Ausgabe 
14.8.1913
 
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Eine tiefe Wehmut, ein leis zitterndes Gefühl stieg! in Gottliebe auf. Wie mußte das für eine Frau sein, so ge­liebt zu werden, von einem echten Manne, keinem Weich­ling! Ein dunkles Sehnen überkam sie und eine Trauer zugleich, daß sie das nie kennen lernen sollte, was doch wie sie in dieser Stunde zum erstenmal klar empfand das Höchste, das Seligste int Leben einer.Frau war. Wie arm, bettelarm war die, die das nie genössen! Was war dagegen der fadenscheinige Stolz mannweiblicher, vermeint­licher Ueberlegenheit? Er reichte nicht einmal hin, die jammervolle Blöße zu decken!

Noch nie hatte sie das so empfunden. So saß sie denn auch noch zusammengesunken, einen Ausdruck herben Wehs um den -Mund, regungslos da, als Malmort längst geendet und.die Rechte über die Saiten gebreitet hatte, um das Nachschwirren nach dem letzten, wie einen heimlichen Auf­schrei hinaus gestoßenen Ton zu verhindern.

Wieder suchte sein Blick Gottliebe, und wieder stand ein Verwundern darin, als er sie so in sich gesunken, schmerz­lich bewegt, sitzen sah. Hatte das traurige Lied- bei ihr solch ivehes Echo geweckt?

Langsam wandte er sich der Tochter zu:

-Da hast du nun Seinen Willen gehabt, Rehe; aber ich fürchte, unsertn Gast ist damit kein Gefallen geschehen: Nicht, Fräulein Rhyngaert?"

Da sah sie -auf zu ihm, und ihre Blicke trafen sich. Was für ein feuchter, sehnender Glanz lag doch in ihren Augen, hie sonst so selbstsicher und -gelassen blickten! Wie verschönte sie dieser Ausdruck weiblicher Hingabe überraschend! Ganz betroffen, festgebannt, hielt er die Blicke in die ihren ge­taucht. Das war wie ein plötzliches Ahnen bei den beiden, daß da in der Tiefe beim andern etwas heimlich schlnin- jnerte, was er scheu der Welt verbarg: -etwas Verwandtes hei beiden, das sie plötzlich mit unsichtbaren Banden, aber stark und- lockend, zueinander hinzvg.

So schauten sie einander tief in die -Augen, bis Gott­liebe die Lieder niederschlug und wegsah, den Kopf neigend. Wgr es nur die Kaminglnr, die ihr Antlitz so rosig übergoß? Rshe aber brach das so beredte Schweigen der beiden.

Wahrhaftig, Gottliebe! Sie sind ja ganz- still und traurig geworden!" Zärtlich schmiegte sich das liebe Kind an die -ältere Freundin.Was haben Sie denn?"

Da kam es plötzlich über Gottliebe. Mit einer fast leiden­schaftlichen Bewegung riß sie das Mädchen -an sich und ver­grub ihr erglühendes Gesicht in die duftigen weichen Locken; insgeheim, ihm nicht sichtbar, preßten sich ihre Lippen heiß auf den feinen Nachen. So küßte fie sie wortlos Mal­morts Tochter.

. Er aber stand- und- sah es mit großen Augen. Ein etgenes Leuchten erschien darin. Ahnte -er, was da in ihr vorging?

Dpch wohl nicht! Denn er kehrte sich langsam ab und hrng die Gitarre an ihren Platz zurück. Und als er dann tower zu den Mädchen trat, war sein Ton unbefangen- von ruhigem Ernst wie immer-

Den vierten Tag war nun schon Gottliebe zu Gast in Hein: älten Kastell; -auch heut noch, wo- die Sonne wieder lachte und hinauflockte aus die Firnenyaupter da drüben, die ihre Silberkronen heute um so glänzender in den in neuenr, jun-gent Blau erstrahlenden Himmel reckten.

Sie war auch heut noch geblieben, in einem ihr selbst Mnz fremden, plötzlichen Hang zur Seßhaftigkeit. Und tvenn etne innere Stimme sie eine Treulose, eine Verräterin an -der alpinen Sache schalt, der fie sich doch mit Leib und Seele verschrieben hatte, ihr Vorwürfe über das müßige Verljegen machte, so wandte sie schnell als Entschuldigung ejn, daß Herr v. Malmort ihr ja versprochen hatte, mit ihr einige noch kaum bekannte Hochtouren in seinem eigensten Reich hier zu machen, im schnee-gekrönten Zackengebiet der Fumarellagruppe, deren steil ansteigende Vorberge das Tal drüben, über dem See, begrenzten.

zu- doch keine verlorenen Tage hier! beschwichtigte Gottliebe sich selbst. Wenn sie freilich auch heute-nur, zu dntt mit Rehe, deren Zartheit ihr eigentliche Bergfahrten verbot, einen harmlosen Älmenschlender machten, hinaus zur Breza bet Malmorti. Einer kleinen Bergkuppe, die das -ganze, dem Geschlecht seit altersher gehörige Dal beherrschte und wo auch, nach einer Familiensage, einst der erste Mal- Mort von Hirten als hilfloses' Kind aufgefünden worden ,ein sollte dem Gemunkel nach der Sohn einet*

©aKgen" und eines verwegenen Alpenjäg-ers, der sich bis ins Reich der Berggeister verstiegen hatte.

So wenig reizvoll für Gottliebe sonst ein derartiger Familienausflug gewesen wäre, so sehr freute fie sich heute dieses harmlosen Weges in der Gesellschaft der beiden präch­tigen Menschen, die ihr so schnell Freunde geworden waren. Verband sie doch sogar, feit einer traulichen Stunde gestern abend m Rehes Erker, auf deren Bitten das innige Du mit dem lieben Kinde.

.. So schritten sie langsam, in heiterem Geplauder, über grüne Almen, hinauf zu der Felsenkuppe. In anderthalb Stunden waren sie auf der Höhe.

,/Willkommen an der Wiege unseres Geschlechts!"

Mit einer Handbewegung deutete Herr v. Malmort auf einen verwitterten, moosgedeckten Felsblock vor sich:

Hier, ist sie der Sage nach."

Mit einem leisen Lächeln schaute er ein Weilchen sin- auf den Fels; dann aber flog sein Blick hinaus in die Weite, das ganze Tal entlang mit seinen grünen Matten, bis es etne Biegung weit hinten dem Auge -entzog. Und stolz wies er chber die schönheitsreiche, färbensalte B-erglandschaft:

Soweit das Auge reicht, Mälmortscher Boden seit Menschengedenken. Und das ist keine Sage!"

Gottliebe sah auf den hohen, straff aufgerichteten Mann, aus dessen Zügen ein edler Stolz leuchtete. Wie ein rechter Herr stand er hier auf eigenem Grund und Boden, des 'ur­alten Besitzes sich freuend.

Bewundernd folgte dann Gottliebes Ange seinem Blick.

Wie herrlich!" entfuhr es ihr warm.Solch stolzer Besitz, immer in der Hand eines alten Geschlechts!"

siJmmer?"

-Der scharfe, bittere Ton machte sie aufsehen. Mit einem Male hatte sich sein Gesicht verdüstert. Betroffen, fragend traf ihn ihr Blick.

Ich bin der letzte meines Namens. Mit mir erlischt das Haus der Malmorts."

Gottliebe blieb stumm. Daran hatte fie ja gar nicht gedacht. Aber nun bewegte es sie int Innersten. Das mußte dem Stolzen ein tödlicher Schmerz fein, daß der Name verklingen sollte, der an tausend Jahr mit Ruhm hier getönt hatte, daß gerade ihn es treffen mußte, ohne Sohn zu bleiben, die lange Kette der Vorfahren nicht um das nächste Glied vermehrt zu haben.

In ersichtlichem Schmerz ruhte Malmorts Blick auf Rehe, und auch auf ihrer kleinen Stirn stand eine Wolke. Sie empfand es ja saft wie eine Schuld, daß fie gekommen war und nicht der so sehnlichst erhoffte Erbe des Namens und Besitzes.

Malmort ahnte ihre Gedanken, und in seiner vornehmen Güte strich er leise, zärtlich über das Haupt der Tochter, als wolle er sagen: Laß gut sein, mein Kind. Du kannst nichts dazu, bist meinem Herzen auch so teuer.

Gottliebe sah schweigend auf Vater und Tochter. Daß ihm, dem Schwergeprüften, auch dies letzte nicht erspart geblieben war, daß ihm das Schicksal, das ihm die geliebte Frau entrissen hatte, nicht wenigstens zum Trost dafür den Sohu gegeben hatte!

Aber dann kamen ihr andere Gedanketi, wie sie ihn s» kraftvoll nud jugendschlank trotz seines angegrauten Haars da stehen sah: Warum hatte er, da ihm doch so viel an dem Erben gelegen war, nicht noch einmal geheiratet?

Gar leicht hätte er ja doch wieder eine Frau, gefunden, die ihm ihre Hand gereicht hätte. Ja, ivelch hohes Glück mußte es nicht für eine Frau fein, sich gerade einem Mann wie ihm tzn weihen, ihm den innersten Wunsch feines Lebens zu erfüllen den ersehnten Sohn und Erben zu schenken?

Ein geheimer, süßer Schauer überrieselte plötzlich Gott- liebe; aber schnell, als könnte Malmort ihre geheimsten Gedanken ahnen, wandte sie sich ab-, anscheinend aufs Ge-- birge drüben blickend. i

So bemerkte sie nicht, wie Malmort plötzlich die Hand über die Augen legte und schärfer hinabblickte auf die Alm bruiiten.

Da kommt doch jemand, ganz eilig, vorn Schloß heraus?"

Auch Rehe beugte sich vor, unb' Gottliebe brehte sich gleichfalls toieber herum. Wirklich, ba bewegte sich ein Mensch ans bent Sennenpfad drunten, und jetzt, so schien's ihrem scharfen Auge, schioenkte er den Hut in der Rechten, um die Aufmerksamkeit der drei da oben -auf sich zu lenken.

Das gilt mir. Ein Bote ohne Zweifel, in dringlicher ©adje. Aber was?" (Fortsetzung folgt.)