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*) Benutzt: Akten des Haus- und Staatsarchivs iu Darmstadt
Hessische Truppen unter Napokeonr Kähnen im Jahre (8(3.*)
Won Dr. H. Berger- Gießen.
III. Vorgänge während des Waffenstillstandes zu Poischwitz.
(4. Juni bis 15. August 1813.)
Die Nachricht von dem Abschluß! des Waffenstillstandes zu Poischwitz wurde mit gemischten Gefühlen ausgenommen. Bei den Rheinbnndfürsten herrschte große Befriedigung; man hoffte aut baldigen Frieden. Nicht so in Preußen. Hier hatte das Volk in ungeduldiger Begeisterung statt einer Waffenruhe einen entscheidenden Schlag seiner kampscntbrannten Heere erwartet, der dann den Frieden diktieren sollte.
Mit Abschluß des Waffenstillstandes verläßt Napoleon den schlesischen Kriegsschauplatz und. begibt sich nach: Dresden. Die verbündeten Monarchen nehmen ihr Hauptquartier in Drachen- herg, um hier weitere Beratungen zu pflegen. Die beiderseitigen Truppen beziehen ihre Lager in Schlesien. Die hessischen Truppen kommen mit der 39. Division Marchand in das Lager bei Lüben.
Hier wird Tag und Nacht eifrig gearbeitet, um feste und zweckdienliche Baracken zu errichten. Bis zu ihrer Fertigstellung am 22. Juni kommen die Truppen in Lüben und Umgegend ins Quartier. Man hatte nichts versäumt, für eine sechswöchige Dauer den Truppen eine gute, gegen die Unbilden der Witterung schützende Unterkunft zu schaffen. Die Wände der Baracken waren mit Holz bekleidet, die Dächer mit Stroh gedeckt. In dem Lager werden die Truppen durch alle möglichen militärischen Uebun- gen gefördert. Am 30. Juni hält Marschall Ney eine große Revue ab, bei .der ihm die h e s s i s ch e ^Truppen besonders gut gefallen. Eine Ordre vom 1. Juli givr bekannt: „Bei der großen Revue ist Herr Marschall, Prinz von Moskau, mit den großherzoglichen Truppen besonders zufrieden gewesen. Er lobte die gute Haltung und Reinlichkeit der Soldaten, die Präzision des Manövers und den Marsch bei Defilieren." Auch an Kurzweil fehlte es den Soldaten nicht. Der Kaiser hatte angeordnet, daß „zur Belustigung der Soldaten und als zweckmäßige Beschäftigung" Scheibenschießen mit P r o b e s ch i e ß e n statt- sinden sollte. Die drei besten Schützen einer jeden Kompagnie sollten Prämien erhalten, wonach wieder ein Konkurrenzschießen innerhalb der Bataillone und der Divisionen stattfinden sollte. Die Verpflegung der Truppen machte Schwierigkeit, da^das Gebiet von Lüben zu den weniger fruchtbaren Gegenden Schlesiens gehörte. Bon Zeit zu Zeit wurde Schwefelsäure an die Soldaten abgegeben, die, mit Branntwein und Wasser verdünnt, ein präservativer und zugleich angenehmer, kühler Trunk ist, der zur Belebung und Erhaltung der Gesundheit dienen soll." Tie Offiziere erhielten Kirschwasser, das ihnen die Großherzogin geschickt hatte.
Auch sonstige Beweise der allerhöchsten Zufriedenheit erhalten die hessischen Truppen im Lager zu Lüben. Am 19. Juni wird . an 30 Personen unter den großherzoglichen Truppen, darunter an 16 vom „leichten Regiment" der französische Orden der Ehrenlegion verliehen, teils „wegen ihrer Bravour während her russischen Kampagne, teils für ihre Tapferkeit in der Schlacht bei Lützen". Wegen ihrer Bravour bei Lützen wurden vom 1. Bataillon des „leichten Regiments" dekoriert: die Kapitäne von Schäffer nnb Fresenius, ferner der Feldwebel Berghöfer. Eben gibt eine Ordre vom 21. Juni bekannt, daß der Großherzog! gleichfalls an 16 Personen seiner Regimenter für ihr rühmliches Verhalten in der Schlacht bei Lützen den hessischen Ke rdienstor d en verliehen habe. Der Landessürst spricht dabei die Ueberzeugung aus) daß das im Jahre 1813 neu gebildete Korps bei jeder Gelegenheit seinen alten hessischen Ruhm behaupten werde. Durch Ordre vom 17. Juni bestimmt der Großherzog ferner, daß das „provisorische leichte Regiment" zu einem wirklichen Regiment unter dem Namen: Gardefüsilier-Regiment erhoben werde „um seine Zufriedenheit dem zu einem provisorischen Regiment 'seither vereinigten Garde-Füsilier- und Leib-Bataillon zu bezeugen". Der 17. Juni ist somit der Gründungstag des heutigen 2. hessischen Infanterie-Regiments, des Kaiser-Wilhelm-Regiments Nr. 116 in Gießen. Das Regiment als solches begeht also in diesem Fahre den 100 jährigen Gedenktag seines eigentlichen Bestehens.
Am 26. Juli trifft das neu errichtete 1. Marschbataillon „Augmentationsbataillon" unter dem Kommando des Kapitäns Eigenbrodt im Lager von Lüben ein. Es hatte eine Stärke von 24 Offizieren, 76 Unteroffizieren, 20 Spielleuten und 907 Gemeinen. Dieses Bataillon sollte zur „Komplettierung" der anderen Regimenter im Felde dienen. Unter den Mannschaften des Bataillons befanden sich viele, die ehedem schon bereden Regimentern gewesen und sich heimlich entfernt hatten. 500 Mann waren nach und nach während der Gefechte aus Furcht vor Gefahr davoiigelaufen und waren in ihre Depots wieder zurückgekehrt. Tas Desertieren war damals nichts Außergewöhnliches.
Nun luarcn sie wieder in das Marschbataillon eingestellt worden. Das neue Gardefüsilicrregiment erhielt davon: 6 Offiziere, 15 Unteroffiziere, 1 Tambour, 193 Gemeine und 3 Trainsoldaten. Das „Augmentationsbataillon" war am 28. Juni in Darmstadt abmarschicrt, hatte seinen Weg über Würzburg, Bamberg, Gera genommen und war am 17. Juli in Dresden angekommen, wo es vor dem Kaiser Napoleon Revue passierte. Auch ein 2. „Augmentations-Bataillon" wurde am 28. Juli in Darmstadt gebildet. Es marschierte von da am 5. August unter dem Kommando des Majors Kraft ab und zählte-808 Mann, 8 Reitpferde und 43 Zugpferde. Am 15. August kam es in Weimar an und wurde der Division Dejean zugeteilt: am 23. August marschiert es nach Torgau. Am 21. Jul: marschierte das II. Chevauxlegers-Regiment unter dem Kommando des Rittmeisters v. Boy ne bürg von Darmstadt ab; es zählte 5 Offiziere, 9 Unteroffiziere, 5 Trompeter, 307 Gemeine und 9 Trainsoldaten mit 355 Reitpferden und 6 'Zugpferden. Es nahm seinen Weg über Würzburg, Bamberg, Menburg nach Dresden.
Tie ungeheueren Kriegskosten, die die Ausrüstung der.nachgeschobenen Mannschaften erforderte, mußten von der hessischen Regierung durch außerordentliche Kriegssteuern gedeckt werden. Im Juni wurde Vs Prozent neue Steuer festgesetzt, 30 Kreuzer von 100 ff. Tie hessische Regierung zeigte einen besonderen Eifer für Napoleons Sache. Obschon sie nach der Rheinbundsakte nur 4000 Mann zu stellen hatte, unterhielt sie sogar 7000 Manu unter den Waffen. ,
Ter Waffenstillstand von Poischwitz war am 20. Juli abgelaufen, wurde aber bis zum 15. August verlängert. Da der Geburtstag des Kaisers am 15. August, da die Feindseligkeiten wieder beginnen sollten, nicht gefeiert werden konnte, wurde bestimmt, daß „der Napoleonstag" schon am 10. August im Lager zu Lüben festlich begangen werbe. Für die Festfeier im Felde wurde angeordnet: „Morgens um 5 Uhr sollen alle wegen Fn- disziplin im Arrest befindlichen Individuen entlassen werben." Um 6 Uhr morgens erhält jeder Soldat eine doppelte Portion Branntwein und Bier, 1 Pfund Fleisch, Reis und Brot. Außerdem wird einem jeden Mann „zur Verbesserung der Nahrung 1 Frank extra vergütet. Um lUl Uhr findet großes feierliches Hochamt Und Te-Teum statt. Nach der kirchlichen Feier !mrd eine große Parade über die ganze Division abgehalten. Dre Truppen defilieren vor bem General und rufen: „Vive l'empereur!" Nachmittags findet großes Wettlaufen und Wettspringen statt. Um 10 Uhr abends wird ein großes bengalisches Feuerwerk ab
gebrannt. „ „ ,
Die Waffenruhe erwies sich für Preußen nützlich; es konnte seine Landwehr formieren und ausrüsten. Durch den .Vertrag von Reichenbach am 14. Juni trat England auf fetne Serie. Dre Verhandlungen mit Oesterreich gestalteten sich ttdoch: fckMerrger. Doch toar schon viel für die Verbündeten errercht, als Gras Stadion am 27. Juni im Namen seiner Regierung erklärte, falls Napoleon die Vorschläge der Verbündeten nicht annehme, würde Oesterreich mit 150 000 Mann bereit stehen, um fettt Gewicht in die Wagschale zu werfen. Metternichs Sendung nach Dresden brachte nicht den Frieden: Napoleon schlug eine Verlängerung des Waffenstillstandes vor, um Zett zu gewinnen. Unter» dessen würben die Friedcnsverhanblungen in Prag korsgesctzt, jedoch ohne Ergebnis. Weber Preußen noch Napoleon wünschten ^"^End? Jul?reiste Napoleon nach Mainz und hielt dort einen glänzenden Hvftag ab, auf dem er mit feiner Gemahlin, der Kaiserin Marie Luise zufammentraß Napoleons plötzliches Erscheinen erregte großes Aussehen. Der Großherzog von Hessen reifte trotz seines Gichtleidens zum Empfang nach Mainz,, und auch die gleichfalls kranke Großherzogin folgte mit dem Prinzen Christian nach. Boll Zuversicht erklärte Napoleon bem Großherzog, bis (Silbe August könne er noch Oesterreich Trotz bieteii. Arn 1. August kehrte Napoleon als „Fürst von Neuchutel nach Dresden zurück; bald nach seiner Ankunft er olgte Oesterreichs Beitritt zu den Verbündeten,- noch vor Ablauf des Waffenstrll . standes. ______________
Der grüne Teich.
Mn Märchen von Haus M ack-Frankfurt a. M..
Es ist eine alte Tatsache, daß empfängliche Menschen, wen« sie mal ganz frühe des Tags aufstehen, immer etwas besonderes, erleben. — —
Es lag die Tagesfrühe noch int frischen Morgentau; es perlte und glitzerte in den tzartcn Sonnenstrahlen. Und sricdvolle Ruhe lagerte noch allgemach! über dem betriebsamen Kleinstadrchen, das sich erst ein paar Stunden nach dem Erwachen der Riesenstädte regt. Hier hat man ja auch noch! Zeit. Dies Bewußtsein, immer noch Zeit zu haben, das haftet fest im ganzen Menschen; drum ist et auch hier nicht so geschäftig schnell im Urteil über die Mitbürger. Langsamer erteilt er Lob und! Tadel, tiefer begründet er eine Abneigung, einen Haß. —
Hier und da schlürft ein Bäckerbursche über das holperige Pflaster. Er fährt keinen bonnernben Karren vor sich her. Er


