Ausgabe 
14.8.1913
 
Einzelbild herunterladen

504

Der Aanksnsteln.

Bon Hans Otto Becker.

«Die Burgruine Frankenstein auf ihrem waldigen Berge gehört Wohl zu den beliebtesten Ausflugsorten. Und üt der Tat verdient mich der Frankenstein in vollstem Maße die Sympathie, deren er sich erfreut.

Tie guten Beziehungen zwischen Darmstadt und dem Franken­stein sind schon recht alt, sie reichen bis ins Mittelalter zurück. In jenen alten Tagen, da der Humor noch in Bolksgebräuchest und Strafvollzug zu seinem Recht kam, bestand zwischen Darmstadt und den Herren von Frankenstein, entern heute noch blühenden, aber nicht mehr hier ansässigen Geschlechte, ein Bertragsverhältnis, das bekannte Eselslehen. Hatte eine Frau in Darmstadt ihren Mann geschlagen, so ward sie vorn Gericht derBösen Hundert" dazu verurteilt, aiif einem Esel durch die Straßen der Stadt zu reiten, den der Pantoffelheld führen mußte. Den Esel hatten die Frankensteiner zu stellen. Droben aus der Burg sehen wir ihn noch auf einem steinernen Wappenschild, und eine bildliche Darstellung des Eselsrittes findet sich aus einem hübschen Karton, der in der Restauration hängt. Unsere humane, moderne Zeit kennt ja so etwas nicht mehr, obwohl es vielleicht nicht ganz aus­geschlossen ist, daß ein geplagter Ehemann sich nach der alten, galten Zeit zurücksehnt.

Die Burg Frankenstein stammt wohl aus dem 13. Jahrhundert Und ist Wohl von Reitz von Breuberg evbaut. Die Ritter von ^Frankenstein wurden von den benachbarten Grafen von Katzen- elnbogen und später von den Darmstädter Landgrafen offenbar als die schwächeren so lange bedrängt, bis sie ihre Bllrg ver­kauften. So kam sie 1662 an Hessen. Im 18. Jahrhundert blühte dort die Schatzgräberei mit allem dazu gehörigen Zauberspnk, bis die Behörde einschritt. In neuerer Zeit verfiel die Burg, wurde aber leider dann zum Teil sehr störend unecht und stillos wieder aufgebaut, was den Gesamteindruck immerhin beeinträchtigt. Um so schöner ist aber das Mte und Echte: der durch einen Gang im Burggraben zu erreichende, ain Südende der Ruine stehende alte Pulverturm ist ein trotziger Geselle, die Wappenschilder sind beachtenswert, und von hohem Interesse sind die in der Burg­kapelle verwahrten Steinbilder rind Grabmäler der Frankensteiner.

Schön ist die natürliche und landschaftliche Umgebung der Burg. Aus riesigen moosigen Steinen und grünen Büschen wächst sie hervor; eine uralte Linde beschattet den Eingang und nach allen Richtungen umschließt sie herrlicher Hochwald, den zu durch­wandern ein hoher Genuß ist. Prächtig ist die Aussicht von der Burg: im Westen der Rhein und die weite Ebene, im Morden die riesigen Darmstädter Waldungen, die Stadt und Billenvororte, im Süden ein Teil der Bergstraße und im Osten das Schloß Lichtenberg, Nmnkircher Höhe und die Feste Otzberg.

Auf dem Frankenstein fllhrt der dort stationierte Förster eine vielbesuchte, gemütliche Restauration.

Um von Darmstadt zum Frankenstein zu gelangen, wird man entweder von Eberstadt aus oder vom Beerbachtal aus den Berg ersteigen. Bon Eberstadt, dessen hochgelegene Kirche gleich-- falls Frankensteiner Wappen und ein Grabmal aufweist, führt der am meisten begangene weiß markierte Pfad (Pallisander- Grabenweg) zum Ziel. Zuerst geht es durch eintönigen Kiefern­wald, dann aber durch schönen Buchenwald zur Höhe empor. Lohnend ist der Umweg Wer das nahe Pfaffenbrünnchen, oder über die Kellersruhe, Hüttenhäuschen'buche. Andere von derselben Seite den Berg ersteigende Pfade sind der Schloßweg, Stirnweg, Strohweg, Pürschweg, die auf den Karten eingezeichnet und leicht KU gehen sind. Man kann auch erst Uach Molchen (gelb +) gehen und von hier aus den Frankenstein besuchen. Born Beer- bachlal Uhren gleichfalls mchrere Wege zur Höhe; von Darm­stadt aus geht man zunächst die am Martinspfad beginnende blau­weiße Nebenlinie, die das Mühltal an der Papiermühle kreuzt und über den Kohlberg das Beerbachtal bei der Frankenberger Mühle erreicht, um dann auf einem ziemlich steilen Aufstieg, -Himmelsleiter" genannt, den Berg zu erklimmen. Es ist dies die sehr alteLange Schneise", die dem ganzen Rücken des Franken­steins von Norden nach Süden bis ins Oberbeerbacher Tal folgt. Wem dieser Weg zu steil ist, der wähle die bequeme, mit ihren Windungen den Pfad mehrmals schneidende Fahrstraße. Ein anderer Weg, derWaldsaumpfad", Uhrt von der ehemaligen RestaurationBilla Burgwald", die jetzt Ironie des Schick­sals in eine Trinkerheilstätte umgewandelt worden ist, zum Berg hinauf und gestattet schöne Ausblicke auf Nieder-Beerbach und Nieder-Ramstadt im Tal und die Neunkircher Höhe drüben rm Osten in weiterer Ferne. Auch vomKühlen Grund" aus, am Hahnweg, Uhrt ein Ausstieg zum Berg hinauf.

, Hat man so den Frankenstein erstiegen, so wird die Wander- lust den Touristen auch zum weiteren Marsch locken. Und daran fehlt es nicht. Die weiße Linie, derOdenwälder Pfad" führt uns nach Ober-Beerbach, mit prachtvollen Aussichten auf Fels­berg und Melibökus; nahe bei Ober-Beerbach fesselt dasSchweizer Loch durch landschaftliche Schönheit. Nach Süden läuft die >,Lange Schneise" über die seltsame Baumbildung derGalgen- buche, zwer durch einen Ast miteinander verbundene Stämme,

Um Karlsplatz; die blau-werße Nebenlinie folgt zu einem kleine« Teil dieser Schnerse und berührt vorher den hölzernen Elisabethen- türm, von dem man eine herrliche Aussicht aus Gebirg und Ebene hat. Einige neue Wegmapfierungen haben die Seeheuner in dem ^^dehnten Bergwald angelegt und ihn damit richtig erschlossen- m'eLe Ä enden in dem lieblich gelegenen Kurort Seeheim' Nahe bei dem Frankenstein liegt der Magnetberg, ein stark eiseu- vaI;tlS.er, die Magnetnadel beeinflußender Stein, rind die Reste altenSchlosses', die kaum über den Boden ragen. Nahebei beginnt ein 1905 angelegter Weg, von der blau-weißen Markierung abzwelgend und später wieder zu ihr zurückkehrend, der eine sehr fesselnde Partie des Berges zugänglich macht, der sog Felsenpfad". Zur linken desselben hat man den steilen Bera- hang nach Osten, rechts aber liegen eine große Anzahl mächtiger Gabbro-Fessen, die es recht wohl mit den Kolossen des Felseu- meerS aufnehmen können, die zugleich aber durch ihren anmutigen Farnkraut, Eugüsüß und Moos das Ange erfreuen

Nach Osten endlich fällt der gelb + markierte Weg steil bergab I -^Beerbach, einem ehemals Frankensteinschen Dorf. Der Ort hat eine große Sehenswürdigkeit, die steinernen Standbilder an der Kirche. Rechts vom Eingang steht das Bild eines Edel- frauleins rn der spanischen Tracht aus der Mitte des 16. Jahr­hunderts, rm Halb-Relief; links, fast ganz frei vom Hindergrund, die Statue eines Ritters in der Plattenrüstung von 1530. Die Austuilg ist m allen Einzelheiten vorzüglich nachgebildet; leider T. Bildhauer Nicht bekannt. Der Ritter trägt Schwert und Streithammer, zu feinen Füßen liegt ein Drache. Es ist der Ritter Georg von Frankenstein, der Dracheiitöter, der, wie die Sage kündet, einen das Nieder-Beerbacher Tal verheerenden Lindwurm tötete. Dem Untier mußten als Opfer junge Mädchen dargebracht werden, und als die eigene Braut des Ritters Georg, das Försters- kind Mariecheu, geopfert werden sollte, bekämpfte er das Tier, aber verendend stach ihm dieses unter die Kniescheibe, daß auch der Sieger den Too fand. MI Stelle, wo der Lindwurm gehaust haben soll, wird der sog. Katzenborn genannt, der auf dem zum Frankenstein lnnaufführenden Weg siegt; es ist ein noch aus dem Mittelalter stammendes Brunnenhäuschen, das bis vor etwa zehn Mbren noch den Frankenstein mit Wasser versorgte. In der Nieder-Beerbacher Kirche finden sich noch weitere Frankensteiner Grabrnaler.

Jach dem Gesagten erwartet den Wanderer bei einem Besuch bes» Frankensteins eine Fülle von Naturschönheiten und historischen oder romantischen Erinnerungen, so daß er gewiß nicht unbe-, friedigt Heinikehren wird.

Vermischtes»

,, !Ter 100. Geburtstag des modernen Bein- kleides.^ Unter den vielen Jubiläen dieses Jahres muß auch der 100. Geburtstag des modernen Beinkleides in England erwähnt werden. Es soll durch die französische Revolution aufgekommen sein.,Sicher aber war es bereits vor Jahrhunderten int Gebrauch gerne)en und nur durch die Mode des kurzen Beinkleides, der Kmehose, verdrängt worden. !Der Pionier des langen Beinkleides in England war B r it m m e l, der König der Dandys. Er hat das neue Kleidungsstück zuerst getragen, und zwar soll es eine schwarze Hose gewesen fein, die am Knöchel zugeknöpft wurde. Er hat damit ungeheures Aufsehen hervorgerusen. Doch vermochte er mit seiner Neuerung nicht durchzudringen. Nach dem Krieg in Spanien führte Wellington die moderne Form ein; die Hosen ivaren unten weiter, an den Seiten geöffnet und wurden mit Schleifen zusammengebunden. Später hat sich denn der Steg, der unter den Schuhen durchgezogen wurde, entwickelt. Wellington aber nmßte für seine Kühnheit eine empfindliche Geldstrafe be­zahlen. Er tat dies, verzichtete aber nicht auf das Tragen des neuen Kleidungsstückes. Die Neuerung wurde von der Geistlich­keit und den Universitäten heftig bekämpft. Erst im Jahre 1829 kam sie allgemein in Gebrauch. Aber bis auf die heutige Zeit wird das lange Beinkleid in England nicht als hoffähiges Gesellsch.ifts- lleid angesehen. Bei allen Hoffestlichkeiten und anderen Anlässen der hohen englischen Aristo'krasie wird noch die alte Kniehose getragen.

* Alte Bekannte.Wie ging's denn zu, daß Sie Ihre gestohlene Uhr so schnell wiederbekvmmen haben?"Denken Sie sich, der ,Dummkopf von Dieb trug sie ins Leihhaus, rind da hat man sie sogleich als die meinige ernannt."

Veränderungs-Mtsel.

Raft Gder Rand Sieb Gillel - Laub Hase.

Die Anfangsbuchstaben vorstehender Wörter sind der Reihe nach durch andere zu ersehen, so das; ebenso viele neue Wörter ent­stehen, deren Ansangsbuchstaben eine Stabt am Niederrhein ergeben. Auflösung in nächster Nummer..

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Wohltun tragt reichliche Zinsen.

Redaktion: I. V.: August Goetz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen.