Zamttag, den 13. Dezember
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Das achte Gebot.
Novelle von Gerhard Walter.
(Nachdruck verboten.)
Es war ein Schneetag, wie er int Buche steht. Ohne Aufhör rieselten leise in der windstillen Luft die Mocken hernieder in dichter Fülle. Auf den Zweigen der Tannen lag der Schnee in massigen Polstern, die Aeste der großen Linde trugen weiße Decken und in der Welt ringsum war es so kirchenstill, als wäre alles Leden erstorben und begraben. In dem turmgekrönten Landhänschen, das mitten im Schuü der Tannen und Linden im Garten vor dem Städtchen lag, friedlich in all die Ruhe hineingebettet, saßen zwei am Fenster und schauten behaglich hinaus in die stille Winterlandschaft.
„Ach, du hast es gut hier!" sagte der eine, den Rauch seiner Zigarre in langem Kegel von sich blasend, „wir von der See lernen so etwas nur auf Urlaub kennen, wir „fahrendes Volk"; ihr Herren von der Feder habt's besser. Ich wollt' auch, der liebe Gott hält' mir ein Tintenfaß und eine Feder als Patengeschenk in die Windeln gebunden gilt späterem geneigten Gebrauch, und ich könnte mir damit eine Villa zusammenschreiben, toie deine hier und solche prächtige Frau hineinschreiben, ivie deine ist. Wenn ich nicht irre, schriebst du mir doch einmal nach Westindien, du hättest deine Frau als Honorar.für eine 'Novelle bekommen. Wie war das eigentlich damit?"
„Will ich dir erzählen!" gab der Hausherr mit leisem Lachen Kur Antwort, dem man das stille Glück eines freude- gesättigten Herzens anhörte. „Aber erst laß ich uns noch eine Flasche Rauenthaler holen, damit wir zum Schluß meiner kurzen und wahrhaftigen Geschichte miteinander anstoßen können. Bitte, bewege deinen langen Arm etwas nach rückwärts und drücke dreimal kurz auf den elektrischen Knopf da; das bedeutet, daß meine Frau kommen soll."
Die Tür tat sich auf und eine reizende Frauengestalt erschien unter dem dunklen Türvorhang, blond und blauäugig wie eine Lichtelfe und au Wuchs einer Walküre ähnelnd aus Odins Reich. So wenigstens hatte der Korvettenkapitän von ihr geschwärmt, der in seiner Jugend nordische Mythologie getrieben hatte.
Und er hatte recht! Mer das beste an ihr war daß sonnige Lächeln, das dem Gesicht der jungen Frau seinen ganz eigenartigen Zauber gab. ,
„Und was soll ich denn?" fragte sie mit klangvoller Stimme. . . .
„Mir einen Kuß geben und uns eine Flasche Wern bringen und dann machen, daß du fortkommst, Frau! Der Kapitän hier will hören, wie Mir Mann und Frau geworden sind." c
„Ums Himmels willen!" lachte sie; „das fehlte mir noch, mich dazu zu setzen! Im übrigen glauben Sie ihm nichts, Herr Kapitän, soweit es mich angeht; Sie wissen
ja, er ist Dichter!" Und sie neigte sich mit strahlendem Lächeln über den Gatten und küßte ihn leicht auf den Münd.
„Ei, du Donnerchen!" sagte der Kapitän leise und sah aus dem Fenster und einer Schwarzdrossel zu, die in einen faulen Apfel hackte.
Die Gläser klangen mit feinem Geläut zusammen.
„Im Grunde läuft die ganze Geschichte auf einen Irrtum seltsamster Art hinaus," begann der Hausherr. „Bitte, betrachte dir einmal die Wände hier in meinem Zimmer; fällt dir nicht etwas auf, Kapitän?"
„Allerdings!" gab der Gast zur Antwort; „das kleine Bildchen dort mitten über dem Sofa mit dem unverhältnismäßig schweren und kostbaren Goldrahmen."
„Bitte, sieh es dir 'mal genau an und sage mir dein Urteil!"
„Hm! Feine Dilettantenarbeit und viel Talent! Der Vorwurf ist von glänzendem Humor, und die Beleuchtung vorzüglich. Ist ganz offenbar nach dem Leben gemalt. Diese ideal häßliche Alte, die sich quält, die Ziege zu melken, und das Zicklein, das ihr mit allen Vieren auf den Buckel gesprungen ist, während das zweite an ihr hoch klettert, und das Ganze im Halbdunkel einer einzigen Laterne mit gelbem Licht — eine höchst achtungswerte Aquarelleistung! Wer hat das Bildchen gemalt, und in welcher Beziehung steht es zu meiner Frage?"
„Bueno! wie du so schön zu sagen pflegst! Setze dich und schenk dir ein und höre zu, und ich werde dir nach und nach auf alles Antwort geben.
Ich habe dir seinerzeit meine kleine Novelle „Im Dämmerlicht" zugeschickt. Es ivar und ist wohl mein bestes Werk und verdiente den Jllustrationsschmuck durch unseren ersten Illustrator vollauf. — Um diese Zeit machte ich einen Sommerbesuch bei einem Herrn, den ich mit Fräulein Tochter im Bahnzuae kennen gelernt hatte, eine Bekanntschaft, die mit jener ^Einladung endete. Die Tochter war ein allerliebster Kobold und der Vater -ein gutsbesitzender Biedermann in Thüringen. „Kommen Sie, wann Sie wollen! Ein stilles Arbeitszimmer steht zu Ihrer unbeschränkten Verfügung, reisen Sie ab, wann Sie wollen, und wenn's möglich ist, lassen Sie es sich bei uns Wohlgefallen." Und Fräulein Emmas Augen blitzten freundlich übermütig in die Einladung drein.
Also ich kam und blieb vierzehn Tage da und lebte daselbst wie der Papst in Frankreich, und kam allmählich in Gefahr, mein Herz von den -erwähnten Augen etwas! ansengen zu lassen. Sie ging mit dem Feuer aber auch unverantwortlich sorglos um. Ich bin am Tage des heiligen Florian, dem Schutzpatron gegen Feuersbrunst, am 4. Mai, geboren; darum schrieb ich ihr auch in ihr Privatalbum in all den andern Un- und Blödsinn, der von zur hau Mädchenhänden darin eingetragen war: „Heilger Florian, verschon dies Herz — zünd' andere an!" Es schien «aber auch diese Beschwörungsformel nicht viel helfen zu wollen.


