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einen Pürschgang durch die morgenfrische Heide ins Gedächtnis
Dann kommen die Angeln an die R-eihe. Ich ziehej sie aus dem Futteral, stecke sie zusammen Und Prüfe wippend ihre Elastizität. Schließlich nehme ich die wetterharten Anzüge aus dem Schrank, in denen ich durch Feld und Wald strolche, und mustere sie mit kritischen Blicken. Freudig bewegt sehe ich, daß sie inzwischen einen Reinigungs- und Erneuerungsprozeß durchgemacht haben.
Wenn ich dann die Juchtenstiefel und Nagelschuhe aus der "Kammer hole und zu schmieren beginne, nimmt meine bessere Hälfte lächelnd ben Rucksack vom Nagel, um ihn nut Wollwaiche und all den Kleinigkeiten zu packen, die ein Kulturmensch nun einmal nicht entbehren kann. Wenn sie den gepackten Rucksack wiederbringt, habe ich mich bereits umgezogen. Die flregende Unruhe ist einer stillen Freude gewichen, der Vorfreude, die oft, ach so oft viel schöner ist als die Erfüllung unserer Wunsche und Hoffnungen.
Wieder einmal hatte es mich so gepackt . . . Auf dem Ruhebett, auf den Ledersesseln, ja selbst auf dem Schreibtisch! lagen Gewehre, Angeln, Anzüge, Rollen, Spinner, Patronen. Mitten im Zimmer standen Stiefel und Schuhe, wie zu einer Parade aneinander gereiht. Und mitten dazwischen ich, von widerstreitenden Empfindungen hin- und hergerissen. Vom Schreibtisch her mahnte die Arbeit.
„Ich gebe dich nicht frei, du Mußt. . ." Auf der anderen Seite lockten die Juchtenen. „Kein Mensch muß müssen! Steig nur in uns hinein, dann fragen, wir dich in die Freiheit! Dem Frühling entgegen!"
Ich hatte mich schon innerlich für die Juchtenen und die Freiheit entschieden, als mein Freund Edmund ins Zimmer trat.
„Was ist denn bei dir los? Willst du umziehen?"
Erst jetzt sah ich, daß er den Salonmenschen ausgezogen und in feinem verwitterten Lodenanzug vor mir stand, der schon über eine ganze Anzahl Dienst- oder besser gesagt "Kriegsjahre zurückblicken konnte.
Statt äit antworten, fragte ich zurück. „Was hast du denn vor.
„Komische Frage! Raus will ich. . . Ich halte es nicht mehr aus in der Stadt. Mein Auw steht vor der Tür, ich habe meinem Jagdhüter telegraphiert, daß er einen Kahn für uns bereit hält und aufs Wasser bringt. Die Hechte laichen schon . . . Was stehst du denn noch wie ein pensionierter Kleiderständer?"
So fix habe ich mich selten umgezogen. In einer Viertel- stnnde war ich reisefertig. Ein flüchtiger Abschied: „Teures Weib, gebiete deinen Tränen . . ."
Lächelnd schnallt mir die .Gattin die Fahrbrille um und halt mir deu schweren Reisemantel . . . Ein heulender Doppelton aus der Hupe. „Wann kommt Ihr wieder?"
„Gänzlich unbestimmt!" klingt es doppelstimmig, wie aus einem Munde zurück. Eine halbe Stunde fitzen wir schweigend nebenienander. Die öden Häuserreihen, zwischen denen das Auto feinen Weg ins Freie sucht, lasten auf unserer Stimmung. Endlich ist das holprige Pflaster überwunden, vor uns dehnt sich endlos die gerade Doppelreihe der Chausseebäume. Heller Sonnenschein schimmert schon in dem hellen Grün, das ihr Erwachen ankündigt.
Edmund schubbst mich mit der Schulter. „Na, was sagst nun ? War das nicht ein famoser Gedanke?"
Ich nicke stumm und drücke seine Hand. Denn meine Augen folgen einem kleinen grauen Vogel, der trippelnd über den Acker läuft. Ist das nicht eine Lerche? Ja, sie ist es, die Botin des Frühlings. Was treibt dich aus dem warmen "Süden, wo dir die Natur den Tisch mit Leckerbissen deckt, hinauf in den kargen Norden, wo du hungern und frieren mußt? Lebt auch in deinem kleinen Herzen die Sehnsucht nach den Stätten, die wir Menschen mit dem Namen: „Heimat" schmücken? Sag an, wo weilt der Frühling? Wann kommt er?
Weiter saust das Auto durch, dunkle Nadelwälder, zwischen denen sich bald hier, bald dort der Ausblick auf einen glänzenden Seespiegel auftut. Die Brust dehnt sich unter tiefen Atemzügen, die Äugen können sich nicht satt sehen an den lieblichen, schnell wechselnden Naturbildern ... In der Ferne schieben sich Hügel, Wälder ün!d Dörfer wie Kulisfen vor und hintereinander . . . wenig wechselnd, wie die bunten Glasstückchen im Kinderspielzeug.
Die Poesie "des Reifens, die uns von der rasselnden, die Nerven marternden Eisenbahn geraubt ivar, hat uns das Auto wiedergegeben. Nach dreistündiger Fahrt hält unser Wagen vor dem einsamen Forsthaus. Die Hupe meldet mit dröhnendem" Baß unsere Ankunft. Doch niemand erscheint, uns zu empfangen.
Wir steigen aus und werfen die Mäntel ab. Edmund geht ins Hans, um nach den Bewohnern zu forschen. Ich gehe langsam zum See. Da steht der Kahn, der uns auf das Wasser tragen soll, noch in träger Winterruhe auf dem Lande.
Zwei Buben von drei und vier Jahren sitzen darin. Mit heiligem Ernst halten sie jeder eine Bohnenstange über den Kahnbord hinaus. Jetzt springt einer auf, klettert ans dem Kahn und holt ein Sttick Borke. „Ich habe einen schweren Hecht gefangen," erklärte er stolz.
Ich setze mich z'n ihnen: ich hole die -Fische, die sie mit einer beneidenswerten Phantasie und fo schnell hintereinander fangen, daß ich vollauf damit zu tun habe, sie heranzuholen. Die Kinderluft hat meine Phantasie beflügelt. Auch für mich sind es keine Borkenstücke mehr, sondern Hechte . . .
Edmunds lustige Stimme stört endlich das "Idyll. „Heda, Ihr Buben, wo ist Euer Pater?" ....
Der Vierjährige antwortet verständig: „Die Mutter ist gegangen, den Pater aus dem Dorf zu holen."
„Da müssen wir uns in Geduld fassen," meint Edmund resigniert. „Mm besten, wenn wir unseren Hunger mit der Reisekost stillen und dann in den Wald wandern."
War das ein genußreicher Gang! An den Futterstellen standen vertrant die Rehe. Dort hockelten drei, vier Hasen auf der Saat umher, nach einer besseren Hälfte suchend. Farbenschillernde Fasanen stolziertm dummdreist am Waldesrand . . . Während das flammende Abendrot langsam verblich, ftieg im Osten der fast volle Mond am Himmel empor. Die Tagesgeräusche verstummten zum Abendfriedm. ...
Müde und hungrig kehrten wir ins Forsthaus zurlick, wo uns ein kräftiges Mahl erwartete. Zu einer Zeit, wo das Nachtleben der Großstadt einzusetzen beginnt, waren wir schon ins Traumland hinübergewechselt. Tie aufgehende Sonne, trieb uns aus dem Bett. Am Seeraub hatte sich eine dünne Eiskruste gebildet und der sanfte Zephyr kniff uns in die Ohren. .
„Ich bin doch neugierig, ob der Hecht noch! beißt, meinte Edmund nachdenklich. , ,
„Ich dachte, wir wollten bloß W Vergnügen spinnen und jnrt die Hebung aufzufrischen?"
„Kann ich denn den Hechten das Beißen verbieten?
Mit leism Ruderschlägen trieb ich den Kahn auf den See hinaus. Ta ergriff auch mich die Lust. Ich ließ die Ruder im Tollen hängen und griff zur Angel. Hei wie der Spinner im Sonnmschein blitzmd durch die Lust saust! Ta ruft Edmund:
„Achtung, ich habe einen Biß!" „„
„Tas scheint ja ein Ungetüm von mindestens einem Pfund zu sein," rufe ich lachend, denn ich setze, wie er den Fische heranholt, ohne daß die Rutenspitze sich krümmt. Ich habe richtig geschätzt. Schmnuzeuld hebt mein Freund den Hecht an der Schnur in den Kahn.
„Ter hat beim Laichen noch nichts zu tun, deshalb hat er gebissen," erklärt ErmUnd mit tiefem 'Ernst, während er ihn vorsichtig vom Haken löst und ins Wasser zurücksetzt, mailst legt er die Angel in den Kahn, setzt sich und sieht mich mit prüfenden Blicken an.
„Einen schönen Rogner von zehn, zwölf Pfund mochte ich gern mit nach Hanse nehmen. Meine Frau versteht ans dem Rogen «einen Kaviar zu bereiten, der viel besser schmeckt als der
russische." •. . „ •
„Na, beim müssen wir einen zu fangen versuchen.
„Fangen?" erwidert er gedehnt. „Daran glaube ich nicht. Wer," seine Stimme sinkt zum flüftern hinab, „wir können uns jeder einen schießen." . , ' , . ,
„Edmund," warne ich mit eindringliche in Ton, „bedenke, daß du ein Sportangler bist! Wenn das dein Anglerpapst zn wissen bekoniiitt, wirst du hingerichtet, von unten rauf gerädert und lebendig verbrannt. Denkst du nicht daran, wie cs mir erging, als ich vor Jahren einmal harmlos von den Missetaten meiner Jugend mit Speer und Schrotspritze erzählte?'
„Ach was! Ich bin hier in erster Linie Fischereipachter, und der See ist ein geschlossenes Gewässer, für den kein Verbot gilt. Ich tu es. Fahr mich ans Laiid."
Erst frühstückten wir gründlich, dann zogen wir zum «ec hinab und fuhren im Kahn hinüber zuni Süduser, wo das Wasser über eine Wiese ausgetreten war. Der Wind war ein- jgeschlafen. Man fühlte ordentlich die wärmende Kraft der Sonnenstrahlen. Schon von weitem sahen wir auf der überschwemmten Wiese an mehreren Stellen das Wasser brodeln, als wenn es kochte. Dort hatten sich die Hochzeitsgesellschaften zu sau imeng ef n n d en. Um einen großen Rogner drängten sich fünf, sechs oder noch mehr Milchner. " k
„Können wir sie mit dem Kahn anfahren?" fragte Edmund flüsternd, als fürchte er durch lautes Sprechen die Fische beim Laichen zu stören. . . . „ . ,
„Ich glaube nicht, aber wir können es jai>6et der ersten Laiche versuchen." 1 „ ,,
Ganz unmerklich schiebe ich beit Kahn vorwärts, Zoll nm Zoll Schon hebt mein Freund das Gewehr, als die Hechte tote ein Bündel Strahlen nach allen Seiten auseinander schießen.
Dir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als auszustelgei» und ruhig stehen zu bleiben, bis eine Laiche sich in deiner Nähe sammelt. Und regungslos mußt du stehen, wie ein Reiher, der auf Beute lauert."
„Nein, nein . . . Halt bloß den Kahii sttll. Ter Roaner steht noch — ein Kerl von mindestens zwölf Pfund . . . soll ich ihn schießen-?" flüsterte Edmund aufgeregt.
„Nein, warte noch, bis die anderen zurückkommen, wir Haber» ja keine Eile." , .
Nach wenigen Minuten sehe ich einen dreieckigen streifen sich abzeichiien auf dem' Wasser. Dort schießt ein zweiter, cm dritter, ein vierter heran. . . Tas Wasser brodelt auf.


