Ausgabe 
14.7.1913
 
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Firnenraulch.

Roman von Paul G r a b e i n.

(Nachdruck verboten.)

Erster Teil.

Eigentlich ist es doch zu albern! Diese Toiletten, Ge- sellschaftsfratzen wie daheim mitten, in der Hochsaison und das nennt inan Sommerfrische, dazu reist man ins Hochgebirge! Einfach verrückt!"

Gottliebe Rhyngaert drückte, nach einem langen verächt­lichen Blick über ihre Umgebung, die Zigarette so energisch auf der versilberten Aschenschale aus, als könnte sie damit der ganzen, ihr so widerwärtigen Gesellschaft ringsum den Garaus machen.

In der Tat sah es im weiten, kühldämmerigen Vestibül des eleganten Trafoi-Hotels nicht nach einem Bergwirtshaus aus. IN die komfortablen, vvtlackierten Korbsessel bequem zurückgelehnt, saßen die Hunderte von Hotelgästen mit fetter behaglich faulen Siestastimmung, die der «gute Lunch in ihnen erzeugt hatte. Der schwere, süßlich-aromatische Duft von Parfüms, Mokka und Zigaretten legte sich fast lähmend um die Sinne im Verein mit dem schwirrenden Lärm der schwatzenden und flirtenden Gesellschaft, eines internatio­nalen Gemisches von Leuten in zumeist höchst elegantem', tadellosem Anzuge. Die paar Herren im Touristenkostüm' und Damen in einfacher Hemdbluse fielen ordentlich auf.

Dietrich Bessow, selber im Smokiug, sah seine Nachbarin an dem zierlichen Korbtischchen, auf dem das silberne M'okka- service blinkte, einen Augenblick schweigend an; beobachtend, mit einem leis-ironischen Zug um die Lippen, über denen der nach der neuesten englischen Mode ganz kurz geschnittene blonde Schnurrbart stand.

Dann sagte er, sein Zigarettenetui aus der Brusttasche nehmend, in seiner halblauten, vornehm gedämpften Art:

Sie belieb eit heut besonders kritisch zu sein, mein gnä­diges Fräulein. Aber darf ich bitten?"

Dach sie wies lebhaft das ihr dargebotene Etui ab.

'Danke, ich rauche nicht mehr."

Die Tante neben ihr am Tisch atmete erleichtert auf. Die Frau Major Morell, noch ganz eine Dame der alten Schule, konnte diese modernen Freiheiten für den Tod nicht ausstehen, aber Gottliebe ließ sich ja bei ihrem starren' Eigensinn leider gar tticht beeinflussen in ihren exzentrischen Neigungen.

Gottliebes Ablehnung geschah denn auch beileibe nicht ans Rücksicht auf die Tante. Nein! Sie mochte einfach richt. Aus Opposition gegen diese sich so modern gebärdende Gesellschaft ringsum, die sie in ihrer augenblicklichen Laune o reizte, daß sie qm liebsten irgend etwas ganz Tolles, Un- mögltches angegeben hätte, nur um ihrer widerwärtigen, Mngwetligen Korrektheit und Manieriertheit einen Schlag ins Gesicht zu versetzen. Am liebsten hätte sie da deut steif-

leinenen Pedanten ihr zur Seite fein silbernes Etui an den Kopf geworfen! ,

Den ganzen Lunch über hatte sie sich über den Regier rungsrat Bessow geärigert, und nun jetzt wieder dies gt» Heime, spöttisch-überlegene Lächeln, das sie Wohl gemeM hatte! Aber wenn er glaubte, sie mit dieser Art erziehen zu können, so irrte er ganz gewaltig. Gan^ im Gegenteil, das trieb sie nun erst recht in ihre Eigenheiten hinein.

Bessow steckte mit leichter Verneigung Has Cshti ioieder ein. Sein Blick glitt dabei einen Moment durch, das brette Eingangsportal des Vestibüls hinaus ins Freie, wo, im scharfen Kontrast zum tiefen Schatten dieser Halle, eine heiße Sonnenlnst flimmerte.

Da kommt eine Partie zurück gewiß vom yriler." Er wies leicht mit der Zigarette auf eine kleine Gruppe von Männern, die jetzt draußen auf dem Vorplatz Halt ge­macht hatte; ihrer vier, jalle in derber BergsteigerausrüsiuW, von Sonne und Staub arg mitgenommen.Unglaublich! Die leibhaftigen Vagabunden!" In ästhetischem Mscheu betrach­tete Bessow die rotgebrannten, schweißperlenden Gesichter und die verstaubte, zerdrückte Kleidung bis hinunter zu den fettgeschmierten Nagelschuhen von schwerstem Kaliber.Die Kerls werden doch nicht hier ins Hotel"

Der Gedanke, mit solchen durchschwitzten Leuten in einem Raume zu weilen, verursachte ihw ein wirkliches Grauen.

Gottliebe Rhyngaert sah nun auch htnaus auf ine vier. Im Grunde hatte sie früher oftmals genau so gedacht ime der Regierungsrat, namentlich wenn sie auf der Poststraße von der hohen Bankette der Maileoach aus stolz-verächtlich auf die hochgeschürzt dahinmarschierenden Touristinnen mit dem zerzausten Haar um die rotglänzenden Gesichter htnab- geschaut hatte. Heute aper rief Bessows Bemerkung nur thsren Widerspruch wach. r .

Warum nicht?" Lebhaft die Stimme erhebend, mu­sterte Gottliebe die Leute draußen, von denen sich jetzt zwei, die Touristen, von den beiden anderen, den Führern, verab­schiedeten. , r. r. , .. ,

Wenn die Leute einen Smoking anhaben, sind |te sicher­lich Gentlemen so gut wie Sie!"

Der Regierungsrat zog leicht die Brauen zusammen. Der Vergleich war ihm peinlich. Gewiß, möglicherweife waren die beiden da draußen auch Leute der sogenannten Gesellschaft" sehr leicht sogar auch Juristen. Jetzt, m den Gerichtsferien, wimmelte es ja leider m den Bergen von solchen. Mer irgend so ein rauhbeiniger Rechtsanwalt oder verbauerter Amtsrichter, so einRöllchen" und Jäger- Hemden trageiides JndiviDuum war doch längst nicht seines­gleichen! Eigentlich hätte er ja über diese Zumutung einfach lächeln sollen, aber Gottliebe Rhyngaert hatte ihm heute schon zu übel mitgespielt. Er mußte ihr endlich einmal an­gemessen erwidern.

Wenn Sie Geschmack an diesen Herrschaften finden bitte sehr," spöttelnd verneigte er sich vor ihr.Mer Sie