Ausgabe 
13.10.1913
 
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Lsuernblut.

fiwntan von Gerhart t). Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Der Erzähler hielt inne, um einen Schluck aus seiner Mokkatasse zu naschen, dann schnellte er die Asche von seiner Zigarre in einen kupfergetriebenen Aschenbecher und fuhr munter fort:Sie werden begreifen, meine Herren, daß ich mit keinem Fuße mehr das Haus des Amerikauers betrat. Djie Gastfreundschaft eines Mannes und zu gleicher Zeit die heimliche Gunst seiner Gattin zu genießen, das wäre mir wider den Strich gegangen; zu einer solchen Heuchlerrolls konnte und wollte ich mich nicht erni-edriaen. Wir trafen unK nur noch am dritten Ort, und je heimlicher und vorsichtiges das geschehen mußte, um so wilder lohten in mir die Flam­men der ersten Liebesleidenschaft. Auch sie liebte zum ersten­mal, denn sie gestand mir, daß sie im Alter von fünfzehn -Jahren und sechs Monaten von ihrer spekulierenden Mutter überredet worden war, dem Bewerber ein Jawort zu geben, von dessen Bedeutung sie in ihrer Unerfahrenheit und kind­lichen Unbefangenheit keine Ahnung gehabt hatte. Ihre Gunst machte meine Sinne wirbeln; ich verlor mehr und mehr die dringend gebotene Vorsicht und ließ mich mit dem holdseligen Geschöpf gelegentlich auch öffentlich sehen; natür­lich dauerte es nicht lange und die Katastrophe brach unauf­haltsam herein. Ein Briefchen von ihrer Hand meldete mir, daß ihr Gatte Verdacht geschöpft und ihr -eine fürchterliche Szene gemacht hätte; er bewache sie jetzt mit Argusaugen und sie könne mich nie mehr Wiedersehen. Sie nahm in diesem Briefchen schmerzlichen Abschied von mir, indem sie erklärte, daß sie durch mich zum -erstenmal die wahre Liebe kennen gelernt hätte, und daß sie diese Liebe mir bewahren würde bis zu ihrem letzten Hauche. Wenige Wochen später war das Paar aus Berlin verschwunden; ich habe seinen ferneren Aufenthalt nie ermitteln können, man sagte, sie wären nach Amerika zurückgekehrt.

Ich war wie vernichtet; so mußte Adam zumute gewesen sein, als er aus dem Paradiese verjagt worden war. Die Strafverfolgung, die niich bald darauf -erreichte, fühlte ich gar nicht als Strafe, mein Leben war so inhaltsleer gewor­den, als mein Hoffen so jäh verwüstet, daß ich ins letzte Dorf an der russischen Grenze gegangen wäre, ohne irgend etwas zu vermisseu. Bis zur Erstarrung war ich abgestumpft; nur eines fühlte ich noch: Reue, bittere, namenlose Reue, daß, ich das süße Geschöpf durch meine Unvorsichtigkeit dem Zorne, vielleicht der Mißhandlung- durch den beleidigten Gatten ausgesetzt hatte."

Wilhelm Teil hatte die Empfindungen eines Ertrinken­den; in seinen Ohren sauste und kochte es, vor seinen Augen tanzten sprühende Funken. Die Frau, von der Kg. der Frei­herr, wie es ihm schien, voll schwelgerischer Genugtuung,

erzählte kein Zweifel, es war seine, des Staatsanwalts,- Mutter gewesen! Der Freiherr -hatte sie geliebt, des eheq lichen Glückes und Friedens beraubt, sie aus dem Lande getrieben, um sie drüben endlich dem T-od-e einer umher­ziehenden Abenteuerin zu überliefern! Sollte er, der Sohn dieser Frau, nicht aufspringen und dem hoch-geborenen Wüst­ling an die Kehle fahren? Aber dann bekannte er ja, daß er der.Sprößltng dieser leichtfertigen Dame war; dann verriet er seine dunkle Herkunft und zerstörte mit eigener! Hand die Stellung, die er sich in der vornehmen Welt, in der sogenannten Gesellschaft so mühevoll erobert hatte!

Ratlos rückte Teil auf seinem Sessel hin und her; die Zigarre, die ihm längst ausgegangen war, zerdrückte er zwischen den Fingern der sich krampfhaft ballenden Faust. Was follte er tun? Sollte -er langer untätig dasitzen und wie ein Verbrecher auf die ferneren Mitteilungen des Freiherrn und die vielleicht rohen Scherze und das zynisch zustim­mende Gelächter der übrigen Zuhörer lauschen? Aber nein! Vielleicht war das alles nur eine -Einbildung, eine hypochon­drische Wahnvorstellung! Vielleicht handelte es sich gar nicht um seine Mutter; -es gab ja genug Weiber, die unter ähn­lichen Verhältnissen eine Liebelei mit einem jungen Garde- Ulanen hatten beginnen können. Er Mußte Gewißheit haben! Er mußte den Namen dieser Frau aus des Freiherrn eig!6- nem Munde erfahren! 1

Wie hieß die Aermste, bereit Ruhe Sie so unbedacht vernichtet haben?" fragte er plötzlich mit heiserer Stimme,

Der Freiherr hob -etwas verwundert das Antlitz und! schaute den Fragesteller an: !.

Viktorine; sie war französischer Abstammung und in Kanada geboren; den Geschlechtsnamen ihres Gatten habe ich wahrhaftig vergessen Fechner? Lechner? Ich weiß es nicht mehr genau." ! '

Wie eine Ohrfeige traf den Staatsanivalt diese Ant­wort. Viktorine! Da war es ja entschieden; seine Mutter war -es gewesen, die dem Gelüste eines verwöhnten, über­mütigen Aristokraten zum Opfer gefallen war! Und dieses empörende und so -bezeichnende Vergessen des schlicht bürger­lichen Namens Dechner! Dem Dünkel des Barons war es offenbar nicht lohnend, nicht interessant genug gewesen, sein hochadeliges Gedächtnis mit dem schlichten Namen eines so wenig ebenbürtigen Opfers zu belasten. Tod und Teufel! Der Stiefbruder Peter, der Maurerpolier, hatte Recht mit seinem Ingrimm gegen alle Vornehmen, mit seinem Haß gegen die bevorzugten Stände! Er sprang auf; kerzengerade stellte -er sich vor den Freiherrn hin und knirschte durch die Zähne:Es war nicht gerade -ehrenhaft, Herr von Brank, eilt armes, wehrloses Weib zu betören!"

Mit großen, verwunderten Augen starrte der Freiherr den Sprecher an; er glaubte nicht anders, -als daß er falsch­verstanden,hätte.

Wie sagten Sie? Bitte, wiederholen Sie es noch ein­mal deutlicher!"

Tell lächelte verächtlich:Glauben Sie, mich einzch-