Ausgabe 
13.10.1913
 
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W Leipzig. Der Weg dahin gestaltete sich recht schwierig, da sich aus allen nach Leipzig führenden Straßen Truppen aller Waffen- tzattungen und Fuhrwerke vor- und rückwärts Bewegten und da­durch einander behinderten. Nur mit Gewalt, mit dem Kolben, konnte man sich freie Bahn verschaffen. Hierbei hatten die Hessen besondere Schwierigkeiten zu überwinden, da sie die schon von Truppen anderer französischer Korps besetzten Vorstädte von Leipzig zu passieren hatten, um nach ihrem Bestimmungsort vor die Tore der Altstadt zu gelangen.

Die Stadt Leipzig bestand aus der Altstadt und mehreren Vorstädten. Die Altstadt war mit festen Mauern umgeben, durch die vier Tore führten: das Ranstädter-, Hallische-, Grimmaische- intb das Peters-Tor. Außerdem waren in der Mauer kleine Pforten angebracht, durch die man auch in die Jnnenstabt gelangen konnte. Vor der Mauer der Altstadt zog ein tiefer Graben her, der an den Stellen nach den Toren hin überbrückt war. An der Grenze des Grabens führte eine mit Bäumen bepflanzte Anlage her, die rings um die Stadt zog. Die Vorstädte benannten sich nach den Toren: Ranstädter-, Hallische-, Grimmaische- und Peters- Vorstadt, und hatten als besondere Gingänge: das Kohlgärtner- Tor, das Hintertor.

Sämtliche Tore waren gesperrt und verbarrikadiert. Die Vor­städte wurden von Teilen der Korps Macdonalb und Poniatowsky besetzt. Die hessische Brigade kam vor das Grimmaische Tor der A l t st a d t, das Gardefüsilierbataillon an den rechten Flügel an die Krücke, die Leibgarde und das Leibregiment zu beiden Seiten der Straße. Bor die Brücke wurde eine württembergische Batterie postiert._ Das innere Grimmaische Tor (in der Altstadt) war von badischen Truppen besetzt und durfte nur für Verwundete und Adjutanten geöffnet werden. Kurz nach der Aufstellung der hessi­schen Truppen ritt der Kaiser Napoleon durch die Vorstadt an dem Füsilierbataillon vorbei, um durch das Grimmaische Tor in die Altstadt zu gelangen. An den Bataillonskommandeur richtete er die Frage:Avez-vous perdu beaucoup de monde hier?" Auf die Antwort des Kommandeurs:Nous avons perdu beau­coup de monde, Sire", richtete er den Kopf im Vorbeireiten rechts Und links gegen die präsentierenden Truppen, indem er wiederholt sprach:Js gut, is gut!" Als der Kampf schon in den Vorstädten entbrannt war,verabschiedete sich gegen 10 Uhr Napoleon vom König von Sachsen und bahnte sich mit Mühe den Weg nach dem Ranstädter Tor, durch das ihn endlich nach langem Warten eine Menschenwelle mit forttrng".

Die Verbündeten rückten nach 8 Uhr gegen die Vorstädte von Leipzig heran. Eine Deputation der Einwohner und ein Parlamentär des Marschalls Macdonald, die um Schonung der Stadt bitten wollten, wurden nicht angenommen. Blücher forderte die Franzosen zum Strecken der Waffen auf, was kurz abgelehnt wurde. Nun erfolgte gegen 9 Uhr der Angriff der Verbündeten auf die Vorstädte. Die Granaten der verbündeten Armee schlugen auch in der Stellung der hessischen Brigade ein und verursachten bei der Leibgarde und dem Leibregiment empfindliche Verluste. Die württembergische Batterie vor der Brücke zog eilig davon und ließ zwei geladene Geschütze stehen.Ein Wagen mit noch damp­fenden Broten, eine lang entbehrte unschätzbare Gabe, wurde jetzt den Truppen durch das Tor zugeführt . Aber die Brote waren noch glühend und unausgebacken, und konnten nur teilweise bei den beständig einschlagenden feindlichen Geschossen verteilt werden." Prinz Emil gab jetzt seiner Brigade eine andere Aufstellung. Er postierte sie in der Anlage hinter einer hohen Gartenmauer. Den babischen Truppen, die gleichfalls vor dem Grimmaischen Tor in der Nähe der Hessen standen, wurde von ihren Lands­leuten das innere Tor geöffnet, so daß sie in die Innenstadt ge­langen und hinter den Mauern der Altstadt Schutz finden konnten. Die Hessen st a n d e n nun allein vor dem Tore.

Unterdessen hatte sich an dem Ko hl gärtner Tor in der Vorstadt ein hitziges Gefecht entspannen. Schon zogen sich die Truppen des 3. französischen Korps in größter Unordnung aus der Vorstadt nach der Brücke hin zurück, als Prinz Emil dem 1. Bataillon der Gardefüsiliere befahl, dieselben aufzunehmen und das Gefecht in der Straße nach dem Kohlgärtner Tor festzuhalten. Major v. Buchenröder ließ das Bataillon int Sturmschritt Vor­gehen : es folgte das Bataillon, der Lechgarde. Den hessischen -Bataillonen gelang es int Verein mit den nun wieder sich sam­melnden Franzosen, den Gegner zur Vorstadt heraus durch das Kohlgärtner Tor zu werfen. Die hessischen Bataillone nahmen hierauf wieder ihre alte Stellung bei der Brücke ein. Nur die 1. Kompagnie der Füsiliere blieb in der nach dem Kohlgärtner Tor führenden Straße stehen.

Am Hinter-Tor in der Vorstadt hatten die Franzosen den eindringenden Schweden weichen müssen. Das Leib­regiment wird beordert, den hier zurückweichenden französischen Truppen Hilfe zu bringen. Es! gelingt den vereinten Kräften, den Gegner eine Zeitlang zurückzudrängen; aber immer mehr Truppen der Verbündeten bringen von allen Seiten durch die Vorstädte ein, fo daß die hessische Brigade in ihrer Stellung an der Brücke stark bedroht ist. Jetzt um i/212 Uhr erteilt Prinz Emil den Befehl, sich in die J(n n e n st a d t zurückzuziehen was leichter gesagt,, wie aitszuführen war; denn das innere Grimmaische Tor Web immer noch verschlossen. Außerdem konnte der Befehl des Minzen die Bataillone, die noch, ist die Kämpfe, in den Vorstädten

verwickelt waren, nicht erreichen. Dem Prinzen gelingt es mit der bei ihm stehenden Mannschaft, durch eine Pforte in der Stadt­mauer, durch dasZuchthauspförtchen", in die Innenstadt zu kommen, und sich in einer Seitenstraße hinter der Mvner auf­zustellen.

Die vor dem Grimmaischen Tore noch verbliebenen und in den Kampf verwickelten hessischen Truppen müssen der Uebermacht weichen Und suchen hinter den Bäumen der Anlage Schutz, wo sie heldenmütig den Gegner abwehren. Jetzt flutet eine ungeordnete Masse Franzosen aus den Straßen der Vorstadt nach der Brücke zurück. Da ergreift ein hessischer Soldat eine Lunte und feuert eins von den zurückgebliebenen geladenen württembergischen Ge­schützen ab. Das Feuer tat seine Wirkung; der Gegner zieht sich zurück. Die Ladung des' zweiten Geschützes richtet noch größeren Schaden an. Die hessischen Truppen gehen jetzt wieder auf dem sogenannten Grimmaischen Steinweg vor. Doch nur auf kurze Zeit,; denn hier fahren bald zwei schwedische Geschütze auf, die mit ihren Geschossen die auf der Brücke zusammendrängendett Massen Übergießen. Alles eilt über die Brücke; auch die Hessen werden mit fortgerissen. Das innere Grimmaische Tor wird mit Gewalt aufgesprengt, und die Menge dringt.in die Innenstadt ein. Die Franzosen verlieren sich tu den Seitenstrasten; die Hessen bleiben als Reserve hinter der badischeit Wache am inneren Tor stehen, das sofort wieder verrammelt wird.

Prinz Emil sammelt nun die Reste seiner Brigade, und führt sie, in eilte Querstraße. Kaum war dies geschehen, als das Grimmaische Tor den Verbündeten von Bürgern geöffnet wurde. Jetzt versuchten die Hessen, durch das Ranstädter Tor über denBrühl" zu entkommen. Allein von den durch das Peterstor eingebrungeiteit Oesterreichern in bet Front und int Rücken, und in allen Querstraßen von bett Preußen arg bedrängt, wurde der Rest der hessischen Truppen in bett engen Gassen hin- unb her­geworfen, wobei burch das mörberische Feuer der Verfolger ihre Reihen bedeutend gelichtet wurden. Einigen gelingt es, durch die Häuser und Gärten zu entkommen; die meisten werden gefangen genommen. Die übriggebliebenen Mannschaften und die Offiziere fcharen sich um den Prinzen Emil und flüchten in ein Metzger- haus, dessen Laden eingestoßen wurde. Aber auch hier waren sie nicht sicher; denn schon bringen preußische Solbaten in beit Hof- raum ein. Ein von ben Soldaten herbeigerufener Offizier nimmt bent Prinzen unb seiner Umgebung beit Degen ab. In Gefangen­schaft geraten mit dem Prinzen Major v. Buchenröber, die Haupt­leute Jesse, Eigenbrobt unb Lyncker, bie Bataillons-Abjutanten Hannesse unb Clar, bie Leutnant Haus unb Luck. Leutnant Diez würbe als Verwunbeter, Leutnant König als Kranker gefangen genommen. Auf bent Transport passieren bie gefangenen Hessen an bent Grimmaischen Tor an bett verbündeten Herrschern, bent König Friebrich Wilhelm III. unb bent Kaiser Alexanber von Rußlanb vorbei, bie eben um 1 Uhr ihren Einzug in bie Stadt Leipzig halten. Prinz Cntil und seine Offiziere werden in eirt zwischen dem Grimmaer- unb bent Peterstor gelegenes Gasthaus gebracht. Der Regiments- unb ber Bataillonskommaubeur des Leibregiments wurden von einem Leipziger Einwohner, den sie Baten, sie vor ben Mißhanblungen ber rohen Solbaten zu schützen,- in bas Stabttheater geführt, wo sie sich einem preußischen Offizier als Kriegsgefangene ergeben mußten.

Kurz nach ber Gefangennehmung ber Hessen flog bie Brücke über bie Pleiße in bie Luft. Marschall Maedonalb rettete sich, indenk er ben Fluß burchschwamm. Fürst Poniatowski, ber bas Durch­schwimmen versuchte, ertrank in ben Fluten ber Pleiße. Am 16- 18. n. 19. Okt. verloren bie Franzosen 50 000 Tote und Verwunbete unb 30 000 Gefangene. Unter ben Verwundeten waren die Marschälle Ney und Marmont. Gefangen wurden 8 Divisions-, 9 Brigade- generale, darunter Prinz Emil. Die Verbündeten hatten 50 000 Tote und Verwundete. Den 21. Oktober reifte Prinz Emil mit den Majors von Weichs unb dem Prinzen von Witgenstein in Be­gleitung eines preußischen Offiziers nach bent für sie bestimmten Gefangenaufenthalt, nach Berlin ab. Für bie übrigen Ge­fangenen war Neu-Rn ppin in ber Mark Branbenburg be­stimmt, wohin sie am 22. in einer Stärke von 45 Offizieren und 200 Unteroffizieren unb Gemeinen ihren Marsch antraten. (An Drittel ber Mannschaft war währenb der Kümpfe vor bent Grimma- ischen Tor unb in den Straßen ber Innenstadt abhanden ge­kommen.

Der Bagage ber hessischen Brigade mit ihrer Bedeckung und der übrig gebliebenen Artillerie gelang es, in ber Nacht vom 18./19. von bem Schlachtfeld nach Lützen zu entkommen. Es waren 9 Offiziere und 100 Mann. Sie schlossen sich der zurück- ziehenden französischen Armee an. Unterwegs kam noch dazu der Rest des Chevauxlegerregimeuts mit 11 Offizieren unb 40 Mann. Der Rückzug ging über Thüringen, Fulba nach Hanau, wo am 80. und 31. Oktober Napoleon sich ben Weitermarsch gegen General v. Wrebe, ber ihm benselben mit seinen Bayern verlegen wollte, erkämpfen mußte. Diese hessische Abteilung ging bei Hanau, bei bent Orte Klein-Steinheim über ben Main jtnb kam am 3. November in Darmstabt an, am Tage barauf, nachdem ber Großherzog von Hessen seinen Beitritt zu ben Verbünbeten er­klärt hatte. '