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[ p ' : XII. .Ein sonderbarer Rehbock.
Ein friH>er Oktobertag. Ein feuchter Nebelschleier lagert jtter dem leeren Felde. Der Nordivind ballt die Nebelmassen zu riesigen Klumpen, so daß bald Helle, bald dunkle Stellen entstehen. Nach dern Anstande schreiten Baltin und Hannkasper. Das ist just das rechte Wetter, nm sich nahe genug an äsende Rehe zu schleichen.
Eine im Rechteck ins Feld vorspringende Waldecke wird zum Standplatz von beiden Jägern gewählt. An der Vorderseite des Waldes postiert sich Hannkasper, an der Rückseite Baltin. Trotz dem Nebel kommt kein Reh zum Vorschein. Der Abend senkt sich nieder. Da verlieren sich die Nebenschleier, das Feld wird, obgleich der Abend dunkelt, übersichtiger, klarer. ,
Baltin verläßt seinen Stand und pfeift ab. Dieses Pfecken gab Hannkasper das Zeichen, daß der Anstand aufgehoben sn. Der Uebereinkunft zufolge erwiderte der eine Jäger den Pfiff des anderen. Geschah das jedoch nicht, dann wußte der eine, daß der andere noch in Anspruch genommen war.
Ans den Pfiff Baltins blieb die Antwort vom Jägerkasper au3. Baltin ging »tun vorsichtig vorwärts. Als er Bet Hannkaspers Stand vvrbeikam, sah er, daß dieser ihn verlassen. Auf denl Stande aber lagen Hannkaspers Ranzen und Jagdstuhl.
Baltin strengte seine Augen an und suchte die Dunkelhert ztl durchdringen, um zu entdecken, wo eigentlich Hannkaspcr war und waS -er mache. . . ,
Da sieht er zu seiner Ueberraschung, tote Hannkasper über den nächsten Stoppelacker vorsichtig auf Händen und Füßen kriecht.
„Der sieht ein Reh," denkt 'Baltin, „und will sich hinzu^ schleichen." Mit Spannung erwartet Baltin das Ende dieser Pirschjagd. ~
Da — bums! ein Schuß— bums! noch einer. Der Jager- kaspar ist jetzt aufgesprungen und steht wie angewurzelt, starr nach einer Richtung blickend. Baltin ist in wenigen Sätzen über Acker und Rain bei ihm. „Häi guck!" ruft ihm Hannkasper zu. >,Mahnt m'r dann nitt m'r tritt die Krenk! D' ganze Owend seh ich häi owe 'n Rihboack stih. Ich seh, wäi e sich bewegt, bahl hinüwer, bahl herüwer. Do schleich ich mich herbei; ich rötsche off Dann ean Feuß ütoer die Aecker. Häi guck, wäi ich ausseh!" — Er sah aus, als wenn er in einer Lehmgrube gesteckt hätte. „SHoßfertig die -Fleute om Backe, komm ich endlich noh genunk. Ich packe m'r d' Boack fest offs Koarn — ean baf—baf. Wäi der Raach sich verzage, et, ft stiht jo d's' Oos noach off d'r sealwe Stelle, wär ertot. Nu seh ich aach, deaß jo -dem Ortsdiener sei — Pluck (Pflug) eas, den der eaM Feald'stih gelosse hott. Nu guck amol sealwer, eobs nitt vo weirem aussieht wäi a Rihboack!" —«■
Jetzt kann sich aber Baltin nicht enthalten, in ein herzliches Lachen auszubrechen: „Doas eas der richtig Rihboack für dcrich. Der hält aach — ean woas horr e jtoa Hörner!" sägt, immer dabei lachend, Baltin.
-„Etz will ich oawer doach aach am'ol seh, oab ich 'n aach richtig getroaffe hu." Mit diesen Worten schreitet Hauukasper zu dem vermeintlichen Rehbwck. Beim Pfluge angekommen, zündet Lr ein Streichhölzchen an und beleuchtet ihn auf und ab, bann ruft er voller Verwunderung: „Donnerkeil! Wann doas a richtiger Boack gewease wär, der hält'- d''Platz nitt verwahndt!"
Vermischtes.
»Die richtige Hungerkur. Daß,Hungern nicht nur schädlich, sondern auch nützlich sein kann, ist eine Tatsache, die die Aerzte mehr und mehr erkannt haben und die Zahl derer, die sich heute aus hygienischen Gründen den Schmachtriemen enger ziehen, ist sehr groß. Welches ist aber nun die beste und gesündeste Form einer solchen Hungerkur? Mit dieser Frage hat sich ein amerikanischer Arzt Dr. Sergius Morgulis experimentell beschäftigt und kommt int „American Naturalist" zu dem überraschenden Resultat, daß die strenge und konseqtiente Speiseenthaltung die heilsame Form darstellt, währeitd kurze Perioden von Unterernährung, wie sie gewöhnlich empfohlen werden, den Körper schwer schädigen. Als Versuchstiere benutzte Dr. Morgulis Salamander. Wenn er die Tiere erst gut ernährte, ihnen dann wenkger zu essen gab, daraus wieder zur normalen Fütterung überging und dann eine neue Periode der Unterernährtmg eintreten ließ, so stellte er fest, daß sie im Wachstum zurückblieben und krastlos wurden,. Es erwies sich, daß der Prozentgehalt von Wasser im Organismus dieser Tiere etwas, um 1,5 Proz. höher war als der gewöhnliche, und so ist cs ihm wahrscheinlich, daß sich durch diese unterbrochene Hungerkur Wasser in den Geweben ansammelt, das das Wachstum verhindert. Bei einer streitg durchgesührten Speiseentziehung, der dann eine gesteigerte Nahrungszttfnhr folgte, zeigte sich nun eine ganz andere Wirkung. Ter Organismus tvurde ivohl erschöpft, aber so lange jene fortgeschrittenen Stadien des Hungers verntieden waren, durch die ein allgemeiner Berfall eintritt, waren die Folgen des strengen Hungerns nachher außerordentlich günstige. Tie Ent- ziehttng hatte einen kräsiigenden Einfluß aus die Organe, der seine Parallele nur in dem Wachstnnt des Embryo findet. Die zeitweilige Ruhe der Verdauungsorgane mag viel zu der späteren gesteigerten Tätigkeit beitragen: der Hauptgrund für die Wiederbelebung und Verjüngung des Organismus, die danach eintfat,
liegt aber in deut gesteigerten Bedürfnis der Zellen nach Nahrung» Jedenfalls erivies sich eine periodisch wiederholte Hungerkur m« schädlicher für den Organismus, als ein strenges Hungern, dem reichliche Nahrungszufuhr folgte. Im ersten Falle blieben di« Tiere unter dem Niveau der normal ernährten Salamander; im anderen Falle dagegen entwickelten sich die Tiere besonders gut und kräftig. Diese Resultate dürsten nach der Ansicht des Gelehrten auch für die Ernährung des Menschen gültig sein.
kf. Zufallsfunde. Kürzlich hat, wie berichtet worden ist, ein Pariser Antiquar zahlreiche Stücke eines kostbaren alten Gobelins in einem weltverlorenen Dorfe entdeckt; die Bäuerin hatte diesen soliden Stoff für gut genug gehalten, um damit die Hosen ihrer Buben auf eine recht widerstandsfähige Art auszubessern. Solch« Zufalls- und Glückssunde hervorragender Kostbarkeiten sind durchaus nicht so selten, wie man annehmen möchte. So wurde z. B. einer der schönsten aller bekannten Diamanten bei einigen Neger- jungen gesunden, die ihn als Ball benutzten; sie hatten immer gemeint, es sei ein wertloses Stück Glas. In einem berühmten europäischen Museum befindet sich — so erzählt die Zeitschrift „Psle- Mdle" — ein Selbstbildnis von Rembrandt, das vor seiner Entdeckung die Ehre hatte, in einer Kneipe auf dem Lande als Wachstuch auf einem Tische zu dienen. Einem Zufallsfunde verdankt auch die weltberühmte Magna Charta von 1215, bekanntlich die Grundlage der englischen Verfassung, ihre Erhaltung. Sir Robert Cotto entdeckten das Pergament in der Werkstatt eines Flickschneiders, der es zum Zuschneiden benutzen wollte. Der russische Sammler Tischendorff, ein sehr bekannter Gelehrter, besuchte ein Kloster, das am Abhange des Berges Sinai liegt, und bemerkte in der Küche unter Hausen von Papierfetzen, die vor dem Ofen lagen, verschiedene Pergamentrollen; er ließ sie sich geben und entdeckte darin einen Teil des kostbaren Manuskriptes, daS gegenwärtig in Petersburg aufbewahrt wird. Noch im verflossenen Sommer ereignete sich ein höchst inerkwürdiger Glücksfund in einem Dorfe Schottlands. Dorthin kanr eine Radlerin auf einer Tour und trat in den Laden des Dorfes ein, um sich eine neue Ventil- kette zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit bot ihr der Slmtfmann ein Perlenhalsband an, das zweifelsohne falsch war, das sie aber auch dafür um den geringen Preis von 20 Franken erwerben konnte. Als sie das Geschmeide einem Juwelier in London vorlegte, bot er ihr dafür 10 000 Mark an; jetzt aber wurde die glückliche Besitzerin des Schmuckes mißtrauisch und sie lehnte das Gebot ab, in der Hoffnung, daß das Halsband vielleicht eine noch höhere Summe einbringen könne. Und wirklich stellte es sich zuletzt heraus, daß das Collier nichts anderes als das berühmte Perlenhalsband der Maria Stuart war; das Stück wurde mit über 300 000 Mark k^MJaüra am Klavier. Im Saale einer süddeutschen Kuranstalt stand ein Klavier, das von musiklieb-enden Damen etwas! reichlich in Benutzung genommen lvurde. Eines Tages fand sich aui dem Deckel des Instruments folgende Inschrift:
„Eh' dein Finger durch die Saiten meistert, Laura! Ueberleg' dir zwauzigmal. Ob' die Melodie, die dich begeistert, Nicht für fünfzig anb're wird zur Qual!"
Der „Anschlag" soll von vorzüglicher Wirkung gewesen semi --------- ;.J tzprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
• Reklamieren. „Da muß ich einmal reklamieren . Wie oft sagt das nicht der deutsche Kaufmann! Warum eigentlich? Kann er nicht deutsch sagen: Da muß ich einmal erinnern, nachforschen, mich beschweren? Oder etwa: Das muß ich nachsordern, einfordern, nachbestellen usw. ? Aber reklamieren sagt das angeblich alles auf einmal, und drum gebraucht es jeder gedankenlos immer wieder. Wer aber etwas auf seine Sprache hält, der sucht sich besser und — deutlicher auszudrücken. Jedenfalls lohnt es die kleine Mühe, denn man übt dabei Nachdenken, und das hat noch keinem geschadet.
Zitatenratsei.
Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehinen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:
1. Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten. >'
2. Diejenige Regierung ist die beste, die sich überflüssig macht.
3. Und Roß und Reiter sah ntcm niemals wieder.
4. So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.
5. Was man einmal ist, das muß man ganz sein.
6. Ich könnte besser einen Bessern missen.
7. Man nannte ihn stets einen dummen Burschen, Doch war er klüger als sein Herr.
8. Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich. L
Auflösung in nächster Nummer. ’ v. i
Auflösung des Ergänzungsrätsels.in voriger Nummer Das kleine Wörtchen „muß" Ist doch von allen Nüssen, Die Menschen knacken müssen, Die allerhärt'ste Nuß.
Redaktion: K. N e u r a t h. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»


