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Erich dankte dem freundlichen jungen Mann herzlich, ließ sich neben ihm auf einen Stuhl nieder und unterhielt sich mit ihm. Der Fremde nannte ihm seinen Namen, Jules Christen; er war aus einem kleinen elsässischen Nest und sprach Deutsch und Französisch seit seiner frühesten Jugend.
Während seiner Unterhaltung lauschte Erich neugierig auf die Gespräche der anderen Stellungsuchenden. Neben ihm saß ein großer, vierschrötiger Mensch, der trotz seiner eleganten Kleidung recht gewöhnlich aussah. Er unterhielt sich in überlauter Weise quer durch das Zimmer hindurch mit zwei aufgeputzten Dämchen, die am Fenster standen und sowohl das Zimmer, als auch die Straße im Auge behielten. Der Große renommierte mit seinen Erfolgen, die er bei Frauen hatte und machte dazwischen zweideutige Witzchen, bei denen die beiden jungen Mädchen laut und ungeniert kicherten.
Eben war der Große dabei, dem einen, gar nicht unüblen Mädchen eine regelrechte Liebeserklärung vor versammeltem Volk zu machen, und sie für den Abend zum gemeinsamen Besuch eines etwas zweifelhaften Vergnügungslokales einzuladen, als das Mädchen lebhaft und offenbar freudig erregt ausrief, dabei eifrig jemand auf der Straße zuwinkend:
„Mieze, dort gehen Charles und Wilhelm, ich glaube, sie suchen uns. Komm schnell, Stellung finden wir morgen auch noch. Fix!"
Hastig eilten die Mädchen davon, au dem Großen vorüber, ohne ihn auch nur eines Blickes oder Grußes zu würdigen. Ihnen folgte das spöttische Gelächter der Anwesenden, welche dem als Renommisten unangenehm bekannten Großen die Blamage gönnten und mit ihrem Spott und Hohn nicht geizten.
Jules Christen machte Erich leise flüsternd auf verschiedene der Anwesenden aufmerksam:
„Der Kleine dort, mit dem glatt gescheitelten schwarzen Haar und den unsteten, dunklen Augen, ist ein Bulgare. Er spricht sechs Sprachen, ist außerordentlich tüchtig, und doch behält ihn kein Prinzipal lange. Er trinkt und ist sehr- schmutzig. Saubere Oberhemden und tadellos weiße Binden sind bei ihm eine Seltenheit.
Der elegante junge Mann mit den sanften blauen Augen, der neben der dicken Köchin sitzt, ist ein Landsmann von Ihnen. Er bekommt in Deutschland in keinem besseren Hotel mehr Stellung, weil er sich in Berlin eifrig an der sozialpolitischen Bewegung beteiligt hat und bei den Prinzipalen daher als Aufhetzer der Leute verschrieen ist. Jetzt ist er nach der Schweiz gekommen, er will sich jedoch an keiner politischen Bewegung mehr beteiligen, weil die Kellner es nicht verdienten, daß man sich für sie opfert, — so sagt er.
Jener dort ist Herr Legrin. Ich meine rechts den alten Mann mit dem weißen Haar und den grauen Koteletten. Er war vor zehn Jahren noch eine unserer ersten Kapazitäten. Er hat in Frankfurt am Main, in Paris, in Nizza und hier in Genf hervorragende Stellungen bekleidet und riesig viel Geld verdient. In Nizza erzählt man sich heute noch tolle Stückchen von ihm, tote er sein Geld wieder auszugeben verstand. Vierspännig ist er von Nizza nach Monte Carlo gefahren, hat dort am Spieltisch, trotzdem den Angestellten der Hotels der Besuch des Kasinos verboten ist, mit der Miene eines echten Grand Seigneurs Tausende verspielt und ist dann im Vierspänner in der Nacht wieder nach Nizza znrück- gefahren. Wer ihn um Geld anborgte, erhielt es, die Hundert- franknoten trug er lose in der Westentasche, und ich bin sicher, wenn Legrin heute all' das Geld, was er in seiner Glanzzeit leichtsinnig und ohne Schuldschein verborgt hat, wieder zurück erhielt, so könnte er sich eine sorgenlose Existenz gründen. Denn jetzt arbeitet er hier als Aushilfskellner, bedient bet großen Diners, die er früher als Maitre angeordnet hat, und Bei denen er eine Schar von Kellnern kommandierte, oder er hilft bei Bällen und Festlichkeiten ans, wenn das Personal der Häuser nicht ausreicht.
Es ist ein trauriges Brot, mit dem er sich kaum achtzig bis hundert Franken im Monat verdienen kann, und doch ist er froh, daß er es hat. Denn infolge seines früheren flotten Lebens yat fein Gedächtnis gelitten, die Füße wollen nicht mehr mit und auch die Hände versagen häufig den Dienst. ^n den,Hotels will man ihn gar nicht mehr haben, weil er mehr eme Last als eine Hilfe ist; Herr Schutz hat Muhe, den Alten noch unterzubringen. Er tut dies auch nur aus alter Erkenntlichkeit, denn Herr Schutz soll von Legrin gar manche Hundertfranknote extra für die ihm besorgten StellunSeit erhalten haben." ......
Erich iah den interessanten alten Herrn mit mitleidigem Staunen an, ihm war weh ums Herz und bang vor der Zukunft. Was würde sie ihm Bringen? Doch sein neuer Freund, welcher sich wohl verpflichtet glauBte, den jungen Fremdling tn alles einznweihen, ließ Erich keine Zeit zu Reflexionen. Er fuhr im Bisherigen Flüsterton fort, nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß von den jetzt noch Anwesenden, die teils in lebhafter Unterhaltung waren, teils m ausliegenden oder mitgebrachten Zeitnngen lasen, nic- Mand auf ihr Gespräch achtete:
„Sehen Sie das hübsche Mädchen mit den roten, frischen Lippen, den Weichen runden Wangen und den sanften, unschuldigen und so lustigen blauen Angen? Jetzt Blickt sie zu Ihnen herüber und lächelt Sie an, sehen Sie nur, wie ihre weißen Zähne blitzen. Sie gefallen ihr. Die hübsche Kleine heißt Hedwig Gassen und ist die Tochter eines wohlhabenden deutschen Hoteliers. Man erzählt sich von ihr, daß sie als Siebzehnjährige mit einem Kellner ihres Vaters durchgegau- gen ist, der sie nach einem halben Jahre sitzen ließ. Jetzt ist sw Zimmermädchen, wechselt aber ihren Dienst sehr oft, da sie kein Prinzipallange im Haus behalten kann."
Erich sah das Mädchen neugierig von der Seite an. Es fmg den Blick auf und nickte ihm vertraulich zu. Purpurrote iiberzog Erichs frisches, offenes Gesicht, und in dent- ucher Verlegenheit fragte er seinen neuen Bekannten:
„Warum behält man sie denn nicht? Ist sie nicht tüchtig?"
Christen lächelte verschmitzt und flüsterte Erich ins Ohr:
„Sie soll sogar sehr tüchtig fein. Aber sobald Hedwig vier Wochen in einem Hanse ist, gibt es unter dem männlichen Perlonal Mord und Totschlag. Man weiß, daß sie ein verliebtes Persönchen ist, jeder möchte von ihr geliebt sein mib so ist denn einer aus den andern eifersüchtig. Mau beobachtet ich, und wenn die Beobachtungen das traurige Resultat ergaben, daß ein anderer der Glückliche war, der — na, Sie verstehen schon, dann gibts Radau."
Erich nickte verlegen. Ihm wurden da so ungeniert Dmge enthüllt, von denen er bisher nichts wußte. Er war froh, daß ihn Herr Christen jetzt auf ein paar ältere Leute aufmerksam machte, die ziemlich ärmlich gekleidet waren und lorgenvoll und übernächtig anssaheu.
^Das sind Kollegen von Legrin, lauter Aushilfskellner. Der Magere mit dem riesigen Schnauzbart war bis vor drei Jahren Hotelier, er hatte ein gutgehendes Geschäft am Bahnhof eines größeren Fremdenplatzes. Eine Compagnie wollte ihm sein Hans vorteilhaft abkanfen, weil sie dort ein großes Aktienhotel hinznbanen beabsichtigte. Martin, so heißt er, ging jedoch nicht darauf ein, er wollte überhaupt nicht verkaufen. Da setzte ihm die Gesellschaft eine riesige Kaserne aus dem Grundstück eines Nachbars so dicht vor fein Hans, daß Martins Hotel Luft und Licht genommen war; vom Bahnhof ans sah man es überhaupt nicht mehr. Martin klagte und gewann den ersten Prozeß. Die Gesellschaft legte aber Rekurs ein, in der zweiten und dritten Instanz verlor Martin und nach zwei Jahren meldete er den Konkurs an. Als Oberkellner nimmt ihn niemand mehr, dazu ist er zu alt. Andere Stellung fand er nicht, und so ist er Aushilfskellner geworden, um seine Familie nicht verhungern zu lassen. Schutz protegiert ihn, weil Martin als Hotelier fein ganzes Personal von ihm nahm.
Der Blasse neben Martin, der mit dem vergrämten, aufgedunsenen Gesicht, hat vor längerer Zeit unschuldig im Gefängnis gesessen. Eine Dame, die in dem Hotel logierte, wo Flumm angestellt war, vermißte eine Brillantbrosche. Sie beschuldigte Flumm kurzer Hand, weil man ihn ans dem Zimmer der Dame hatte herauskommen sehen. Nach langen Monaten fand sich die Brosche Beim Ausklopfen von Möbeln in dem Sosa jenes Zimmers. Sie war zwischen der Rückenlehne und dem Sitz durchgerntscht, und hatte dort im VerBorgeneu gesteckt, bis der Hausdiener Beim Klopfen etwas Hartes traf. Als man Flumm wieder frei ließ, war er viel zu schwach und kränklich, um wie vordem Stellung anzunehmen. Er hat dann einige Zeit für ein Wäschegeschäft gereist, und hat die Angestellten der Hotels, seine ehemaligen Kollegen, Besucht. DaBei hat er sich das Trinken angewöhut. Er wurde Bummlig und mußte entlassen werden. Jetzt ist auch er Aushilfskellner, Herr Schutz kann ihn jedoch nur in Lokale zweiten Ranges schicken, weil er in Besseren Häuern seiner häufigen Trunkenheit halBer nicht mehr geduldet wird. Früher soll er einer der nüchternsten, gewissenhaftesten Menschen gewesen fein." (Fortsetzung folgt.) j
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