Ausgabe 
14.8.1913
 
Einzelbild herunterladen

Donnerstag, den 14- August

ii

X

dl

-ÄzW

MMT!

WM-ÄLZM «ÄWi'iSSkM

Lirnenrsulch.

Roman von Paul Grabern.

'Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Jetzt ließ Gottliebe das Näherkomnren Herrn von Mal- tnorts aus ihrem Sinnen auffahren. Er trat bis dicht an den Vorbau des Kamins. Dort blieb er aufrecht stehen, den linken Fuß auf den etwas erhöhten Nischenboden gesetzt und die am Band um den Hals getragene Gitarre nun Zum Spiel bereit haltend.

Wie er so da stand, schlank und hoch in seinem eng an­liegenden Bergkostüm er trug sich, wie es schien, stets nur fo das dunkelbärtige Antlitz von roter Feuerlohe übergossen, erschien er Gottlicbe wie einer jener adligen Sänger des Mittelalters, deren schwertgewohnte Hand auch das Schlagen der Laute in höfischer Zucht nicht verschmähte.

Nun ein paar einleitende Akkorde, dann setzte leise die Stimme ein, wie es Gottliebe gleich beim ersten Be­gegnen empfunden hatte, eine selten weiche, tiefe Manncs- stimme von großer Innigkeit des Tons, deren Eindruck noch durch die Art des Vortrags gesteigert wurde, durch ein dämpfendes Zurückhalten oder ein seelenvolles An­färben des Tons.

Herr v. Malmort sang ein fremdländisches Lied, das sie nicht verstand vermutlich ein ladinisches Volkslied hier aus den Bergen, aber die schwermutsvolle Weise sprach zu ihrem Herzen. Es lag eine so ergreifende, müde Traurigkeit in dem Liede und der Art des Sängers.

Nun war es wieder still. Keiner von den Dreien sprach. Gottliebe war ergriffen, aber sie mochte ihm kein banales Wort über sein Singen sagen.

Er schien es aber auch gar nicht zu erwarten. Mit seinem unveränderlichen, ruhigen Ernst stimmte er einige der Saiten noch einmal genauer. Dann griff er wieder ein paar Akkorde; diesmal ein heiteres, schnelles Tempo.

Nün 'mal was Froheres," sein Blick flog mit einem eigenen Ausdruck zu Gottliebe hin.Eine Capreser Künstler- Reminiszenz!"

Und er gab nun eine lustige Romanze, die ein heiteres kleines Abenteuer an Bord des Sorrentiner Marktschiffs schilderte. Er sang wieder sehr ausdrucksvoll; aber Gott­liebe gefiel das weniger. Der Ton lag ihm nicht; daran hatte seine Seele keinen Anteil. Er hatte das lustige Inter­mezzo wohl auch nur gewählt, uni den ersichtlich tiefen Eindruck des ersten schwermutsvollen Liedes auf Gottliebe schnell wieder zu verwischen.

Jetzt sah er, das Instrument vom Hals nehmend- mit leichtem Lächeln zu ihr hin.

Nun find Sie doch enttäuscht nicht wahr?"

Ein ernster Blick traf ihn, mit geheimem Vorwurst und leise schüttelte sie den Kopf.

Ich höre Sie mit innerstem Genuß. Nur gefiel mir Ihr erstes Lied besser ich sag' es ganz offen, bitte, singen Sie noch eins in dieser Arf!"

Ihr Auge bat ihn mit einem weichen Ausdruck, den er bisher noch nie bei ihr bemerkt hatte. Mit einem leisen Verwundern im Blick nahm er es wahr; dann aber senkte er die Lider und griff, wie gedankenverloren, schweigend auf dem Instrument.

Siehst du, Vater? Ich sage es dir ja auch immer," bestätigte schnell Rehe Gottliebes Meinung.Und nun sing das schöne Lied aus dem Rattenfänger mein Lieblings­lied, bitte, bitte, Vater!"

Herr v. Malmort antwortete nicht ja und nein. Als hätte er nichts gehört, spielte er weiter, in sich versunken. Dann begann er leise zu pfeifen, mit weicheni, schmelzendem Laut; es klang wie eine schluchzende Vogelstimme in grünem Waldgedämmer. Gottliebe stützte lauschend, in ein Träumen hineingelockt, den Kopf in die Hand.

Er phantasierte offenbar auf dem Instrument; es war keine bestimmte Weise, die er hören ließ!, sondern nur der andeutende Ausdruck dunkler Stimmungen, die in dieser Minute seine Seele bewegen mochten.

Nun aber entwickelten sich die zerflatternden Ton­bildungen zu einer festen Melodie, einer wunderbar zu Herzen sprechenden, wehmütigen Melodie. Und dann begann er zu singen es war das von der Tochter erbetene Lied.

Und wie er das Lied sang!

Ich habe durchfahren das weite Land, Durchfahren dahin, daher,

Und was allerwegen vom Glück ich fand- Davon ist das Ränzel nicht schwer.

Die Blumen am Wege, am Himmel die Sterne- Die einen verwelkt, die andern so ferne Mein Herz, in der Welt so allein, Wer denkt noch dein?"

Und wie er das Lied sing!

Gottliebe konnte den Blick nicht von dem männlich- ernsten Antlitz wenden, dessen Züge der rote Feuerschein des Kamins jetzt warm überlohte; den Kopf ein wenig nach vorn geneigt, starrten seine dunklen Augen mit halb geschlossenen Lidern verloren in die Glut des Feuers. So sang er, seiner Hörerinnen nicht achtend, allmählich von dem Zauberklang der Weise selbst umsponnen, wie für sich allein ein Aus­strömen der Empfindungen, die ihn in tiefster Seele be­wegten, in Tönen, in halblauten, aber unbeschreiblich aus Herz rührenden Tönen.

Was mochte er empfinden bei seinem Sange?

Gottliebe ahnte es: Bei der heißgeliebten, früh ver­lorenen Frau waren sicherlich seine Gedanken, die sein Glück mit sich ins Grab genommen hatte, daß er seit­dem nur noch als ein Armer, Heimatloser auf Erden wallte, im tief innersten, unstillbaren Sehnen nach der Verschie­denen i Sehnen nach einem verlorenen Glück.