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Massen mir schon gestatten, für meine Person den Begriff des Gentlemarnetwas anders aufzufassen. Nach meiner Auffassung darf ein Gentleman eben niemals — nie—mals — wie ein Rowdy aussehen!"
„Sie würden also in Frack und Lackstiefeln auf den Ortler hinaufgehen!" höhnte Gottliebe.
„Ich würde nie hinanfgehen."
„Das ist freilich das Bequemere und — Ungefährlichere !"
Jü Bessows Zügen zuckte es sekundenlang auf. Mit geheimer Freude sah sie es: der Hieb hatte gesessen. Dann aber nahmen seine Mienen gleich toieber die gewohnte Ruh e an.
„Ich habe keinerlei Veranlassung, erst derartige Beweise für meinen Mut zu erbringen. Im übrigen — wenn ich nicht irre, gnädigstes Fräulein — haben auch Sie ja noch nie Gipfel gestürmt."
Gottliebe fuhr auf, nun ihrerseits getroffen.
„Wollen Sie damit sagen, daß ich es aus Feigheit nicht getan hätte?"
Ihre dunklen Augen blitzten ihn drohend an.
„Aber bitte," wehrte er mit höflicher Handbewegung M „Mur, Sie werden mir zugeben: Man soll nicht attackieren, wenn man selbst Blößen hat."
Gottliebe biß sich auf die Lippen. Gerade weil er recht hatte, brannte der Trotz in ihr um so höher auf. Und der Gedanke, er könnte ihr wirklich Furchtsamkeit oder Schwäche zutrauen, schürte ihre Erregung noch mehr.
„Wenn ich bisher keine Hochtouren gemacht habe, hatte das seine anderen Gründe. Nun aber könnte es mich reizen —"
„Um Gottes willen!" fuhr jetzt die Tante aus ihrer Referve auf; sie hatte bisher der schon gewohnten Plänkelei zwischen den beiden nur mit halbem Ohr zugehört. „Nun fang' auch noch mit so etwas an!"
„Wahrhaftig?" spöttelte Bessow seinerseits. „Sie gehen vielleicht gleich morgen auf den Ortler."
„Warum nicht? Wenn ich's mir vornehme!"
„Ich bitt' Sie, Herr Regierungsrat!" Verzweifelt sah die Frau Major zu Bessow hinüber: „Ist Ihnen nun so etwas schon vorgekommen?"
„Dar Einfall Ihrer Fräulein Nichte entbehrt zum mindesten der Originalität nicht, gnädigste Frau," wandte sich Bessow an Frau Morell. „Gott sei Dank nur, daß sich so etwas schneller ausspricht als ausführt."
Die Äberlegen-hofmeisterliche Art Bessows und der Zweifel am Ernst ihrer Worte taten bei Gottliebe das Letzte.
„Sie dürften sich irren, Herr Bessow," und fchon war sie aufgestanden. „Ich werde morgen die Ortlertour wachen."
„Gottliebe — wo willst du hin?" fast entsetzt rief es die Tante.
„Mit den Führern sprechen," kam es entschlossen von Hottliebes Lippen, und wirklich schritt sie schnell dem Ausgang zu.
„Aber das kann ja nicht sein, Herr Regierungsrat!" Beschwörend hob Frau Morell die Hände zu Bessow auf.
„Selbstverständlich, meine gnädige Frau," und auch dieser erhob sich, „werde ich mit den Leuten ein ernstes Mort reden, ©je werden verständig sein."
Verständiger als Gottliebe, hatte er den Satz für sich beendet.
„Ach ja!" bestärkte ihn die Tante mit dankbar bittendem Blick. „Mein Gott, was einem das Mädel nicht für Sorge macht!"
Ihr tiefer Seufzer fand einen Widerhall in Bessows Brust, während er langsam hin aus ging. Er ging niemals schnell; seine ihm in Fleisch und Blut übergegangene Auffassung von Vornehmheit verbot ihm die würdevolle schnelle Bewegung. Aber trotz dieser äußeren unerschütterlichen Ruhe war er im Innersten keineswegs so gleichgültig.
Bessow interessierte sich ernstlich für Gottliebe, die er vor drei Wochen hier im Hotel mit ihrer Tante kennen gelernt hatte. Gerade die eigenartige Mischung ihres Wesens — halb Zigeunerin, halb Prinzessin, fand er — hatte ihn, den korrektesten Gentleman, lebhaft angezogen. Er verspürte zum erstenmal einen Reiz seiner Empfindungen, den die tadellos erzogenen Damen seiner Kreise nie bei ihm erweckt hatten. Im übrigen — zu seiner Beruhigung — sie war ja von bester Familie, aus einem alten rheinischen Patrizier- hau^> Der Pater, ein hochbegabter Maler, war früh ge
storben. Auch die Mutter, aus einer norddeutschen Offiziersfamilie stammend, lebte schon lange nicht mehr, so daß Gottliebe bei ihrer Taute, der Frau Major Morell, ausgewachsen war. So durfte sich Gottliebe, ohne mißgedeutet zu werden, schon die Eigenart ihres Wesens erlauben, um so mehr, als fehr plötzlich auch wieder eine so strenge, fast hochmütige Abweisung bei ihr zum Durchbruch kommen konnte, daß sie jeden Zweifel über ihre gesellschaftliche und persönliche Qualität gründlichst beseitigte.
Bessow hatte sich in diesen Wochen ausschließlich der Gesellschaft der beiden Damen gewidmet, aber er war trotzdem Gottliebe innerlich nicht näher gekommen. Sie behandelte ihn vielmehr, je mehr er sich um sie bemühte, mit einer souveränen Ironie, die ihn schließlich bei all seiner Ruhe doch in Harnisch brachte.
Auch die Tante war sehr unzufrieden mit diesem Stand der Dinge. Sie begünstigte den Regierungsrat offenkundig und hatte Gottliebe eine Verbindung mit dem seht begüterten Mann in so guter Karriere als ein erlesenes Glück hin- gestellt, da die Nichte ihrerseits ohne jedes nennenswert« Vermögen war. Aber gerade diese Anempfehlung aus berechnenden Vernunftsgründen hatte Gottliebe halsstarrig gemacht. Sie ipax eine ehrliche und charaktervolle Natur. Die Jagd auf einen reichen Mann war rhr hXbettoutuß. AM so behandelte sie denn Bessow mit voller Absicht schlecht.
Je mehr sie aber Bessow nt Distanz hielt, um so tiefer wurzelte bei diesem das Begehren nach ihr. Der kühl den- kende Mann steigerte sich allmählich in ein Empfinden hinein, das bei anderen zur Leidenschaft geworden wäre, bei ihm ein immerhin quälender Wunsch nach ihrem Besitz war. Und wenn er dennoch ihr gegenüber den Ton kalt spöttelnder, gelassener Ueberlegenheit anschlug, so geschah es nur aus kluger Selbstbeherrschung. Er wollte sein wahres Empfinden nicht nutzlos verraten, das, soweit es seiner Natur möglich war, insgeheim Gottliebe mit Zärtlichkeit umfing.
So war denn auch jetzt, als er ihr nachging, in ihm neben Aerger über ihren Eigensinn wirlliche Sorge um sie: daß sie in hitzköpfiger Uebereilung etwas unternehmen möchte, das sie, einmal mit ihrem Ehrgeiz engagiert, sicherlich zu Ende führen würde, wenn auch zu ihrem Schaden. Er dachte an ihre schlanke, feine Gestalt. Sie war doch absolut solchen Strapazen nicht gewachsen. Wirllich — eine Tollheit, was sie vor hatte!
Nun war er draußen, auf dem freien Platze vor dem Hotel. Richtig, da trat sie gerade drüben neben dem Verkaufskiosk zu den beiden Führern, die eben mit den Tou- risteu von der Partie zurückgekommen waren.
„Guten Tag!" begrüßte sie die Leute, einen älteren und einen jüngeren Wann, die mit einem treuherzigen „Grüß Gott, Fräula!" höflich ihre Hüte lüfteten. „Sie kommen vom Ortler, nicht wahr?"
„Jo freili!" bestätigte der Aeltere. „Wir sind schon droben gewesen, heut in der Fruah mit unfern Herrn."
„Sagen Sie mal — ist der Ortler schwer zu besteigen?"
Der ältere der Führer sah mit seinem ruhigen Mick aus dem freundlichen, braunverwitterten Gesicht einen Moment prüfend aus die Fragerin und an ihrer feingliedrigen Gestalt hinab.
„Jo, schwer ist's scho net — aber es verlangt scho a bissel Uebung und Gewandtheit. — Grüß Gott, mein Herr!"
In diesem Augenblick war Bessow, die Hand an die Hutkrempe legend, zu der Gruppe getreten. Ein erstaunter, dann sehr unwilliger Blick Gottliebes traf ihn aus ihrem halb herumgewandten Gesicht; danü nahm sie weiter nicht mehr von ihm Notiz, sondern sagte entschlossen zu dem Mten:
„Dann möcht' ich hinauf. Morgen! Wollen Sie mich führen?" (Fortsetzung folgt.)
Aus alten Verrröder Uriegsrechmmgen, besonders der WM793!m W5 und andere mündliche Erinnerungen aus dieser Zeit.
Von Lehrer Wolf- Bersrod
Vorwor t.
Geschichtlich denken kann nur der Gebildete. Die große Masse des Volkes hat im harten Daseinskämpfe keine Zeit und keine Lust, sich mit der Geschichte unsres weilen Vaterlandes zu befassen, für sie hat fast ausschließlich die Gegenwart Interesse, das Vergangene aber nur insofern, als die Lebensführung der Vorfahren unmittelbar davon berührt wurde. Erstaunlich ist daher


