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imb so ist es MM Verständnis der modernen „Kinderftage", die ja löte stets eine Lebensfrage der Kultur ist, von hoher Wichtigkeit, Ursprung und Beginn dieser auch jetzt noch nicht völlig abgeschlossenen Entwicklung zu verfolgen.
Wie seine Jugend ist der Mensch. Ten ersten, ihrer Verantwortlichkeit sich voll bewußten Mannern jener Epoche, deren höchster Ausdruck Kants kategorischer Imperativ wurde, merkt Man es an, daß Sonnenschein ihre ersten Jahre nur spärlich erhellte, und wo diesem gefestigten Bürgertum gieriger Lebensgenuß rind zügellose Unbeherrschtheit gegenüber stehen, da äußern sie sich nicht selten als leidenschaftlicher Gegensatz gegen die „Sklaverei" der Jugend, zeigen seine krampfhafte und krankhafte Hast, die nach langer Hemmung in maßloser Steigerung losbricht. Der Naturvergewaltigung des großen Gartenkünstlers Lenötre gleich, suchten auch Kinderpflege und Kindererziehung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Geist und Körper der jungen Menschensprossen nach Richtschnur und Lineal zu strecken, alle üppigeren Triebe und jede überschüssige Kraft zu beschneiden und einzudämmen. Symbolisch für diese herrschsüchtige, despotisch willkürliche Art, wie die mit einer großen Schere durch die Gärten des Lebens ging, war gleich das „Wickeln" des Säuglings. „Man legt den Kopf fest," so wird in einem „Handbuch für Mütter" angegeben, „die Beine lang ausgestreckt und die Arme an den Seiten des Körpers liegend. Dann wird das Kind in Leinen und Windeln von aller Art eingehüllt, die es hindern, seine Lage zu ändern — manche Hebammen finden ein großes Verdienst darin, drei oder vier Schiruren und Windeln um das Kind zu wickeln —; daraus bindet man noch den Kopf mit einem Häubchen fest." Nach dieser qualvollen Prozedur tritt sogleich der unheilvolle Brauch des möglichsten Warm haltens in Kraft. Tas kleine Paket, „zugeschnürt, als ob man es auf 100 Meilen verschicken wollte," wird in her Wiege an den heißen Ofen geschoben und alle frische Luft sorglich von ihm ferngeh rlten.
• m * G'ößeren Kinder werden nou) in dicken Schafkleidern, Mrt Pelzmützen auf dem Kopf, unter schwere Federbetten gelegt. Stets tragen sie „Brustbettchen" und „Brustfleckchen", doppelte Leiochen, Fuchsschwänze um den Hals, Pulswärmer usw. Schwitzen ist das Beste, denn „gut ausdünsten erhält gesund", heißt es. Gs gab Kinder, besonders aus vornehmen Häusern, die deswegen und zur Erlangung eines schönen weißen Teints überhaupt nicht m die freie Luft, ja nicht einmal an ein offenes Fenster gelassen wurden. Elisa von der Recke erzählt, wie ihr Kopf bei jedem Ausgang in vielfache Hauben und Florkappen gehüllt wurde, so daß sie kaum etwas sehen konnte. Nie durste sie spazierengehen, und als sie mit 11 Jahren zunr erstenmal auf einer Fahrt die undurchdringlichen Schleier lüftet, Sonnenlicht und würzigen Luft- hanch spürt, ruft sie unter FreudentrLnen aus: „O Gott! Wie schön ist das! Ich bin wie im Himmel!" Nächst der weißen Haut war der schöne Wuchs beim Mädchen das Wichtigste. Die Mrchlbare Folter der Schnürbrust drohte schon den ganz kleinen Dingern, die in dem langen Fischbeinpanzer sogar nachts liegen mußten und darin kaum atmen noch essen konnten. Den Erfolg solcher Marter berichtet uns Salzmann in seinem „Krebsbüchlein": „Die frische Farbe von Fräulein Luischeu verlor sich und verwandelte sich in Blässe, die eine Schulter und Hüfte wurde hoher als die andere und auf dem sonst kerzengraden Rücken erzeugte sich eine Erhöhung."
, Nicht Kinder, sondern kleine Erwachsene sollten die Knaben Und Mädchen sein. Deshalb erscheinen sie schon in der Kleidung als Herrchen und Dämchen., Im Schößesrack, der.Staatsweste, den Kniehosen und Schnallenschuhen paradierten die Knaben, den Dreispitz unterm Arm, den Galanteriedegen mit langer seidener Bandschleife an der Seite. Schreckliche Stunden verbrachten die Ungeduldigen Jungen beim Frisieren, wo ihnen der Zopf mit Pomade und Puder gesteift, das Toupet mit Wachs und Nadeln geglättet und zu Rollen getürmt wurde. Der riesige Reifrock erlaubte den Mädchen nur geringe Bewegung, auch wenn ihnen das M.e d?, ende Leibchen noch Lust dazu übrig gelassen hätte. Tie Stöckelschuhe machten die Füßchen unsicher, die langen Handschuhe preßten die Hande zusammen. Tie Riesenfrisur mit hohen Federn wurde durch, eine „Flor-Dormeuse", ein enges Häubchen, fest- gehalten. So angetan, konnten die Kinder nicht unbefangen herumtollen: Wehe ihnen, wenn sie nicht ihren zierlichen Putz tn aller Ordnung und Schöne erhalten hätten! Das Spiel, heute als, das beste und wohltätigste Tun des Kindes erkannt, war verpönt. Goethe und Jean Paul haben ihre kindliche „Gefangenschaft" geschildert, aus der sie sehnsüchtig in die verbotene Dreiheit der großen Plätze und Gärten blickten. Ter Philologe. Fr. 'Mug. Wolf hat in seiner Jugend nie. gespielt, Charlotte von Stein me eine Puppe gehabt. Spiel galt als „Müßiggang", und davor bewahrte man sein Kiiid als vor dem Anfang aller Laster. Früh lernen mußten die Knaben. Diese Zeit, der Wissen das Höchste war, konnte nicht früh genug mit dem „Eintrichtern" beginnen. Mit Wolf wurden die ersten Lehrversuche „gleich am Ende des 2. Jahres" gemacht. „Ich tvar immer eine forciert« Treibhauspflanze, urteilte der alte Wieland. „Von meinem vierten Jahre saß ich, die Brust an die Schärfe des Tischraiides geklemmt. Ein typisches Bild dieser Frühreife, die auch bei Goethe hervortritt, ist das Kuabeiipotträt des kleinen Gotthold Lessing lm.it den vielen dicken Büchern. Auch di« Mädchen mußten bald in die Schule, damit sie wenigstens „Alle sitzen" lernten.
ranzen ist die einzige Leibesübung, die den Kindern gestaltet ist, aber es soll nicht die Glieder geschmeidig machen, sondern einzig und allein zu „galantem Benehmen" erziehen. Eine gute Verbeugung machen, ein Menuett schreiten, das war das Wichtigste; die Komplimentierkunst ward durch den „Maitre" emgebläut; ein möglichst geziertes, unnatürliches Betragen. „Herr Barer' und, „Frau Mutter" wurden mit „Sie" angeredet; noch 1806 sieht der Kabinettsrat Brandes in dem „Du und Du zwischen Eltern und Kindern" die Vernichtung aller elterlichen Autorität., Auf Autorität aber, nicht auf Liebe, war das Verhältnis in der Familie begründet und mit dem Stock wußten die harten Väter , auf die grausamste Weise den Willen des Krudes zu beugen. Nie ist so viel geprügelt worden; Schläge waren das tägliche Brot der Knaben, Fichte und Tieck, Gluck mid Beethoven, Schiller und Jean Paul und unzähliger anderer. So entstanden verängstigte, gedrillte Zierpuppen, die galante Redensarten drechselten und preziöse Briefchen schrieben, sich früh in koketten Schäkereien übten, sich bereits als Sechsjährige „nach dein Zeremoniell anmelden" ließen, auf Kinderbällen und bei Theateraufführungen es ganz den Großen nachtaten. Der zarte Zauber des Kindlichen war ihnen geraubt; ein eleganter Miniatursalon war aus der Kinderstube gemacht. Es gab keine Kinder mehr!
Sehr bald erhoben sich einsichtsvolle Erzieher gegen diese naturwidrige Pädagogik. Der erste Prophet eines neuen Geistes war der Philosoph Locke, der auch in Deutschland Anhänger fanb, der einflußreichste Gellert. Tie „moralischen Wochenschriften' , diese frühsten Verbreiter einer modernen Weltanschauung, eiferten bereits gegen die Schnürbrust und Verweichlichung. Aber der große Sturm gegen die Unsitten wurde erst durch Rousseaus „Emil" entfesselt; das Werk des Genfers prägte seiner Epoche den Stempel auf, machte aus ihr das „pädagogische Jahrhundert". Tie Erziehungswissenschaft wurde das Modestudium der Zeit, rmd die deutschen Philanthropinisten waren wohl die ersten und zunächst die einzigen, die es mit der Verwirklichung der Ronsseau'schen Ideen ganz ernst nahmen. Weg mit der Wiege! hieß es; sie macht „betäubt, trunken, schwindlig und dumm". Tas Wickeln „ftort das Wachstum und schwächt den Körper"; gan^ frei soll das Kindchen von Anfang an liegen. „Fort mit den geheizten Schlafstuben, den dicken Kleidern, den schweren Betten!" Tas Warmhalten schadet den Kleinen fürs ganze Leben. Licht und Luft in die Kinderstube. Sie soll nach Struve das größte und hellste Zimmer sein. Abhärten lautet die Devise. Salzmanns Schwiegersohn Lenz läßt z. B. sein neugeborenes Töchterchen sogleich am offenen Fenster liegen, trägt das Eintägige nackend hinaus in den Regen, wäscht es sofort mit kaltem Wasser, wälzt es mit wenigen Monaten im' Schnee und zieht so ein kerngesundes, kräftiges Kind heran. Kalte Waschungen werden überall schon dem Säugling verordnet. Tie Schädlichkeit der Schnürbrust wird durch Preisfragen erwiesen; die Anwendung des Marterinstrumentes als eilt Verbrechen gebrandmarkt. Cursius meint 1796; „Es freut sich gewiß jeder Kluge, daß die gewaltsame Art, Kinder mit Panzern zu peinigen, immer mehr nachläßt," und 1798 stellt Struve fest, daß die „Blankscheite" höchstens noch in den kleinen Städten und bei den niederen Ständen gebräuchlich sind.
Die Kinder werden nun auch äußerlich zu Kindern. Knaben und Mädchen sollen wenigstens bis zum vierten, fünften Jahre gleich gehen, in Röckchen, kurzen Strümpfen, mit bloßen Armen. Tann sollen die Knaben lockere Kittel tragen und vor allem soll das „närrische Frisieren" uitterbleiben. Struve verlangt, daß sie wenigsteits bis zu 12 Jahren „mit rund abgefchnittenen Haaren" und stets mit „freiem Haupte" gehen. Nun erkennt man auch den Segen der kör pe rti che n U e b u ng en. „Freie Luft und viel Bewegung, darin sind die besten Schlafmittel",- meint der Theologe Petsche in feinen „Beiträgen zur Beförderung einer vernünftigen Kinderzucht" und wendet sich damit gegen die Betäubungsmittel, die man früher Kindern ein- gab. Tie Kinder müssen „tüchtig laufen, springen, schlittern, Schlittschuhlaufen, reiten, Ball spielen und kegeln", heißt es bei Struve. Ein halbes Jahrhundert früher hatte Collin in seinen „Christlichen Gedanken von guter Kinderzucht" all das als höchst gefährlich und gottlos bezeichnet und besonders vor dem Schwimmen gewarnt. Jetzt soll „nach dem achten Jahre sowohl Knabe wie Mädchen im Fluß baden" und „die sehr' nützliche Kunst des Schwimmens lernen". Für die Jugend werden öffentliche Spielplätze verlangt. Das Spielzeug soll nicht all^u kostbar, belehrend und kompliziert fein, denn die Kinder sind „am zufriedensten mit dem, was sie sich selbst anfertigten".
So wird allmählich! dem Kinde fein Recht wiedergegebech fein Recht auf Spiel, fein Recht auf Leibesübungen, fein Recht auf die „Dumpfheit" unbewußten Sinnens und Träumens. Freilich die „geistige Schnürbrust" war schwerer abzureißen, als die des Körpers. So lange die Aufklärung herrschte, blieben noch» die belehrsamen Spiele, die mit ihrem ewigen Fragen und Forschen den kindlichen Geist überanstrengten und erregten, während schon Rousseau für „die größte, die wichtigste und nützlichste Regel der ganzen Erziehung" erklärt hatte: „nicht Zeit gewinnen, sondern Zeit verlieren!" Erst Campe klagte


