Samttag, -en 15. September
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Dom Pikkolo zum Millionär.
Heitere Erzählung von Harry Nitsch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
' ^rich hatte so ziemlich verstanden. Er wußte, daß er sich in der französischen Schweiz, am Genfer See, wo die Fremden Winter und Sommer über wohnen und die Ho- tels füllen, eine Stellung suchen sollte, um dort an der Quelle Französisch zu lernen. Herr^Gerstner hatte ihm auch weiter geraten, von der Schweiz ans, wenn er des Französischen mächtig sei, direkt nach London zu reisen, um auch dort die Landessprache an der Quelle zu studieren.
Darum befand Erich sich, mit seinen Ersparnissen von 800 Mark in der Tasche, auf der Reise nach der fernen Schweiz. Dem armen Jungen zitterte ein wenig das Herz, wenn er an den weiten Weg dachte, den er allein in die unbekannte Welt zurücklegen sollte. Aber er erinnerte sich Herrn Gerstners, der ganz ebenso als junger Mensch in die weite Welt gefahren war und das stärkte sein etwas abschiedgeschwächtes Gemüt. Was Herr Gerstner konnte, wollte er auch vollbringen.
, In Dresden machte Erich einen Tag Station, um einem entfernten Verwandten der Mutter guten Tag zu sagen. Dieser, ein kinderreicher Handwerker, war liebenswürdig genug, dem hereingeschneiten Neffen, der nicht einmal ein richtiger Neffe war, einen halben Tag feiner kostbaren Zeit zu widmen. Er führte den staunenden Fungen in der Stadt umher, zeigte ihm den Zwinger und seine zoologischen Schätze, welche an diesem Tage eintrittfrei zu besichtigen waren, und fuhr bann mit ihm auf dem Dampfschiff hinaus nach Loschwitz, von dessen Höhe aus der ganz betäubte Erich die riesige Stadt vor sich liegen sah.
Die Nacht über blieb Erich in einem der kleinen Gast- Häuser der Neustadt, in denen der nicht mit Glücksgütern gesegnete Reisende für eine Mark ein sauberes Bett und frisches Wasser zum Waschen findet.
Am nächsten Morgen fetzte Erich die Reise über Frankfurt, Basel nach dem schönen Genfer See fort.
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Schüchtern stand Erich Sanner vor dem Haus Rue Ge- vray 17, an dessen Eingang zwei Schilder in schreienden Farben das Plaeierungsbureau von Wilhelm Schutz für sämtliches männliches und weibliches Hotelpersonal ankündigten. Nach langem Zögern trat Erich endlich klopfenden Herzens in das Haus, in dem sich das Schicksal seiner nächsten Zukunft entscheiden sollte. Rechts führte eine niedrige, dunkle Treppe zu dem im Hochparterre gelegenen Bureau des Stel- lenvermittlers.
Bescheiden klopfte Erich an die Türe, welche ein Schild: Eingang für Stellensnchende! trug. Vielstimmiges, mit lau» tem Lachen untermischtes „Entrez! — Herein! — Man im
mer rinn" hallte dem verlegen eintretenden Erich entgegen, der ganz erschreckt wieder zurückprallte. Im ersten Augenblick sah der (Sintretenbe überhaupt nichts, so bicht lagerten bis aus zahlreichen Zigarren und Zigaretten aufsteigenden Rauchwolken über alle Personen und Gegenständen des mäßig großen Zimmers. Einige junge Leute, deren Kleidung einen .englischen Zuschnitt zeigte, rauchten ihren Tabak aus einer, kurzen Stummelpfeife.
Als Erich sich an die dicke Luft des Wartezimmers gewöhnt hatte und wieder Gebrauch von seinen Hellen braunen Augen machen konnte, musterte er die Anwesenden neugierig. Wohl gegen dreißig Personen füllten das Zimmer, darunter mehrere jüngere Mädchen oder Frauen, die mit den Männern in ungenierter Unterhaltung begriffen waren.
Das sind also meine Kollegen! dachte Erich und ein banges Gefühl bemächtigte sich seiner, als er alle diese so W versichtlich und selbstbewußt dasitzenden Herren betrachtete. Er selbst kam sich dagegen so nichtig, so klein und unbedeu-i tend vor, daß er am liebsten davongelanfen wäre.
Erich wußte nicht, daß gar manche von diesen gut, ja elegant gekleideten jungen Herren in vier Wochen viel weniger zuversichtlich und elegant aussehen würden. Die Wintersaison war kaum zu Ende, mit bereit Berbienst in ber Tasche glaubten viele, Berge einreißen zu können; sie weisen baher gar manche Stellung ab, bie ihnen nicht gut genug erschieß. In einigen Wochen, wenn bie Chancen immer geringer würben, weil bie Sommersaisonstellen alle besetzt waren, war man weniger wählerisch. Dann hatte ber fesche, neue Sommerüberzieher oft bent alten, in Sturm und Winb bewährten toieber Platz machen müssen, unb auch von bem tabellosen englischen Smoking war nur ber Pfandschein als Erinnerung übrig geblieben. Denn ach, die Ersparnisse nehmen in der großen Stadt oft ein schnelles Ende, und mit ihnen schwinden auch die Aussichten auf ein gutes Engagement. So ist schon gar mancher junge Mann verbummelt, und bann verborben unb gestorben.
Ein junger Mann mit einer sanften, wohllautenden Stimme, und einem weichen, runden Mädchengeficht, nahm sich des Fremdlings freundlich an und fragte Erich, indem, er ihm auf die Schulter klopfte:
„Pardon Monsieur, vous cherchez une place, n'est ce pas? Bons ne connaissez Pas ce Bureau? Jl faut b’attenbre --Sie sind Deutscher", unterbrach er sich, als er Erichs verlegenes, hilfloses Gesicht sah: „Nicht wahr?"
„Ja! Ich bin erst gestern abend angekommen und verstehe nur sehr wenig französisch."
„Nun, das macht nichts, Sie werden es schon lernen« Hier in der Schweiz kommt ein Deutscher auch ohne Französisch ganz gut durch. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie warten müssen, bis an Sie die Reihe kommt. Herr Schuß befindet sich dort in jenem Zimmer und läßt immer nur fünf Mann Mammen bei sich eintreten. Sie sahen mir gleich so fremd aus und da wollte ich Ihnen behilflich sein,"


