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Dann ging sie hinüber in ihr Zimmer, schrieb einen langen, ausführlichen Brief cm Fran Bettina und rief das Mädchen, damit sie ihn noch heute Wend durch einen Boten zur Station tragen lasse.
Montelli ließ sich nirgends blicken, nud sie dankte Gott, daß ihr sein Anblick erspart blieb. Sie Ivar grenzenlos müde. Ein stechender Schmerz durchbohrte ihre Schläfen.
Leise schloß sie die Tür ab und schlich an ihr Bett.
Nur schlafen — schlafen — vergessen!
Als das Mädchen am anderen Morgen an Metas Tür pochte, erhielt es zuerst keine Antwort. Erst nach wiederholtem Pochen wurde geöffnet.
Die Magd erschrak, als sie ihre Herrin erblickte. Meta war noch in' denselben Kleidern wie am Tage zuvor. Die fieberglänzeudeu Augen trugen tiefe, dunkle Ringe, die schmalen Wangen brannten dunkelrot.
„Was wollen Sie?" fragte Meta und blickte die Magd sonderbar verwirrt an.
„Ich wollte wegen des Frühstücks fragen . . . aber du lieber Gott — gnädige Fran sind ja krank! Soll ich um den Arzt schicken?"
„Nein — nur Ruhe — Ruhe . . ."
Meta taumelte an das Bett zurück und warf sich darauf nieder, ohne die Magd weiter zn beachten.
Das Mädchen eilte ratlos in die Küche hinab, um bei der Köchin Rat zu holen. Beide waren sehr bestürzt. Was sollte man tun? Der gnädige Herr war nach Pest gefahren noch gestern Abend.
„Melden Sie es Seiner Hoheit," meinte endlich die Köchin. „Vielleicht weiß er, wann der Herr zurückkommt oder wohin man ihm Nachricht senden soll."
Nein, er wußte es nicht, aber man brauchte auch den Herrn gar nicht. Mariska sollte sofort zur gnädigen Fran gehen, sie auskleiden und bei ihr bleiben, bis die Pflegerin kam, welche der Prinz sofort telegraphisch aus Pest be- rufen wollte. Man möge ihm rasch ein Pferd satteln lassen. Der Kutscher sollte unverzüglich zum Arzt fahren.
Als der Prinz mit bem Arzt eine Stunde später in Metas Zimmer trat, lag sie in hohem' Fieber und erkannte niemand. Der Arzt verordnete Ruhe und Eisumschläge. Es sei ein Alterationsfieber mit beunruhigend erhöhter Herztätigkeit.
Nachdem der Arzt sich entfernt hatte, holte sich Reins- perg ein Buch aus seiiiem Zimmer und kehrte in Metas Krau ke »zimmer zu rück.
Mariska saß «eben Metas Bett und häkelte. Es war schließlich nicht viel zu tun — alle halbe Stunde ein frischer Eisbeutel und stündlich einen Löffel Medizin, und selbst dies nahm ihr nun der Prinz ab.
Die Kranke lag scheinbar ganz ruhig mit geschlossenen Augen da. Zuweilen kam ein Seufzer über ihre Lippe«, zuweilen bewegten sich die schmalen, weißen Hände auf der Decke nervös.
Dann stand Mariska jedesnial auf und wollte einen frischen Eisbeutel auf die heiße Stirn Metas legen, -und jedesmal nahm ihn ihr Reinsperg stnmm aus der Hand und winkte ihr, sich zu setzen.
Mit einer Geschicklichkeit, um die ihn jede geschulte Wärterin beneiden konnte, richtete er die Kissen auf und schob neue unter, je nach Bedarf, denn der Arzt wollte, daß die Kranke möglichst hoch liege.
Er flößte ihr Limonade ein und gab ihr Medizin und dabei ruhte sein Blick mit dem Ausdruck eines wehmütigen Glückes auf Meta.
Reinsperg hatte die Nacht, ruhelos auf- und nieder- wandernd, in seinem Zimmer verbracht.
Er hatte vieles niederzukämpfen, mit vielem fertig zu werden. So selbstlos ist kein Mensch, daß er leichten Herzens darauf verzichtet, worauf er mit ganzer Seele gehofft hat.
Diese schwüle Julinacht, die sorgungslos begann und gegen Mitternacht plötzlich in wilden Gewitterstürm überging, wurde sein Golgatha.
Aber als am Morgen der erste Sonnenstrahl in sein Gemach fiel, hatte auch er wie die Natur draußen den Sturm überwunden.
Um Mittag hatte er abreisen wollen. Ta meldete man ihm Metas Erkrankung, und es erschien ihm wie ein Gnadengeschenk des Himmels, daß er nun bis zur Ankunft der Wärterin ihre Pflege übernehmen durfte.
Einmal, während er ihr den Eisbeutel erneuerte, schlug sie die Augen auf und sah ihn lauge an.
Es kam ihm vor, als glitte der Schimmer eines dankbaren Lächelns über ihre Züge. Hatte sie ihn erkannt? Oder zauberte ein Fiebertraunr die Gestalt eines anderen an ihr Lager?
Reinsperg fühlte keinen Schnrerz mehr bei dieser» Gedanken. Was er für Meta heute empfand, war so geläutert und rein, daß es hoch über der Region persönlicher Wünsche! stand. Es war das beste, was Menschen einander überhaupt geben können: Durch völlige Entsagung zur Freundschaft gesteigerte Liebe.
Gegen Abend kanr die Pflegerin. Es war eine ältere Frau, wohlerfahren und freundlich, der man die Kranke beruhigt anvertrauen durfte.
Dennoch fiel es Reinsperg schwer. Er meinte, daß niemand so sorgfältig auf alles achten könne, wie er selbst. Indessen hätte er es sich nicht verziehen, wenn er seinen Posten länger eingenommen hätte, als durch die Verhältnisse! gerechtfertigt wär.
Mit der Weisung, ihm am nächsten Morgen sofort Bericht über die Kranke zu erstatten, entfernte er sich.
Am nächsten Tag war das Fieber bereits gesunken und zwei Tage später erklärte der Arzt, daß keinerlei Gefahr mehr bestehe und nur noch Ruhe vonnöten sei.
Am Vormittag erschien Reinsperg, um sich persönlich von Meta zu verabschieden. Er hatte die Absicht, nach Ordnung verschiedener Angelegenheiten sich einer Expedition nach Tibet anzuschließen, welche in zwei Wochen Oesterreichs verlassen wollte.
Der Abschied war kurz und herzlich. Mit keinem Worte wurden die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit gestreift. Was Meta in dem klaren, warmen Blick Reinspergs las/ wirkte beruhigender, als Worte, die er hätte sprechen können.
Mit wehmütigem Blick sah sie auf die Tür, welche sich hinter ihm geschlossen hatte. Sie fühlte es: der hier von ihr Abschied genommen hatte für lange, lange Zeit — vielleicht für immer — war ihr ein wahrer, treuer Freund geworden, wie das Schicksal sie nur wenigen gibt.
(Fortsetzung folgt.)
Max Reger.
Persönliches und Allgemeines« Von Max Hetze in' an«.
Im Hinblick auf die Gießener Musiktage, an denen uns de« berühmte Zeitgenosse zwei seiner neuen Werke zugleich als Dirigent vorführt, glauben wir mit der Veröffentlichung dieses Artikels viele» unseren Lesern einen Dienst zu erweise«. Tie Red.
Es ist noch keine zehn Jahre her, da saßen in München verschiedene Musiker beieinander, und sprachen über einen dort ansässigen jungen Kollege». Einer von ihnen — er ist mittlerweile ein berühmter Mann geworden — meinte, man solle ihm möglichst oft Gelegenheit zum Konzertbesuche geben, denn es sei sehr wichtig, daß ein Musiker wie dieser höre, „wie ein Horn klingt". Der junge Musiker, von dem da die Rede war, ist heute Leiter der Meininger Hofkapelle, Hofrat, Professor und Ehrendoktor zweier llniversitäten, und heißt M a x Rege r.
Den hat man lange als musikalisches Kuriosum betrachtet, das man sich auf den Tonkünstlerversammlungen zeigte, von dem aber die wenigsten eine Note kannten. Eines Tages aber hatte er einen Namen, bald war er berühmt, und heute wäre die deutsche Musik ohne Reger überhaupt nicht mehr zu denken. Daß die Musiker sich so plötzlich für Reger interessierten, mag wohl auch daran gelegen haben, daß ein Nichtzünftiger ihnen ins Handwerk pfuschte. Und das kanr so. Auf der Frankfurter Tonkünstlerversammlung im Jahre 1904 spielte Reger mit Martealt seine be—rühmte C-dur-Sonate, zum Entsetzen vieler, die solch bösartige Musik nicht wohlgetan fanden. Als die Sonate zu Ende war, ging ich zu Reger hin, und bot itznt zu seinem größten Erstaunen ein Konzert in der damals zu Essen bestehenden und von 'mir geleiteten Musikalischen Gesellschaft an. Am 6. Januar 1905 sand dieser Abend statt, und brachte zunächst die E-dur- Sonate op. 72, das A-m!oll-Trio op. 77, das D-moll-Quartett op. 74 mit dem W ald emar-M ey er-Quartett aus Berlin und schließlich die Beethoven-Variationen für zwei Klaviere. Ein Musikfest bringt nun nicht mehr Musiker und Dirigenten auf die Beine als dieser KamMermusikabmd, wo alles auf einen kolossalen Hereinfall lauerte und zum Schlüsse das Publikum — es waren etwa! 1200 Personen — wie eine Mauer stand und vor Enthusiasmus sich die Hände wund schlug. Es gab Leute, die vorher an meinem Verstände zweifelten, daß ich, so etwas unternommen hatte. Man erzählte sich von dm sechzig Proben, die das Quartett gehalten, wie von den Stimmen, die vor Wut eß' solchen Studierens in die Ecke geflogen waren, und drückte uns vorm Konzert die Hand wie Menschen, von benen man in der nächsten Stunde Hals- und Beinbruch erwartet. Diese AbschiedsstiMmung schlug allerdings


