Ausgabe 
13.12.1913
 
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W liictt eint letzten Abend meines Dortseins. Wir hatten sehr vergnügt Lei Tisch gesessen und gingen selbander durch den blühenden Garten. Jetzt standen wir vor einem herr­lichen alten Gattenhäuschen, das bis über den Dachfirst mit Bseifenkrcnit bewachsen und überrankt war. Das war Emmas Atelier, in dem sie in ihren Freistunden hauste und mit Oel- und Wasserfarben hantierte. Und das Mädel hatte Geschmack und Talent. Aber mit der Ausdauer haperte es etwas. Wir traten ein und sie zeigte mir ein eben ange--> iegtes Bildchen, das ganz versprechend aussah. Ich tociv menschenfreundlich aufgelegt, und ich mochte, wie gesagt, das Mädchen auch wirtlich gern.

Wissen Sie was?" sagte ich ihr und sah ihr gerade in die mutwilligen Augen;wir wollen einen Tausch machen! Ich dediziere Ihnen meine nächste Novelle, und Sie malen mir ein Bild! Wollen Sie, Fräulein Emma?" .

Sie war dunkelrot geworden vor Freude.Ja!" rief sie laut;ein Mann, eiu Wort?" und hielt mir die Hand hin;wirklich?"

'Ein Mädchen, ein Wort?" fragte ich und schlug ent, und zog die kleine, schmale, geschickte Hand an meine Lippen. . Ach, und sie ließ sie mir so willig! Und wenn ich damals den Arm um sie gelegt und gefragt hätte:Wollen tote nun so zum Papa gehen?" sie hätte sicher nichtnein" gesagt. Wer ich tat es diesmal doch nicht und ließ chre Hand wieder los, und wir gingen friedlich zusammen auf das Herrenhaus zu. Und am nächsten Morgen reiste ich ab.

Emma stand auf der Freitreppe und sah mir ins Gesicht. Einen Augenblick faßte mich heißes Verlangen nna es war mir, als müßte ich sie fragen:Emma, soll rch wiederkommen, oder lieber gleich hier bleiben?" Aber ich tat es doch nicht.

Wort halten!" sagte sie freundlich.

Das versteht sich!." antwortete ich,wir sind ehrliche Leute!" Der Wagen fuhr von der Rampe.

Es ging auf den Winter. Meine Novelle war längst in rotem Saffian mit Goldschnitt in Emmas Händen. Sie hatte mir in warmen Herzenstönen gedankt.Haben Sie noch Geduld mit mir!" bat sie am Schluß.Es will mir nichts recht gelingen. Nnd ich tnöchte Ihnen gern etwas Gutes' schicken." Und es rührte mich!, wenn ich mir das lebenslustige Mädchen vorstellte, wie sie still über ihr« Arbeit gebeugt in ihrem Atelier saß und für mich arbeitete nnd cm mich dachte, lind ich dachte oft genug an sie.

Und endlich, gerade am Weihnachtsabend, stapfte der Postbote durch den Schnee des Vorgartens und brachte mir eine flache Kiste aus Thüringen.

Aha! dachte ich. Richtig! Und wie ich im Licht meines einsamen Tannenbaumes das Bildchen, das da an der Wand hängt, zuerst erblickte, da wallte mein Herz hoch auf vor Freuden. Das war ja ein kleines Meisterwerk für ein so junges Mädchen. Und mir zuliebe hatte sie so studiert und gearbeitet und ihr Bestes gegeben, weit mehr, als ich ihr zugetraut hätte! Sie lvar mächtig gewachsen in ihrem Können. Und ihr Lehrmeister? Nein, es lvar eine Lehr­meisterin gewesen: die Liebe! Und mit einem Herzen voll heißen Dankgefühls stellte ich das Bild unter dem Weihnachtsbaum auf; und leise klang es drinnen:

Nebers Jahr, zur Zeit der Pfingsten Pflanz' ich Maien dir vors Haus!"

Mein Danlbrief fiel danach aus. Und ich gab deut reizenden Bildchen den besten Platz an der Wand. Unid oft" stand ich davor und sah mir's in stillen Gedanken an. Nur eins störte mich allmählich: das war der breite, weiße Rand, der es damals umgab. Ich hasse diese weißen Ränder, denn sie ziehen den Blick zu sehr von dem Bilde selbst ab. Wenn das Bild in grauen Karton gelegt wurde, mußte es noch weit erfreulicher wirken. Und eines schönen Tages machte ich mich selbst vorsichtig an die Arbeit. Aus den Händen geben mochte ich es nicht. Dazu hielt ich zuviel davon und, jetzt wußte ich es: auch von ihr, von; Emma!

Mit äußerster Sorgfalt entfernte sch alle Stifte und Pappen und Streifen, bis das Bildchen, deut weißen Karton aufgek'lebt, ohne Hülle vor mir lag. Behutsam hob ich e6i aus dem Rahmen: ha fiel mein Auge auf eine seine Weil' stiftschrift, die auf der Rückseite sichtbar wurdd. Was war das? Ich las und las, und traute meinen Augen nichtj ha stand:Thora Hachtmcmn fee. Düsseldorf 16. 11. 93," schräg über eine Ecke geschrieben^ (Schluß folgt.)'

Das vom Sturm entführte Zelt.

Aus: Kapitän Scott, Letzte Fahrt. (Brockhaus, Leipzig.

Dr. Wjlsou, der wissarschastliche Begleiter Scotts, der mit ihm auf der Rückkehr von Südpol, nahe dem rettenden Lager/ umkam, hatte zu einem zoologischen Zweck eine Reise nach Kap Crozier in Nacht und Kälte eines antarktischen Winters unter­nommen. In seinem Bericht schildert er das nachstehende aben--

Der Südwind, der schon am Tage geblasen hätte, war in der Nacht zu Stärke 8 angeschwollen und schien es ganz besonders auf das Segeldachtuch unserer Hütte abgesehen zu haben. Deshalb stapelten wir am anderen Morgen große Platten vereisten Schuch auf die Segelleinwand, nm sie gleichmäßig niederzudrücken und ihr Fortfliegen zu verhindern, und was wir an weichem Schnee finden konnten, packten wir um die Hütte, bis an der Außeniette keine Ritze mehr W sehen war. Dann hotten wir unser Zelt aus der Grube herauf, stellteu cs dicht bei der Hütte an der ge­schütztesten Stelle auf Nnd beschwerten es sorgfältig ringsum mtt Schneeplatten und Steinblöcken. Ich hoffte, im Zelt unsere Alec- der besser trocknen zu können als in der, Hütte, denn das wett offene Dach der letzteren ließ alle Hitze sofort entweichen. Der Speckofen verbreitete denn auch bald im Zelt eine Temperatur, daß wir sogar unsere Finnenschuhe holten, um sie mit den übrigen Kleidungsstticken zu trocknen, und allerdings jeden Augen­blick das Verbrennen der ganzen Bescherung erwarteten. Als wir das Essen kochten, erstickten wir fast vor Qualm Nach dem Essen schabten wir einen der erbeuteten Pinguinbälge gründlich aus, füllten mit dem Fett den ganzen Ofen und kehrten dann zuM Schlafen in die Hütte znntck. Cherry-Garrard und ich hatten dabei unsere Sachen ebenfalls mitgenommen.

Am Abend war eS völlig windstill, aber der Himmel war bedeckt; doch fühlten wir uns in der Hütte durchaus sicher uttit bequem und zweifelten nicht int geringsten, daß das, Dach halten würde, bis wir einen festeren Ueberzug aus Robbenfellen würden herstellen können. Mitten in der Rachut guckte ich noch einmal hinaus: noch immer..war kein Lüstchen zu spüren. Aber bald nach 3 Uhr begann es plötzlich zu wehen, und am Morgen des 22 Juli weckte uns der Schreckensruf von Bowers:

Bill! Bill! Das Zelt ist weg!"

Wir stürzten hinaus: das Zelt mit seinen Stangen, mtt Innen- und Außenwänden und allem Zubehör wir verschwunden! Der Platz, wo es gestanden hatte, war mit Kleidungsstücken besät, die während der Nacht int Zelt hatten trocknen sollen. Der Schnee siel so dicht und der Orkan war so stark, daß wir uns kaum aus den Beinen halten konnten, als wir daran gingen, wenigstens unsere Habseligkeiten vor dem Schicksal des Zeltes zu retten, Bowers und Cherry rafften alles zusammen und reichten es mir in die Hütte hinein. Aufrecht gegen den Wind zu stehen, war einfach unmöglich: Bowers wurde ohne weiteres umgeweht; wenn die beiden etwas Von unserer Habe erwischt hatten, kostete es jedesmal einen Verzweifelten Kampf mit dem Wind, um die paar Meter bis zur Hütte zu bewältigen. Doch schließlich war alles beisammen, und als wir nachzählten, war außer dem Zelt nichts verschwunden als zwei Kocherplatten, die wir auch nie wieder- gefnnden haben. Der Kocher selbst war uns geblieben. Auch Bowers' Sack mit seinen Kleidern war noch da, und das Wunder- barste lvar, daß alle unsere Finnenschuhe noch genau an derselben Stelle lagen, wo wir sie am Abend vorher zuriickgelassen hatten/ auf dem Boden des Zeltes, da, wo es im Schutz unserer 'Schney-- tzütte gestanden hatte. , , , ,,

Drinnen in der Hütte begann der feine Trecbschnee, der durch die Ritzen der Wetterwand und der Türseite hereindrang, uns allmählich zu begraben. Wir versuchten ihm die Eingangspforten mit Socken zu verstopfen, aber während löte eine verschlossen/ fand er bereits wieder eine andere, und nach und nach lagerte sich über alles Inventar der Hütte eine Schneeschicht von zehn Zentimeter Dicke. Das Heulen des Sturmes klang tote das Sausen eines Schnellzugs durch einen Tunnel. Wenn er den Abhang hinaufwehte, zog er unser Dachsegel in die Höhe und ließ es mit entsetzlichem! Knall herunterfallen. Eine Unterhaltung war nur bei lautem Brüllen Möglich. .

Den ganzen Tag verbrachten wir mit dem Kämpf gegen den eindringenden Schnee. Endlich hörte es auf zu schneien; statt! dessen wirbelte jetzt feiner, schwärzer Moränenstaub herein und legte sich wie Miß überall hin. Der Orkan nahm an Heftigkeit! zu und hob unser Dach, trotzdem es Mit schweren Platten vereisten Schnees beschwert war, ganz in,bte Höhe; es reckte und dehnte sich nach außen und oben wie eine feste Kuppel und spannte sich straff tote ein Trommelfell. Aber es scheuerte und rieb sich dabei nur an einer Stelle, am obern Mäuerrand der geschützten ©eite/ und hier verstopften wir jede Höhlung zwischen dem ^Segeltuch und den Steinwänden mit Pyjantas, Pelzhandschuhen, Socken und dergleichen. Solange noch die Eisblöcke auf dem Dach lagen, schien! es uns Ziemlich sicher zu sein. Unsere einzige Furcht war, in! der anfgeschütteten Umwallung der Hütte könnten Lückett entstände fein, weil die Wetterwand gar so viel Schnee und Staub herein ließ/ und der stete Winddruck nach oben könne daS Segeltuch unteto. der Aufschüttung herausziehen. Wer darin lag nicht.die Gefahr« in der totr schwebten; bte Eisblöcke blieben bis zuletzt fest, un$ die an den Mäuern eingegrabene Leinwand zog sich reinen Zeirtm Meter breit hinaus.