Ausgabe 
14.4.1913
 
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Mali hatte sich in einem Renaissancesessel medergs- lassen, froh, daß sie ,nieder sitzen durfte und .ihre Hut- bänder gelockert. Sie fand eK recht angenehme berm Malen zuzusch e ^Qin.en ^ürfe-n sich natürlich miteinander unter­halten," bemerkte GrönberL, der bald eifrig bei der Arbeit mar.Ich möchte nicht, daß Sie sich langweilen, gnädiges ^Tniifciu." ,

Aber Frau Bernhobler wußte überhaupt nicht viel zu reden, und Hildegard, die sich bei den schweigsamen Eltern angewöhnt hatte, in sich hineinzudenken, war heute beson­ders zerstreut und versunken, weil sie die sonderbare Emp­findung, als habe sie diese Umgebung schon ost im Traum gesehen, nicht los werden konnte.

So blieb es ziemlich still in dem Atelier, nur der Maler warf zuweilen ein heiteres Wort hin.

,,Jch meine, ein weißes Gewand,. nicht modern, nur eine'leichte griechische Draperie, und ein grüner Kranz im Haar, bas müßte sich famos machen. Das Bild wird gut werden, das stehle ich!"

Er war so voll Begeisterung her der Arbeit, daß er ein leises Klopfen überhört hatte.

Die Tür wurde geöffnet, ein Kopf erschten vor der Portiere.

,,O, verzeihen Sie Grönberg," bat eine leise, tiefe Stimme.Ich wußte nicht ich wollte Sie nur bitten um eine Tube Kremser-Weiß. Ich verliere so viel Zeit, wenn ich weglaufen muß."

Der Maler hatte eine ungeduldige Bewegung gemacht, die Störung war ihm ärgerlich. Aber er sagte dann freundlich:

Gern, sofort, lieber Holst."

Frau Bernhobler, die so bequem in ihrem Fauteuil gesessen hatte, daß sie fast eingenickt wäre, ritz plötzlich groß und weit die Augen auf und schaute in jähem Eiit- setzen, blaß und verstört auf das ernste, stark durchfurchte Männergesicht mit dem grauen Bollbart, oas sich in schar­fen Umrissen von dem roten Vorhang abhob.

Grönberg, der unter seinen Tuben kramte, war ihr besorgter Blick entgangen.

Aber der Fremde hatte ihr Erschrecken bemerkt und richtete auch seine Augen auf die rundliche Erscheinung.

Er griff sich an die Stirn, wie von einer Erinnerung durchblitzt. Unwillkürlich trat er ein paar Schritte in das Atelier vor und sah nun die junge Gestalt, die von ihm abgewendet, im Luftraum des Fensters stand.

Er fing zu zittern an. Sein Mund öffnete sich, wie zu einem Schrei.

Atemlos, mit ausgestreckten Armen, mit einem Aus­druck wirren Staunens, in bebender Erschütterung starrte er auf die feine Prvfillinie, auf das rötlich-braune Haar, so (leistesabwesend, so fassungslos, so ganz in Schauen Der» unken, daß Grönberg, der sich nun zu ihm wendete, ihn ver­wundert beim Arm packte und ihm zuflüsterte:

Wer Holst! Ich bitte Sie! Was fällt Ihnen denn ein? Hier ist die Tube. Die Damen werden die Störung übelneh- tnen. Ich darf auch keine Zeit verlieren, war gerade so gut im Zug. Komnren Sie."

Hildegard hatte nun auch den Kopf zurückgebogen, und sie begegnete einem heißen, sehnsuchtsvollen, todtraurigen Blick, der ihr bis in die Seele drang.

Entschuldigen Sie vielmals," bat Grönberg, der den Besucher förmlich zur Tür hinausgeschoben hatte.Es ist mein Ateliernachbar, ein stiller, verschlossener Mann. Er soll viel Trauriges erlebt haben. Heute ist er mir wirk­lich unheimlich vorgekommen, wie er da stand und Sie anschante, als wäre er nicht ganz bei Sinnen."

Frau Mali hatte sich mit schwerem Seufzer in ihren Stuhl zurücksinken lassen. Sie überlebte nun 'in völlig verstörter Gemütsverfassung, daß Hildegard dieses Atelier nie wieder betreten dürfte, daß sie auf das! Bild und ihre Ueberraschimg verzichten wolle.

Mit schmerzendem Kopf suchte und suchte sie nach einer Ausrede, die Porträtbestellung rückgängig zu machen, um nur so rasch als möglich aus diesem Haus fliehen zu können, auf Mmmerwiederkehr. Wer es fehlte ihr an Kraft und Schlagfertigkeit, nm diesen Entschluß durchzuführen.

Der Maler fand es selbstverständlich, daß die Damen nächstens wieder zu. einer Sitzung kommen würden.

Hildegard hatte ihr jede Ausflucht abgeschnitten, indem sie angegeben:

^,O, wir haben immer Zeit."

Also übermorgen, nicht wahr?" wendete sich Grönberg an das junge Mädchen, das sofort zustimmte.

Was {-vxte sie denn nur sagen? Tie arme Fran wußte sich keinen Rat. Sie wollte doch auch Hildegard nicht g!U! verwunderten Fragen, zu einem Nachgrübeln über ihre plötzliche Sinnesveränderung veranlassen. Nur das nicht!

Ihre verlegene Miene, ihre Niedergeschlagenheit wurden nicht beachtet.

So verließ sie das Haus, mit einem Kummer belad en,- mit einer Angst bedrückt, die ihr um so schwerer zu tragen waren, als sie ihrem Adolf ja doch verschweigen mußte-/ welche Begegnung sie gemacht hatte.

Was hast denn, Masi?" fragte er bei T.isch,bin schmecken heute die Dampfnudeln nicht und sind doch so- gut. Ja, was wär denn des?"

3.

Es waren fast lauter Verwandte, die sich in dem großen/ altmodischen Salon bei Frau Walburga Bernhobler zusam- menfauben, aber trotzdem begrüßte man sich steif und förm­lich und stand einsilbig, verlegen umher, nachdem den Blumenstrauß, den jedes der Gefeiertenum Namenstag mitbrachte, überreicht und der Glückwunsch gesagt war.

Die Siebenundachtzigjährige saß auf ihrem Lehnstuhl wie vor einem fl einen geschmückten Altar und schaute nut ihren scharf, noch immer lebhaft glänzenden Angen neu­gierig von einem- zum andern und warf ab und zu eine chrer scharfen, nicht gerade höflichen Bemerkungen hin. Wenn sie lachte, dann schienen alle die vielen feinen Fal­ten in ihrem ein gerunzelten kleinen Gesicht mitzulacheu/ und ihre ziegelroten Bäckchen färbten sich noch röter. Sie war mit den Jahren immer kleiner geworden eine winzige dürre Gestalt, aber mit dem schneeweißen Scheitel unter dem Matronenhäubchen, mit der frischen Farbe und den guten eigenen Zähnen, auf die sie ungemein stolz war, machte sie immer noch einen ganz angenehmen Eindruck.

In dem behaglichen Bewußtsein ihres Reichtums, in ihrer Stellung als umschmeichelte Familienmutter, hatte sie sich angewöhnt, ihrer Aufrichtigkeit die Zügel schießen zu lassen und ihre Meinung stets mit derber Offenheit aus­zusprechen.

Ich bin froh, daß ich noch ein paar fremde Lent' ein- g'laden hab. Ihr seid's immer so langweilig, wenn wir bloß unter uns sind," sagte sie, die flaue Stimmung be­merkend.

Schau, da kommt grad' der Leutnant Schmidt. Tas ist schön. Gelt, Sie freuit sich auch, wenn Sie was Gutes zu essen kriegen? Lassen Sie sich's nur recht gut schmecken. Es ist genug da. Und so ein junger Herr, der macht doch eilt bißl den Mund auf und iv-eiß eine Unterhaltung. Die Mali schaut heut' so aus, als Wenn ihr der Hund das Brot genommen hält', und die Michaela geht ja immer umher wie ein g'schundener Märtyrer."

Michaela, eine ihrer Schwiegertöchter, ward noch einett Schatten bleicher, aber sie zwang sich zu einem ergebenen Lächeln. Die -Späße der Großmutter mußten liebenswürdig aufgenommen toerbetj, das war Stil in der Familie.

(Fortsetzung folgt.)

Die RMehr zur Natur in der Kinderstube.

Eine Plauderei aus dem pädagogischen Jahrhundert.

Bon Tr. Paul Lauda u.'

Seine Majestät das Kind" so lautet der Titel einer Ge­schichte von Rudyard Kipling, die wie ein Huldig ungshymuus' klingt zum Anbruch unseresJahrhunderts des Kindes".Wie elend, jammervoll und grausam ist doch das Schicksal der Kleinen; wie Knechte und Gefangene werden die gehalten, ans denen die Zukunft unseres Geschlechtes ruht!" tlagt mehr als 100 Jahre früher einmal Campe, der so warm und -eifrig für das Glück der Jugend gewirkt hat. Der große Umschwung war damals, schon erfolgt; die Natur war in den.großen Erziehungskämpfen des 18. Jahrhunderts, das- man mit Recht daspädagogische" genannt hat, auch in die Kinderstube eingezogen, und wenn noch nicht alle die geistigen Schranken und moralischen Fesseln ge­fallen waren, so hatte der linde Frühling des Rousseanschen Evan­geliums doch das Eis gebrochen, das lange Zeit die zartenGottes- pflänz-chen" in der rauhen Kälte grausamer Zucht und starre« Unwmtr hatte verkümmern und vertrocknen lassen. Noch heute wirkt jene gewaltigste Revolution in der Kinderstube nach; erst heme retreii ane «mtentraume, die damals fern erschaut, er­füllen sich alle die Forderungen, die damals aufgestellt wurden.