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frischer, fröhlicher Krieg und er mitten drin. — Er spähte vorsichtig nach affen Seiten, benutzte jeden Büschsaum als Deckung, öoh jeder Anhöhe hielt er Umsicht.
Endlich, nach vierstündigem Ritt sah er im Grunde ein Dorf liegen. Ein steinaltes Bauernmütterchen saß mit zwei drallen, hübschen Mädeln am Feldrand bei der Suppe. „Schon Mittag, Mutter?" fragte Werner und ritt herzu.
Die Mädchen kreischten aus und raunten in wilder Hast über den Acker, und die Alte hob flehend die Hände: „Laßt sie in Frieden, Herr, laßt sie in Frieden! Es sind meine Enkelkinder, unb ich habe sie treu bewahrt in diesen wilden Zeiten. Gestern sind schon die Franzosen vorbei und haben schlimm gehaust, und ich hab die Mädels im Stroh versteckt gehalten und so vor den Wüterichen bewahtrt!"
„Beruhigt Euch, gute Mutter, Eure Enkel sind sicher vor mir. Habe selbst ein Schwesterlein, zart unb rein, daheim. — Sagt mir, wie ich am schnellsten nach R.-Witz komme?"
Die Alte wurde jetzt freundlich und zutraulich und erklärte: „Nach R.-Witz? — Da reitet nur durch Klcin- O.-Dorf hier drunteu int Grunde, und eine kleine halbe Stunde später seid Ihr schon in R.-Witz."
„Sind Soldaten in diesen Orten?"
„In Klein-O.-Dorf nicht mehr, aber in R.-Witz. Da wohnt ein hoher Herr, ein preußischer General."
„Gut, Mutter, ich danke Euch, lind grüßt Eure Enke- limten von einem, der ihnen nichts zuleide tint wollte!"
„Ja, — ja — Ihr seid ein lieber Herr, aber so sind sie nicht alle. Wenn dock) dieser Krieg erst zu Ende wäre!"
„Eben fängt er erst an, Mutter. Und wenn er zu Ende ist, wird Ruhe int Lande werden, verlaßt Euch daraus!" Er nickte ihr noch einmal zu und ritt daun wieder nach dem Walde. Die Alte sah ihm verklärt nach und faltete die arbeitsmüden, runzligen Hättde, die ein Lebensalter geschafft hatten. Und dann, als der Schnee der Siebzig attf der Greisin Haupt gefallen war, kam der Feind ins Land und zerstörte ent ganzes Lebenswerk in einer Nacht und ließ nichts zurück, als Not und Httitger und hilflose Waisen. H Und die hatte der Reiter verschont, der schöne, junge Reiter. — Und sie stammelte: „Herr droben, behüte ihn!" —
Die Mädchen kamen mit angstverzerrten Mienen aut Ackersaunt entlang gekrochett. „Ist er fort, Mutter, der böse Reiter? — Hat er dich geschlagen?" —
„Nein, nein, er war kein böser Reiter. Er hatte so gute Augen!" — Und noch immer stierte die Alte nach dem Dickicht, in dem Werner verschwunden wär. Und dann atmete sie tief auf und sagte verträumt: „Wenn der Krieg zu Ende ist, wird Ruhe im Lande. Er hat es gesagt, und der lügt nicht!" Daun, aßen sie die kalte Suppe weiter.
Werner aber umritt den Ort Klein O.-Dorf und sprengte dann in R.-Witz eitt. In dem weißgetünchten kleinen Pfarrhause lag das Hauptquartier. Ein Adjuvant in hohem, steifem, schwarzem Kragen nahm Werners Meldung entgegen.
„Gut, mein Sohn, wie heisst du?"
„Werner vott Altenlohe!"
„Wie, ein adeliger Name und nur ein Musketier? Wer ist dein Vater?"
„Freiherr von Altenlohe auf Heidehorft!"
Das freundliche Atttlitz des Offiziers versteinerte sich im Augenblick. „Es ist gut, Sie fönnen gehen!"
Werner wußte nicht, wie er das Gemach Verlassen. Was bedeutete dieses Benehmen des Adjutanten? Beim Nennen des Namens seines Vaters war der Offizier wie umgewandelt. Er rief einen der aus dem Haufe kommenden Kavalleristen an ttnd fragte ihn nach des Adjutanten Namen. „Graf Egbert von Singen-Hörtroup!" Den kannte Werner nicht, er hatte noch nie diese Namen gehört. Sollte er eilt Feind seines Vaters sein? Nein, fein Vater hatte keine Feinde. Er entschloß sich, der Sache auf deu Grund zu gehen und ließ sich nochmals bei dem Adjutanten melden, aber die Ordonnanz kehrte zurück: „Der Herr Rittmeister hat keine Zeit!"
Nun war die fröhliche Stimmung, die Freude über den endlich beginnenden Krieg dahin. Er suchte sich sein Quartier und wirkte zugleich für seinen Freund Wintzer eine Ruhestatt mit aus, versorgte dann sein Pferd und harrte nun der ankommenden Truppen seines Bataillons.
Mit jeder Stunde wurde es lebendiger im Orte. Von allen Seiten strömten Truppen herzu, Ordonnanzen jagten die Straßen auf uud ab, und gegen sechs Uhr rückte
auch bas Bataillon Reitzenstein in die Quartiere. Unter den Soldaten herrschte fröhliche Kampfesstimmung, uud jeder freute sich, daß dem untätigen Hin- und Herziehen nun endlich durch einett Kampf und, wie jeder hoffte, durch einen Sieg ein Ende gemacht würde.
Werner von Altenlohe meldete sich bei seinem Kommandeur zurück und gab das Pferd wiener ab, dann suchte er sich seinen Freund Wintzer und nahm ihir mit in das für beide besorgte Quartier.
Unterwegs erzählte er ihm das eigentümliche, ihm unverständliche Benehmen des Adjutanten von General Porst. Wintzer ahnte den Zusammenhang, hütete sich aber, dem Freunde von seinen Befürchtungen zu sagen. Er beruhigte den Freund, sprach allerhand Vermutungen aus, die weit von dem wahren Sachverhalt entfernt waren, und es gelang ihm, Werner die trüben Gedanken zu verjagen. Als sie in ihr von Werner ausgesuchtes Quartier kamen, war dies bereits von etlichen Offizieren besetzt, und so mußten sie mit in das große Feldlager übersiedeln.
Unterdessen hatte sich die Kunde verbreitet, daß von Magdeburg her der Vizekönig Eugen im Anmarsch fei und daß morgen früh der Zusammenstoß erfolgen müsse. Arm in Arm durchschritten die beiden Freunde das Lager, trafen dabei einige Bekannte aus ihrem Heimatdorf, vor allem Fridolin Etzinger, den Sohu des alten Stelzfußes. Werner erkundigte sich, ob Etzinger etwa irgendeine Nachricht aus der Heimat 'bekommen hätte, aber Fridolin verneinte kurz, fast schroff. Als aber Wintzer auf einen Augenblick, mit Fridolin allein stand, steckte ihm des Stellmachers Sohn hastig einen Brief zu. „Von meinem Vater, aber lasst den Junker nicht lesen!"
(Fortsetzung folgt.)
Ein Abschnitt aus der Negimenttgeschichte der „Hanseaten".
Von Otto Mann s.
Am 18. Mai 1871 verstarb in Darmstadt infolge von Typhus der Premier-Leutnant Heriuanu Freiherr Schenck zu Schweinsberg, Ritter des Eisernen Kreuzes II. Kl. und des Mecklenburger Militär--Verdienstkreuzes. Nachdem er als Som» pagnieführer den ganzen Feldzug von 1870/71 unverletzt mitge- macht hatte, war er auf dem Rückmarsch nach der Heimat vom Typhus befallen worden und ist dieser Krankheit trotz sorgfältiger Pflege erlegen. Diese kurze Notiz hat im Jahre 1871 wohl mancher gelesen, oder doch davon gehört, doch Ivar mau von dem vielen Leid und dem großen Schmerz, welche das „große Jahr" über so viele von Deutsche und speziell Hessische Familien gebracht hatte, so abgestumpft,, daß die Trauer um den einzigen Sohu nur der bejahrten Mutter und der Schwester überlassen blieb, besonders da der Verstorbene in unserer engeren Heimat persönlich wenig bekannt war, da er in einem Preußischen Regiment (hanseatisches Jnsauterie-Rgt. Nr. 75) gestanden hatte. Wenn wir unseres Landmanues hier mit ein paar Zeilen gedenken wollen, so darf die Katastrophe von 1866 nicht unerwähnt bleiben, die dem jungen Offizier gleichzeitig den Verlust des Vaters und des Vaterlandes brachte. Als im Jahre 1866 der Preußische Generalmajor v. Beyer das Kurfürstentum Hessen besetzt hatte, wnr- den auch mit dem Kurfürstl. Landrat in Homberg (Rgbzk. Cassel), dem Freiherrn Louis Schenck zu Schweinsberg seitens des Preußischen Ober-Kommandos Verhandlungen geführt, daß der Landrat nunmehr sein Amt im Auftrage des Königs von Preußen verwalten solle, was einer Einverleibung feines Kreises an Preußen gleich kam. Auf die Weigerung des Landrates, der sich an seinen Diensteid gebunden glaubte, wurde ihm mit sofortiger Verhaftung gedroht und das Ende war, daß der treue und gewissenhafte Beamte infolge der Aufregung von einem Schlag-' anfall befallen würde und tot zusammenstürzte. Nun, über die Ereignisse vom Jahre 1866 ist läugit Gras gewachsen: ixe alten Kurhefsen sind gute Deutsche geworben und sprechen nicht gern über jene Zeit, derer hier dennoch gedacht werden mußte, um den Schmerz der Mutter zu verstehen, der, nachdem dcr^Er- nährer gestorben, es große Mühe uud Sorgen machte,^ den «ohu auch ferner zu unterstützen. Dieser hatte bis zum Jahre 186b in einem Kurhessischen Regiment gestaiiden und trat bann in Preußische Dienste über, wobei er dem hanseatischen Jnsauterie-Rgt. Nr. 75 zugeteilt wurde, in ivelchein er den Feldzug 1870/71 nut* gemacht hätte. In diesen Kriegs- und Siegesziig der Hanseaten fällt auch die Episode aus der Schlacht von Loigny, die uns hier beschäftigen soll und folgt nun der Abschnitt aus der Regiments- geschichte, wie er von einem Augenzeugen ergreifend geschildert wird: , ,
„Str. Dccemb. 1870. Ausgang der Schlacht bei Loigny: Von morgens 8 Uhr hatte die Schlacht schon gewährt, Loigny, der Stützpunkt der feindlichen Stellung, war noch nicht m uu-


