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Wunderschön hier im Park, aber es sind doch immer Ine» selben Bäume, dieselben Blumen, derselbe ktprzgeschorene Rasen. Sie müssen einmal hinaus in Gottes freie Natur, in die Berge, wo's wild und schattig und unkultiviert, ist. Wie wär's mit einem Ritt ins Steinachtal? Dort liegt ein reizendes Hegerhaus, ganz versteckt inr Walde... die Frau würde uns gerne eine Tasse Kaffee kochen... ist Niki daheim?"
„Ich glaube wohl, daß er in seinem Zimmer sitzt und schreibt."
„Wollen Sie ihn fragen, ob er mit mir kömmt? Oder soll ich selbst zu ihm gehen?"
„Nein, ich werde ihn selbst fragen... es wäre so schön !" Motas Angen glänzten plötzlich. Ja, hinaus, — einmal fort ans den gepflegten Anlagen, hinaus in die Natur...
Sie lief quer über die Wiese, direkt auf das Haus zu. Münster blickte ihr nach.
Wie schlank und behend sie Mar, ganz mädchenhaft! So jung noch, und was hatte sie alles schon durchmachen müssen! Arme, kleine Meta!
Um ihretwillen hatte er sich mit Mki Petermann angefreundet. Er ahnte, was sie litt und betrachtete es als sein bestes Glück, ihr hier und da eine frohe Stunde machen zn dürfen, wie eben jetzt.
Auf Münsters Veranlassung hatte sie reiten gelernt, und jedesmal, wenn er Schatten in ihren Augen sah, ani- mierte er sie zu einem Ritt.
Nie war ihm dabei ein wärmerer Gedanke sür sie gekommen. Er betrachtete sie wie eine Schwester, der zu helfen eine Art Mission war.
Manchmal ritten sie mit Niki — wenn dieser eben zu haben war — manchmal in größerer Gesellschaft, manchmal auch allein.
Als Meta tut Haus verschwunden war, beugte sich Münster zu dem Kinde, nahm es aus dein Wagen und setzte es auf feilten Schoß.
Das war auch so ein Schwert in ihrem Herzen. Ob es denn ganz und gar hoffnungslos war? Nachdenklich starrte cr in die blauen Kinderaugen.
Dann hielt er ihm die Uhrkette vor.
Das Kind rührte sich nicht.
Münster stand auf und trat an einen tief niederhängenden Ast des Kastanienbaumes. Drei duftende weiße Kerzen blühten zwischen den gespreizten Blättern.
Er brachte des Kindes Gesicht nahe daran und bewegte die Blüten, daß ihr feiner Duft mit leisem Hauch über das kleine Köpfchen strich. Dabei sang er leise ein altes Kinderlied, das ihm eben in den Sinn kam.
Und plötzlich machte das Kind eine Bewegung auf feinem Arm. Es streckte die Händchen aus nach den schaukelnden Blüten, sein Mündchen zuckte tote ein Lächeln und ein jubelnder Laut kam über die blassen Lippen.
Münster atmete tief aus.
Neiit — ganz tot war die Intelligenz nicht. Wenn man nur Zeit hätte... sich unausgesetzt mühte, bett kleinen, Vielleicht noch schlummernden Funken anzublasen...
„Ich glaube gar, du spielst hier Kindermädchen?"... sagte plötzlich eine spöttische Stimme neben ihm.
Münster wandte sich um.
„Äh, Niki, du — grüß Gott — ja, denke nur, Kon^- radchen hat eben gelacht und „ah!" gerufen, als ich ihm die Blüten hier zeigte!"
„Wirklich?" Petermanns Augen hafteten zerstreut an dem Kinde. Dann wandte er sich an die Wärterin. „Bitte, nehmen Sie Bubi!"
Ms sie sich mit dem Kinde entfernt hatte, sah er Münster von der Seite an.
„Es ist ein Jammer mit dein Kinde," murmelte er. „Du brauchst mir nichts einzureden — ich weiß zu gut, daß da niemals etwas zu hoffen ist."
„Wie darfst du das sagen — du, der Vater! Es isi ja noch so jung !"
„Jeder Arzt versichert dasselbe."
„Aerzte können sich täuschen — haben sich tausendmal getäuscht — nimm wenigstens deiner Frau nicht alle Hoffnung."
„Ach, die—" etwas Wegwerfendes trat in Nikis Augen, „wäre sie nicht im Anfang unserer Ehe so... so überspannt gewesen, wer weiß, o..."
„Niki!!!"
„Laß nur," lachte Petermann plötzlich, während etwas
tote Haß in seinen Augen aufblitzte, „ich tue ihr ja nichts — deiner Madonna! Sie langweilt mich bloß. Man sollte überhaupt nicht heiraten ... eine Eselei war's ..."
Münster griff nach seiner Mütze.
„Du entschuldigst, Niti — aber es ist mir wirklich nicht möglich, deinen Auslassungen länger zuzuhören."
„Na, ich bin schon still. Du bist ja mein Freund, Michael... Da kann man doch ein offenes Wort sagen? Entschuldige — mir geht heute so viel durch den Kopf."
Münster blieb stehen und sah ihn an. Er sah wirklich erbärmlich aus. Vielleicht war er krank?
„Es wird dir gut tun, auszureiten," sagte er, schnell besänftigt; „du siehst sehr bleich aus... bist du nicht wohl?"
„Wohl?" Petermann lächelte eigentümlich. „Mir ist niemals wohl."
„Du solltest wirklich etwas für deine G-Hudheit tun ... aufs Land gehen oder an die See —"
„Ist mir viel zu langweilig."
. „Viel Milch trinken und viel schlafen..."
Petermann strich sich über die Stirn, die schon bedenklich kahl wurde.
„Schlafen mag, wer Schlaf hat. Mir ist jede Nacht eine Ewigkeit. Wenn es nicht Sekt gäbe und schöne Weiber, die einen betäubten... na, ich bin schon still. Aber mit euch reiten heute kann ich nicht. Reite du mit Meta allein!"
„Warum kannst du nicht?"
„Ich... bin so müde. Ich habe wirklich keine Lust zu reiten."
„Dann bleiben wir selbstverständlich auch hier."
„Um Gotteswilleu, nein!" wehrte Petermann hastig ab. „Warum denn nur? Muß ich denn überall dabei sein? Kann ich nie für mich allein bleiben? Reitet doch!" Er bemerkte Münsters erstaunten Blick und suchte sich zu mäßigen. „Du tust mir einen wahren Gefallen, Münster, wenn du Meta ein wenig fortnimmst, ich kann diese ewige Leidensmiene, das ganze sentimentale Getue kaum mehr ertragen..."
Ein Geräusch ließ beide Männer aufblicken.
Meta in langem, dunklem Reitkleid stand dicht hinter ihnen. Sie war über den weichen Rasen gekommen und müßet die letzten Worte gehört haben.
Sie sagte kein Wort, aber Münster sah mit tiefem Mitleid, wie völlig die Freude, welche noch eine Viertelstunde zuvor ihre Züge verklärt hatte, nun daraus gewichen war.
Ein harter, eisiger Ausdruck lag nun darauf.
„Kommen Sie, Herr von Münster, die Pferde sind bereit." Dann trat sie zn dem Kinde, das abseits wieder von der Wärterin herumgefahren wurde, beugte sich über dasselbe und küßte cs innig.
Zuletzt verabschiedete sie sich mit einem stummen Kopfnicken von ihrem Manne.
. „Arant" und Metas Stute „Maria" waren prächtige Tiere.
Stumm ritten Münster und Meta zwischen den Feldern hin. Bald lag die Umgebung der Stadt hinter ihnen, das Terrain wurde bergig, die Straße teilweise von Wald begrenzt.
Immer noch lag derselbe harte, eisige Ausdruck auf dem Gesicht der jungen Frau. Münsters Herz klopfte laut, so. oft er einen Blick darauf warf.
Er hätte ihr so gerne ein warmes, tröstendes Wort gesagt, wagte es aber nicht. Nie hatte sie ihm gegenüber mit einer Silbe an den Jammer ihrer Ehe gestreift, und auch jetzt, wo er zum ersten Male Zeuge gewesen war, was sie zu ertragen hatte, sagte ihm sein Instinkt, daß sie alles eher erdulden würde als Mitleid.
Als sie in das Steinachtal einbogen, mußten sie im Schritt reiten, denn die Straße stieg nun bergan und war steinig.
Da fiel ihm plötzlich ein, womit er die düsteren Gedanken hinter ihrer Stirn vielleicht vertreiben konnte, (Fortsetzung folgt.)
ltohlenftoff, 5o lne und Leben.
Von Dr. Hans Goerges (Danzig).
Unter den Grundstoffen, den chemischen Elementen, die die Bausteine aller Tinge sind, steht der Kohlenstoss wie eine charaktervolle Persönlichkeit.
Viele merkwürdige und wertvolle Eigenschaften zeichnen ihn vor der Menge des niederen Volkes der übrigen Elemente aus.


