Ausgabe 
14.6.1913
 
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Samstag, den H. Juni

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Eie FismmenMchen rauchen.

Roman aus bem Jahre 1813

tfon Mäx K|arl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

5. Teil.

Wochen waren seit dieser Nacht vergangen. Jeder im Dorfe wußte, daß der Erbjunler Liuthardt droben im Schloß wohnte, nur der Freiherr von Altenlohe nicht. Pfarrer Tempel hatte bis setzt noch nicht gewagt, ihm, der immer mehr kränkelte und oft über heftige Halsschmerzen klagte, dies mitzuteilen. Aber Gisela war heimlich allnächtlich aus dem Schulhause geschlichen bis unter die Fenster von ihres Bruders Zimmer und hatte gehofft, ihn durch irgendeinen Zufall sprechen zu können, und auf dem Rückwege hatte sie stets der alte Etzinger erwartet rind daun schweigend nach Hause begleitet.

Die tagelang währende Aufregung der Dorfbewohner über die vaterlandslose Haltung des Erbjuukers wurde aber urplötzlich durch ein andres Ereignis abgelöst. Zunächst traf die Meldung ein, daß Napoleon mit einem Ungeheuern Heere von Westen heranrücke, doch zeigte sich bald, daß diese Nachricht übertrieben war. Der Vizekönig! Eugen, der Stiefsohn Napoleons, war es nur, der mit 30 000 Manu bei Magdeburg stand und mit dieser Truppenmacht Berlin überfallen wollte, um die Hauptstadt in seine Gewalt zu bekommen. Mer der russische Heerführer Wittgenstein und die preußischen Generale Porck und Bülow sammelten die zerstreuten Scharen deutscher Truppen und rückten der be­deutend stärkeren Armee Eugens entgegen.

Paul Wintzer lag mit Werner von Altenlohe in dem­selben Quartier. Seit Wochen waren sie nun von einem Orte zum andern geworfen worden, untätig und dadurch beinahe kriegsunlustig geworden. Der Major von Reitzenstein, unter dessen Kommando das Bataillon Freiioilliger stand, tvär- tete täglich auf Order vom General Borck, sich mit einem größern Heeresteile vereinigen zu können. Da, eines Mor­gens, trat eine Ordonnanz tu das Bauernhänschen, welches Wintzer und Altenlohe bewohnten und brachte dem Mus­ketier von Altenlohe den Befehl, sofort zu Major Reitzen- stein zu Toinnten. Dort wurde er gefragt, ob er reiten könne. Dann nehmen Sie eins meiner Pferde, Altenlohe, unb jagen Sie, was Sie können, nach R.-Witz ins Hauptquartier und überbringen Sie folgende Kunde: Das Bataillon Reitzenstein ist alarmiert und trifft am heutigen Abend in R.-Witz ein. Es ist kampfbereit und schlagfertig., Nun reiten Sie los, was Sie können, lueitit auch' der Gaul kaput geht. Aber hüten Sie sich vor dem Feinde. Fran­zösische Truppen haben Patrouillen ausgeschickt, deren Spitzelt bis dicht i,n die Nähe unseres Quartiers gekom­

men sind. Also verbinden Sie Mut mit Verschlagenheit. Heute abend melden Sie sich bei nur in R.-Witz zurück.".

Wie im Taumel verließ Werner das Hans des Majors. Wintzer erwartete ihn und sah dem Freunde an, daß Großes int Werke sei. Und Werner rief schon von weitem:Es geht los, Paul, noch heute wird marschiert, und ich mußin das! Hauptquartier reiten, Meldung zu bringen. Auf Wieder­sehen heute abend in R.-Witz!" Er ließ sich von des Ma­jors Stallburschen eins der Pferde satteln und ritt dann im leichten Trabe zum Tore hinaus.

Bon R.-Witz hatte er nichts weiter erfahren könnest/ als daß es etloa drei Stunden ztt Pferde von seinem Quar­tier entfernt lag, in östlicher Richtung und daß die Kirche zwei spitze Holztürme habe. Es war seine erste ernste Kriegff­leistung, die er tat, und das erfüllte ihn mit ungeh'euerm Stolze. Wenn ihn der Vater so reiten sähe oder die Schwester! Oder wenn er zufällig irgendwo den Binder! träfe, der gewiß bei beit Lützowern als Offizier eingetreten war! Was sie jetzt wohl zu Hanse tun würden, hie Seinen? Zn Hause! Ein großes Weh fiel ihm in feine Seele. Sein Vater und seine Schwester, sie hatten ja kein zu Hanse mehr, sie waren ja heimatlos, und das durch seine Kampfeslust und seine heiße Vaterlandsliebe. War es recht von ihm, beit alten, kranken Vater und die hilflose Schwester so von Haus und Herd zu bringen?!Ja, ja und tausendmal ja!" sagte eine feurige Stimme in seinem Herzen.Und wenn du es nicht tatest, tat es doch dein Bruder," sagte eine erwägende Stimme in seinem Simst

Da stand plötzlich das Pferd still. Zwei Soldaten mit vorgehaltenen Flinten sperrten ihm den Weg. Hohe 9töte stieg ihm ins Antlitz, Röte der Scham und des Zorns Wey sich selbst. So also hatte er seine erste Kriegsprobe bestan­den! Wie ein Träumer war er dahingeritten, seinen Ge­danken nachhängend, statt zu spähen und zu forschen! Da riefen i.hn die Posten in gutem Deutsch an:Wohin, Ka­merad? Wer bist Du? Welchem Heere gehört deine Uni­form? Bist du auch Rheiübüudler, wie wir Nassauer, unter König Engens Befehl?"

Freundlich sprachen sie es, ein wenig schwäbelnd, und Werner erkannte, daß er durch eine kurze Lüge:Ja, ich bin des Königs Eugen einer," freien Weg gehabt hätte. ~ Wer ein Altenlohe lügt nicht, und wenn er es tüte, hieße das nicht seine Schuld: Verträumt durch ein von Feinden besetztes Gebiet zu reiten, noch größer machen?" Er rich­tete sich auf und rief:Seid Ihr Nassauer, so tut Ihr mir leid, auf Eures Fürsten Befehl dem Kaiser dienen zu müssen. Ich bin ein Preuße und kenne mente deutsche Pflicht, Gebt Bahn!" Und er schlug seinem Gaul die Hacken in die Weichen und sprengte vorwärts, und als die verblüfften Nassauer die Lage erfaßten und nach ihm schießen wollten, war er längst querfeldein gesprengt und hinter Gebüsch ver- schwnttden.

Nun war ihm Wohl und frei zumitte. Die drückenden Gedanken von vorhin waren verschivunden, Jetzt wär Krieg,