Ausgabe 
13.11.1913
 
Einzelbild herunterladen

710

von der entfesselten Windsbraut übertönt wurde, unb bet Zugang zu bcm ben Schatz bergenbeit Zimmer war geöffnet.

Jetzt griff Carvalho mit seiner Linken burch ben des Glases beraubten mittleren Rahmen bes zu brei Scheiben eingerichteten Fensterkreuzes entlang, fanb bett messingenen Wirbel, drehte ihn um unb stieß ben Flügel auf, ließ ihn aber vorsichtigerweise nicht aus ber Hand, bamtt ihn iiuiir, etwa ber Sturm erfaßte unb mit lautem Schalle hm- unb he.schlüge^ un§ I]ocf) me[)r Mühe machen können!" raunte er dem unter ihm stehenden Peter zu,reichen L>i« Mir die Laterne!" Er öffnete die Blende und leuchtete Mit einer Halbkreisbewegung der Hand das Zimmer ab.Ueber- all Teppiche; wir können die Stiefel anbehalten. Folgen Sie mir!" ,

Schon hatte er sich über die Fensterbrustung gefchwnn- gen; er hob den beweglichen Fensterflügel aus und stellte ihn auf den Fußboden. Peter kletterte hinterher und beide traten nun vor das Oelgemälde zur Linken, das die feinen Spalten einer Schranktür in der Tapete nicht gänzlich verdeckte, son­dern für bas Auge bes Eingeweihten eine Spanne breit sicht­bar werben ließ.

Hier ist es!" flüsterte Peter, mit bent Finger nach ber Wanb deutenb, auf bie ber Strahl aus Carvalhos Laterne fiel,nun lassen Sie uns schnell machen!"

Keine Ueberstürzung!" mahnte ber kaltblütige Ge­fährte,erst wollen wir uns für alle Fälle sichern."

Das Zimmer hatte bret Türen; eine beit Fenstern ge­genüber nach bent Korribor, eine östliche, bie nach bent Gar­tensaal führte, unb eine westliche nach ber Bibliothek. Car­valho fanb, baß bie Türen zum Korridor und zum Saal schon gesperrt waren, nur bie Tür zur Bibliothek war unverschlos­sen, ber Schlüssel steckte aber auf ber Außenseite. Leise, leise öffnete er biefe Tür nur so weit, baß er mit gewanbtem, un­hörbarem Griffe ben Schlüssel von außen abziehen konnte, bann brückte er sie wieber zu, steckte ben Schlüssel von innen ins Schloß unb brehte ihn zweimal um seine Achse.

So, jetzt sinb wir sicher wie in Abrahams Schoß! Sehen Sie nur, ba blitzt es wieber; wir hätten uns bie Laterne! sparen können."

Sie hatten bas Bilb abgenontnten, auf ben nahen Diwan gelegt, unb musterten nun bas Schlüsselloch, bas in ber Ta­pete sichtbar geworben war.

Soll ich bie Tür sprengen?" fragte Peter, inbent er ein Stemmeisen aus ber Brusttasche hervorlangte.

Pscht, Pscht!" machte Carvalho,vielleicht geht es so." Er hielt wieber seinen 33unb Nachschlüssel int Stummel ber Rechten unb suchte nun mit ber Linken bie passenbe Nummer aus-Ha, ha," triumphierte er,bas schließt wie Butter! Ein ganz ordinäres Fabrikschloß! Das hätte man auch mit einem Zahnstocher aufschließen können!"

Das eiserne, tapetenüberklebte Türchen stand offen, unb Carvalho überzeugte sich mit raschem sicherem Blick, baß ber gesuchte Schatz in guten Noten der Reichsbank vorhanben War. Sieben Paketchen, jebes zu zehntausenb Mark, steckte er in eine ber unergrünblichen Taschen seines Ueberziehers: !en aus kleineren Scheinen und mehreren Gelbrollen be- Eebenben Rest ließ er fingerfertig in ben Taschen seines Bein- lewes unb in einer Brusttasche verschwinben. Peter hätte iohl beanspruchen können, baß auch ihm ein Teil bes Gelbes anvertraut würbe, er spürte aber gar kein Verlangen banach, er würbe sich burch bie Berührung bieses Gelbes erst für Wirklich befleckt gehalten haben, unb so war er ganz froh, daß sein Genosse dieses Geschäft allein besorgte, und mahnte nur, als es beendet war, zum eiligen Rückzüge.

Carvalho hatte aber, wie es schien, noch Zeit übrig, War es wirklich nur der Durst, ber ihn bazn antrieb, ober trug er einem abergläubischen Branche Rechnung? Genug, er spähte nach etwas Trinkbarem im Zimmer umher unb trat, als er es enblich entbeckt hatte, vor ein Eckborb, auf bent eine angebrochene Flasche Portwein unb mehrere ver­schieden geformte Gläser standen. Die niedlichen Schnaps- aläschen dünkten ihm gar zu winzig; er ergriff ein Bier­seidel, bas sich ebenfalls hierher verirrt hatte, goß ben ganzen Inhalt ber Flasche hinein unb reichte bas Seidel bent un- aebulbigen Gefährten:Schnell noch einen Schluck auf glück­liches Entkommen!"

Widerwillig nahm Peter bas Glas, unb nur um ben Aufenthalt nicht noch mehr zu verlängern, kostete er von bent Carvalho stürzte ben Rest hinunter, stellte bas Seibel

auf bas Borb zurück, blenbete bann seine Laterne, steckte sie ein unb schlüpfte, gewanbt wie eine Eichkatze, wieber zum offenen Fenster hinaus.

Als Peter ben gleichen Weg nahm unb schon braußen an bent Spalier nieberftieg, entfiel ihm das Stemmeisen. Nichts zurückgelassen!" gebot ber vorsichtige Carvalho, ber bas Geräusch gehört hatte,suchen Sie das Verlorene."

Peter bückte sich, griff mit der tastenden Hand durch das Blätter- und Aestegewirr der Spalierpflanzen und fühlte endlich dicht an der Mauer des Hauses die alte eiserne Klinge des verlorenen Werkzeuges.

So, ich habe es."

Dann fort nach dem Boote!" kommandierte Carvalho.

Sie schlichen nach dem Seeufer zu, unb auch Fritz, ber bisher unbeweglich nach ben letzten Fenstern bes Schlosses gespäht hatte unb nun mit scharfem Ohr bie Schritte ber Kameraden hörte, gab seinen Posten auf und schlug dieselbe Richtung ein.

Sie hatten alle drei beinahe schon bie alten Stuben er­reicht, unter denen bas Boot lag, als ein urplötzlicher Wind­stoß Peters Schlapphut erfaßte unb in ber Richtung nach bent Schlosse entführte.

Zum Teufel! So geben Sie doch besser acht!" fuhr ihn Carvalho verdrießlich an.Nun können wir wieder wart»n, bis Sie ben alten Deckel eingefangen haben. Na, vorwärts, vorwärts! Jagen Sie ihm nur nach! Als Visiten­karte können Sie ihn doch Nicht zurücklassen!"

Peter begriff, daß fein Hut, wenn er von anderen auf- gefuitben wurde, sehr leicht auf bie Spur der Täter führen konnte; er lief bem Hute nach, ber wie ein rollendes Rad in der Mitte eines schräg nach der westlichen Schlohecke führenden Weges luftig dahintanzte. An der Schloßecke an­gekommen, bückte er sich, um den Flüchtling' zu ergreifen, aber ehe er ihn noch erfaßt hatte, entführte der Wind ihn aufs neue und jagte ihn nach der Giebelseite des Schlosses. Dort befand sich ein freier, kreisrunder, mit feinstem Kies bestreuter Platz, auf dem Ellen mit bett jüngeren Gästen des Hauses gelegentlich die aus der Fremde eiugefuhrten Kugel- und Ballspiele zu spielen pflegte. Dieser Platz war mit einer dichten Weißdornhecke eingefaßt, und in dieser Hecke blieb endlich ber windgepeitschte Hut hängen, so daß ihn Peter, dessen Augen sich schnell an das Dunkel gewöhnt hatten, wieder gewinnen konnte.

Als Peter ihn atemlos aufhob, hörte er über sich ein Geräusch und wandte, noch unbedeckten Hauptes, das Ant­litz forschend in die Höhe. Im selben Augenblick ging eine blendende Helle über den Himmel, und er erkannte im! Scheine des Wetterleuchtens bas Schloßfräulein, das in weißem Nachtgewande am offenen Giebelfenster stand und in den Garten hinunterspähte.

Einen Herzschlag lang blieb er wie zu Stein erstarrt stehen, doch plötzlich kam ihm der Gedanke, daß, so beute lich er das Fräulein von Brank erkannte, er wahrscheinlich ebenso deutlich von ihr erkannt wurde. Heftig erschrocken stülpte er den Schlapphut auf den Kopf und tauchte pfeil­geschwind in bas Dunkel der Sträucher und Gebüschgrup^ pen zurück. Daun lief er,'was er laufen konnte, nach dem Seeufer, sprang in das Boot zu seinen schon darin sitzen­den Genossen und stieß es mit kräftiger Hand vom Lande.!

Sollte er seine Begegnung mit Elen erwähnen? Er sand nicht recht den Mut dazu. Wenn er wirklich erkannt worden war, dann lag es eigentlich in Carvalhos Intern esse, ihn auf irgendeine Weise schnell zu beseitigen, damit er nicht festgenommen und nach feinen Helfershelfern aus- gefragt werden konnte; der Brasilianer würde nach seinen von ihm öfters geäußerten Grundsätzen in solchem Falle kaum vor einem Morde zurückschrecken. Und Fritz? Was wußte Peter von diesem Unbekannten? Sicher würde er dem Brasilier beistehen der See forderte geradezu zu einem solchen Verbrechen auf, die beiden gewissenlosen Subjekte würden ihn sicher über Bord werfen, um ihn für immer stumm zu machen und so ihre Sicherheit zu erlaufen.

Es mußte also geschwiegen werden. Aber mit geheimem Grauen betrachtete nun Peter seine Genossen; dabei über­legte er immer wieder, ob er von Ellen erkannt worben war ober nicht. Ö, wie verwünschte er jetzt feine Beteili­gung an biefem Einbruch, seine Verbindung mit Carvalho, der ihm mehr und mehr im Lichte eines Erzgauners und Bösewichtes erschien, ber ihn, den deutschen Michel und idealistischen Schwärmer, übertölpelt unb ins Garn gelockt hatte! (Fortsetzung folgt.)