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jMMich u'm, und die Folge war eine ganze Reihe von Reger- abenden in Rheinland und Westfalen, wo sich denn mich schon einmal Zischei: in die musikalischen Klänge mischte. Dann kam anfang Oktober 1905 die Uraufführung der Sinfonictta unter Felix Mottl in Essen, der, als er sie in München schließlich herausbrachte, ein ganzes Konzert auf Hausschlüsseln und Hunde- Pfcifcu heranfbeschwor. Wer der Bann war gebrochen und Reger in aller Munde. Um' die Sinfonietta gehen allerdings noch heute die Dirigenten herum' wie um einen bissigen Hund, und halten sich lieber an die in« Jahre darauf erschienene freundlich schwär­merische Serenade oder die genialen Hillervariationen, das Poetisch- Verklärte Bild frohbewegten Lebens. Tie Haben den: Komponisten gar viele Freunde gewonnen, und doch sind manche gerade durch den furchtbar ernsten, rücksichtslosen Prolog zn einer Tragödie aus den Weg zu Reger geführt worden. Zwischen eisig ablehnen­dem Schweigen und ergriffener Zustimmung wechselt hier die Haltung der Hörer, die oft ratlos vor diesem Koloß stehen, der die Tragödie selbst, und daher alles andere wie ein Vorspiel ist.

An diesem Prologe nun wird wie in seinen großen Orgel­werken und dem 100. Psalm offenbar, was Reger, abgesehen von -allem Musikalischen, aus der Reihe der anderen modernen Kom- ponisten rückt. Das ist sein andächtiges Verhältnis zur Gottheit. In ihm lebt die religiöse Sehnsucht unserer Zeit, und selbst in die von fröhlichstem' Getümmel bewegten Schöpfungen dringt ost plötzlich ein geheimnisvoller Klang wie aus einer anderen Welt. So derb seine Musik manchmal auf den Füßen steht, ihr Herz schlägt im Lande der tiefsten Geheimnisse und seine Töne geben Uns Kunde, was er dort in mystischem Schauen gesehen itnb erlebt. Wer acht gibt auf Regers AdagioS, vor allem das in: Klavierkonzert und Sextett, iver seine großen, übersinnlichen Lieder kennt,_ der findet den Schlüssel zum Herzen dieses sensiblen Riesen, zum Herzen eines Mannes, der wie einer die Freuden und Leiden der Modernen Menschen in der Tiefe seiner Seele erlebt und in: musikalischen Bilde einfängt.

Daran müssen wir festhalten, daß Reger, trotzdem er auf Bach fußt, nur als moderner Mensch, als ein Geschöpf unserer Zeit verstanden werden kann. Man hat vielfach nur ein ver­wegenes harmonisches Spiel in alten Formen sehen wollen, wo in Wirklichkeit ein heiß empfindender Mitmensch sein Herzblut verspritzte. Weil eben der Jnl-alt so unmittelbar aus unserer Gegenwart geschöpft war, verstand man oft die Sprache dieser Musik nicht. Tenn Reger ist wie alle Heutigen ein individua­listischer Künstler, dessen Musik auch die kleinste Seelenregung spiegelt. l$t hat Lieder geschrieben, die zart sind wie ein duftiger japanischer Farbenholzschnitt oder ein hingehauchtes Aquarell, Lieder, deren freie melodische Linie sich hoch und höher schwingt, als wollte sic schier kein Ende nehmen, Sonaten, die nichts sind als ein einziges Rezitattv. Sie sagen die leisesten Tinge, singen von Glück und Wonne, von Wehmut und bitterem Schmerz, vvn Verzweiflung und Vertrauen zu dem, der alle Wege zum Guten lenkt. Und daneben stehen dann trotzige Stücke von ungeberdiger Kraft, wie die grandiose Passacaglia für zwei Klaviere und das Klavierquartett op. 113, sowie auch Lieder, denen unsere berühmten Sänger scheu aus dem Wege gehen. Wo aber ist des Lebens Arbeit und Geschäftigkeit, seine Freude und Köstlichkeit in unseren Tagen Nttickstrahlender besungen worden, wie in den Hillervariationen, den:' Streichquartett op. 109 in Cs-dur, und den sonnigen Beet­hovenvariationen, dessen StaNimgästeu der Kammermusiksäle? Älter Meister Kunst lebt mit neuem Inhalt auf in Regers Konzert in: alten Stile op. 125. Dieser Mann ist eine so komplizierte Natur, daß er die größten Gegensätze in sich vereinigt, und Werke der verschiedensten, ja widersprechendsten Art hervorbringt. Tie schroffen Stimmungswechsel seiner Werke sind nichts, wie ein Spiegel seines Innern. Er ist wie ein Janus köpf; sein eines Antlitz schaut zurück in die Vergangenheit, das andere in eine ferne Zukunft, und so kommt cs, daß seine Werke manchmal etwas Zwiespältiges haben, und die alte Form festhalten möchte, was in ivildem Drange vorwärts stürmt. Auch in Regers Suchen und Wollen, in: Ge­lingen wie Mißlingen sehen wir das Ringen der Gegenwart.

Wie wäre er nun ein moderner Musiker und nicht zugleich ein Meister der Farbe? Allerdings nicht jenes schillernden Or­chesterkolorits, das Richard Strauß sich znM Zwecke subtilen Aus­drucks bildet, sondern jener unendlich mannigfaltigen Akkord- farben, jenerHangeant-Harmonik", die allen Tust zarter Wechsel­farben, wie die schwere Pracht reicher Gewänder hat. Bon der leisesten Regung des Gemüts bis zur erschütternden Gewalt des die Seele durchtobenden Sturmes ist dieser Harmonik alles unter­tan. All die Augengespenster, die uns auf den Notenblättern schrecken, sie lösen sich unter Regers Händen am Flügel auf in Gebilde, über denen als höchstes Gesetz der Adel des Klanges steht. Wir einstens Mozart, so möchte dieser von Dissonanzen zer­rissene Mitkämpfer unserer Zeit all seine Wonnen und Leiden in Schönheit anflösen. Tie alte Musikersehnsucht lebt und tönt dort wie hier.

Wer näher zusieht itnb sich durch die Fülle einander Ver­wandter Werke nicht verwirren läßt, weist auch, daß Regers Weg kein Stillstehen kennt. Er ist kein Schoßkind des Glückes gewesen, tind wie bisher sein Leben Arbeit war, so steht auch jetzt, wo er als ein Großer anerkannt ist, als erstes vor ihm die Pflicht gegen das ihm verliehene Pfund. Es ist die eiserne Strenge gegen sich selbst, die ihn groß gemacht hat, ihn aus kleinsten Aufäugen hinauf

zur Höhe führte. Schoir jetzt läßt sich erkennet:, und spätere Werke werde:: es erweisen, daß dieser Individualist voi: dem' Sehen ins Kleine und Kleinste der Seele hinein nach den: großen Schauen strebt, wo der Tondichter zum Künder dessen wird, was uns alle bewegt.

, Die Musik hat die Entwicklung vom Ausdruck des Allge- Memen zu dem des Besonderen bis in die feinsten Verästelungen durchmessen, nicht zuletzt gerade durch Regers Kunst. Was sie dabei gewonnen, wird ihr von höchstem Nutzen sein auf dem Pfade, den sic jetzt wohl beschreiten will. Am Anfang unserer lebenden Musik steht die jeden Vergleiches bare Gestalt eines Johann Sebastian Bach, der ivie kein anderer das Schauen ins Kleinste hinein mit den: Blick ins Große verband und beides in unerhörte musikalische Taten umsetzte. Sein Vorbild steht als leuchtendes Fanal am Ende des Weges, den die Musik nun wieder vor sich sieht. Daß er uns dorthin führen möge, ist der Wunsch, mit dem wir Reger auf seinen Pfaden begleiten!

Das Opfer des Südpols.

Drei Jahre sind seitdem verstrichen. Am Morgen hatten Zeitungsausrufer mit heiseren Stimmen bei: Triumph Shakletons burch die Straßen Londons gerufen. Bis aus 97 geographische Meilen vom Südpol war Shackleton vorgedrungen. Wenn irgend wer die Bedeutung dieser Leistung schon im ersten Augenblick! in ihrem vollen Umfange würdigen konnte, so war das jener britische Marineoffizier, der jetzt zur Abendstunde, nach einen« anstrengenden Arbeitstage, in der Admiralität, in sein kleines hübsches Häuschen am' Buckingham-Palace-Road zurückkehrte. Ein Freund erwartete den Heim-kommenden, und aus ihrem Atelier eilte die junge Frau, den braunen Leinenkittel der Arbeit noch über ihr Kleid geworfen, Herbei, um bei: Gatten zu begrüßen. An jenem Abend, ber ben Kein: seines künftigen Schicksals in sich trug, war Robert Falcon Scott in gehobener Stimmung. Tie Begeisterung über den Triumph des Kameraden war so groß und ehrlich, daß sie sogar die heitere und stille Gelassenheit des Kapitäns durchbrach. Ter Freund, 'den der Zufall zum Augen­zeugen dieses Wends im friedlichen Heime machte, erzählt, wie die Freude über den Erfolg seines cinssigen Leutnants in seinen Augen widerstrahlte.

Von einen: kleinen Tische nahm Scott seine Pfeife, und lächelnd holte die junge Frau, die die Gedanken ihres Mannes so gut erriet, die große Karte der Südpolarregionen herbei. Auf seinen Knien breitete der Kapitän den Bogen aus, die Frau kniete neben ihm an der Seitenlehne des Sessels, und mit dem Finger oder mit der Pfeife zeigte Robert Falcon Scott ben Weg, den sein Freund Shackleton und dessen Getreuen int Kampfe mit dem Schnee und dem Eise überwunden haben mußte. Schritt um Schritt erklärte er die gefahrvolle Reise, hob immer wieder die Schwierigkeiten hervor und sprach von dein' Lande, mit dem einst auch er gerungen hatte, sprach von bei: Schrecken itnb bei: Schön­heiten der Schneeeinsamkeit in den Regionen des Südpols. Und in seinen Augen leuchtete immer wieder die große Freude über das Errungene auf, während die Frau lauschte und der heimliche Stolz auf ihren Mann sich in ihrem' Antlitz immer deutlicher spiegelte.Wirst du wieder hinausziehei: ?" fragte ihn der Freund; und Scott schwieg einen Augenblick, dann blickte er auf seine Frau und schüttelte leise ben Kopf. In feinen Augen aber, so berichtet ber Freund, leuchtete doch das Feuer der Entbeckerfreube wieder, der Wille des Mannes, wieber hinauszuziehen und im Kampfe mit ber Einsamkeit feinblicher Elemente zu krönen und zn volleichen, was er einst begonnen. Seine Pfeife ging aus, sein Blick wurde unbestimmt und schien in weiten Fernen zu weilen, und nun sprach er von den: gewaltigen grenzenlosen Eisfelde, bas durch­quert werden müsse, sprach von der Anzahl der Meilen, die täg­lich bewältigt werden könnten, wenn Menschen ihre ganze Kraft und ihren ganzen Willen einsetzcu. Er sprach von bei: Hunden, ihren Gewohnheiten, ihrer Zähigkeit und die junge Frau neben ihn wurde etwas unruhig, als sie fühlte, wie immer stärker die Wanderlust des Entdeckers in seine Worte strömte. An jenem Abend entschieden Robert Falcon Scott und Kathleei: Scott über ihr Schicksal. Sie war schweigsam', und man sah', wie sie mit einem Entschlüsse kämpfte, der ihr schwerer wurde, als Worte das zu schildern vermöchten. Aber in dieser Stunde der Krisis blieb Kathleei: Scott die Siegerin, mit stummer Selbstüberwindung stellte sie seine heimliche Sehnsucht über die Wünsche ihrer Liebe. Und eine halbe Stunde später ermutigte sie ihn, die Fahrt in sein Reich wieder zn wagen, bestärkte ihn in seinem heimlichen Vorsätze. Erst einige Wochen später erfuhr die Welt, daß Kapitän Scott willens se i, noch'einmal die Fahrt gen Süden anzutreten, aber der Entschluß z'n diesem Beginnen, das nun ein so tragisches Ende genommen hat, ward an jenen: Allen Abend erweckt, da er mit seiner Frau auf der Karte Shacklctons Laus verfolgte und sie ihn« wortlos das höchste Opfer brachte, das eine glückliche Frau sich abringen kann.

Zwei Jahre und ein paar Monate später saß diese Frau in demselben Zimmer des kleinen Hauses, aber diesmal allein. Tas war im März 1911; an jenem Tage besuchte sie ein befreun­deter englischer Journalist. Wieder hielt Kathleei: Scott jene Südpolarkarte vor sicch-iu ihren Zügen lag eine frohe gefestigte Zuversicht, und während ihr Finger über die Polregion hin-