Ausgabe 
14.7.1913
 
Einzelbild herunterladen

431

Vst die Unwissenheit über den Werdegang unsres Vaterlandes, seine geographische, geistige und fulturelle Entwicklung. Hier ist der in unsrer Zeit sattsam bekannte Ruf: Die Schule must! usw. ganz am Platze. Wieviele erinnern sich noch mit heimlichem Grauen an die Geschichtsstunden ihrer Schulzeit, die in ein­förmiger Weise Jahreszahl an Jahreszahl, Schlacht an Schlacht, Kaiser an Kaiser reihte, nur nackte Tatsachen bot, urteilslos und ohne Farbe, und sich um das Gesetz der Kausalität wenig küm­merte. Heute ist das anders geworden. Man erzählt nicht nur .Kaisergeschichte" und webt um. alle Regenten einen Glorienschein, sondern schildert sie hoffentlich in jeder Dorfschule als Menschen von Fleisch und Blut, mit ihren Fehlern und Mängeln, und lehrt mehr Kulturgeschichte, in anschaulichen Zeitbildern die innere Entwicklung unseres Volkes zeigend. Und eine der neuesten Forderungen des Geschichtsunterrichts lautet: anschaulicher und bodenständiger. Dies ist aber für den Lehrenden durchaus nicht so einfach, denn es erfordert vor allen Dingen ein eingehendes Studium der Ortsgeschichte und der der näheren und weiteren Umgebung, also selbständiges Suchen und Forschen, und dann ge­schickte Verknüpfung mit den großen geschichtlichen Ereignissen. Hier bietet sich aber ein weites Feld, das des Beackerns wohl wert ist und manchen überraschenden Schatz finden läßt, der ein sinnendes Rückversenken ermöglicht und Verständnis weckt für das Tun und Treiben, Denken und Fühlen der Ortsvorfahren. Mit Freude und Interesse hört alt und jung zu, wenn man aus dem oft reichen Schatze heimatlicher Geschichte itf anschaulicher Werse erzüW. DW hackt und tvird so leicht nicht bergessen, weil die Phantasie nun Ort und Flur mit geschichtlichen Ge­stalten und Geschehnissen belebt.

Kann cs aber eine geeignetere Zeit geben, gerade den Be­wohnern des Kreises Gießen, der Wetterau und des südlichen Vogelsberges Heimatgeschichte zu bieten, als jetzt, da wir in die Erinnerung an die große Zeit vor 100 Jahren eingetreten sind? Eine Flut von Einzelerinnerungen ivird durch die Presse ans Tageslicht kommen. Es kann nicht schaden in unsrer eben so ernsten, kriegerisch krieselnden Zeit. Man wird lernen aus jenen sturmbcwegten Tagen:Das Vaterland über der Partei!" und sich begeistern an dem Gedanken:Das ganze Deutschland soll es sein!" Auch aus den Einzelheiten der Ortsgeschichte lassen sich diese Gedanken entwickeln. Ganz besonders aber wird die Liebe zur Heimat und zu den Volksgenossen durch die Heimat­geschichte geweckt und gepflegt. Das soll der Leitgedanke der folgenden Ausführungen sein.

Einleitung.

Wenn weit in den Landen wir zogen einher, wie die Heimat, so finden kein Fleckchen iuii mehr!" So beginnt ein Volkslied, und noch gar manches andere hat 'denselben Grund­ton der Heimatliebe und der Sehnsucht nach der Heimat und bringt ihn durch Wort und Weise zu innigem Ausdruck. Wie der Ballast zum Schiff, so gehört Heimatliebe zum Gemütsleben des Menschen, ihm erst rechte Tiefe verleihend. Doch^ wieviele geben die Heimat auf mit einem leichten, flattrigen Sinn, der sehr an den Flug der Motten nach dem Lichte erinnert! sie lieben die Großstadt mit ihren Zerstreuungen und größeren Ver­dienst und ziehen sie demstillen Tal", demschönsten Wiesels gründe", demHüttlein klein" vor. Großsprecherische Jugend scheut sich nicht, die eigenen Dorfgenossen, die Einrichtungen der Heimat mit überlegen sein sollendem Spott zu übergießen, nachdem sie Großstadtluft genossen. Auch hat die jähe Entwicklung unsres modernen Volkslebens mit seinem Jagen nach Erwerb und Gewinn, seinem alle Lebensnerven spannenden Handel und Wandel, seinen Großstädten und Fabriken, seinen religiösen, politischen und wirtschaftlichen Kämpfen das Gemütsleben ver- slacht und den Menschen die Heimatliebe genommen oder gar nicht anfkommen lassen. Wieviele Beamten und Arbeiter wirken Und wohnen in Dienstwohnungen oder gemieteten Räumen, an die man sich wohl gewöhnt, mit denen man aber nicht mit dem Gefühl des Besitzes und Geborgenseins verwächst, da man sich bald wieder andersgewöhnen" muß. Wie kann Heimatliebe bei den Kindern solcher oft verschlagenen Familien aufkommen, die nirgends recht heimisch geworden sind! Am ursprünglichsten und tiefsten ist die -Heimatliebe noch in unserm Bauernstände erhalten. Der Bauer klebt an der Scholle. Der Sohn wohnt im Hause seiner Väter, oder doch im selben Dorfe, wenigstens aber noch im Bannkreise seiner Mundart, der heimatlichen Laute. Ganze Generationen bewohnen oft dasselbe Haus, woran und worin vieles an die Voreltern erinnert. Heilig ist den Bauern darum die Stätte, er ändert nicht gerne daran, er hängt am Alten. Tief sind die Wurzeln und zahlreich, aus denen seine Heimatlieb« keimt. *

Etwas Großes und Schönes ist die Heimatliebe, und des­halb ist es schon der Mühe wert, das Interesse an der Heimat zu wecken. Gerade böse Zeiten, die unsre Heimat durchzumachen hatte, wollen wir aber an unserm Auge vorüberziehen lassen, weil die Not am eindringlichsten zum Herzen spricht.

* * *

Große geschichtliche Ereignisse sind in unsrer Dorfgeschichte nicht zu verzeichnen, dafür ist unser Oertchen zu klein und junbedeutend. Mer allgemeine böse Kriegszeiten sind auch an

ihm durchaus nicht spurlos vorübergegangen. Viele Belege dazu finden sich in unfern Torsakten, besonders in den Rechnungen über das Gemeinwesen, die von 1694 an vollständig vorhanden und sehr gut erhalten sind. Abgesehen vom 30 jährigen Kriege, der fast ganz Deutschland in Mitleidenschaft zog, hatte unser Dorf im 7 jährigen Kriege durch Cinquartierungslasten mit all ihren unangenehmen Begleiterscheinungen zu leiden. Damals stand Halb-Europa gegen Friedrich den Großen im Felde, darunter auch die dem aufblühenden Preußenstaatc feindlich gesinnten Fran­zosen. Der französische Führer, Prinz Conde, lag mit 20 000 Mann in einem verschanzten Lager zwischen Reinhardshain und Grünberg. Als er sich 1762 vor den anrückenden Preußen unter dem Erbprinzen Ferdinand von Braunschweig zurückzog, ver­legte er das Hauptquartier ans dem Schlosse zu Grünberg/ dem ölten Amtsgerichte, in der Nacht vom 22. auf den 23. August nach Winnerod. Hierdurch erhielt unser Dörfchen so viel Ein­quartierung, als es nur zu fassen vermochte. Aber auch schon in den vorhergehenden Jahren war es samt der Umgegend durch die von Friedrich dem Großen bei Roßbach 1757 geschlagenen Franzosen ausgesogen worden. Doch hielt ein einqimrtiertet Offizier streng auf Soldatenehre, wie folgendes, durch mündliche Ueberlieferung verbürgtes Erlebnis zeigt. Im Strohschen Hause suchte ein französischer Soldat nach dem versteckten Gelde, das er auch schließlich im Keller fand. Auf das Geschrei der Frau, einer Witwe, eilte der Nachbar Dippel, ein kräftiger Mann, herzu, dabei hie Mauer zwischen, dem. Strohschen und Bornschen Haüsd überspringend. Als sich der Soldat dem stärken Manne gegenübersah, warf er das Geld fort in einen Haufen Kartoffeln. Dippel ist wohl nicht fein säuberlich mit dem Diebe umgegangen/ -denn auf dessen Geschrei kam ein Offizier hinzu. Der deutschen Sprache mächtig, erfuhr er bald den Sachverhalt und entschied kürzst Wenn das Geld bei dein Kerl gefunden worden wäre, müßte er sogleich da an dem Birnbaum aufgehenkt werden." Die Besitzerin des Geldes hat später schaudernd gemeint:Herrjemersch, wann der Kerle dovoanne gebarnbelt hätt!" Daß es nicht immet so glatt ab-ging, mußte dieselbe Fran auch zu ihrem Leidwesen er­fahren, denn als ein Trupp Soldaten die ungedroschenen Garbqf aus ihrer Scheuer requirierte, und sie bat, man sollte ihr doch etwas lassen für ihr Kind, da radebrechte grob ein Sergeant: Du Dreck fressen mit deinem Kind!"

Nach dem 7jährigen Kriege blieb es in unserer Gegend 30 Jahre lang ruhig. Aber dann brachen die Heimsuchungen mit Macht herein. Schwer, sehr schwer haben die Orte des Busecker­tales Albach, Oppenrod, Reiskirchen, Burkhardsfelden, Bersrod, Beuern, Großen-Buseck, Alten-Buscck und Rödgen, welche alle zum damaligen Amt Großen-Buseck gehörten, unter Feind und Fre-.md gelitten. Die Kriegsrechnungen jener Jahre entrollen unH ein trauriges Bild des wirtschaftlichen Elends der Gemeinden und ihres Ruins durch fremde und deutsche Landeskinder.Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten!"

Im Jahre 1789 war in Frankreich eine blutige Revolution ausgebrochen. Da die deutschen Fürsten fürchteten, der Aufruhr könne auch über den Rhein herüber seine Wellen schlagen, sp verbanden sich Preußen und Oesterreich, um in Frankreich die alte Verfassung wieder herzustellen. Ein preußisches Heer zog über die Grenze, mußte aber trotz einiger Erfolge den Rückzug über den Rhein aittreten. Durch Verrat nahmen die Franzosen Mainz und waren nun Herren des linken Rheinufers 1792. Unser Hessenland war französischem Vordringen am ersten ausgesetzt und bemühte sich, dagegen zu rüsten. In dieser Zeit erließ das Amt Großen- Buseck eine Aufforderung zu einer Hauskollekte für die am Rhein stehenden hessischen Soldaten. Dieser Aufruf interessiert uns durch seine befehlende und am Schlüsse ganz besonders derbe Sprache. Er lautet:Es ist jedermann, bekannt, welche Gefahr und Strapazen diejenigen unterer Soldaten zu erdulden haben,- welche unser wohldenkender Landesfürst zur Beschützung diesseitiger Rheinufer gegen die andringenden französischen Truppen gebraucht und beständig in Dienst hat. Auf eine menschenfreundlich Art hat daher die Gemeinde Großen-Buseck aus eigener Bewegung durch die geschworenen Ortsvorstände eine Kollekte von Haus zu Haus für diese notleidenden Kinder diesseitiger Amtsuntertanen zu er­heben um so mehr für Pflicht erachtet, als bekanntlich an den dortigen Rheingegenden eine außerordentliche Teuerung ist und dem Soldat ein solcher Zuschuß wohl zustatten kommt. Es wird daher jedem Ortsvorstand hierdurch aufgegeben, sobald in jeder Gemeinde nach der Anfrage jene nnlden Gaben zu erheben, den Namen des Gebers und die von ihm gegebene Summe aufzuzeichnen und längstens bis nächsten Samstag Btorgen hierher einzuliefern, damit den Samstag unfehlbar diese Summe an die Behörde versendet und in der Laudzcitung diese schöne Handlung ganz bestimmt bekannt gemacht werden könne. Gleichwie nun jeder, der eine solche milde Beisteuer leistet, namentlich ausgeschrieben werden muß, also ist auch derjenige Niederträchtige, der diesem allgemeinen nützlichen Vorhaben die Hand nicht bieten wollte, mit Namen aufzuschreiben." Diesem Schlußsätze fehlt ganz ent» schiedenEuropas übertünchte Höflichkeit". So forderte man vor mehr als 100 Jahren einemilde Gabe", lieber das erste Men­schenopfer unserer Gemeinde in der nun beginnenden KriegSzeit steht im Kirchenbuch zu Winnerod folgende Notiz:Den 7. Febr. 1793 ist Joys. Ludwig Stroh, Kirchenältester zu Bersrod, auf