuchenden ausbeuten und ihnen dabei noch schlechte Stellungen verschaffen. Ich gehe streng nach meinem Tarif."
„Das ist recht, Herr Schutz. Ich erwarte also Ihre Nachricht, wann ich abreisen soll."
Herr Miccele lächelte wie ein Faun, als er das Zimmer verließ. Ganz verblüfft sah Erich ihm nach.
Fragend blickte der Gewaltige nun Erich an.
„Sie wünschen?"
„Herr Gerstner hat mich zu Ihnen empfohlen. Sie würden mir behilflich sein, die französische Sprache zu lernen," brachte Sanner etwas stotternd hervor.
Der Vermittler griff sich an die Stirn und rief nachdenklich:
„Gerstner, Gerstner? Ja, wer ist denn —--Ah,
Max Gerstner, jetzt weiß ich. Ein sehr lieber, netter Mann. Sie haben wohl bei ihm gelernt?"
„Jawohl, im Hotel „Goldener Schwan" in Frohwinkel. Herr Gerstner war vergangenen Sommer unser Oberkellner."
„Ich weiß schon. Der arme Kerl hatte solches Pech. Zeigen Sie mir mal Ihr Zeugnis."
Herr Schutz nahm das von Herrn Wenzel eigenhändig angefertigte Zeugnis. Es wimmelte daher von orthographischen und stilistischen Fehlern. Halblaut las Herr Schutz:
„Ich Herr Hotellier Wenzel, Besitzer vom „Grand Hotel Goldner Schwan" in Frohwinkel, bestetige und beschei- niche dadurch dem Leerling Erig Sanner aus Frohwinkel, das der Leerling Erig Sanner aus Frohwinkel vom 1. Abril W1 bis 1. Abril 1885 in meinem „Grand Hotel Goldner Schwan" als Leerling gelernt hat. Der Leerling Erig Sanner aus Frohwinkel hat sich wehrend dieser Zeit drei und fleistch gefihrt und wahr ehrlich und braf was ich im bestetige.
m Ich Herr Hotellier Wenzel, Besitzer vom „Grand Hotel Goldner Schwan" in Frohwinkel wünsche den Leerling Erig Sgnner aus Frohwinkel das es im immer gut geet und er recht glükklich wird.
Frohwinkel, 1. Abril 1885. H. Wenzel.
Der Vermittler schien solche mangelhafte Erzeugnisse der graphischen Kunst gewohnt zu sein, denn er las das Zeugnis mit vollem Ernst und sagte dann zu Erich mit Wohl-' wollen:
„Es wird sich schon was für Sie finden. Ich muß erst mal sehen. Haben Sie Geld, um leben zu Vönnen? Oder könnten Sie gar einige Monate als Volontär arbeiten? Dann wurden Sie am schnellsten französisch lernen."
„Ich habe noch siebenhundert Mark," sagte Erich etwas ängstlich.
„Sy, dann ist ja keine Not. Kommen Sie morgen wieder, vielleicht tyerde ich etwas für Sie haben. .Jetzt müssen Sie erst noch fünf Franken Einschreibegebühr zahlen."
Erich gedachte der Worte des Herrn Gerstner und legte zwei Fünsfrankenstücke auf den Tisch.
Herr Schutz strich sie ein, sagte „danke" und händigte Errch darauf eme Quittung über bezahlte fünf Franken Ein- schreibegebühr ein.
Als Erich nun gehen wollte, rief ihm Schutz nach:
„Eigentlich hätte ich etwas für Sie, wie mir soeben ein- fallt. Die Stellung kostet aber zehn Franken. Wenn Sie die bezahlen wollen?"
Eilig legte Sanner zehn Franken auf den Tisch und empfing darauf von dem Vermittler den Engagementsvertrag für das „Grand Hotel Oriental" in Lausanne als Saal- k« lner mit fünfzehn Franken Gehalt pro Monat und freier Station.
<llL?I^bllen brauchen Sie sich nicht erst, denn ich bin zum Abschluß des Engagements ermächtigt. Sie müssen am fünfzehnten antreten, seien Sie pünktlich. Wünsche viel Glück, und wenn Sie einmal wechseln wollen, so vergessen Sie mich nicht."
Fröhlich eilte Sanner hinaus, die Zukunft erschien dem Jungüng letzt im rosigsten Licht.
Im Wartezimmer empfing ihn die hübsche Hedwig:
„Nun, so vergnügt? Also Glück gehabt. Wohin sind Sie denn engagiert?
„Nach Lausanne, in das Grand Hotel Oriental, Fräulein."
„Da gratuliere ich. Sie Kleiner. Es ging schnell, Sie hatten wohl gute „Zeugnisse", dabei machte Hedwig die Geberde des.Geldzählens. Als Erich rot wurde, setzte sie lachend hinzu:
„Ein Unglück ist das nicht, und zu schämen braucht man sich deshalb auch nicht. Wann treten Sie an, Herr — Herr ,.— wie heißen Sie denn eigentlich?"
„Erich Sanner."
„Ich heiße Hedwig Gassen. Meine Bekannten nennen mich aber alle Hedwig oder gar Schnucks. Wie wollen Sie mich denn nennen?"
„Fräulein", stammelte Erich verlegen.
Sie lachte, dann fuhr Hedwig fort, indem sie sich dicht zu ihm neigte, so daß ihre Wange fast die f einige streifte: „Also am fünfzehnten treten Sie an. Das wäre ja schon übermorgen. Nun, wir werden nns bald Wiedersehen. Ich glaube, — ich glaube ---ich werde wohl auch ins „Oriental"
nach Lausanne engagiert werden."
Lausanne, den 18. April 1885. i
Mein liebes Muttchen. Nun bin ich schon seit drei Tagen hier in Lausanne in dem großen Hotel „Oriental" und habe so Heimweh, und denke an mein Muttchen und bin recht traurig. Ach wenn Du das sehen könntest, das ist alles so schön und so groß, das ich es gar nicht sagen kann. Alles mit Teppichen nnd Vasen und Blumen. Und so viele Kellner sind hier und ich bange mich so, weil alles so schön ist, und getraue ich mir gar nichts anzufassen. Hedwig Gassen sagt, ich wäre ein entzückender Dummkopf.
Ich habe gleich Stellung gefunden in Genf und Herr Schutz war sehr lieb und nett zu mir, aber ich mag ihn doch nicht, denn er ist so merkwürdig. Da war einer, der gleich an- aaschiert wurde, weil er ein gutes Zeugnis brachte, und daß wahr ein Hundertfrankschein. Daß ist doch nicht recht und gefällt mir nicht und möchte ich nicht wieder zu Herrn Schutz hin.
Aber hier ist es schön, so schön, das ich es gar nicht sagen kann. Die hohen Berge und die Spitzen sind ganz weis, und daß ist alles Schnee, sagt Hedwig Gassen, welche schon lange in der Schweiz ist und sehr gut mit mir ist. Der See ist so groß wie ganz Frohwinkel und blau und grün, und wenn die Sonne darauf scheint, blitzt es wie lauter Diamanten, die ich^ in Dresden in den schönen Läden gesehen habe.
Ach Muttchen, daß kann ich Dir gar nicht beschreiben, was ich alles gesehen habe, so viel und so schönes, und mir ist noch ganz wirbelich im Kopf, wenn ich daran denke, so schön. Ich würde es Dir gern alles erklären, aber ich kann nicht, weil ich keine Zeit habe. Hedwig Gassen will mir französische Stunde geben und sie wartet auf mich.
Aber ich schreibe Dir bald wieder, liebes Muttchen, und ich habe so viel Sehnsucht nach Dir und nach Frohwinkel und nach dem „Schwan" und nach allem was dort ist. Und mich bangt es so, aber ich bin gans gesund Muttchen und Du hoffentlich auch und grüße und küsse Dich viel tausend Mal als Dein treuer Sohn. Erich.
Frohwinkel, den 25. April 1885.
Mein guter Erich. Deine Karten ans Dresden und Genf, sowie die beiden Karten und Deinen lieben Brief aus Lausanne vom 18. April habe ich erhalten. Ich freue mich, daß es Dir gut geht. Ich Bin gesund und habe Sehnsucht nach Dir. Ziehe Dich immer warm an und trag die dicken Socken. Wenn so viel Schnee auf den Bergen liegt, ist es bei Euch auch sicher sehr kalt. Aber ich freue mich, daß Du so fix Stellung gefunden hast. Und in einem so großen schönen Hotel. Wer ist denn Hedwig Gassen?
Ich küsse Dich vielmals Deine Mutter.
(Fortsetzung folgt.)
Einige einheimische Heilpflanzen.
Eine ganze Menge unserer einheimischen Pflanzen, die zu.nt Teil am Wegrain wild wachsen und blühen und von den wenigsten Menschen, die des Weges wandern, beachtet werden, find' von der Natur mit heilkräftigen Eigenschaften ausgestattet, welche auf den menschlichen und tierischen Organismus in der verschiedensten Werse einw-irken, bald stärkend, anregend mrd kräftigend, bald schwächend, zerstörend und sogar tödliche Viele dieser Pflanzen bilden die heilkräftigen Agenzien in der Medizin und Pharmazie, manche bilden einen Handelsartikel und werden kultiviert, viele


