Ausgabe 
14.8.1913
 
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Am Hüttenfeuer.

Von Carl I. Luther- München.

Mus fröhlicher Walz ließen wir uns eines Tages auf der Alp Belarda, bei Jaun, am Fuße der Gastlosen, ganz hinten tm Galmrstal des schweizerischen Kantons Freiburg, häuslich meder. Mehr als eine Woche schliefen wir dort oben aus Dem Heu, saßen mit den Sennen um den rohen Tisch, und nährten ynS patriarchalisch aus einer Schüssel.

. . ®. ist nicht jedem gegeben, so Mötzlich den Kulturmenschen *yte Inr Gewandstück abzustreifen Und zu einem gewissen Ur» Menschentum zurückzukehren, wer's aber vermag, kann Tage reinsten Genusses verleben. Uns hat der Aufenthalt in der Belarda viel Spatz gemacht and voll Sehnsucht denke ich an jene Tage zurück. Mit offenen Augen und gespitzten Stift durchstreiften wir die Gegend. Sonntags stiegen wir ins Dors hinab und sangen mit den Mädeln auf dem Chor die Messe, abends saßen wir an den Feuerstätten der Sennen und ließen uns Sagen erzählen und gaben lustige Schwänke und Schnurren, auch Gehaltvolleres dafür. .Ueberall wo wir vorsprachen, und um Geschichten und Sagen und !um Aufklärung über Sitten und Gebräuche baten, fanden wir Wette Türen und die Mädchen waren gerne um uns, wenn wir lustige Lieder sangen.

Es waren eigen schöne Stunden, die wir des Abends auf Belarda am prasselnden Feuer verbrachten. Nach dem Abend­brot, wenn ess schon zutrachtete und die Tenne stockfinster Ivitrbe, £e0te ber Felix, unser Hausherr, einen knorrigen Holzklotz in die Glut, dann lagerte sich jeder um die offene Feuerstätte wie es ihm beliebte. Zumeist saßen wir auf den niederen,Dreibeinen im Halbkreise, die Ellenbogen aus die Knie gestützt, das Kinn Mischen den Fäusten .Guckten iti die Glut und sagte keiner etwas. Bis irgendeiner sich räusperte und etwas ein kurzesJa" aus- stietz, das die Frage enthalten mochte:Na, weiß denn heute .keiner was zu erzählen?"

Wenn der Felix erzählen wollte, räusperte er sich fürs erste- wal einmal gewaltig, legte neues Holz aufs Feuer und eine Kohle in die Pfeife und schwieg. Dann stocherte er im Feuer herum, paffte gewaltige Rauchwolken aus seiner kurzen Pfeife, spuckte recht kräftig ins Feuer und sagte:Ja!" Und dann legte er ein 83eüi übers andere und brummte nochmals:Ja!" Nach einer kurzen, aber gewichtigen Pause, während der er uns der Reihe nach forschend anschaute, begann er seine Geschichte, erst langsam und bedächtig im schwer rollenden Dialekt seiner Heimat, der, sich oft anhört wie das Rauschen eines Wildwassers, drin, Steine kollern. Einmal im Schuß, war er seiner Sache sicher und kam ohne Stockung zum Schlust Wenn er dann zu Ende war ünd nicht gleich einer etwas sagte, wiederholte er die Pointe noch­mals, oder gab einen erklärenden Zusatz, so etwas wie eineMoral von der Geschichte" drein.

Mit sichtlichem Behagen erzählte Felix in breiter Ausführ­lichkeit von Hexen, Zwergen und allerhand Spuk. Wie fest der Glaube an Wesen mit übernatürlichen Kräften in Sagen und Märchen im Wolke, nainentlich im Gebirgsvolk, wurzelt ünd lebt, erkannte ich an jenen stimmungsvollen Abenden. Nicht nur, daß unsere Freunde an die Wahrhaftigkeit der Sagen, die in ihrer Heimat und Umgebung lokalisiert sind, unbedingt glauben, sie Äußerten nie einen Zweifel an der Existenzfähigkeit irgend eines klngeheuers, Riesen oder Wundertieres der Geschichten, die wir ihnen zutrugen. Mochten wir nun erzählen von Hirtenknab und Prinzessin, von König und Bauer, Riesen und Zwergen, wehr­und zauberbewachten Schätzen, aus Wahrheit und Dichtung, Mytho­logie und Geschichte, so lasen wir deutlich im Mienenspiel unserer Zuhörer, daß sie alles glaubhaft aufnahmen und hörten ans ihren Zwischenrufen des Erstaunens, Schreckens und der Bewunderung, daß für sie keiner der Vorgänge, keine der Gestalten in das Reich des Uebernatürlichen gehörte. Ja, von vielen unserer Erzäh­lungen fanden die von Spuk und Zauber die glaubwürdigste Aufnahme.

Diese Empfänglichkeit für das anscheinend Wunderbare, diese felbstverständliche Anerkennung ungewöhnlicher Kräfte bei Mensch Und Tier ist der innigen Verknüpfung von Leben, Arbeit und Sterben des Gebirgsbewohners mit der ihn umgebenden wechsel- fchroffen Natur, ihren Mächten, Gefahren, Schrecknissen und ihrer gigantischen Großartigkeit wohl begründet. Ihm erscheint alles viel plastischer, Leben und Tod treten in viel schrofferen Gegen­sätzen an ihn heran, er kennt die grollenden Naturkräfte in ihrem Werden, Zerstören Und Vergehen und fürchtet Angeheuer in den Vorgängen, denen er machtlos gegenüber steht. Wenn er aus großen Bedrängnissett errettet wurde, wenn Wildbach und Lawine Alp und Hütte verschont und kein Steinschlag das Vieh ge­troffen hat, dann dankt er diese Fügungen dem Eingreifen guter Feen, freundlicher Zwerge und guter Bergmännchen. Denn nach seinen Vorstellungen ist Rettung ans den Fährnissen der Gebirgs­welt nur durch übernatürliche Machte möglich

Ans vorschristlicher Zeit hat sich ein traditioneller Aber- ?taube unter allen Gebirgsvölkern bis zur heutigen Stunde er» alten. Warum sollen diese Leitte nicht an Wesen glauben, die rätselhaft und geheimnisvoll mächtig sind in Güte und Tücke s Die Abgeschlossenheit der Gebirgsvölker, das Aufsichangewiesensein ßrhält die Tradition unverfälscht Und lebensfrisch.

niemand etwas Fremdes dazwischen trägt oder aar Aui- n'nnd welche sich das Bergvolk in solche,?Dingen

m sträubt, wachsen diese Ueberliefernngen

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Men Lande von ;eher auf sich selbst angewiesen. Der Hana der Ä» flVsen Gewohnheiten und Bräuchen ist säst sprich- wortltch geworden, ^a, ihre Abgeschlossenheit selbst gab Anlaß

®s9,elr' w daß im Jauntal das Land durch keinen un? daß die Jauner folglich fein Brot essen.

20_Ju f 0tu F Saun auch keinen Pflug. Noch vor ä. wahren galt der Brotgenuß als Luxus.

L^,«werg- und Hexensagen sind eigentliche Typen für Jaun Mochten nur auilopfen wo immer wir wollten, stets eröffneten n -m11 0utert Zwerglein und den bösen Hexen den

Reigen der Erzählungen, wayrend die Leute nach Geschichten von anderen Wesen sichtlich mühsamer ihr Gedächtnis durchkramen 4* Hl le

prachtvollen Morgen nach anstrengender Kletterei über den Nordabsturz der Vorder-Gastlose in der Hütte auf dem Grat rastete, erzählte mir der Senne eine sehr schöne feage von den Zwerglein tm Heidenloch am Oberbergli. Da seien sie

.. noch anzutreffen. Und des Sennen Handbub, ein vier- äebniabnger -junge, mit bleichen Wangen, schwarzen Augen und pechstrahmgem Haar, erzählte, daß er selbst schon gesehen habe, wie sie, von semem Tritt verscheucht, schnell in den Felsen- spalten verschwanden. Daß es Murmeltiere gewesen sein könnten, bestritt er energisch.

Den Sagen von Zuweisung heilsamer Tränklein und Arzenet- trauter durch die Zwerge zu Zeiten großer Sterben begegnet man überall tut Gebirge.

Der Felix erzählte eines Abends:

Einstmals war ein großes Sterben im Tale. In Jaun lagen schon alle Einwohner auf dem Gottesäcker. Nur drei Fa- milien waren i»n_ber todbringenden Krankheit verschont geblieben!. Doch wollte die Seuche auch noch nach ihnen greifen. Da hörten ste eines Abends, wie ein Zwerglein mit heller, freundlicher Stimme vom Berge niederrief:

Esset Dickdamm und Bibernell, So sterbet ihr nicht so schnell!"

. Die Leute folgten dem Rat des Zwergleins und die Medizin wirkte. Zwar brannte der Dickdamm sehr scharf ayf der Zunge und Bibernell schmeckt auch nicht gut, aber die Krankheit wich und das neue Geschlecht von Jaun entstammt diesen drei Familien.

Ain meisten Spaß machte mir der Domenik, der Holzknecht. Der fiel bei jeder für ihn interessanten Stelle mit einem ver­wundertenGwöß" (gewiß) in den Gang der Erzählung. Da gingfeine Geschichte zu Ende, ohne daß er nicht sein redlich Teil Gwöß" dazwischen geworfen. Beifall zollte er nach Geschichten ernsten ober doch wundersamen Inhaltes mit 'der aufrichtigen Versicherung:Nei, das isch e schnderhaft schöne G'schicht" wäh­rend er lustige Schwänkeschnderhaft löcherig" fand, was ich ihm gern glaubte, wenn er in Lachsalven beinahe erstickt war. Er fand alles schnderhaft, womit er den Superlativ feiner Be­friedigung bezeichnen wollte. Als ich ihm eines Tages eine eben vollendete Aguarellskizze unter die Augen hielt, sand er sieschnderhaft schön" undschuderhaft farbig". In Bezug auf das letztere mag er nicht ganz unrecht gehabt Haben.

Von unseren Erzählungen fanden Episoden aus den deut­schen Heldensagen am meisten Beifall. Wenn wir erzählten von Siegfried und Hagen, von der starken Brünnhilde, von Kämpfen und Heldentod, dann starrte der Handbnb mit großen Augen ans uns, der Holzknecht warf mitGwöß" nur so um sich und schlug dabei mit einem Stecken ins Feuer, daß die Funken zum Rauchfang stoben, und zum Schluß fanden unsere Zuhörer die .Geschichte schuderhaft schön".

JFden katholischen Gebirgsgegenden findet man allgemein den Glauben verbreitet, daß arme Seelen in Menschen- und Tier­gestalt umgehen und auf Erlösung warten. Ein Bauer aus! Jaun sagte mir im Brustton vollster Uebrrzeugung, daß es gar viel solcher armer Seelen gäbe, der frühere Herr Dechant habe gar manche erlöst. Stets fei er, wenn das Gerücht ging, es tut sich irgendwo was kund, ausgegangen und habe die arme Seele beschworen. So lange sie noch in Menschengestalt erscheine, fei immer noch Hoffnung auf Erlösung. Wenn die arme Seele aber in Tiergestalt umgehen müsse, dann sei nichts mehr zu machen.

Im Pfarrhaus von Jaun ging eine arme Seele ünt, bis sie vom Herrn Dechant in den Keller zur Ruhe gebannt wurde. Ich habe den Keller gesehen. Au die Türe waren drei Kreuze mit Kreide gezogen und im Dunkeln lagen Kartoffeln. Die Pfarrers­köchin hatte gar keine Angst, obwohl sie recht hoch in Jahren war, bestritt aber auch gar nicht die Möglichkeit eines solchen Vorkommnisses." Mer wenn der Herr Dechant die arme Seele da hinein gebannt hat, dann ist sie auch ruhig geworden, denn der Herr Dechant war ein frommer, mächtiger Hepr."